Kapitel 32: Nächtliche Gespräche

Donnerstag, 25. Oktober 2012
„Im Pfarrhaus brannte noch Licht“: Am Jacobikirchhof 1886. © Museum für Hamburgische Geschichte

Kurz vor der Geisterstunde stand Onkel Johnny auf und winkte mir. Draußen drehten der Bäcker und der Gecko ihre Runden. Im Pfarrhaus brannte noch Licht.

  „Ist das sein Arbeitszimmer?“

  Ich nickte.

  „Dann sag ihm mal, dass er die Funzel ausmachen soll.“

  Ich schloss das kleine Hintertürchen auf und schlüpfte hinein. Hauptpastor Mars saß an seinem Schreibtisch und blätterte in Papieren. Verwundert hörte er mir zu.

  „Denkt dein Onkel etwa, dass ich ihn ans Messer liefern will?“

  Ich zuckte die Achseln.

  Der Hauptpastor seufzte und drehte den Docht, bis er verglomm.

  Wir saßen in der Dunkelheit und warteten. Es verging kaum eine Minute, und Onkel Johnny war da, präsent wie ein Leopard in einem Campingzelt. „Abend, Herr Hauptpastor.“

  „Guten Abend, Johnny. Nimm dir 'n Stuhl. Wozu denn die Geheimnistuerei, ich bin Pastor, nicht Polizist.“

  Mein Onkel setzte sich. „Wenn die Blauen Sie doch mal fragen, wie ich inzwischen aussehe, müssen Sie nicht lügen.“

  „Ich werd' nicht sagen, dass du hier warst.“

  „Noch besser.“

  „Ich bin richtig froh, dass du gekommen bist. Ich habe nie geglaubt, dass du ein Mörder bist.“

  „Ich bin ja auch keiner.“

  „Das weißt du genau?“

  „Ganz genau.“

  Ich hielt die Luft an. Es war also doch Jacks Messer!

  „Aber damals bist du fortgelaufen“, sagte Mars.

  „Damals wusste ich es noch nicht“, erwiderte Onkel Johnny.

  Der Mond kam hinter den Wolken hervor.

  „Wer war es? Jack?“

  „Muss ich erst noch rauskriegen. Wollten Sie mich deshalb sprechen?“

  „Nein. Ich habe gehört, Jack will die Ausländer vom Brook verjagen. Es soll eine Schlägerei geben, ach was, keine Schlägerei, eine richtige Schlacht!“

  „Hab' ich auch schon gehört“, sagte mein Onkel vorsichtig.

  „So. Und was willst du dagegen tun?“

  „Wieso ich?“

  Der Hauptpastor ließ wieder einen Seufzer vom Stapel. „Weil du der einzige bist, der das verhindern kann.“

  Onkel Johnny sagte nichts. Mars wartete eine Weile, dann fuhr er fort: „Es heißt, die ausländischen Banden wollen, dass du sie anführst. Schlag es ihnen ab. Sag ihnen, sie sollen sich auf nichts einlassen. Die Polizei wird sich um die Sache kümmern.“

  „Glaub’ ich nicht“, sagte mein Onkel.

  „Der Erste Polizeiherr hat es mir persönlich versichert“, sagte der Hautpastor. Der Mond schien durch die Vorhänge, aber mein Onkel hatte sich so gesetzt, dass er im Schatten blieb.

  „Bulldog?“ fragte Onkel Johnny. 

  „Ja. Wir haben die Schlägerei am Sonntag zusammen beobachtet. Er hat gesagt, so etwas dürfe und werde nie wieder geschehen.“

  Mein Onkel lachte kurz auf, es klang wie ein heiseres Bellen. „Was wollen Sie dann von mir?“

  „Der Erste Polizeiherr ist ein grundanständiger Mann“, sagte der Hauptpastor mit Betonung.

