Kapitel 31: Die Totenwache

Samstag, 20. Oktober 2012
„Am Liegeplatz vor dem Hotel“: Der Stadtdeich 1886. © Museum für Hamburgische Geschichte

  Ich versprach dem Hauptpastor, gut auf mich aufzupassen, was ihn keineswegs beruhigte. Dann eilte ich ins „Tritonia“ und sah Volten-Walter aus dem Eingang kommen.

  „Du liebes Menschenkind, gar wenig glücklich scheint dein Kommen“, deklamierte er in seiner üblichen Art, als er mich erblickte. „Mögst eilends fliehen diesen höchst ungastlichen Ort, darin Eros mit Eris hadert!“

  Dann berichtete er mir, dass drinnen die Fetzen flögen, und daran war er selbst nicht ganz unschuldig, denn er hatte Johnny gerade eine Botschaft von den ausländischen Gangs überbracht, und da sei Nell in Rage geraten.

  Was für eine Botschaft das denn gewesen sei?

  „Sie wünschen ihn als ihren Anführer in der männermordenden Schlacht, wie einst die Achaier den s-tolzen Atriden, den Helden und Völkerfürsten Agamemnon“, antwortete Walter. „Doch das erbost die lilienarmige Nell, und da unser Heros das Ansinnen nicht sogleich abschlug, gab sie ihm herbe Worte zu hören.“

  „Du hättest es ihm sagen sollen, wenn sie nicht dabei ist!“ entfuhr es mir.

  „Wozu? Die Rosenwangige hätte es ja doch erfahren. Selbst Götter nicht retten ihre Geheimnisse vor dem eifernden Argwohn der liebenden Frau!“

  „Sie liebt ihn?“

  Er merkte, dass er zu viel gesagt hatte, und antwortete: „Sie rast wie Penthesilea, bevor sie auf Achill die wilden Hunde hetzte, wenn auch nur beim großen Kleist. Auch mich schalt sie übel, da war meines Bleibens nicht länger. Lieber landfremd als Gast der Megäre!“

  Damals verstand ich von all dem nur die Hälfte.

  „Doch auch dein Onkel rast mit Rossen des Zornes dahin“, fuhr Walter fort und nannte mir auch gleich den Grund: In ihrer Erregung hatte Nell Johnny erzählt, was sie mit Jack vereinbart hatte, nämlich dass er und seine Leute Johnny in Ruhe lassen würden, solange Nell weiter die brave Ehefrau spielte, und darüber wurde mein Onkel begreiflicherweise wütend.

  „Noch niemals sah ich seine Braue so finster“, schilderte Walter, „noch niemals hörte ich seine S-timme als solchen S-turm, schon gar nicht gegenüber dem schwachen Geschlechte, in dessen zarte Öhrchen ein Mann von Art wohl eher Kosendes säuseln sollte.“

  Um es kurz zu sagen: Die beiden hatten sich angeschrien. Nell wollte Johnny retten und warf ihm vor, er suche den Tod, obwohl er doch wisse, dass er damit ihr Leben noch einmal, und diesmal endgültig zerstöre. Mein Onkel sagte was von „hinter einem Weiberrock verstecken“, und so gerieten sie in einen fürchterlichen Streit, es war aber, wie Walter sagte, nur deshalb so fürchterlich,  weil sie einander so schrecklich liebten: „Sie peitscht die Geißel der Sorge, ihn quält der S-tachel der Eifersucht.“

  Als ich in den Frühstücksraum kam, war das Schlimmste schon vorbei, die wunden Seelen suchten schon wieder gleichen Takt, und die Gemüter folgten gehorsam der inneren Stimme. Nell  redete gerade so ähnlich wie der Pastor, und doch irgendwie anders, denn sie glaubte nicht an so sehr Jesus, aber sie glaubte an die Gerechtigkeit und die Macht des Volkes. Ihr Gott war das Menschenrecht, und ihre Religion die Demokratie, und ihre Kirche der Sozialismus. „O Johnny!“ sagte sie. „Die ganzen Jahre lang habe ich gehofft, dass du eines Tages wieder da bist, und dann ist hier endlich Schluss mit dem Morden und mit dem Totschlagen, und jetzt bist du wieder da, und willst selbst Blut vergießen? Und wir haben doch davon geträumt, und uns auch so oft gesagt, dass der Brook kein Schlachtfeld mehr sein soll, sondern ein Platz des Friedens, und ein Zufluchtsort für die Verfolgten, ein Ort ohne Gier, ohne Gewalt, ohne Sklaverei, ohne Ausbeuter, ohne Verbrechen, ohne Angst!!“

