Unser Herbstwald. Eine ungewöhnliche Entdeckungsreise

Dienstag, 16. Oktober 2012

Manchmal sieht man es vor lauter Bäumen nicht, aber beim Oberförster ist jetzt was im Busch: Ein tierisches Oktoberfest beginnt…

 

Jetzt fängt die Rush-our des Waldes an, und alles ist total im Stress - besonders die Eichhörnchen: Genervt wetzen die schwindelfreien Clowns des Waldes zwischen den Wurzeln herum wie eilige Werktätige, die kurz vor Ladenschluss noch etwas einkaufen müssen. Sie stopfen ihre unterirdische Kühlschränke mit Eicheln, Bucheckern und Haselnüssen voll bis zum Rand, vergessen aber hinterher leider immer wieder mal, wo die Tür ist, und buddeln dann hektisch in der Gegend rum. Zwischendurch ziehen sie sich immer wieder mal einen Tannenzapfen rein; wenn die netten Nager mit dem holzigen Fastfood fertig sind, bleiben nur der Stil und ein paar kleine Spitzenschuppen übrig.

Igel und Mäuse umlagern jetzt die Imbissbuden des Waldes (Sträucher mit Beeren, Laubhaufen mit fetten Larven), um sich tüchtig den Wanst vollzuschlagen. Die Spinnen sind mit ihren Netzen überall zugange wie fliegende Händler, die schnell noch ein paar Mark machen wollen - die schrägstehende Sonne blendet auch Insektenaugen, und schon wackeln die Maschen! Die Ameisen kämpfen sich durch das Getümmel wie schwer bepackte Hausfrauen vor einem verlängerten Wochenende, wenn sich auch noch Besuch angesagt hat. Die Käfer sehen zu, dass sie von der Straße kommen, und verrammeln misstrauisch wie alte Damen die Tür.

Im Herbst ist im Wald besonders viel Schönes zu sehen. Die Bäume zum Beispiel blinken bunt wie abendliches Neonlicht. Darunter geht jetzt ein tierisches Oktoberfest ab - da wird gevöllert und geschluckt, dass die Schwarte kracht! Bevor Sie sich mit Ihren Kindern auf den Weg in diese wunderbare Welt machen, zeigen Sie ihnen bitte diesen Bericht. Sagen Sie ihnen, dass sie unbedingt auf dem Weg bleiben sollen, sonst bringen sie das hektische Gewusel noch mehr durcheinander. Und nehmen Sie unbedingt ein Fernglas mit! Die Laubbäume leuchten in sämtlichen Schattierungen über Gelb (Buchen), Orange (Kastanien) und Rot (Ebereschen) bis Rostbraun (Ahorn). Denn das Chlorophyll, dessen Grün im Sommer alle anderen Farben

überlagert, ist jetzt aufgebraucht, und deshalb scheinen das rotgelbe Karotin und das braune Xanthophyll (schützen die Bäume gegen UV-Strahlen) durch.

In den Blättern geht es jetzt zu wie bei einer Entrümpelung: der Baum holt raus, was er noch verwenden kann (Nährstoffe), packt rein, was er loswerden will (z.B. überschüssigen Kalk) und schmeißt den Krempel dann einfach in die Landschaft. Unten aber warten schon die Sperrmüll-Profis: Die größten Blätter schleppt der Tausendfüßler ab, Ameisen schnappen sich die kleineren, den Rest zermanschen Bakterien zu Humus, über den sich besonders die Pilze freuen. Auffälligste Signale der Jahreszeit: Die Herbstzeitlose blüht (blauviolett, sehr giftig!) und der Holunder kriegt schwarze Beeren, aus denen man Wein machen kann. Nicht mehr zu sehen

sind die Schmetterlinge: Wer nicht bei uns zu überwintern wagt, hat sich bereits nach Süden abgesetzt, die schnellsten mit 60 Sachen - damit zeigen sie so manchem Federvieh den Vogel! Das treue Tagpfauenauge aber hat keine Lust auf Auslandsreisen, klappt einfach die Flügel zusammen

und macht sich's irgendwo im morschen Holz gemütlich.