  „Bulldog ist in Ordnung“, gab Onkel Johnny zu, „aber diese Stadt ist es nicht. Sie ist zu schnell gewachsen, und jetzt geht die Moral in den Dutt. Zu viele Menschen, zu wenig Platz. Zu viel Geld, zu wenig Anstand. Der Brook ist mehr wert, wenn seine Bewohner verschwinden. Erst jagt Jack die Ausländer raus, dann sind die Hamburger dran.“

  „Aber die Polizei wird alles tun...“

  „Wann denn? Wenn der Papst Schneewittchen heiratet? Was haben die Blauen denn bisher getan? Kennen Sie den zuständigen Constabler hier, in der Wache am Brooktor?“

  „Ja. Bestechlich, nicht wahr?“

  „Korrupt wie eine hungrige Katze. Und kennen Sie den ehrenwerten Konsul Averdar?“

  „Ja. 'Ehrenwert' ist sicher zu viel gesagt.“

  „Die Bruchbuden auf dem Brook gehören fast alle ihm. Wenn dort der Freihafen gebaut wird, macht dieser Lump Millionen. Die Leute müssen natürlich verschwinden. Aber der Senat kann es sich wohl nicht leisten, mal eben fünfundzwanzigtausend Menschen aus ihren Häusern zu jagen. Diese Drecksarbeit überlässt er den Banden. Den Brookboys. Unserem lieben Jack. Die Blauen werden ein bisschen so tun, als ob, und ansonsten der Sache ihren Lauf lassen.“

  „Wenn sich das Gute auf Gewalt einlässt, hat das Böse schon gewonnen.“

  „Wir reden vom Brook, Herr Hauptpastor. Wer sich dort nicht wehrt, hat schon verloren.“

  „Wer sich mit den falschen Mitteln wehrt, ebenfalls.“

  „Lieber verlieren als feige türmen. Sie verstehen das nicht, Sie sind Seelsorger. Kümmern Sie sich um die Frauen und Kinder, da haben Sie genug zu tun.“

  Viele Jahre später gestand mir der Hauptpastor, dass er an dieser Stelle an Professor Minkus denken musste, an die Sprüche über die Nordleute der Vorzeit, die Seeräuber und Schwertkämpfer, und ihren sinnlosen Störtebeker-Stolz. „Gewalt zeugt Gewalt“, sagte er, „das steht schon in der Bibel. Dein armer Bruder liegt dort drüben in seinem Sarg, und wenn...“

  „Es war ein Unfall.“

  „Müssen denn wirklich noch mehr Menschen sterben, bis alle einsehen, dass...“

  „Wenn Sie einen Vorschlag zu machen haben – bitte!“

  „Verzeiht einander, damit Gott euch verzeiht.“

  „Wen meinen Sie? Jack und mich? Ich hab’ nichts getan. Und Jack – tja, was der ganz genau gemacht hat, dat mutt sik erst noch utwiesen.“

  Hoger Mars hatte ruhig in seinem Ohrensessel gelagert wie Gottvater vor der Erschaffung der Welt. Bevor es mit der Ruhe für immer vorbei war. Jetzt beugte der Hauptpastor den Vogelkörper vor und starrte in die Dunkelheit, in der mein Onkel saß. „Du bist kein übler Kerl“, sagte er, „und ich denke, dass du ehrlich davon überzeugt bist, gute Gründe für Dein Verhalten zu haben. Lassen wir die nicht so ganz selbstlosen Motive mal beiseite. Rache, zum Beispiel. Oder unsere schöne Nell, der ganze Brook spricht ja schon darüber. Vergessen wir das. Reden wir so, als wärst du neu in diese schöne Stadt, als Fremder ohne Wunsch und Pflicht, erfährst von dieser Schlacht und wirst gefragt, ob du mitmachst. Was wirst du tun?“

  „Erst mal rausfinden, worum es eigentlich geht.“

  „Es geht um Gut und Böse.“

  „Dann bin ich für die Guten.“

  „Auch die Guten müssen bluten.“

  „Das ist wohl so“, sagte mein Onkel. „Aber man muss sich schon für seine Sache einsetzen, wenn man das Leben ernst nehmen will.“

  „Aber wie? In der Stadt gibt es eine tüchtige Polizei. Sie kann die Rädelsführer verhaften, die Banden auflösen und den Kampf verhindern.“

  „Daran glaube ich nicht.“

  „Aber daran, dass du selbst etwas für das Gute tun kannst, daran glaubst du?“

  „Das glaube ich nicht nur, das weiß ich“, sagte mein Onkel.