  „Aber dazu müssen wir diese Halunken doch erst mal zum Teufel jagen“, sagte mein Onkel. „So lange Jack und seine Bande da sind, wird sich hier nie etwas ändern!“

  „Und wenn es eine Falle ist? Wenn Jack nur darauf wartet, dass alle kommen, die gegen ihn sind?“

  „Das werden wir ja dann sehen.“

  „Aber selbst wenn du diesen Kampf gewinnen könntest, Johnny“, rief Nell, „Glaubst du denn im Ernst, dass die Polizei einfach zuschaut, bei einer richtigen Schlacht, auf dem Brook? Die Kerle im Senat warten doch nur darauf, uns die Insel wegzunehmen, damit sie endlich ihren Freihafen bauen können. Wenn es hier zu solchen Kämpfen kommt, noch dazu gegen Ausländer, gegen Engländer oder Holländer, Halunken oder nicht, dann fliegt der ganze Brook in die Luft! Warum gehst du nicht zu Bebel und...“

  Dann entdeckte sie mich und änderte schnell den Ton. „Ach, da bist du ja, Helena. Und? Klappt alles?“

  „Beerdigung am Donnerstag um elf“, meldete ich und erstattete den ausführlich Bericht. Als ich damit herauskam, dass Hoger Mars schon von der großen Schlacht auf dem Brook wusste, zogen sie die Augenbrauen hoch, sagten aber nichts, aus Angst, sie könnten sich vor mir wieder in die Haare geraten.

  Kurz darauf kam Kowalski in den zusammengeklauten Zivilklamotten und setzte sich zu uns an den Tisch, als gehöre er schon zur Verwandtschaft, vielleicht war es ja auch so. 

  „Wann holen wir Agnes?“ wollte der Husar wissen.

  Mein Onkel erklärte ihm, dass wir erst Totenwache halten wollten.

  „Die Toten in Ehren, aber die Lebenden sind wichtiger!“ versetzte der Husar.

  Die Tür ging auf, und Walter kam wieder herein, diesmal mit Harry, dem Bäcker und dem Gecko im Schlepptau. Der Bäcker hatte eine Schramme an der Stirn, über deren vermutliche Entstehung im ehelichen Kuchenschloss am Pulverteich niemand einen Witz wagte. Die Freunde wollten wissen, wie es jetzt weitergehen solle, aber Onkel Johnny schwieg sich darüber aus. Er wollte ihnen auch immer noch nicht verraten, ob das Messer aus der Asservatenkammer Jack denn nun schuldig sprach oder nicht. 

  „Wat mokst du da denn so'n Trallala darüm?“ wollte der Gecko wissen, aber mein Onkel antwortete, sie sollten nicht so viel kalmäusern, sie würden es schon rechtzeitig erfahren.

  „Was ist mit meiner Schwester?“ klemmte Kowalski sich ungeduldig dazwischen.

  „Jetzt pass mal auf, du polnischer Säbelverbieger“, sagte der Bäcker ungnädig. „Deine Schwester lebt und ist in Sicherheit, aber Johnnys Bruder ist tot, und jetzt mach mal 'ne Minute die Fressluke dicht!“

  Der Husar ließ sich nicht einschüchtern. „Meine Schwester braucht Hilfe!“ beharrte er.

  Der Bäcker schnaubte wie ein gestochener Ochse. „Hast du Wasser im Ohr?“

  „Lass man, Michel“, sagte mein Onkel. „Vielleicht können wir heute Nacht auch schon mal nach der Kleinen gucken, die Helena und ich, nicht wahr?“

  „Klar“, sagte ich sofort.

  „Ihr wollt den Palazzo überholen?“ wunderte sich der Bäcker. „Wieso denn das, habt ihr jetzt nicht erst mal ganz andere Sorgen? Wenn ihr klamm seid, müsst ihr's nur sagen.“

  „Es ist wegen dem Opium“, klärte ihn Harry auf.

  Der Bäcker lehnte sich weit zurück. „Hat mir gar nicht gefallen, dass du dieses Teufelszeug in die Stadt gebracht hast“, sagte er vorwurfsvoll.

