Der Kunstverstand der Edel-Elstern

Freitag, 19. Oktober 2012

Der Einbruch war sorgfältig vorbereitet, die Kunsträuber kannten sich aus. Die sieben Gemälde im Wert von mehreren Millionen Euro, die am Dienstag aus der Kunsthalle in Rotterdam gestohlen wurden, bleiben jetzt wohl erst mal für mehrere Monate oder sogar Jahre verschwunden.

Erst wenn Gras über die Sache gewachsen ist, werden die Täter und ihre Auftraggeber vorsichtig ausloten, wie die die Beute zu Bargeld machen lässt. Manchmal dienen kostbare Kunstwerke auch als eine Art Währung im Waffen- und Drogenhandel, sagte Julian Radcliffe, Präsident des „Art Loss Registers“ in London, der „Welt“. Dann kursieren die Werke so lange in kriminellen Kreisen, bis jemand das Risiko eingeht, sie zum Kauf anzubieten.

Picasso, Monet, Matisse: Der Raub von Rotterdam ist einer der größten und der frechsten Diebstähle aller Zeiten. Zuletzt hatten Gangster im Februar 2008 vier berühmte Gemälde aus der Zürcher Sammlung Bührle mitgehen lassen: Der Wert der Werke von Cezanne, Degas, Monet und Van Gogh wird auf 113 Millionen Euro geschätzt.

Die Fälle sind spektakulär, die Straftaten alles andere als selten: Kunst-Klau zählt nach Interpol-Angaben neben Drogen- und Menschenhandel zu den einträglichsten Delikten der Zeit. Das FBI beziffert den jährlichen Schaden auf acht Milliarden Dollar. Allein in Deutschland werden jeden Tag sieben Fälle gemeldet. Das 1991 von Auktionshäusern, Kunsthändlern und Versicherern eingerichtete Art-Loss-Register (ALR) enthält bereits über 180 000 Einträge, nur 5500 Werke wurden wiederbeschafft. Der Diebe liebste Beute sind Gemälde von Picasso, Miró und Chagall.

Kunsträuber sind Kriminelle mit langer Tradition, die ersten gehen bereits in der Antike ans Werk: Der berüchtigte römische Politiker Verres rafft bis 71 v.Chr. aus Tempeln in zwei Provinzen so viele Statuen und andere Kunstschätze zusammen, dass sie in Rom mehrere Lager füllen. Die Bestohlenen nehmen sich als Anwalt keinen geringeren als Cicero, der den Übeltäter zumindest ins Exil jagt. Später indes erliegt der begnadete Redner selbst der Verlockung edler Kunst: Als er einige wertvolle korinthische Gefäße nicht herausrücken will, wird er geächtet und auf der Flucht ermordet.

Der moderne Kunstraub aus privater Besitzgier beginnt mit dem Kopenhagener Uhrmacher und Goldschmied Niels Heidenreich, der 1802 aus der königlichen Kunstkammer in Christiansborg mit Nachschlüsseln die beiden berühmten Goldhörner von Galehuus stiehlt. Der unpatriotische Übeltäter schmilzt die um 400 v.Chr. gefertigten berühmtesten archäologischen Funde des Landes in seiner Küche ein. 1803 wird er überführt und verurteilt, erst 1840 ist seine Strafe verbüßt.

Vaterländische Motive bewegen dagegen den Anstreicher Vincenzio Perrugia, der sich 1911 im Louvre in einem Schrank versteckt, die Mona Lisa aus dem Rahmen löst und das wohl berühmteste Ölgemälde der Welt unter dem Mantel aus dem Museum schmuggelt: Das Bild soll wieder in der Heimat hängen. Zwei Jahre versteckt der Dieb das mobile Nationaldenkmal in einem Loch in der Wand seiner Wohnung gleich neben dem Ofen, dann bietet er es einem Florentiner Kunsthändler an und wird festgenommen, kommt allerdings wegen seiner angeblich hehren Absichten mit sieben Monaten Gefängnis davon.

Als moderne Sammler immer mehr Geld für geraubte Kunstwerke zahlen und zuweilen sogar selbst den Auftrag zum Diebstahl erteilen, steigen Fallzahlen, Erlöse und Strafen, und aus Einzelfällen wird eine Epidemie. 1991 stehlen Diebe dem Amsterdamer Van-Gogh-Museum gleich zwanzig Gemälde des Meisters im Wert von heute 460 Millionen Euro; sie werden wiedergefunden, drei sind schwer beschädigt. 1992 verschwinden fünf Gemälde Lucas Cranachs und drei aus der Werkstatt des Künstlers im Schätzwert von 32 Millionen Euro für drei Wochen aus dem Weimarer Schloss. Edvard Munchs berühmter „Schrei“, auf 51,5 Millionen Euro geschätzt und 1994 aus der norwegischen Nationalgalerie in Oslo geraubt, bleibt drei Monate lang unauffindbar. 1995 spielen Dunkelmänner aus dem Klassiker „Topkapi“ einen der berühmtesten Filmeinbrüche aller Zeiten nach und stehlen neun Wertgegenstände aus dem schwerbewachten Museum im Istanbuler Sultanspalast.

Bald aber werden die Kunstkriminellen nicht nur kühner, sondern auch immer brutaler: 1998 überfallen drei Bewaffnete Roms Nationalgalerie für Moderne Kunst. Experten schätzen den Wert der Beute aus zwei Van Goghs und einem Cezanne auf 35,8 Millionen Euro, nach zwei Monaten wird das unersetzliche Diebesgut sichergestellt. 2000 rauben vier Männer mit Maschinenpistolen zwei Renoir und ein Rembrandt-Selbstporträt für 40 Millionen Euro aus dem Nationalmuseum in Stockholm, stoppen Polizeiautos mit Nägeln auf den Straßen und flüchten per Boot. Das FBI schnappt sie vier Jahre später in Los Angeles.

Nicht der Diebstahl, erst der Verkauf stellt die Edel-Elstern vor die größten Probleme: Auf dem freien Markt gilt Hehlerware dieser Klasse als absolut unverkäuflich. Der Erfolg hängt weitgehend davon ab, ob es gelingt, einen privaten Sammler zu finden, der so solvent wie schweigsam ist. Das aber scheint nur selten zu gelingen. 2003 etwa entwenden Unbekannte Leonardo Da Vincis „Madonna mit der Spindel“ aus dem schottischen Schloss Drumlanrig, Ermittler stellen das auf 56 Millionen Euro geschätzte Meisterwerk vier Jahre später sicher. 2004 überfallen zwei Bewaffnete das Munch-Museum in Oslo und rauben eine zweite, diesmal auf 54 Millionen Euro geschätzte Version des „Schrei“ – auch dieses Bild taucht wieder auf, ebenso wie die drei Picassos für 50 Millionen Euro, die Unbekannte aus der Pariser Villa einer Enkelin entwenden.

Ob und wie viel Geld dabei insgeheim fließt, können die Kriminalisten kaum schätzen, doch lohnt sich die Wiederbeschaffung allemal, auch die legale: 1998 meldeten sich die amerikanischen Besitzer eines bereits in den siebziger Jahren gestohlenen Cezanne beim Art-Loss-Register. Schon einen Monat später spürten ALR-Experten das Gemälde in der Sammlung eines angeblich Ahnungslosen auf. Die Erfolgsprämie betrug stolze 2,4 Millionen Euro, doch die Versteigerung durch Christie’s ein paar Wochen später brachte 41 Millionen Euro ein.

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