Kapitel 30: Beim Pastor

Montag, 15. Oktober 2012
„Pfarrhaus aus der guten alten Zeit“: Im Jacobikirchhof 1892. © Museum für Hamburgische Geschichte

Das Gerücht, dass ein verrückter englischer Professor unter den alten Festungsanlagen am Glockengießerwall einen Goldschatz gefunden habe, sprang durch die Straßen der Stadt wie ein Haufen Katzen, an deren Schwänzen Feuerwerksraketen zischen. Hauptpastor Hoger Mars von Sankt Katharinen machte sich sofort auf den Weg, von Neugier nicht weniger getrieben als von der Sorge um die Seelenstärke seiner Schäfchen. Hinter dem Bretterzaun, zu dessen Bewachung Ulzburg-Stegen ein Dutzend Constabler abkommandiert hatte, traf Mars den Engländer an und wurde begeistert begrüßt: „Ich hatte recht! Ich hatte tatsächlich recht!“ rief Minkus einige Male, ehe er nähere Erklärungen hervorsprudelte: Tempelhalle im archaischen Stil, prähistorisch, protogermanisch, frühbronzezeitlich. Schriftzeichen aus der Zeit vor Entwicklung der Runen, Ähnlichkeiten mit phrygischen, lydischen und illyrischen Inschriften. Federhelme und Hörnerhelme wie auf den berühmten Reliefs in Medinet Habu. Auf den Abbildungen viele Krieger und wenige Götter. „Der Norden war ja, was den Glauben betrifft, stets etwas uninspiriert“, erklärte der Professor. „Die  Weltreligionen sind alle unter südlichen Himmeln geboren, wo der Mensch an lauen Sommerabenden im Freien sitzt und die Sterne betrachtet, und irgendwann glaubt, dass sie zu ihm reden.“

  „Gott kennt viele Wege zum menschlichen Herzen“, sagte der Hautpastor freundlich, „und das Firmament zählt gewiss zu den schönsten Bildern, aus denen Gottes Geist in unsere Seele dringt. Es gibt aber noch viele andere: der Wald, ein großer Baum, die Blume, ein schönes Menschenantlitz, eine friedliche Schafherde mit Lämmchen auf dem Deich...“

  „Wie oft sieht der Norden seine Sterne?“ beharrte Minkus. „Wo wohnt Gott in diesem Nebelmeer? Die Krieger der Seevölker waren keine Betbrüder. Sie hielten Götterhilfe nicht für nötig, denn sie trauten sich das Wesentliche selber zu.“

  „Aber wenn das ein Tempel ist, lieber Professor, wem haben Ihre Helden ihn dann errichtet? Sich selbst?“

  „Gewiss war hier auch ein Ort der Anbetung, des Opfers, des Menschenopfers. Aber denken Sie nicht, wir stünden am Kultplatz einer entwickelten Religion mit Hierarchie und komplizierten Ritualen. Das ist ein nordischer Tempel, und der Gläubige des Nordens hält nicht viel von Demut, Weihrauch und dem Zehnten. Auch nicht von theologischen Systemen, oder ausgeklügelten Dogmen. Er fühlt sich frei, und deshalb liegt er vor seinem Gott nicht auf den Knien, sondern streitet sich nach Herzenslust mit ihm herum. Hier haben sie ihren Göttern vermutlich ihre Schätze geweiht, und dann mit ihnen gesoffen, das Stierhorn ging im Kreis, ab und zu musste ein Gefangener dran glauben. Dienstpersonal fürs Jenseits.“

  „Klingt ziemlich archaisch“, meinte Mars.