  „Eigentlich hielt ich's für 'ne gute Idee“, sagte mein Onkel. „Aber Nell hat mir die Leviten gelesen.“

  „Und warum willst du es dann wiederhaben?“

  „Weil es doch sonst dieser verflixte Konsul unter die Leute bringt!“

  „Vom Saulus zum Paulus“, ließ sich Volten-Walter vernehmen. „Saul, Saul, warum beklaust du mich!“

  „Wer diesen Konsul neben einer Ratte aufhängt, tut der Ratte schweres Unrecht, okee“, sagte Harry.

  „Ich komme mit!“ mischte sich der Husar wieder ein.

  „Auf keinen Fall“, sagte mein Onkel.

  „Wieso nicht, das sehe ich nicht ein!“

  Meinen Onkel schaute anklagend zum Himmel.

  „Es ist zu gefährlich“, sagte der Bäcker für ihn.

  „Wieso, für einen Husar zu gefährlich, aber kleines Mädchen geht mit?“

  „Wo ist denn hier ein kleines Mädchen?“ empörte ich mich.

  „Zum Einsteigen  braucht man nun mal ein bisschen Erfahrung“, sagte der Bäcker.

  „Husar lernt schnell!“ versetzte der Pole eigensinnig.

  „Allreit, du hast zu viele Lampen“, sagte Harry.

  „Lampen?“ wunderte sich Kowalski.

  „So nennt man’s, wenn nach jemandem gesucht wird. Und du bist doch 'n Deserteur, okee?“

  „Dann ist es natürlich erst recht zu gefährlich für dich“, sagte Onkel Johnny

  „Für dich nicht?“ rief der Husar. „Polizistenmord, auch schöne Leuchten!“

  „Ist ja gut, aber ich kenn' mich hier nun mal besser aus als du, und die Helena sowieso“, sagte Onkel Johnny begütigend. „Außerdem kann deiner Schwester im Palazzo ja nichts passieren.“

  „Rrrrrrruhe!“ kreischte der eingebildete Papagei.

  „Konsul ist vermaletrackter Schurke!“ beharrte der Husar.

  „Aber die Sängerin ist ja dabei, da kann er sich nichts erlauben“, erklärte der Bäcker, „Und der Neffe ist ganz brav, hat in England studiert!“

  „Ach so“, sagte der Pole etwa beruhigt, ganz so, als ob es in England keine bösen Buben gebe.

  „Ein ganz braver Kerl“, fügte Harry hinzu, „wir haben uns erkundigt, kannst dich drauf verlassen! Der wird noch mal ein ganz berühmter Wissenschaftler. Sein Professor ist Mythologe.“

  „Wat?“ staunte der Gecko. „Wat is he?“

  „Mythologe, du alte Kohlenschaufel!“ lachte Harry.

  „Wat soll'n dat vörnehme Gedöns för so'n klöterigen Huusbesitzer?“ fragte der Gecko, der „Mietologe“ verstanden hatte.

  „O du löbliches Rindvieh“, lachte Walter.

  „Wenn's irgendwie geht, bringen wir deine Schwester gleich mit“, sagte mein Onkel zu Kowalski. „Aber du rührst dich nicht vom Fleck, und wenn das Haus brennt!“

  „Hast du gehört? Befehl ist Befehl“, sagte der Bäcker.  

  „Befehle gibt nur General!“ sagte Kowalski.

  „Und genau das ist Johnny: unser General!“ sagte der Bäcker aufgebracht. „Und wenn du uns das jetzt nicht auf deine geschwollene Husarenehre schwörst, dass du nicht mal den kleinen Zeh aus der Tür tust, bevor Johnny es dir sagt, dann rollen wir dich in'n Teppich und binden dich auf'm Dachfirst fest, dann kannst du mit den Katzen um die Wette jaulen! Hast du das jetzt bedappelt?“

  „Wenn du General bist, musst du auch kommandieren“, sagte der Husar zu Onkel Johnny. „Aber bei dir geht’s zu wie im polnischen Reichstag, wo auch jeder sagt, was ihm gerade einfällt.“

  „Wir dürfen uns jetzt keine Schwachheiten erlauben“, sagte mein Onkel, „sonst baumeln wir alle beide.“

  „So was verbindet“, bemerkte Harry.