  „Und wenn es dich dabei erwischt?“

  „Dann habe ich eben Pech gehabt.“

  „Ganz schön selbstgefällig, muss ich sagen. Offenbar siehst du dich bereits als Held. Schlägst dein Leben in die Schanze. Für die anderen. Tapfer, tapfer. Schöne Sache. Wenn du gewinnst, natürlich. Sonst weniger erfreulich. Und wenn du es nicht schaffst? Was ist dann mit den anderen, gehen die ebenfalls mit drauf? Ober sind sie dann wie das Volk Israel Sklaven im Lande Gosen? Aber dein Heldengrab, das halten sie in Ehren, wie? Jungfrauen schmücken es mit Kränzen, was?“

  Mein Onkel sagte nichts.

  „Ich glaube wirklich, du siehst das als eine Heldentat an“, fuhr der Pastor fort. „Aber wer hat dich eigentlich berufen? Welcher Gott hat dich erwählt, welcher Samuel dich gesalbt, welcher Moses dich eingesetzt? Auf wessen Willen ruht dein Recht, wenn nicht auf deinem eigenen?“

  „Der liebe Gott hat damit nichts zu tun“, sagte Onkel Johnny. „Wenn Gott sich mal um den Brook gekümmert hätte, sähe es dort anders aus. Und die Kirche tut auch nicht besonders viel.“

  „Jetzt willst du auch noch Richter sein?“ rief der Pastor. „Richter über Gott, und über seine Diener? Soll dein Messer entscheiden, wer in den Himmel und wer in die Hölle gehört? Ja, es ist viel Unrecht in der Welt, und besonders auf dem Brook, ich sehe wohl die hungernden Kinder, und höre das Weinen der Mütter, und auch die Flüche der Väter! Ich weiß, was Armut bedeutet, was Krankheit ist, und wozu die Verzweiflung die Verlassenen verführt. Aber nur die sind verlassen, die unsern Gott verlassen. Gott verlässt keinen.“

  „Aber was tut er denn?“ fragte Onkel Johnny.

  „Rief Jesus am Kreuz zwölf Legionen Engel herab, um seine Feinde zu strafen? Nein, denn damit hätte er anerkannt, dass die Gewalt die Herrin der Welt ist. Er ließ sich lieber kreuzigen, für uns, sein Volk, und das ist wahre Liebe, nicht das Dreinschlagen! Wegen der Übeltäter ereifere dich nicht, sagt Jeremia, die wird Gott richten. Die Armen aber werden das Land bekommen. Versuche nicht, dich über Gott zu stellen, Johannes Mott! Versuche nicht, die Grammatik unseres Lebens zu verändern! Ja, wir müssen das Böse bekämpfen, aber nicht mit den Waffen der Finsternis, sondern mit den Waffen des Lichts. Jesu Gewaltlosigkeit, nicht Petri Schwert hat uns befreit.“

  „Ich werd’ mich jedenfalls nicht ans Kreuz nageln lassen“, ließ sich mein Onkel vernehmen. „Ich schaff’s noch nicht mal, die andere Backe hinhalten.“

  „Es gibt auch einen Egoismus des Kampfes, sogar einen Egoismus des Heldentums, und dieses Heldentum nenne ich Hochmut“, sagte der Hauptpastor.

  „Wenn einer sich nicht wehrt, wird erst recht umgebracht, das ist jedenfalls meine Erfahrung“, sagte Onkel Johnny trotzig.

  „Von Wehrlosigkeit ist gar nicht die Rede“, sagte der Pastor. „Natürlich sollen wir das Böse bekämpfen, dazu sind wir sogar in der Welt, aber wir sollen das an der Seite Gottes, und in der Ordnung Gottes tun, nicht für uns selbst und nach unserem rachsüchtigen Herzen!“ 

  „Es ist ja nicht so, dass ich diese Schlacht unbedingt will“, sagte Onkel Johnny. „Wenn die Blauen rechtzeitig aufkreuzen, ist es gut. Wenn aber nicht, sind wir bereit. Sagen Sie das Bulldog! Entweder hält die Plempe den alten Jack auf, oder wir tun’s selber.“

  Damit war er verschwunden.

