Die Geschichte der Idee von Europa

Dienstag, 16. Oktober 2012

Der heidnischen Antike ist die Vorstellung einer europäischen Gemeinschaft fremd, aber sie begründet die Voraussetzungen für ihre Verwirklichung. Die Euro-Krise gibt Anlass, an Anfänge zu erinnern.    

 

„Komm, wir wollen uns wieder vereinen, in Liehe gelagert.

Niemals noch hat weder ein Weib noch der Göttinnen eine

So das Herz mir bewegt mit umströmender Liebe.

Weder damals, als ich entbrannt war zur Gattin Ixions,

Die Peirithoos später gebar, den göttlich gescheiten.

Noch, da ich Danae liebte, Akrisios' zierliche Tochter.

Die mir Perseus gebar, den herrlichsten unter den Mannern,

Noch des Phoinix Tochter, des weit in der Ferne berühmten,

Die Rhadamanthxs gebar, den göttlichen Helden, und Minos.“

Die Worte des Zeus an seine Geliebte bezeugen nicht nur die erotische Unermüdlichkeit des griechischen Göttervaters, sie

enthalten auch die erste Erwähnung jener mythologischen Gestalt, die einem ganzen Erdteil den Namen gibt: Europe, die schöne Königstochter aus Phönizien, die Zeus in Stiergestalt nach Kreta entführt und dort zur Mutter berühmter Herrscher macht.

Vielleicht ist der Stier in Wirklichkeit ein Schiff, das wie damals üblich einen Tiernamen trägt. Dann könnte die Sage als historischen Kern einen Zug mykenischer Seeräuber an die reiche Küste des Zedernlandes bergen. Vielleicht auch geht das Wort „Europa“ auf das semitische „Ereb“ zurück, das so viel wie „dunkel“ bedeutet und damit auf ein Land im Sonnenuntergang, das „Abendland“, weist. Sicher ist, dass sich der mythologische Begriff erst sehr viel später zu einem

geographischen wandelt: Zwar unterscheidet Hekataios von Milet schon um 540 v. Chr. die beiden Erdteile Asien und Europa, doch das älteste schriftliche Zeugnis findet sich erst rund hundert Jahre später bei Herodot (4. 36.42.45): „Ich muss lachen, wenn ich sehe, wie sie ihre Erdkarten zeichnen“, amüsiert sich der „Vater der Geschichtsschreibung" über die Kartographen seiner Zeit, „viele Leute schon, aber keiner mit rechtem Verstand bei der Ausführung, die den Okeanos auf ihrer Zeichnung rings um die Erde fließen lassen, kreisrund wie abgezirkelt, und einige machen Asien gleich groß wie Europa...“

Ursprünglich gilt der Name nur für kleine Teile des Kontinents: Mal wird der Kern des griechischen Festlands (im

Gegensatz zu den Inseln) „Europa“ genannt, mal Mittelgriechenland (im Gegensatz zur Peloponnes), später das gesamte nichtgriechische Festlandseebiet im Norden der Ägäis, also Thrakien samt seinen Nachbarbezirken. Erst die griechische Kolonisation im Schwarzmeergebiet seit dem 8. Jahrhundert aber macht die ländertrennende Bedeutung von Bosporus, Dardanellen und Ägäis bewusst. „Wie der Begriff „Asia“, mit dem der Hellene den ihm jeweils bekannten Teil des von uns „Asien“ genannten Kontinents bezeichnete, und die Benennung ‚Libyen‘ für die dem Mittelländischen Meere anliegenden Gebiete von Afrika entstand", schreibt Helmut Berve in „Gestaltende Kräfte der Antike“, „so verlangte man auch für die vom Schwarzen Meer und der Ägäis westlich gelegenen Ländermassen nach einer zusammenfassenden Bezeichnung. Gleichsam von selbst bot sich da der Name jener mythischen Gestalt an, die schon vorher zur Benennung größerer Festlandskomplexe in diesem Bezirk gedient hatte.“

Doch: „Was so im Laufe des Jahrtausends der antiken Geschichte an Wissen von Gestalt und Beschaffenheit des Erdteils Europa gewonnen wurde“, fügt Berve hinzu, „ist als Kenntnis und Bild nur einem relativ kleinen Kreis von Gelehrten und Interessierten bewusst gewesen. Es entbehrt zudem - das verdient vor allem im Hinblick auf den werterfüllten Kulturbegriff, den wir mit dem Wort Europa verbinden, betont zu werden – der kulturellen Grenzsetzung.“ Die Völker des klassischen Altertums gliedern sich keineswegs wie ihre heutigen Nachfahren nach Europäern, Asiaten und Afrikanern, sondern nach Griechen und Barbaren, Römern und Fremden – so etwas wie ein Europabewusstsein kann es deshalb in der Antike deshalb kaum geben.