  „Gut“, sagte der Husar nach einem Blick in die Runde. „Ich habe verstanden. Ich warte. Aber nur bis morgen früh!“

  „Geht schon mal zur Kirche und guckt euch ein bisschen um“, sagte Onkel Johnny. „Wir holen Emma und kommen dann nach.“

  „Reitireitireitireit“, sagte Harry und kam bis Neumühlen mit. Er wollte uns sein Fernrohr geben und dann mit der Pferdebahn zurückfahren. Es wurde dunkel, und der Strom stank wie die Pest, nicht so sehr nach Fäkalien wie der Siel, sondern nach Öl und Teer von den Schiffen, und den Technikgiften der Industrie, den Abwässer aus den vielen Stahl- und  Chemiefabriken, und auch nach dem Kupfersulfat, Chromgelb und Magnesiumkarbonat, mit dem Gauner damals aufgebrühte Teeblätter behandelten, um sie ein zweites Mal zu verkaufen.

  „Was sind denn das neuerdings für Gerüche?“ wollte mein Onkel wissen.

  Harry erklärte es ihm und erzählte auch von dem in Spezialfabriken zusammengemixten Berlinerblau und Schüttgelb, mit denen die Halunken Körner aus Getreide, Ton und Sand einfärbten, bis sie wie Kaffeebohnen aussahen.

  „Aha“, bemerkte Onkel Johnny. „Der technische Fortschritt. Zum Segen der Menschheit.“

  „Okee, wo hast du das Zeug eigentlich her?“ fragte Harry.

  „Was für Zeug?“

  „Na, das Opium.“

  „Von den Triaden.“

  „Allreit, seit wann geben die das Zeug an Zwischenhändler ab, die verkaufen doch lieber direkt“, wunderte sich der welt- und lebenserfahrene Schmuggler.

  „Ich hab's ihnen geklaut“, erklärte Onkel Johnny. „In Schanghai. Bei einer Razzia hab' ich's mitgehen lassen. War so was wie meine Rückfahrkarte. Hatte nichts gespart und wollte hier nicht so ganz abgebrannt ankommen.“

  Ich musste kichern, wahrscheinlich war ich wegen der Ereignisse ein bisschen sehr überspannt. „Nicht abgebrannt, sondern abgefackelt.“

  Mein Onkel guckte mich verwirrt an. „Ach so“, sagte er, „du meinst, wegen dem Schiff – ja, klauen und verkloppen konnte ich den Pott ja schließlich nicht, oder?“

  Ich beruhigte mich wieder. „Und ich dachte schon, du hast dich mit Mister Tai-Tai angelegt.“

  „Was, den alten Zitronenneger kennst du auch?“

  „Wer kennt den nicht!“ lachte Harry.

  Mein Onkel fand das nicht ganz so komisch. „Gehst du etwa auch in die Pagode klauen?“ fragte er besorgt.

  „Ne, das mögen die dort nicht, aber drin war ich schon mal.“

  „Das lässt du schön bleiben, verstanden? Diese Schlitzaugen sind keine Kavaliere, wenn du doch was klaust, ist gleich die Flosse ab, merk dir das!“

  Auf den Hügeln am nördlichen Ufer leuchtete die Abendsonne gerade auf Sagebiels Fährhaus, und ich musste an August Bebel denken. „Wirst du mal hingehen?“, fragte ich.

  „Wohin denn?“

  „Na, zu diesem Bebel, ins Büro.“   

  Mein Onkel zuckte die Achseln. „Nelly möchte das gern“, sagte er. „Aber ich weiß nicht, was dabei rauskommen soll, von Ausländern hat der Kerl jedenfalls keinen Piep gesagt.“

  Wir legten in Neumühlen kurz mal Tamp, und Harry holte sein Fernrohr aus der Hulk. Wir sagten Danke und tschüs, segelten noch ein Stück weiter und ankerten im Schilf an der Uferstraße. Mein Onkel nahm mich auf den Rücken und platschte mit mir durchs seichte Wasser. Dann kletterten wir durch den dichten Erlenwald direttissima auf das hohe Ufer, was eine ziemliche Plackerei war, und schlichen gebückt wie Apotheker auf Kräutersuche durch duftendes Wacholdergestrüpp zu einem kleinen Vorsprung, von dem sich ein guter Blick auf den Palazzo bot.

  „Durch welches Fenster bist du denn rein?“ fragte er, während er nacheinander die Fenster anpeilte.