  „Dann kann ich wohl wieder Licht machen“, seufzte der Hauptpastor und zündete seine Petroleumfunzel an.

  „Tschüs“, sagte ich und wetzte hinter meinem Onkel her.

  Als ich ihn eingeholt hatte, sagte ich: „Also war es doch Jacks Messer, und er hat damals den Constabler umgebracht, oder?“

  „Kann ich dir leider nicht sagen.“

  „Wieso, zu Pastor Mars hast du doch eben…“

  „Ich weiß, was ich gesagt habe.“

  „Was willst du jetzt also tun?“

  „Wieder zum Palazzo segeln, das weißt du doch.“

  „Nein, ich meine, was ist jetzt mit Jack?“

  „Ich werde unverzüglich abwarten“, scherzte er. „Warten, so schnell ich kann.“

  „Warum willst du uns denn nicht sagen, was mit dem Messer ist? Nell weiß es doch auch!“

  „Nein, Nelly reimt sich das nur zusammen. Aber wenn ich darüber was zu berichten habe, ist sie bestimmt die erste, die’s erfährt. Und du bist die zweite.“

  „Wieso wir?“

  „Ja, weißt du, Helena, ihr seid Frauen, ihr werdet ja nicht gleich losgehen und Jack ein Messer in die Rippen stecken, was? Aber bei Michel und den anderen bin ich mir da nicht so sicher.“

  „Hast du Angst, sie könnten dir zuvorkommen?“

  „Jack war mein Freund. Glaubst du, es macht mich glücklich, zu wissen, dass er mich verraten hat?“

  „Er hat dein Leben ruiniert“, sagte ich aufgeregt. „Und Nells Leben auch! Er hat dir einen Mord angehängt, und dich dann auch noch an die Portugiesen verkauft. Mein Vater könnte auch noch am Leben sein, wenn du hiergeblieben wärst.“

  „Nein. Gegen das Opium haben schon stärkere Männer verloren. Der Pastor hat völlig Recht, aber mein Herz will nun mal anders als mein Kopf. Für so viel Christentum reicht’s bei mir eben nicht. Aber bevor ich mit Jack abrechne, will ich wissen, was wirklich los war. Wenn er mich reingelegt hat - wie genau hat er es gemacht? Er hätte mich ja einfach umlegen und in die Elbe werfen können.“

  „Und wenn er dich anlügt?“

  „Dazu ist er viel zu stolz.“

  „Und wann willst du es den anderen sagen?“

  „Du hältst erst mal den Schnabel, verstanden? Schau mal: Wenn Michel und die anderen erfahren, dass es Jacks Messer war, was werden sie tun? Vielleicht hören sie auf mich, wenn ich ihnen sage, sie sollen noch warten. Vielleicht hören sie aber auch nicht auf mich. Wir sind hier nicht bei der preußischen Armee. Das sind Hamburger Jungs, die entscheiden selber, was sie tun.“

  Als wir wieder zum Palazzo kamen, kletterte mein Onkel gleich über den Zaun, da hörten wir plötzlich ein lautes Knurren, und drei große schwarze Hunde schossen durch die Büsche auf uns zu. Fast hätte ich vor Schreck aufgeschrien. Onkel Johnny fing den ersten im Sprung und schnitt ihm ruckzuck die Kehle durch, als hätte er das schon hundert Mal gemacht. Hatte er auch, wie sich später herausstellte, weil die Triaden immer riesige Tibetdoggen losließen, wenn die Soldaten hinter ihnen her waren. Rasch tränkte er sein Taschentuch im Blut, wedelte damit herum, und die anderen Hunde krochen winselnd unter die Rhododendren.

  Mein Onkel warf ihnen das Tuch hinterher. „Kannst rüber“, sagte er

  „Am Freitag waren hier noch kein verfluchter Hundeschwanz zu sehen“, schimpfte ich.

  „Ich glaub's dir ja“, beruhigte er mich.

  Er machte die Spitzbubenleiter und hob mich zu dem kleinen Fenster hoch. Ich holte meinen bewährten Handbohrer aus der Umhängetasche, knackte den Fensterrahmen und schlängelte mich in die Villa wie die Kreuzotter in den Hamsterbau. Johnny kam hinter mir her. Wir landeten in der Speisekammer, öffneten die Tür und standen in der Küche. Der blaue Wattezauber der Nachmitternacht durchwebte das Haus mit Geisterstille.