Trotzdem wird Europa auch als politischer Begriff bald relevant: In den Perserkriegen machen sich die Griechen zum ersten Mal die tiefe Gegensätzlichkeit zwischen dem heimatlichen und dem fremden Kontinent klar. Aus Asien

dringen die Scharen eines ungeheure Weiten überspannenden Vielvölkerreiches herbei, getrieben vom autokratischen Willen eines in märchenhafter Pracht thronenden orientalischen Despoten, der unzählige Untertanen knechtet. Seine Eroberungsgelüste richten sich gegen die Polis, die nichts anderes sein will als die politische Lebensgemeinschaft blutsverwandter und gleichberechtigter Bürger. Zwei geistige Welten stehen sich gegenüber, und Europa beginnt, sich abzugrenzen.

In der Abwehrhaltung der maßgeblichen Griechenstaaten 480/79 v. Chr. zeigt sich zum ersten Mal das Gefühl, für das Abendland gegen den andrängenden asiatischen Koloss „auf Posten zu stehen“. Aischylos lässt etwas davon in sei

Nem Drama „Die Perser“ spüren. Ein Menschenalter später vertritt Herodot die Meinung, dass den Invasoren zwar Asien zustehe, aber ein Übergreifen ihres Geistes nach Europa gegen  die göttliche Ordnung verstoße, die nicht wolle, dass ein einziger über Asien und Europa König sei. Aristoteles und andere begründen den Abwehrerfolg der Griechen sogar mit der Theorie einer klimatisch bedingten Überlegenheit der Bewohner Europas über die Asiaten, die auch als geistig-moralischer Vorzug verstanden wird.

Über die Ausdehnung des Abendlandes existieren die unterschiedlichsten Vorstellungen. Herodots oben zitierte Anmerkung liest sich, als habe er bereits gewusst, dass Asien viel (viereinhalbmal) größer ist als Europa, doch das Gegenteil ist der Fall: der Historiker aus Halikarnassos

glaubt im Gegenteil, dass Europa ebenso lang sei wie

Asien und Afrika zusammen. Noch der Römer Plinius hält Europa für den größten der drei Weltteile und lässt es fünf Zwölftel

allen Festlandes bedecken.

Der weitere Europabegriff, der schließlich den gesamten Kontinent umfasst, besitzt jedoch immer nur im Bereich der Geographie Geltung. Das Europabewusstsein der Griechen bleibt auf das hellenisch besiedelte Gebiet beschränkt. Auch König

Philipp von Makedonien und Alexander der Große meinen mit Europa immer nur den von ihnen politisch beanspruchten Teil. Und wenn der Historiker Theopomp aus Chios in einem vielzitierten Wort sagt, Europa habe noch keinen Mann hervorgebracht wie Philipp, meint er nicht den Kontinent als solchen, sondern lediglich die südliche Balkanhalbinsel. Die Tatsache, dass den Hellenen des 4. Jahrhunderts die Makedonen nicht als Griechen gelten, verbietet es dem Schriftsteller, „Hellas“ zu sagen, und nötigt ihn zum Gebrauch des Wortes „Europa“.

Alexanders Weltherrschaft und die darauffolgende Ausbreitung griechischer Siedler, griechischer Formen und griechischer Herrschaft über die Länder Asiens verwischt die einst so stark empfundene Unterschiedlichkeit der Kontinente wieder. Auch das Imperium Romanum nivelliert den Kontrast. Zwar kämpfen die Legionen in den Kriegen gegen das von Phöniziern gegründete Karthago ebenso gegen die Vormacht einer fremden, andersgearteten, uneuropäischen Welt wie einst die Griechen bei Marathon oder Salamis. Und manche Historiker meinen,

Scipio habe durch seine Siege Europa nicht minder vor der Herrschaft des Orients bewahrt als fast ein Jahrtausend später Karl Martell in den siebentägigen Kämpfen gegen die Araber bei Tours und Poitiers.

„Andererseits aber hat Rom durch sein ebenso selbstsüchtiges wie konsequentes Bemühen, jede ihm gefährlich dünkende Macht aufzulösen oder zu zersetzen, das europäische Element in den hellenistischen Staaten am östlichen Mittelmeer, besonders im Seleukiden- und Ptolemäerreich, während des zweiten Jahrhunderts in einer Weise geschwächt, die dem Erstarken des Orients und der Gefahr eines gewaltsamen Rückschlags gegen Europa weitgehend Vorschub leistete“, stellt Berve fest. Diese Gefahr wird erst durch Augustus beseitigt, der Antonius besiegt und damit verhindert, dass Rom in die östliche Sphäre hinübergleiten kann.