  „Durch gar keins.“

  „Was denn, du bist durch die Tür?“

  „Ich hab' als Serviermamsell angeheuert, da konnte ich den ganzen Nachmittag praktisch durch alle Zimmer spazieren.“

  „Wie praktisch.“

  „Siehst du das Fenster neben der Remise?“

  Onkel Johnny linste durch sein Sehrohr. „Kein Gitter.“

  „Genau. Dort geht's am besten.“

  „Wie viele Hunde haben sie denn?“ erkundigte er sich. „Da ist nirgends 'n Zwinger.“

  „Ich hab' auch gar keine Hunde gesehen.“

  „Hast du auch nachgeguckt?“

  „Was denkst du denn, ich mach' das doch nicht zum ersten Mal!“

  „Dann ist es ja gut. Warte – da ist wer.“ Er stützte die Hand mit dem Fernrohr auf einen Felsbrocken und atmete ganz vorsichtig, um möglichst wenig zu wackeln.

  „Das ist sie“, sagte er. „Das muss sie sein. Braves kleines Mädel. Der Bruder ist lange nicht so hübsch. Und die andere ist bestimmt die Opernsängerin, guck doch mal.“

  Gehorsam spähte ich durch das Okular.

  „Erkennst du sie?“ fragte er ungeduldig. „Sag doch was, sonst entführen wir aus Versehen dem Konsul die Alte und die Tochter, und die will dann keiner haben!“

  „Der alte Schuft hat gar keine Frau“, sagte ich. „Der verdient so was gar nicht. Und Kinder hat er auch nicht. Nur 'n Neffen, und der ist der Assistent von dem Professor, der...

  „Sabbel nicht!“ Mein Onkel wurde immer unruhiger. „Also erkennst du sie jetzt oder erkennst du sie nicht? Wir müssen diesem wilden Polenjosef was Handfestes mitbringen, sonst dreht er noch ganz durch, und anlügen mag ich ihn nicht. Nicht in 'ner Familiensache.“

  „Nö“, sagte ich.

  „Ja was nö!“ sagte Onkel Johnny. „Herrgottnochmal, du machst mich ganz brägenklöterig, kannst du nicht mal auch 'n ganzen Satz sagen?“

  „Die kenn' ich nicht“, sagte ich.

  „Also ist sie es nicht? Aber wer ist sie dann?“

  „Ich hab' nicht gesagt, dass sie es nicht ist, ich hab' sie ja noch nie gesehen.“

  „Ja klar hast du die Kleine nicht gesehen, aber doch wohl die Sängerin!“

  „Die auch nicht.“

  „Ach so. Geht in die Oper und kennt nicht mal die estnische Nachtigall. Marschiert ja auch nur zum Klauen hin. Aber sie könnte es sein, wie? Spricht eigentlich nichts dagegen, was?“

  Er nahm mir das Fernrohr aus der Hand. „Klar sind sie das. Guck mal, wie sie die Kleine im Arm hält. Die passt auf, sag ich dir. Die passt auf wie ein Heftelmacher.“

  Den Ausdruck kannte ich nicht, er hatte ihn wohl irgendwo bei den Soldaten aufgeschnappt. „Was 'n das?“

  „Ein Heftelmacher? Das ist einer, der Heftel macht. Du weiß aber auch gar nichts!“ Er wurde jetzt richtig nervös.

  „Was bist du denn so nervös?“ wagte ich zu fragen.

  „Nervös? Wer ist hier denn nervös?“ Aber dann verriet er mir doch den Grund. „Das macht, ich hocke hier wie ein verflixter Spanner im Wald und peile durchs Fernrohr fremde Frauen an. Wie peinlich das ist! Dass du das bloß niemandem erzählst, hörst du?“

  „Auch nicht Nell?“ Wie gesagt, manchmal konnte ich auch ein bisschen boshaft werden.

  „Der ganz besonders nicht“, schnaubte Onkel Johnny.

  „Und der estnischen Nachtigall auch nicht?“

  Er setzte kurz das Fernrohr ab. „Du glaubst wohl, dass du schon zu alt dafür bist, aber ich hau' dir immer noch 'n paar hinter die Ohren, du Salatschnecke.“

  „Tschuldigung mit Knicks“, sagte ich, „Und was sind nun Heftel?“

  „Solltest du eigentlich wissen, das sind so kleine Dinger, ums Kleid zuzumachen.“

  „Aha. In Hamburg sagen wir Häkchen dazu.“

  „Fein. Wieder was gelernt. Siehst du, jetzt sind sie weg. Das wird ihr Schlafzimmer sein. Ich wette, dass sie die Koje teilen, die Kleine hat bestimmt bannig Bammel, alleen zu slopen“ - in seiner Verlegenheit fiel er wieder ins alte Platt. „Na ja, hüüt Nacht könn' wi se jo mol beseuken.“

  „Ja, wenn durchs Fernrohr gucken Spannen ist, was ist denn dann nachts in fremde Schlafzimmer schleichen?“