  „Ja, nicht wahr? Die alten Nordlandhelden pfeifen auf die Auferstehung. Ihr Bedürfnis an Ewigkeit ist mit dem Tatenruhm bereits gedeckt. Deshalb Waffenstolz, hehre Einsamkeit, Schicksalstrotz, Treue zur verlorenen Sache, starkes Ich, Verachtung alles Schwachen, im Nibelungenlied schmeißt Hagen den Pfaffen in den Strom. Das Los wird angenommen, sei es auch noch so bitter. Lieber Untergang als Flucht. Leichen, klaffende Wunden, rauchendes Blut, das Stöhnen der Sterbenden, ständige Todesgefahr war schon den Kindern tägliches Erleben. Und dann das Ethos der professionellen Schwertkämpfer, die nichts mehr fürchten, als den schimpflichen Strohtod zu sterben. Der Kampf als Lebenselixier, weil das Leben sonst langweilig ist. Nur der Tod in der Schlacht führt nach Walhall. Ein primitiver, vielleicht gerade deshalb so mächtiger Mythos. Der Frieden als Leere, sinnloses Dasein. Vergeudet. Übrigens, auch das passt in diese Stadt, die mythische Nähe von Seefahrer und Schwertkämpfer, wie sie sich in der Gestalt des Odysseus vereint: Suche nach Abenteuern, Freude an der Ferne, Bestätigung und Bewährung der Mannhaftigkeit. Unterschied: hier Beute, dort Heuer. Gegner sind Elemente und Eisen, Gnade ist nicht zu erwarten, wird auch nicht erhofft, man lacht dem Tod in die Visage. Wann sollen solche Männer ihre Götter anrufen, und wozu? Vielleicht am Grabhügel eines Gefährten. Der Krieger bettelt nicht um Schonung. Auch nicht darum, dass ihm ein Gott die blutige Arbeit abnimmt. Achilles hätte sich schön bedankt, hätte Athene ihm Hektor tot vor die Füße gelegt. Übrigens auch kein Bedauern, dass Apoll dem Unbesiegten schließlich in die Achillesferse schießt. Diese alten Helden haben nur ein Ziel: Stirb groß!“

  „Und trotzdem hat der christliche Glaube gesiegt. Auch im Norden“, sagte der Hauptpastor.

  „Für wie lange?“ fragte der Professor. „Ihr Protestantismus scheint sich doch recht nachteilig vom Katholizismus des Südens zu unterscheiden. Ziemlich nüchterne Sache, wie eine getünchte Wand. Ihnen fehlt es an Weihrauch, Herr Pastor. Viel Theologie, wenig Mythos. Fromme Philosophie. Erkenntnisse der Studierstube. Trocken, schwer, ziemlich geistig, wenig sinnlich. Mehr Wasser als Wein.“

  „Unser Port ist so gut wie der Ihre in London“, erwiderte der Hauptpastor, „er fließt ja aus der gleichen Quelle, und ich glaube nicht, dass der Papst etwas Besseres trinkt. Aber Sie haben doch nicht ganz unrecht, unsere Kirche ist inzwischen wirklich ein wenig zu stark reglementiert. Das Evangelium will den Menschen die Freiheit bringen, nicht die Fessel. Eins haben Sie vergessen: Das größte Heldentum liegt im Ertragen von Leid, und deshalb ist der größte Held unser Herr Jesus Christus.“

  „Ja, das ist wahr“, gab Minkus zu. „Nicht der Sieg, auch nicht der Ruhm zeigt den Menschen in seiner Größe, erst im Leid erweisen sich die Tugenden des Kriegers. Ehre, Treue, Mut und Tapferkeit. Der Starke flieht nicht vor dem Unglück, er will es ertragen und dadurch überwinden, besiegen.“ Im Norden sei das Leiden etwas Aristokratisches. Nicht der Sklave, der bekomme höchstes mal eine Tracht Prügel, sondern der Herr trage Leid, und zucke dabei nicht mit der Wimper. Auch das sei ein Zug von Wildheit, ein Ruf aus der Wildnis der Seele. Stirb groß, leide groß. Das Christentum sei eine Religion des Südens, aber Jesus sei nordisch, in seiner Entschlossenheit, seiner Schroffheit, seiner Kompromisslosigkeit. Judas übrigens auch, der Norden sei ja die Heimat der Verräter, die Edda wimmele nur so von Treuebrüchen. „Und, ja, Sie mögen mir glauben oder nicht, als wir am Sonntag von Ihrem Kirchturm auf diese Räuberbanden hinunterblickten, die sich die Köpfe einschlugen – auch das ist nordisch“, sagte der Professor. „Diese Verbrecher sind gewiss keine Helden, aber in ihren Adern fließt noch immer das uralte Blut der Gewalt, ein starker Saft von Kampfes- und Mordlust, Hass, Verachtung, Gier nach Beute und – ja, auch nach Ruhm, nicht nach dem Lobgesang der Barden, sondern nach der Bewunderung der Saufkumpane und billigen Weiber, degeneriert, aber trotzdem noch erkennbar. Haben Sie gehört, dass diese Leute übernächsten Sonntag eine noch größere Schlacht auf dem Brook austragen wollen?  Einheimische gegen Ausländer. Ich glaube sogar, dass daraus ein neuer, wenn auch lokaler Mythos entstehen könnte, nicht so populär wie der vom Störtebeker, aber auch in unserer Hochzivilisation treten historische Ereignisse am Horizont der Erinnerung gern in das Reich der Sage ein: Gustav Adolf, Napoleon, Völkerschlacht bei Leipzig, Sedan, Bismarck dürfte der nächste sein, es gibt ja schon Legenden genug um Ihren Kanzler. Zeiten der Umbrüche sind immer große Zeiten, und große Zeiten zeugen Helden, ob's dem moralischen Empfinden passt oder nicht. Wir blicken hier in den mythischen Brunnen des Blutes.“