  Wir zogen uns dicke Socken über die Stiefel, nahmen die Hintertreppe in den zweiten Stock und schlichen in das Schlafzimmer, um Lida und Agnes mitzunehmen, wenn die Gelegenheit günstig war.

  Es hat immer etwas Unwirkliches, wenn man nachts durch ein schlummerndes Haus geht, ganz besonders, wenn der gute Mond durchs Fenster guckt. Die Leute liegen wie atmende Leichen, man kann ihnen aus nächster Nähe ins Gesicht sehen. Am tiefsten träumen junge Eheleute, vor allem eine Stunde nach dem Schlafengehen. Bei den Alten dagegen kann es immer passieren, dass sie plötzlich aufwachen, vor allem nach Mitternacht.

  Lida und Agnes lagen engumschlungen in einem kolossalen Himmelbett und ratzten. Ein Zimmer weiter lag der liebe Augustus, den ich von der Soiree am Freitag kannte, der Kronsohn, hätte ich beinahe gesagt, und schnarchte wie ein Dachs. 

  Plötzlich hörten wir Stimmen. Wir tappten auf Katzenpfoten die Treppe hinunter und durch eine lange Doppelreihe Marmorstatuen, die wie Gespenster die Arme nach uns ausstreckten. Mein Onkel hielt vor Averdars Arbeitszimmer an, spähte durchs Schlüsselloch und winkte mir heftig, wegzubleiben, ganz wie ein Chef, der in einer Angelegenheit von höchster Wichtigkeit auf keinen Fall gestört werden möchte.

  Ungefähr fünf Minuten lang kniete er vor der Tür und spähte mit einem Ausdruck höchster Spannung ins Innere, ich dachte schon, er beobachtet den Konsul beim Verstecken der Schlüssel. Ich stand vielleicht zehn Meter von ihm entfernt und hörte nur dumpfe Laute.

  Plötzlich richtete Onkel Johnny sich auf, winkte mir Alarm und stellte sich flach an die Wand. Ich machte mich hinter einem Abguss der Venus von Milo klein. Die Tür ging auf, Licht fiel auf die Antiken, und wer trat heraus? Jack, und zwar stinksauer.

  „Wegen dieser Lumperei lassen Sie mich nachts durch Hamburg kutschieren?“ polterte er. „Sind Sie meschugge? Ich bin doch nicht Ihr Schlattenschammes!“

  Mein Onkel stand hinter der Tür, ein Messer in der Hand.

  „Aber lieber Freund!“ rief eine besorgte Stimme, die ich als die des Konsuls erkannte. „Das war doch nicht der einzige Grund, nein, keineswegs! Ich habe Sie vielmehr in einer ganz anderen Sache gebeten, die nur hier besprochen werden kann, denn ich habe Ihnen etwas zu zeigen, das Sie gewiss interessieren wird. Es geht um sehr viel Geld.“

  „Hoffentlich!“ sagte Jack ärgerlich und ging wieder hinein.

  Ich kam hinter dem Hintern der Venus hervor, um schleunigst abzuhauen, aber nicht mit Onkel Johnny, der klebte sich gleich wieder ans Schlüsselloch. Mir klopfte das Herz, aber der liebe Onkel tat so, als wisse er gar nicht, was Nerven sind. Erst nach einer ganzen Weile hatte er endlich genug gehört, und wir machten uns wieder auf die dicken Socken. Die kleine Agnes mitzunehmen – ich sage immer „kleine Agnes“, dabei war sie genauso so alt wie ich - kam unter diesen Umständen natürlich nicht in Frage. Wir kletterten wieder durchs Fenster. Die Hunde winselten.

  Als Jack und der Konsul aus der Tür kamen, lagen wir längst im Holunder. Jack ging zu seinem schwarzen Einspänner. Plötzlich blieb er stehen.

  „Das war ja klar, dass er was merkt“, murmelte mein Onkel missmutig.