  „Was das ist? Das ist Klauen!“

  „Ach so. Na ja, ich hab' aus Häusern schon ab und an mal was mitgehen lassen, aber Leute noch nie.“

  Er lachte. Wir gingen zurück zu Nells Jacht und querten den Strom, um Mutter abzuholen. Ich sage es ungern, aber trotz der Tragödie um meinen armen Papa sah sie irgendwie besser aus als noch am Samstag, als Onkel Johnny uns ins Alte Land gebracht hatte. Wir Frauen sind wahrscheinlich eine ziemlich zähe Abteilung, die Luft und das gute Essen hatten ihr gut getan, und der Genever ganz sicher auch, und das tröstliche Gebrabbel von Oma Ridderkerk mit der ollen Pipe. Als meine Mutter uns sah, heulte sie aber gleich wieder los, denn ihre Seele lag natürlich in Scherben.

  Wir vertäuten Nells Jacht an ihrem Liegeplatz vor dem Hotel. Als wir auf den Kai kletterten, rief Onkel Johnny plötzlich „Hau endlich ab, du stinkende Hyäne!“ und ließ ein Messer sausen; es schlug mit einem dumpfen Klang in eine Regentonne, hinter der ein Knochengestell erschrocken hochjumpte, um panisch davonzuhumpeln, es war natürlich mal wieder der Pelikan.

  „Für den muss ich mir auch endlich mal was einfallen lassen“, knurrte mein Onkel.

  Als wir an dem Bestattungsinstitut ankamen, war es schon ganz dunkel. Harry und der Gecko standen Schmiere und winkten uns beruhigend zu. Onkel Johnny nahm gleich Kurs auf sie und sagte zu Harry: „Da klebt mir schon die ganze Zeit so ’n alter Fledderer an den Hacken wie ein Stück Hundedreck, kannst du mir den nicht mal loswerden?“

  „Der Pelikan?“ fragte Harry. „Okee, der spioniert für diese Zündhütchenköpfe, die Brüder Relf, und jetzt, wo die Feme…“

  „Angst hab’ ich nicht“, wehrte mein Onkel ab. „Dieser Totenvogel geht mir nur unheimlich aufs Gemüt, der hängt mir am Hals wie’s Fleckfieber.“

  „Und was schwebt dir so vor?“ erkundigte Harry.

  „Lass dir was einfallen.“, sagte Onkel Johnny ungeduldig. „Aber mach’s unblutig, ich kann jetzt keinen Kleinkrieg mit so ’n paar Hafenratten brauchen.“

   „Reitireitireitireit, dann hängen wir ihm am besten irgendwas an und lassen ihn von den Udels aus dem Verkehr ziehen“, schlug Harry vor, dem man nie ansehen konnte, wie weit er gerade auf Ernst getrimmt war. „Branntweinhandel unter Fischern auf hoher See, Beschädigung unterseeischer Telefonkabel, Gefährdung der Hummerfischerei vor Helgoland...“

   Drinnen lag mein Vater unter einem Riesenhaufen Chrysanthemen, in einem neuen Anzug, den ich nie gesehen hatte, also ebenso wie Kowalskis Klamotten von Harry und dem Gecko geklaut - „aber vom Feinsten“, wie der Kleine später berichtete, „nur Anprobieren war leider nicht“. Nell saß zwischen Volten-Walter und dem Bäcker, die sich gleich erhoben, um uns Platz zu machen. Kowalski hatte sich ein bisschen abseits auf einen Stuhl gehockt und betete, aber richtig, mit Lippenbewegung, er war ja als einziger von uns katholisch. Johnny setzte sich zu ihm und berichtete ihm leise, was wir am Palazzo beobachtet hatten.

  „Heute Nacht holen wir sie dort heraus“, hörte ich den Polen mit seiner Unteroffiziersstimme sagen.

  „Du nicht“, sagte mein Onkel energisch. „Du bleibst hier, sonst vermasselst du alles!“ Das klang noch mehr nach einem Befehl. Kowalski schüttelte trotzig den Kopf, sagte aber erst mal nichts mehr, er sah wohl ein, dass er ohne Onkel Johnny aufgeschmissen war.