  Hautpastor Hoger Mars von St. Katharinen wohnte noch in einem Pfarrhaus aus der guten alten Zeit, schmal wie ein Handtuch, hoch wie der Himmel, von oben bis unten mit Ölfarbe ocker gestrichen, spiegelblanke Fenster, ein paar schattige Lindenbäume hinter einem eisernen Gitter. Als ich am Abend den Messingring klappte, öffnete mir eine rundliche Haushälterin. Ich sagte ihr, warum ich kam, und wurde vorgelassen. Der Hausherr war ein rüstiger Witwer, wie man so sagt, am Teller tapfer und am Kruge kühn, und trug zu dieser Stunde auch nicht mehr den üblichen Schwarzstorchtalar, sondern einen bestickten Rock und ein kleines buntes Käppchen wie aus dem Biedermeier. Er empfing mich in seinem Studierstübchen, das mit Polstermöbeln, Mahagonischränken voller Bücher und einem großen Kachelofen höchst behaglich eingerichtet war. Als er hörte, dass mein Vater tödlich verunglückt war, erhob er sich betroffen, gab mir seine große, knochige Hand und sagte: „Als Christen wissen wir, dass wir uns eines Tages in einer anderen Welt, in Gottes wirklicher Welt, wiedersehen. Daran musst du ganz fest glauben.“ Ich versprach es ihm, obwohl ich mir eine wirklichere Welt als die unsere nicht recht vorstellen konnte.  

  Während wir über meinen armen Vater und, wie er mehrmals in der immer gleichen wohlgeölten Formulierung wiederholte, über „die tragischen Umstände eines so frühen Todes“ sprachen, brachte die Haushälterin Tee. Dann erschien ein Kirchendiener und nahm den Auftrag für den mit dem Hautpastor befreundeten Inhaber des Bestattungsunternehmens St. Anscharius mit, den „teuren Leichnam“ umgehend im Krankenhaus abzuholen, damit wir die Totenwache halten konnten. Als das alles zu seiner Zufriedenheit geordnet war, verließ der Hauptpastor ohne weiteren Verzug die sicheren Pfade der Alltagsroutine und wagte sich mit dem Mut des Glaubens und dem Orientierungssinn geistlicher Liebe in jenes schwierige, schwankende, gefährliche und immer wieder neu zu erforschende Gelände, in dem der fromme Wille irrende Seelen rettet. Wo meine Mutter denn sei? fragte er als erstes.

  „Sie kann im Moment nicht“, antwortete ich und ließ den Grund offen.

  Es stellte sich alsbald heraus: Der Hauptpastor wusste viel.

  Zuerst ging es um unsere Familie, und ich erfuhr, was mich eigentlich kaum hätte überraschen sollen: Nicht nur ich, auch Onkel Johnny war einst von Hoger Mars konfirmiert worden, ebenso mein Vater, und auch mein Großvater. Als der Hauptpastor dann aber auf Jack zu sprechen kam, wurde mir mulmig, denn dafür konnte es nur den einzigen Grund geben, nämlich dass er wusste, dass mein Onkel wieder da war, und auch, wie es zwischen Onkel Johnny und Jack stand. Während die blauen Augen unter den buschigen grauen Brauen mir hinter die Stirn blicken wollten, erzählte der Hauptpastor ein wenig aus den Kindertagen der Großväter, die „geblieben“ waren, wie man damals sagte (auf See), eine „furchtbare Tragödie“, wie er mehrfach wiederholte. Natürlich hatte er auch die beiden Großmütter gekannt, die nach der Nachricht von jenem mörderischen Taifun in der Sunda-See innerhalb des gleichen Jahres gestorben waren und die Söhne als Waisen zurückgelassen hatten. Er rieb sich die leicht gerötete Vogelnase, legte sein Gelehrtengesicht in die milden Falten ehrlichen Mitgefühls und sagte etwas formelhaft, wohl weil ich ihm noch sehr jung erschien: „Der Mensch ist zum Unglück geboren, liebe Tochter, doch tötet das Leid nur den Gottlosen, weil er nicht hoffen kann.“