Auf der Unterseite der braunen Eichenblätter finden sich jetzt oft haselnussgroße Kügelchen: Es sind die komfortablen Kinderstuben kleiner Gallwespen. Anfang Dezember werden sich die winzigen schwarzen Insekten ins Freie beißen. Manche Ahornblätter sehen aus, als seien sie mit schwarzer Tinte bespritzt - mikroskopisch kleine Pilze haben sich auf ihnen breitgemacht. Dieser Ahornschorfpilz ist zwar ein

übler Schmarotzer, kann aber nicht viel Schaden anrichten, denn der Baum wirft das befallene Blatt vorsichtshalber immer gleich ab.

Die Schnecken gehen jetzt zu Boden und machen ihre Häuser mit Kalkdeckeln dicht. Die Kröten ziehen sich in Mauselöcher zurück, Eidechsen richten sich in Steinhaufen ein, Marienkäfer überwintern in hohlen Stengeln und Mauswiesel unter Holzstapeln. In tiefen Reisighaufen schnarchen vollgefressene Igel wie bezechte Penner; etwas manierlicher gehen Hamster, Haselmaus und Siebenschläfer in ihren Nestern unter Steinen oder Stangenholz die Winterruhe an. Der Maulwurf wohnt einen Stock tiefer in die Erde, damit er sich bei Frost nicht verkühlt, und widmet sich den Winter über seiner Regenwurm-Kollektion. Hunderte aufgehackter Zapfen häufen sich unter der Abraumhalde einer Spechtschmiede oben im Baum: Der Buntspecht hockt neben einem Holzspalt, klemmt einen Zapfen nach dem anderen in diesen natürlichen Schraubstock, schlägt die Schuppen weg und pickt sich die Samen heraus wie ein Gourmet das Fleisch aus einer Hummerschere.

Es gibt auch viel zu hören: Eichelhäher warnen die anderen Tiere mit einem Heidenlärm vor Eindringlingen (Ja, Sie und Ihre Kinder sind

gemeint!) und türmen dann als letzte. Die schwarzweißen Wachposten können fast alle Vogelstimmen nachmachen, am besten den Bussard mit seinem "Hiääää!" - ihr Geschrei hat ungefähr die gleiche Wirkung wie eine Feuerwehrsirene. Auf der nächsten Buche dagegen verrät ein zartes "Tak-tak", daß dort eine Blaumeise ihr Winterbett (kleine Höhle in morschem Holz) zusammenzimmert - dank der vielen trockenen Samenkörner aus verblühten Stauden (Fingerhut, Mohn, Königskerzen) kommt sie glänzend über die Runden.

Besonders viel Krach machen die Krähen, die jetzt in großen Schwärmen durch die Gegend ziehen; sie krakeelen herum wie zugedröhnte Fußballfans auf der Fahrt zu einem Auswärtsspiel ihres Stammvereins. Durch die Dämmerung klingt ein lautes Schmatzen: Ein fetter Dachs schiebt sich durch den Wald und haut alles rein, was ihm vor die Schnauze kommt - Heidel-, Him- und Brombeeren, Schnecken, Frösche und komplette Wespennester; sein Bauch schleift fast auf der Erde, aber die Speckschwarte muss ja schließlich auch durch viele lange Winterwochen halten.

Die größeren Tiere lassen sich nur selten sehen. Frau Fuchs hat im April sechs Junge bekommen und schleicht sich erst nachts aus dem Bau, den die Familie in multikultureller Eintracht mit einem Iltis-Sippe und einem alten Steinkauz-Ehepaar teilt. Auch Mutter Reh wagt sich mit ihrem Kitz nur im Morgengrauen zu einem hastigen Frühstück aus dem schützenden Dickicht. Tierisch laut geht es um diese Zeit bei der High society des Waldes zu, denn König Rothirsch feiert mit seinen Haremsdamen Hochzeit und brüllt den ganzen Tag drohend durch die Gegend, damit ihn ja kein

übermütiger Playboy-Prinz auf seiner Party stört. Passiert aber manchmal doch, und dann gibt's Zoff! Noch gefährlicher wird es, wenn man Wildsäue schniefen, grunzen und quieken hört, denn diese Rockerbande des Waldes hat jetzt Frischlinge dabei und schlägt deshalb ohne Vorwarnung zu. Bitte Abstand halten! Man kann den Herbst auch riechen: Ein schwerer Duft nach Moder und nasser Erde liegt in der Luft - Abgase der Myriaden unsichtbarer Kleinstorganismen, die jetzt rund um die Uhr das Laub zersetzen.