  Meine Mutter setzte sich zu Nell, die sie schweigend umarmte, ich nahm ihre andere Seite, mein Onkel setzte sich neben mich, ließ den Kopf sinken und brütete vor sich hin. Ab und zu schaute ich auf meinen toten Vater. Ich hätte gern gewusst, ob er schon im Himmel war, und auf uns herunterguckte, mehr als diesen Kinderglauben hatte ich vom Christentum ja nicht in meine Mädchenjahre hinübergerettet. Ich versuchte, an schöne Tage mit Papa zu denken, aber viel gab mein Gedächtnis dazu nicht her, und außerdem kam mir dauernd die Frage in den Sinn, was wohl mit dem vermaledeiten Messer los war. Warum sagte uns Onkel Johnny das nicht endlich? Es wirkte fast so, wie ich es später im Theater bei diesem zögerlichen Dänenprinzen sah, der eigentlich schon in der ersten Szene dem Onkel die Klinge durch den schurkischen Wanst hätte jagen müssen, was dann freilich nur ein sehr kurzes Drama ergeben hätte.

  Später lernte ich, dass es für jeden Mann eine Zeit gibt, in der er sein Leben aufräumt, meistens, wenn er so um die vierzig ist. Da ist einiges liegen geblieben, manches am falschen Ort, in der Seele sammelt sich Gerümpel an wie in einem alten Keller, und zuweilen findet man nicht mal den Schlüssel. Da kann es dann schon mal eine Weile dauern, bis man sich zum Handeln entschließt. Aber wenn die Entscheidung einmal gefallen ist, dann geht es auch richtig los, jedenfalls bei Männern wie Onkel Johnny. Die treten dann die Kellertür ein, und der Gammel fliegt im Eiltempo in die Gosse.

  „Ich hab’ ihm die Krone geklaut“, sagte mein Onkel plötzlich.

  Wir horchten auf.

  „Er hatte Geburtstag, war zehn geworden, da bastelte unser Vater ihm aus Pappe eine kleine goldene Krone und setzte sie ihm auf.“

  Uns wurde klar, dass Onkel Johnny von seinem kleinen Bruder sprach.

  „Er war fürchterlich stolz, und ich war neidisch wie eine Raubmöwe. Stundenlang  stolzierte er durch die Straßen wie der Sultan von Großkotzistan. Nach drei Tagen hielt ich es nicht mehr aus. Als er mal nicht aufpasste, klaute ich ihm das Schietding und schmiss es in das Fleet. Er suchte es überall und hat furchtbar geheult. Mein Vater machte ihm aber keine neue Krone, sondern sagte nur, das werde ihm eine Lehre sein, besser auf seine Sachen aufzupassen.“

  Das war natürlich keine gute Geschichte, und wir schwiegen betreten.

  „Er hat zum ersten Mal so etwas Schönes gehabt“, fügte mein Onkel hinzu, „und ich hab's ihm geklaut. Er hat's nie erfahren. Aber jetzt weiß er's natürlich.“

  Er bemerkte meinen fragenden Blick und erklärte: „Die Toten wissen alles.“

  Ein bisschen später sagte Onkel Johnny: „Hab's aber wieder gut gemacht. Er kriegte eine neue, von ’m Karussell auf 'm Dom.“

  „Ihr fahrt auf eurer Kirche Karussell?“ fragte Kowalski kopfschüttelnd. „Mich wundert nichts mehr.“

  „Nein, so heißt hier das Volksfest, weil die Buden früher am Dom standen, bis er abgerissen wurde“, klärte Onkel Johnny ihn auf. „Der Karussellbesitzer war ein ganz gemeiner Strolch, er nahm den kleinen Kindern das Geld ab und ließ sie trotzdem nicht fahren, behauptete einfach, sie seien zu spät gekommen, ihre Reise sei schon wieder zu Ende. Eine hundsgemeine Pickelfresse. Er lachte sogar noch, wenn die armen Kleinen heulten. Es war das schönste Karussell in der ganzen Stadt, und auf der großen Kutsche steckte eine goldene Krone, die habe ich in der Nacht geklaut und Freddy ins Bettchen gelegt. Gott, war der Kleine selig, als er aufwachte!“

  Das klang schon besser. Hier sollte also nicht die Vergangenheit beweint, hier sollte aufgeräumt werden. Raus aus dem Kopf mit dem alten Kram, ans Licht der Gegenwart damit, und inspizieren, ob der Plunder noch was nütze ist.

  „Klingt ja richtig rührend“, sagte der Pole. „Und der Kerl von dem Karussell? Der hat dumm geguckt, was?“ Man konnte richtig hören, wie sich Kowalski ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl an der Vorstellung einer puterroten Pickelfresse weiden wollte. „Hat sich wohl die Augen gerieben, wie die Krone weg war, was?“

  „Nö“, sagte mein Onkel.