  Jack nahm dem Konsul die Petroleumlampe aus der Hand. Bald hatte er den toten Wachhund entdeckt. Er untersuchte den Kadaver, starrte lange in unsere Richtung, sagte etwas zu dem Konsul und marschierte ohne weiteren Verzug zu seiner Kutsche.

  Der Konsul lief ins Haus und scheuchte die Dienerschaft aus den Kojen. Wir sahen Licht in allen Fenstern. 

  „Weg hier“, sagte mein Onkel und sprang wie ein Steinbock den Hang hinab. Ein paar Mal bewahrte mich nur sein rascher Griff davor, mit dem Kinn den Waldboden zu pflügen. Wir holten hastig den Anker auf und ließen uns ein Stück stromabwärts treiben. Kaum war das geschafft, klapperten Hufe, und Jack peste über den Uferweg wie Ben Hur.

  „Bist du da irgendwo, Johnny?“ hörten wir ihn rufen. „Steckst du da im Wald und spielst Indianer?“

  Mein Onkel gab natürlich keine Antwort, und nach einer Weile fuhr Jack fluchend davon.

  Wir segelten über den Strom und am anderen Ufer zurück. Die Flut schob uns wie ein paar Tage zuvor die Bark, und Onkel Johnny konnte mir in aller Ruhe erzählen, was er gehört hatte. Ich gebe es hier mit meinen Worten wieder.

  Der schurkische Konsul hat nach seiner missglückten Heldentat nicht nur eine dicke Beule, sondern auch die Hosen voll, und jagt einen Brief zu Jack ins „New London“ mit der dringenden Bitte, ihn umgehend in einer äußerst wichtigen geschäftlichen Angelegenheit aufzusuchen. Der Kutscher hat Befehl, auf die Antwort zu warten. Jack kann aber nicht gleich kommen, er hat noch etwas Wichtiges vor, das absolut keinen Aufschub duldet, und zwar muss er einen Mann aus Sibirien umbringen. Davon später. Als Jack endlich aufkreuzt, ist es nach Mitternacht. Er erwartet ein Gespräch über Geschäfte. Als er hört, dass es um Lida Saati geht, platzt ihm der Kragen. Es ist genau das eingetreten, was er befürchtet hat, und er bereut, seine Leute für diese Lumperei hergegeben zu haben.

  Jack weiß inzwischen von Wandrahm-Willy, dass das Geld vom Einbruch bei Averdar im Siel versteckt war und jetzt erst mal futsch ist, auch, dass das kleine Polenmädchen weg ist und Eddie der Schränker im Loch sitzt. Dann kommt auch noch Möller an und mault, weil er die kleine Agnes wiederhaben will. Jack soll ihm helfen, sie zu suchen, damit dieser zweite Oberschurke dem Polizeichef einen Skandal machen kann. Auch nicht so ganz das Niveau, auf dem Jack zu agieren wünscht. Wahrscheinlich merkt er so langsam, mit was für Geschmeiß er sich da eingelassen hat. Er kutschiert also zu dem Geschäftsgespräch und erfährt als erstes: Der feine Konsul hat in seiner vornehmen Lasterbude nicht mal diese billige Zirkusnummer hingekriegt, sondern sich vom eigenen Neffen den Scheitel ziehen lassen, und nun bittet der verhinderte Held, Jack solle Möller im Palazzo eine Zeugenbefragung mit Lida Saati türken lassen.

  „Was, Möller!“ schimpft Jack, „wenn der hier auftaucht, springt das Polackenküken doch gleich aus dem Fenster, Sie Schmierenkavalier!“

  Neben dem Arnheim hockt der Harpyenadler auf seiner Stange, die Lederhaube über den Augen, ganz so, als könne auch er den Konsul nicht mehr ertragen.