Eine Inschrift aus dem Jahr 7 oder 4 v. Chr. auf der Nilinsel Philae nennt den Kaiser den „Herrn Europas und Asiens“. Doch die Terminologie des Imperiums relativiert diesen Titel: Das Wort war eher ein administrativer und kein politisch-kultureller Begriff. Rom hat durch die Übernahme des hellenischen Geisteserbes und seine Umbildung zum Ferment einer weltweiten humanistischen Zivilisation, wie Berve schreibt, zwar „unmittelbar und in hohem Maße zur Bildung einer ideellen Einheit ‚Europa‘ beigetragen“, aber der Europagedanke selbst war im Imperium kaum wirksam.

Erst Anfang des 5. Jahrhunderts, acht Jahrhunderte nach den Perserkriegen, wird der Begriff wieder über seine geographische Bedeutung hinaus benutzt. Der Dichter Claudius Claudian, Schützling des vandalischen Heerführers Stilicho, schreibt von zwei Feinden „Europae Libyaeque": dem Westgotenkönig Alarich und dem afrikanischen Heermeister Gildo. Europa ist hier also etwas, was Feinde haben kann - erste Vorstufe in einer nun einsetzenden, Jahrhunderte dauernden Entwicklung zu einem politischen Raum.

Das Christentum trägt dazu Entwicklung Erhebliches bei. Der aquitanische Adelige Sulpicius Severus preist um 400 n.Chr. mit Stolz gegenüber den mit Heiligen gesättigten Erdteilen Asien und Afrika St. Martin als den herausragenden Heiligen Europas. „Es ist der Glaube und die Kirche“, schreibt Jürgen Fischer in seiner Studie „Oriens - Occidens – Europa“, „welche den nordalpinen Raum sich gegen den mediterranen zur Geltung bringen lässt." Obwohl Europas wirkliche Ausdehnung seit der Fahrt des Pytheas zu den „Zinninseln“ sieben Jahrhunderte zuvor bekannt ist, tritt es erst jetzt als ein Kontinent ins Bewusstsein, der nicht nur aus Mittelmeerländern besteht.

In der Spätantike wird „Europa“ bald zu einem Begriff, unter dem sich die christlichen Teile des Kontinents sammeln. Um das Jahr 600 macht der aus Gallien stammende Ire Columban schon keinen Unterschied mehr zwischen Europa am Mittelmeer und Europa nördlich der Alpen; in einem Brief an Bonifatius IV. nennt er den Papst das Haupt aller Kirchen Europas.

Der Begriff des „Europäers" indes lässt sich in der Antike nicht feststellen, er taucht erst im frühen Mittelalter auf. In der (von einem unbekannten Autor fortgesetzten) Chronik Isidors von Sevilla, die nähere Nachrichten über die Schlacht bei Tours und Poitiers im Jahr 732 bietet, heißt es:   „…diliculo prospiciunt Europenses Arabum Temtoria" – für den Verfasser sind es nicht Franken, sondern Europäer die den arabischen Angriff zurückschlagen. Fischer: „Der Autor hat also eine klare Vorstellung davon, dass sich nicht etwa das römische Westreich wehrt - wenngleich er Karl Martell den Titel ‚Konsul‘ beilegt -, sondern eine ganz neue Gemeinschaft. Ihr Kern ist Austrien: Es handelt, ohne unmittelbar bedroht zu

sein. Austrien und die anderen Länder des Nordens ballen sich in dem personalen Begriff ,Europenses' zusammen.“

„Europenses“ meint, erstmalig und bis weit in das Mittelalter hinein, eine zeitweilige kriegerische Schicksalsgemeinschaft gegenüber den Arabern; es ist ein von den Ereignissen erzwungener Oberbegriff für die Völker nördlich des Mittelmeeres. Der Chronist wird damit einem weltgeschichtlichen Vorgang mit einem neuen Begriff gerecht.

Der heidnischen Antike war die Idee von Europa, wie wir sie heute kennen, fremd. Doch dass der Europagedanke überhaupt eines Tages entstehen konnte, dafür haben die von den Griechen gelegten Grundwerte europäischen Menschentums erst die Voraussetzungen geschaffen.                    