  Harry und Walter grienten schon, sie kannten die Geschichte.

  „Nö?“ wiederholte Kowalski enttäuscht. „Hat er nicht?“

  „Nö“, sagte Onkel Johnny.

  „Und wieso nicht?“ erkundigte sich der Pole.

  „Der hat das gar nicht gemerkt“, sagte Onkel Johnny nur.

  Kowalski äugte ihn von der Seite an. „Nicht gemerkt?“ fragte er. „Er hat nicht gemerkt, dass auf seiner Kutsche die goldene Krone fehlte?“

  „Nö“, sagte mein Onkel. „Sie war ja nicht mehr da.“

  „Die Krone? Ja klar war sie nicht mehr da!“

  „Nö, die Kutsche.“

  „Die Kutsche war weg?“ Kowalski staunte immer mehr.

  „Ja, weißt du – es hatte gebrannt.“

  „Die Kutsche hat gebrannt?“

  „Nö, das ganze Karussell.“

  Kowalski ließ sich auf die Stuhllehne zurücksinken. „Alle Achtung“, sagte er. „Dem hast du aber sauber eingeschenkt, das muss man schon sagen.“

  „Ich eigentlich gar nicht so sehr“, sagte Onkel Johnny, „aber die anderen.“

  „Welche anderen?“ staunte Kowalski.

  „Die Besitzer der anderen Buden. Die Flammen griffen über, und bis die Feuerwehr kam...“

  „Du hast den ganzen Rummel abgebrannt?“

  „Ein paar Buden gingen tatsächlich mit drauf. Die Versicherung zahlte den Schaden, aber die Nachbarn waren natürlich trotzdem sauer, und weil das Feuer ja von dem Karussell ausgegangen war, haben sie dem Kerl die Pickelfresse poliert.“

  Die Geschichte gefiel dem Husaren immer besser, und mir auch. Es kam aber noch schöner, denn es stellte sich heraus: Mein Vater war nicht immer der schlappe Kerl gewesen, als den ich ihn die längste Zeit meines Lebens gekannt hatte. Er hatte früher sogar schwer was auf dem Kasten. Mein späterer Onkel Johnny und mein späterer Papa entwickelten sich zu kleinen Racheengeln für die Kinder am Kehrwieder. Nicht Rächer der Enterbten, wie es so schön heißt, zu erben gab es dort ja nichts, aber der Verdroschenen, Beraubten oder sonstwie Untergebutterten, der Hilf- und Wehrlosen, der rechtlosen Rotznasen in dieser gnadenlosen Erwachsenenwelt, wo Kinder oft nur lästige Mitesser, Störenfriede oder billige Hilfskräfte waren, die jeder nach Belieben ausnutzte. Der feurige Kronenraub sprach sich herum, bald trafen allerlei Beschwerden ein, mal hatte ein Lehrer zu doll den Steiß getrommelt, mal ein Krämer statt Bonbons Kieselsteine verkauft oder ein besonders roher Säufer einem kleinen Mädchen den Milchpfennig aus dem Händchen gewunden. Onkel Johnny und mein Papa übernahmen die Aufgabe, das Unrecht angemessen zu vergelten. Die Rächer sägten Rohrstöcke an, ließen im vollen Kramladen Ratten los oder pinkelten dem Säufer die Schnapsflasche voll. Das richtete die Gedemütigten wieder auf, die Gerächten jubelten, bald kamen auch Erwachsene zu Onkel Johnny und meinem Papa, und in den Villen der Mietwucherer und Kredithaie gingen massenhaft Fensterscheiben zu Bruch.

  Dann tauchte Jack auf. Onkel Johnny mochte ihn gleich und ließ ihn mitmachen, obwohl mein Papa davon gar nicht begeistert war. Jack hatte erst mal die Idee, für die edlen Ritterdienste Geld zu verlangen. Onkel Johnny und mein Papa wollten das nicht. Aber den Louis das Sündengeld abzujagen, dazu war Onkel Johnny später sofort bereit. Mein Papa hätte auch gern mitgemacht, war aber zu klein und außerdem ein bisschen schwächlich, deshalb wurde er von den beiden Größeren abgehängt und ging fortan seine eigenen Wege. Onkel Johnny sagte, dass mein Vater viel Phantasie hatte, nur mit der Wirklichkeit hätte es gehapert.

 

 

 

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