  Ich schwieg dazu, und er fuhr fort: „Wie die Hoffnungslosigkeit aber tötet auch die Lüge, denn sie führt immer weiter in die Irre und versperrt uns den Weg zum Heil. Nur Wahrheit und Treue bauen dem Leben die Brücke zum ewigen Gott.“

  Ich wusste immer noch nicht, worauf er hinauswollte. Der würdige Mann sah mich noch einmal prüfend an, gab sich dann einen Ruck und sagte in knapper, schnörkelloser Weise wie zu einer Erwachsenen: „Nach dem, was man von dir erzählt, bist du alt genug, um Verantwortung zu übernehmen. Jetzt höre mal nur zu. (Das hatte ich sowieso getan!) Ich weiß wie jeder hier, dass dein Onkel zurückgekehrt ist. Ich hüte Gottes Gesetze, nicht die der Welt, und habe nicht vor, Johannes Mott zu suchen. Bei der Totenwache wird euch niemand stören, und da ich längst vergessen habe, wie dein Onkel aussieht, würde ich ihn ganz sicher nicht erkennen, sollte Johnny an der Beisetzung seines Bruders teilnehmen. Ganz sicher nicht! Er könnte hier hereinspazieren und ich würde nicht wissen, wer er ist. Wenn er aber einen Rat hören will, einen geistlichen oder einen weltlichen, von jemandem, der ihm stets wohlgesonnen war, und der nie geglaubt hat, dass er ein Mörder ist, so steht ihm dieses Haus Tag und Nacht offen.“

  Er lächelte aufmunternd und fügte hinzu: „Vor allem nachts. Es gibt ein Hintertürchen.“ Er zog eine Schublade auf, angelte einen kleinen Schlüssel hervor, reichte ihn mir, und ich steckte ihn ein.

  „Da ist noch etwas“, sagte er dann. „Du weißt ja wohl, dass sich auf dem Brook etwas zusammenbraut. Man sagt, der kleinen Schlacht von vorgestern soll übernächsten Sonntag eine große Schlacht folgen.“

  Unwillkürlich nickte ich.

  „Dahinter steckt bestimmt euer alter Freund Jack“, sagte Hoger Mars. „Er will Macht, und immer mehr davon, denn es ist ja das Wesen der Macht, dass ihr Besitz nur neue Machtgier weckt. Was die Gewalt beginnt, vollendet der Mord. Jetzt soll es gegen alle Ausländer gehen. Wird dein Onkel dabei sein?“

  „Wenn, dann auf der anderen Seite“, sagte ich.

  Der Hauptpastor reagierte nun aber keineswegs lobend, wie ich es in meinem jugendlichen Stolz erwartete, sondern seufzte tief und sagte: „Das habe ich befürchtet. O Unglück! Unglückliche Zeit, unglückliche Stadt! Und ach, der Tod macht ja auch keinen Unterschied zwischen Gut und Böse.“

  Das alles leuchtete mir nun nicht mehr recht ein, denn ich glaubte ja damals noch, die Guten müssten am Ende doch immer gewinnen, und obwohl ich nicht genau wusste, was mein Onkel so alles auf dem Kerbholz hatte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, ihn nun etwa zu den Bösen zu zählen. „Die Leute sagen, dass mein Onkel der einzige ist, der Jack aufhalten kann“, erwiderte ich.