 

Die Legende von Jungfrau und Stier

Nach Hesiod und anderen Dichtern ist Europe die Tochter des Phoinix; spätere Autoren nennen auch phönizische Könige wie Agenor. Kadmos oder Tyro als Vater. Ihre Mutter heißt Perimede, Telephassa, Telephe oder Argiope. Europes Heimat ist Sidon oder Tyrus. Nach der Entführung bereitet Zeus ihr auf Kreta das Brautlager, am lenäischen Fluß oder an einer Quelle bei Gortyn. Die junge Frau bringt nach Homers „Ilias“ die Söhne Minos und Rhadamanthys, in späteren Versionen Minos und Sarpedon zur Welt. Zeus stellt ihr den riesigen ehernen Wächter Talos zur Seite, der jeden Tag dreimal um die Insel läuft, und gibt sie dem König Asterios oder Asterion zur Frau. Der kinderlose Herr scher adoptiert die Zeussöhne. Der Phönizierkönig schickt in dessen vergeblich seine Söhne Kadmos, Kilix, Phoinix und Thasos auf die Suche nach der geraubten Schwester. Nach ihrem Tod genießt Europe göttliche Ehren. Sie wird unter dem Namen Hellotia oder Hellotis mit einem Fest gefeiert, bei dem auf Umzügen sogar angebliche Gebeine der Königstochter mitgeführt werden. Noch in späterer Zeit sollen die Einwohner der phönizischen Städte Sidon und Tyros ihrerseits die Entführung mit einer jährlichen Gedenkfeier unter der Bezeichnung „Böser Abend“ betrauert haben. Nach Meinung mancher Wissenschaftler floss die Verehrung Europes später mit dem Kult einer thrakischen Erdgöttin zusammen, die ebenfalls Europe hieß.

 

Das erste realistische Bild des Kontinents

Die allererste Europakarte ist nur als Rekonstruktion erhalten. Sie stammt von Eratosthenes von Kyrene (ca.290 - ca. 214 v. Chr.) Der griechische Geograph erhält seine wissenschaftliche Ausbildung in Athen und wird 246 v.Chr. Direktor der berühmten Bibliothek von Alexandrien. Sein Ruhm gründet sich vor allem auf erdkundliche Erkenntnisse: Er verfasst das erste nach einer systematischen Anordnung geschriebene geographische Lehrbuch und erstellt die erste nach astronomischen und mathematischen Lehrsätzen konstruierte Erdkarte, auf der Längen- und Breitengrade, Polar- und Wendekreise angegeben sind. Eratosthenes erkennt die kugelförmige Gestalt der Erde und berechnete ihren Umfang verblüffend genau mit 252.000 Stadien (39.690 Kilometer, wirklicher Erdumfang: 40.075 Kilometer). Er gliedert die drei ihm bekannten Erdteile in Zonen und entwickelt ein Koordinatennetz aus astronomisch sowie klimatologisch bedingten Parallelkreisen und Meridianen. Seine Erkenntnisse gewinnt Eratosthenes auch aus Arbeiten seiner Vorgänger Anaximander (ca. 610-540 v.Chr.) und Hekatios von Milet (560/59 - ca.480 v. Chr.) sowie aus Berichten von Begleitern der Züge Alexanders des Großen. Wie seine schriftlichen Werke geht auch seine Erdkarte verloren, kann aber aus Überlieferungen rekonstruiert werden. Von Europa sind ihm auch schon England, Irland und Island, nicht aber Skandinavien und Russland bekannt.

 

Etymologie des Wortes „Europa“

Die Herleitung des Wortes „Europa" vom semitischen „Ereb" für „dunkel" ist schon in der Antike umstritten. Einige Autoren vermuten aber auch, es sei als Zusammensetzung aus „eurys" (weit) und „ops“ („Auge“) entstanden und bedeute „weithin sichtbares Küstenland". Andere leiten „Europa" vom Südostwind Euros oder von „Ur appa" („Land mit weißem Angesicht“) ab. Mittelalterliche Autoren schreiben von „Eoruppe" oder „uero ope". Um 1560 bemüht sich der Brabanzone Johannes Goropius, nach Mercator das Wort christlich zu deuten, indem er es in  die Bestandteile „E" (= „rechtmäßige Heirat"), „Ur" (= „ausgezeichnet") und „Hop" (=„Hoffnung") zerlegt und dazu erklärt, diese Hoffnung auf ausgezeichnete Heirat sei die Prärogative der  Länder gewesen, die Noah seinem Sohn Japhet geschenkt habe. Die Nachkommenschaft Sems in Asien habe, obgleich ursprünglich durch Abraham besonders mit Gott verbunden, diese Erbschaft ausgelassen. Die meisten modernen Wissenschaftler treten heute für die Ableitung des Wortes Europa aus dem Semitischen ein.

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