Reiseführer durch die religiöse Wüste

Montag, 15. Oktober 2012

Das Wort vom Sonntag

Mit dem „Jahr des Glaubens“ ruft Papst Benedikt XVI. die katholische Christenheit auf, zu den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückzukehren, um ihren „authentischen Geist“ für die Neuevangelisierung in der heutigen „geistlichen Verwüstung und Leere“ zu nutzen. Durch ganz Europa dehnt sich längst eine religiöse Sahara aus. Auch viele Taufchristen wollen Jesus inzwischen am liebsten auf einen Sozialrevolutionär reduzieren, als ob ihm nur die Kalaschnikow zum Ruhm und Rang eines Che Guevara fehlte. Und die Symbolfigur der Deutschen heißt längst nicht mehr Michel, sondern Mammon. Zwar hört man hier und dort noch manchmal an die Bergpredigt erinnern. Doch so wenig die Heilsversprechen der Politiker, sollten sie sich je erfüllen, wirklich der Seligkeit ihrer Zuhörer dienten, so wenig glücklich wären Wähler und Gewählte, müssten sie dem Anspruch der Jesusworte auch nur annähernd genügen. Was sagt die Bergpredigt, und wie sieht es damit bei uns aus? Das Matthäus-Evangelium führt auf einen dornenreichen Weg durch den finsteren Phrasenwald und die versumpften Floskelfluren unserer Zeit.

Kapitel 5, Vers 3: „Selig, die arm vor Gott sind; denn ihnen gehört das Himmelreich.“

Gemeint sind die Seelsorger, und da ist es zappenduster: Vor 15 Jahren gab es in Deutschland knapp 18.000 katholische Priester, heute sind es weniger als 15.000. Damals baten 235 junge Deutsche um Aufnahme in die Priesterseminare, heute sind es weniger als hundert, und kaum jeder zweite hält bis zur Priesterweihe durch. Geistliche Armut in neuem Sinn: Schon schließen (vor allem evangelische) Kirchen wie einst die Tante-Emma-Läden.

Vers 4: „Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.“

Von wem denn? Mitmenschlichkeit klappt fast nur noch als bezahlter Job für Sozialhelfer und Telefonseelsorger. Nachbarn hingegen wundern sich höchstens, wenn Polizisten nebenan eine Wohnungstür aufbrechen, hinter der seit Monaten unbemerkt ein Toter lag. Und um soziale Randgruppen kümmert sich das Fernsehen: Arme und Entrechtete werden heuchlerisch vor die Kamera gelockt und gnadenlos vorgeführt.

Vers 5: „Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.“

In Deutschland bekommt Friedfertigkeit kein Bein auf den Boden, auch nicht auf den Bildschirm: „Tagesschau“-Kameras richten sich lieber auf gewalttätige Randalierer: Castor, Chaos-Tage, Occupy, Blockupy, Intifada, Antifa – bei jeder noch so friedfertigen Demo übernehmen irgendwann vermummte Straftäter die Regie.

Vers 6: "Selig, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden."

Gewohnheitsverbrecher werden auf EU-Befehl freigelassen. Ein Kindermörder kassiert 3000 Euro, weil ihm im Verhör gedroht worden sei. Minderjährige Taschendiebe aus Osteuropa und ihre Eltern bleiben unbehelligt. Vergewaltigungsopfer haben mehr Angst vor dem Prozess als die Täter. Banker zocken ihre Kunden ab und dürfen die Beute behalten.   

Vers 7: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.“

Schon 1974 orientierte sich nur noch jeder vierte Bundesdeutsche am Gebot der Nächstenliebe, heute ist es nicht einmal mehr jeder fünfte. Politiker beklagen zwar „soziale Kälte“, meist aber nur als Wahlkampftaktik zu Lasten den Kollegen von der anderen Partei. Als eine Oase wahrer Humanität hingegen rühmen die postsozialistischen Denkmalpfleger von der Linken bis heute den Stasi-Staat.

Vers 8: „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.“

Ehrlichkeit gilt als Dummheit, gebeichtet wird in Talkshows und dann auch nur aus Angeberei. Ertappte Sünder zeigen statt Reue Rechtfertigungsposen oder gehen gleich zum Gegenangriff über. Überall wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Ein frommer Fußballspieler, der ein vom Schiedsrichter unbemerktes Handspiel zugibt, wird gleich als Volksheld gefeiert; für ihn selbst war es eine Selbstverständlichkeit.

Vers 9: „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Deutschland ist das Paradies der Streithammel. Rechtsschutzversicherte Nachbarschaftsprozesse um ungestutzte Hecken oder zugeparkte Einfahrten nehmen laufend zu, Gewalttaten auf Straßen und Schulhöfen auch. Wer Frieden stiften will, riskiert zuweilen tödliche Schläge und Stiefeltritte und wird posthum auch noch von manchen Journalisten als zwielichtiger Law-and-order-Fanatiker in Misskredit gebracht.

Vers 10: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.“

Stasi- und Enteignungsopfer bekamen kaum oder gar keine Entschädigung, Kirchengemeinden kämpften lieber für Asylbetrüger - ein Pfarrer über einen ghanaischen Passfälscher: „Ja, er hat gelogen, aber Jesus hat ihm verziehen.“ Heute haben professionelle Gutmenschen längst die eigenen moralischen Maßstäbe durchgesetzt: Rauchen ist  verboten, Abtreibung bleibt straffrei.

Vers 37: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein.“

Inzwischen dröhnt aus jeder Partei ein wortreicher Wechselgesang widersprüchlicher Meinungen, bis niemand mehr weiß, was mit aktueller oder künftiger Regierungsmacht denn eigentlich beschlossen werden soll.

Vers 44: „Liebet eure Feinde.“

Politiker beschimpfen, Tarifpartner verleumden einander. Unter Kickern gilt es als clever, Konkurrenten per Körperverletzung zu bremsen. Fußballfans bombardieren Gäste mit Böllern oder schlagen zu.

Kapitel 6, Vers 1: „Wenn du Almosen gibst, lass es nicht vor dir herposaunen.“

Heute blüht eine hochglanzbebilderte Charity-Industrie, in der sich reiche Damen mit Almosen brüsten, die sie bei armen Rentnerinnen eingesammelt haben.

Vers 16: "Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten."

Wer fastet, posaunt es im Fernsehen aus, mit Meldung der Gewichtsabnahme. Manche kirchliche Fasten-Initiativen lehnen kulinarische Restriktionen überhaupt ab: „Auf keinen Fall wird es einen Diätplan geben. Schließlich soll das Ganze nicht pharisäerhaft werden.“

Vers 24: "Niemand kann zwei Herren dienen...Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon."

Die Zusammenhänge zwischen Kirchensteuern und Kirchenaustritten sind klar. Pessimisten könnten daraus schließen, die Deutschen hätten sich bereits entschieden.

Käme Jesus im modernen Deutschland auf die Erde zurück, würde er nicht gekreuzigt, sondern in Talkshows durch den Kakao gezogen. Die Bergpredigt beschreibt eine ideale Gesellschaft. In Deutschland scheint der Weg dorthin besonders weit.

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