  Averdar wischt sich den Schweiß von der Glatze. „Der Constabler soll ja gar nicht selber herkommen, er soll nur ein oder zwei Uniformen besorgen“, schlägt er vor. „Sie stecken zwei von Ihren Leuten hinein, und die Sache ist erledigt.“

  „Erledigt, erledigt!“ sagt Jack ärgerlich. „Damit ist gar nichts erledigt. Das ist ja keine Vierländer Gemüsefrau, das ist eine weltberühmte Sängerin, Sie dämlicher Liebeskasper, die fragt doch spätestens übermorgen nach, was aus ihrer Anzeige geworden ist, und zwar fragt sie den Polizeipräsidenten, das ist nämlich standesgemäß für so eine Nachtigall, auch wenn sie aus Estland ist! Wie wollen Sie denn dem Ritter von Ulzburg-Stegen erklären, was in Ihrem Haus so alles von statten geht? Er hat Sie doch sowieso auf dem Kieker!“

  „Morgen legt die ‚Cimmeria’ an“, sagt der Konsul eifrig, „die nimmt unser Vögelchen mit, das Gepäck wartet in Cuxhaven, und die kleine Polin schaffen wir am besten mit der Eisenbahn in die Heimat, die wird schon nichts erzählen, solche Abenteuer soll ja dort den Heiratschancen ganz erheblich schaden.“ Dabei grinste der unverschämte Kerl schon wieder über das ganze Teiggesicht.

  „Die Kleine hat aber einen Bruder“, sagt Jack grimmig. „Der ist bei den Husaren und nimmt gerade St. Liederlich auseinander!“ Das wusste Jack also auch schon.

  Jack will nur noch raus, als fürchte er, sich gleich auf seidene Teppiche übergeben zu müssen, und das sind die Sekunden, in denen ich hinter der Venus schwitze, und Johnny hinter der Tür, war das knapp! Dann bittet der Konsul Jack wieder hinein und zeigt ihm das Opium. Jack begreift auf der Stelle, wem es gehört.

  „Sie könnten Sie das Zeug übernehmen“, sagt Averdar. „Sind zehntausend Mark angemessen?“

  „Wenn überhaupt, nehme ich es nur in Kommission“, sagte Jack in unheilvoller Ruhe. „Aber das muss ich mir erst noch schwer überlegen.“

  „Angst vor den Chinesen? In ein paar Tagen haben wir das Pack aus der Stadt gejagt“, sagt der Konsul.

  „Wir?“ wiederholt Jack. „Wollen Sie dabei mitmachen?“

  „Ich bin politisch dabei.“

  „Ja, die Politiker“, sagt Jack verächtlich. „Immer schön hinter den Kulissen. Treten aber eilends hervor, wenn es ans Verteilen geht.“

  „So handfest wie Sie bin ich nicht“, sagte der Konsul. „Ich habe andere Aufgaben. Ich verschaffe Ihnen die nötige Rückendeckung, Jack. Und ich bin Ihr Partner. Räumen Sie auf dem Brook auf, und wir machen Millionen!“

  „Wozu dann noch Opiumgeschäfte?“

  „Wir dürfen nicht unbescheiden sein, Jack. Auch kleine Fische machen die Netze schwer.“

  „Kleine Fische? Wissen Sie eigentlich, wem das Zeug gehört?“

  „Diesem Süchtigen, diesem Stadtstreicher doch.“

  „Süchtig war er, aber ein Stadtstreicher war er nicht, sondern ein alter Freund von mir“, sagt Jack.

  Averdar fährt ein wenig zurück. „Sie kennen solche Leute?“

  „Ich kenne noch ganz andere“, sagt Jack. „Der Mann hieß Alfred Mott. Klingelt‘s bei Ihnen?“

  „Tut mir leid, alles taub.“

  „Er war der jüngere Bruder von Johannes Mott. Besser bekannt als Kehrwieder-Johnny.“

  Jetzt dämmert es Averdar. „Von dem Polizistenmörder? Der angeblich wieder da ist?“

  „Allerdings. Dem gehört es nämlich. Und jetzt denken Sie mal nach: Ein Mann kommt nach zwanzig Jahren aus China zurück. Er hat ein bisschen Opium in der Seekiste. Als Startkapital. Man will ja nicht gleich der Wohlfahrt zur Last fallen. Und dann ist das Zeug plötzlich weg. Was denken Sie: Wird er es wiederhaben wollen?“

  „Sie werden ihm ja wohl kaum sagen, wo er es suchen soll.“

  „Der kriegt das allein raus, glauben Sie mir. Und auch, wer seinen Bruder totgefahren hat.“

  „Das war ein Unfall.“

  „Unfall oder nicht, wenn Johnny hinter Ihnen her ist, möchte ich nicht Ihrer Haut stecken. Mit dem hab’ ich viel Salz gegessen.“

  „Er wird mir kaum etwas beweisen können.“

  „Johnny ist nicht der Mann, der Beweise braucht.“

  „Sie werden doch mit ihm fertig? Hetzen Sie ihm die Polizei auf den Hals.“

  „Auf dem Brook regeln wir unsere Angelegenheit selber.“

  „Sagen Sie Ihrem Freund, er soll nur schön vorsichtig sein, sonst gebe ich der Polizei vielleicht selbst einen Wink“, sagt der Konsul.