Der Mensch wirkt auf die Tiere zwar wie ein Außerirdischer, der plötzlich aus dem Ufo steigt, aber auch wir sind Teil der Natur, und deshalb kann ein Waldspaziergang in uns tiefe Emotionen auslösen: Die Harmonie der Schöpfung geht durch Auge und Ohr direkt ins Gemüt. Der Sonnenschein, der die Blätter vergoldet, wärmt das Herz. Die herbstlichen Pastelltöne beruhigen Ängste und wecken Zuversicht, ohne Hast und Druck entfalten sich die Gefühle. Luft und Entspannung stimulieren die Produktion der Glückshormone und das Leben scheint für ein paar Stunden leichter. Aber der Körper richtet sich auch schon auf Kälte ein: verstärkter Haarausfall, trockene Haut - der nächste Winter kommt bestimmt.                                                                         

Wussten Sie…                                                                                                                 ...dass junge Füchse blaue Augen und ein schiefergraues Fell haben? Erst nach vier Wochen werden die Augen bernsteingelb und der Pelz rötlich.                                             ...dass von einer einzigen Eiche jeden Herbst 250 000 Blätter fallen? Wäre das Laub nicht so konstruiert, dass es von selbst zerfällt, würde es den Wald nach 20 Jahren bis zu den Wipfeln bedecken.                                                     ...dass Wegschnecken in einer Art Gelee überwintern? Sie hüllen sich in eine dicke, zähe Schleimhaut, die sie wärmt und vor Feinden schützt.                                   ...dass der Kleiber als einziger Vogel auch stammabwärts klettern kann? Seine langen Krallen wirken dabei wie Steigeisen.                                                  ...dass der Totengräber sich besonders raffiniert tarnt? Der wehrlose Käfer, der sich von Aas ernährt, hat genau dieselbe Rückenfärbung wie die kampflustige Erdhummel und ist deshalb vor Feinden sicher.                                           ...dass Wildschweine zwanzig Jahre alt werden können? Ihr einziger Feind ist der Mensch.                              

...dass ein Dachsbau bis zu 40 Eingänge haben kann?                                                                         

Herbstliche Zitate                                                                                                                     „Der Herbst ist die Zeit, da die Tage kürzer und die Bremswege länger werden“, warnt der Journalist Markus M. Ronner                                                                                       „Die den Frühlingswind verpassen, kann ein Herbstwind segeln lassen“,                                                        tröstete der chinesische Dichter Tang Hsiän Dsu vor 400 Jahren.                                                              „Der Herbst ist immer unsere beste Zeit“, schrieb Goethe 1797 an Schiller.                                                                                             

Kleine Stammes-Kunde                                                                                                                                                                                                                   Das Kernholz ist dunkler, dichter, trockener und härter. Das weichere Splintholz dient auch als Wasserleitung. Das Kambium- Gewebe direkt unter der Rinde bildet jeden Sommer einen neuen Jahresring und erneuert außerdem Bast und Borke.             

Mein Name ist Herbst                                                                                                        Zwölf Blumen, Kräuter, Rüben und Pilze führen die Jahreszeit im Titel, denn jetzt haben sie Hochsaison!

Herbstadonisröschen: Auch Teufelsauge genannt, verwildert auf Äckern und Schutthaufen.

Herbstdrehling: Weißblühendes Kraut auf feuchten Bergwiesen, zwei deutsche Arten.

Herbstlöwenzahn: Blüht jetzt auf vielen Wiesen, alle Kühe haben ihn zum Fressen gern!

Herbstmeerzwiebel: Zierpflanze aus der großen Lilien-Familie, blaue Blüten, liebt Kalk.

Herbstrose: Stammt aus dem Orient, bis vier Meter hoch, blüht spät in vielen Farben.

Herbstrübe: Bis zehn Kilo schwer, weiß, nadelförmige Spitze, nahrhaftes Viehfutter.

Herbststernblume: Aster aus Amerika, blüht blau-gelb im Oktober und November, liebt Flussufer.

Herbstwasserstern: Schwimmt untergetaucht durch norddeutsche Seen und Flüsse, gut für Aquarien.

Herbstzeitlose: Auch „Wiesensafran“ genannt, giftig, aber auch Heilmittel (Gicht, Wassersucht).

Herbsttrompete: Auch „Füllhorn“, braunschwarzer Speisepilz, gut zum Trocknen geeignet.

Herbstwendelähre: Auch „Drehähre“ oder „Schraubenstendel“, weißblühende Orchideenart.

Herbstlorchel: Steht jetzt in feuchten Wäldern, besonders begehrter Speisepilz.

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