  „Mit dem Messer?“ Der Hauptpastor hob die Hände. „Der Herr bewahre unsere Stadt davor, dass in ihren Mauern der Bruder das Blut des Bruders vergießt wie einst Kain jenseits von Eden!“

  „Aber Onkel Johnny ist doch nicht Kain!“ rief ich empört. „Er ist ein guter Mensch. Er ist ein Held!“

  Hoger Mars schüttelte bekümmert den Kopf. „Hast du so wenig von Jesus gelernt, mein Kind? Held wird man nicht durch Siege, sondern durch Leiden.“

  Nun begriff ich gar nichts mehr. Sollte sich Onkel Johnny etwa ans Kreuz schlagen lassen? Von Jack? Oder von der Polizei? Oder gar von dem Halunkenhaufen der Feme? 

  „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“, fügte der Hauptpastor hinzu. „Wollt ihr das? Willst du das?“

  „Es muss ja nicht so kommen“, sagte ich trotzig.

  „Nein“, gab er zu. „Aber wenn aus Wind Sturm wird, fegt er mit den Schuldigen oft genug auch die Unschuldigen hinweg. Der Zorn des Blutes kennt nicht Maß noch Ziel, und Gewalt zeugt immer nur neue Gewalt, bis niemand mehr da ist.“

  Das erschien mir zwar irgendwie durchaus plausibel, aber zugeben mochte ich es dennoch nicht: „Man muss sich aber doch verteidigen dürfen! Sollen sich die Mijnheers etwa ohne Gegenwehr abschlachten lassen, und die anderen, nur weil sie Jack keinen Tribut zahlen wollen?“

  „Nein, natürlich nicht“, sagte der Hauptpastor. „Aber es gibt immer noch andere Wege, sich zu verteidigen. Auch ohne Gewalt.“

  „Welche denn?“ fragte ich zweifelnd.

  „Siehst du, darüber möchte ich gern mit deinem Onkel reden“, sagte er.

  „Gut, ich werde es ihm ausrichten.“

  Er fragte mich nach einem passenden Termin für die Beerdigung, und wir einigten uns auf Donnerstag, elf Uhr. Wer alles zur Totenwache kommen wolle? Meine Mutter, Onkel Johnny, Tante Nell und ich.

  „Und Jack?“

  Ich hob die Achseln. Er beugte sich vor und sah mir aus kürzester Entfernung in die Augen, aber ich zuckte nicht mit der Wimper.

  Er seufzte wieder und ließ sich zurücksinken. „Eigensinniges, störrisches Geschlecht“, murmelte er, und ich dachte erst, er meine uns Frauen, aber dann merkte ich, dass er die Brookbewohner mit dem Gottesvolk der Bibel verglich, und zwar mit jenen Israeliten, die auf dem Weg durch die Wüste durch Trotz den Zorn des Herrn auf sich zogen, denn er ließ nun allerhand Unfreundliches über die Rotte Korach, das Murren von Mara und Meckern von Meriba folgen. Wie viele alte Prediger mischte er eigene Gedanken und Bibelworte wie Wasser und Wein, bis er sie wohl selber nicht mehr auseinanderhalten konnte. „O Herr, mit Sanftmut strafe die Widerspenstigen!“ schloss er – das habe ich später, als ich bürgerlich geworden war und sonntags in die Kirche ging, noch manches Mal gehört, es stammt aus dem Timotheusbrief.

  Der Hauptpastor wollte mich nicht ohne die dringende Mahnung entlassen, am Sonntag endlich wieder einmal den Gottesdienst zu besuchen. Als er sah, wie wenig Wirkung seine Worte zeigten, seufzte er und sagte: „Armes Kind! Du kannst nichts dafür. Du hast die Welt ja nicht so gemacht, wie sie heute ist. Das waren ganz andere Leute. Was für eine Zeit! Und das nennt sich nun Aufklärung. Schöne Lehre, die den rohesten Materialismus zu ihrem Götzen macht! Die dem Menschen den Glauben stiehlt! Die ihm als neuen Himmel die Hölle der Selbstsucht verkündet, bis er nichts anderes mehr will als nur noch den Genuss, der das sittliche und religiöse Leben zernichtet. Was für eine Welt! Die Kirchen werden immer leerer, die Irrenhäuser immer voller. Lass es nur nicht zu weit mit dir kommen! Auf deiner Bahn gelangt jeder irgendwann einmal an den Punkt, an dem es keine Umkehr gibt, selbst wenn man plötzlich will.“

 

 

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