  „Ach ja, vielleicht dem Polizeichef persönlich?“ fragt Jack sarkastisch. „Die wissen auch ohne Sie, was im Hafen so alles gequackelt wird. Hat Ihnen unser Freund aus dem Senat nichts erzählt?“

  „Hartestraat sagte, man habe den Kerl gesehen, er wollte wohl nach Geesthacht, sie haben die preußische Polizei schon alarmiert.“

  „Nach Geesthacht?“ Jack lächelt amüsiert.

  Der Konsul deutet das Lächeln als Entspannungszeichen und sagt: „Nun, Sie haben vor diesem Mörder bestimmt keine Angst. Übernehmen Sie das Opium, und wir teilen den Gewinn. An Sie wird er sich ja wohl heranwagen.“

  „Da täuschen Sie sich“, sagt Jack. „Johnny hat vor niemandem Angst. Und wenn Sie was für Ihren Kutscher tun wollen, dann sorgen Sie dafür, dass er schnellstmöglich ins Kittchen kommt, sonst macht Johnny ihn alle.“

  „Was, Kutscher!“ lacht Averdar spöttisch. „Der hat sich die Sache selbst eingebrockt, der soll sie auch selber auslöffeln. Von mir aus kann Ihr Johnny ihm Arme und Beine abhacken. Gleich morgen schmeiße ich den verdammten Kerl raus. Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun, sagen Sie das Ihrem Freund, wenn Sie ihn sehen!“

  Jack maß ihn von oben bis unten. „Wenn ich ihn sehe“, sagte er kalt.

  So also das Gespräch zwischen den beiden unfrohen Geschäftspartnern. Nachdem mein Onkel mir alles erzählt hatte, fragte er: „Was hältst du von dem Tresor?“

  „Tja, der ist ja mal nicht so einfach auszunehmen wie ein Vogelnest im Gras, der wiegt mindestens zehn Zentner.“

  „Mitnehmen ist nicht, wie? Aber der Bäcker kriegt ihn auf, was?“

  „Glaub’ nicht, der Alte ist schon viel zu lange raus aus dem Geschäft.“

  „Und sonst?“

  „Da gibt‘s nur einen: Eddie.“

  „Eddie?“

  „Eddie der Schränker. Für den hab’ ich hier doch baldowert! Der hat er auch den Arnheim in Averdars Kontorhaus aufgeknabbert.“

  „Nicht übel“, sagte mein Onkel, was bei ihm eine hohe Form der Anerkennung war.

  „Leider kriegt er ja jetzt leider die Sonne nur noch scheibchenweise geliefert.“

  „Was denn, er sitzt?“

  „Ja, gestern haben sie ihn eingelocht.“

  Wir segelten zurück. Onkel Johnny erzählte Kowalski von seiner Schwester und sagte: „Morgen Mittag holen wir sie. Nimm die Uniform mit, du trittst als Husar auf, bei den Villen suchen sie keine Deserteure. Helena und ich kommen als Freunde mit, hübsche junge Mädchen haben immer was Vertrauenerweckendes.“

  „Gut“, sagte der Pole. Was sollte er auch machen, er musste sich gedulden.

  Als der Morgen graute, gingen wir nach Hause. Es war schon eine recht merkwürdige Totenwache, möchte ich sagen, zwei Einbrüche, zwei Törns im Vollmond auf der Elbe, das Gespräch mit dem Pastor, der getötete Hund, Jack – mir kam das alles bald ziemlich unwirklich vor. Ich hatte kaum Schlaf in diesen turbulenten Tagen, aber irgendwie wurde ich nie richtig müde, es war alles viel zu aufregend.

 

 

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