Kapitel 33: Neun Messer

Samstag, 27. Oktober 2012
„In den ‚Sieben Sünden Sodoms‘“: Häuser an der Ecke Rolandsbrücke/Große Reichenstraße 1889. © Museum für Hamburgische Geschichte

 Jetzt muss ich aber erst mal erzählen, warum sich Jack bei dem Konsul verspätet hatte. Er war auf der Bühne gestanden, nicht in seinem Nachtclub, sondern in den „Sieben Sünden Sodoms“, dem Etablissement des Ährlichen Hans, und er stand dort nicht etwa als Sänger, und natürlich auch nicht als Tänzer, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn.

  An diesen Abend hatte der Impresario, Bestattungsunternehmer und Femegraf eine geschlossene Gesellschaft geladen. Im einschlägigen Manufaktur-Rokoko des Milieus, auf den typischen Louis-Toujour-Stühlen mit ihrem abgewetztem Proletenplüsch, saßen lauter Leute, die statt Variéte „Warmtee“, zu Kaffee „Negerschweiß“ und zu trocken Brot „Spitzbubenkuchen“ sagten, Sängerinnen „Krähmatorien“, Gebete „Christenflaggensignale“ und Polizisten „die heilige Hermandad“ nannten: Hamburgs Unterwelt gab sich die Ehre, und ihre Gäste kamen von weither, denn Großes war angekündigt. Die Kerle polierten pausenlos ihre protzigen Siegelringe, und ihre Haremsweiber waren mit Schmuck behängt wie römische Madonnenstatuen. Es war stickig und sehr warm, Bierdunst und Tabaksqualm waberten durch den Saal, es stank nach Schweiß, Brillantine und Poussiertunke, es muss eine richtige Affenbudenluft gewesen sein. Die rothaarige Martha aus Barmbek, die mit den krummen Strümpfen, war auch dabei, angeheuert von einem hageren Berliner aus der Blütenbranche, und sie hat mir später alles haarklein erzählt.

   Auf der Bühne tanzten diesmal keine Ballerinen, es floss Blut. Die Kulisse stellte das Kolosseum dar, wie es der Pinsel eines von den Sirenen der Nacht ins Milieu gelockten Kunstmalers geschaffen hatte. Vor dem Hintergrund voller Gladiatoren, Löwen und einem daumensenkenden Nero gingen sich zwei dänische Doggen in einem Zirkuskäfig an die Kehlen. Danach prügelten zwei Boxer, der eine angekündigt als „Belgischer Rundschlag“, der andere als „Berliner Bär“, unter dem Gejohle der Ganoven mit verbundenen Augen aufeinander ein. „Schmeißt den Kerl ins Fleet!“ wüteten Wetter, die auf den preußischen Verlierer gesetzt hatten.

  Der Ährliche Hans kletterte wie üblich mit Frack, Vatermörder und viel zu kleinem Zylinder auf ein Podest, ruderte mit den Fledermausarmen, bis endlich Ruhe einkehrte, und kündigte den „Höhepunkt der heutigen Sportveranstaltung“ an: ein Duell mit Messern, „neun Würfe oder Tod“.

  „Neun Würfe oder Tod!“ antwortete ein begeistertes Echo.

  Als ersten stellte der Impresario einen in Fachkreisen berühmten Klingenkämpfer vor, den er für eine schöne Stange Geld aus Berlin hatte kommen lassen: „Hier ist er, der furchteinflößende, blutgierige, unbezähmbare Krieger aus den Steppen Asiens: Oleg der Tartar!“ Es war ein breitschultriger Sibirier mit einem Zopf am rasierten Schädel, einem Mongolenbart, mächtigen Muskeln am nackten Oberkörper, azurblauen Pluderhosen und silbernen Stiefeln, er hätte auch im Zirkus reiten können, wenn er nicht so schwer gewesen wäre. Sein Bruder Igor sah genauso gefährlich aus und machte den Sekundanten.

  An Olegs Ledergürtel funkelten die zugelassenen neun Messer. Der Ährliche Hans zeigte dem sachkundigen Publikum der Reihe nach die scharfen Klingen. Dann brachten zwei Rausschmeißer eine hübsche junge Schwarze, die nichts als ein Baströckchen trug, und banden sie mit einer großen Schleife an eine plump nachgemachte korinthische Säule. Der Tartar trat zu einem kleinen Tisch, auf dem eine Obstschale stand, wählte eine Orange aus, und sein Bruder legte sie dem Mädchen auf den Kopf. Oleg hob ein Messer, visierte sein Ziel an, ein Blitzen, ein Schlag, und der Wurfdolch nagelte die Südfrucht an den pseudoantik beklecksten Föhrenbalken.

  Ein anerkennendes Raunen ging durch den verqualmten Saal. Der Sibirier verbeugte sich wie ein Artist, ging zu dem Mädchen, tätschelte den strammen Hintern, zog das Messer aus dem Holz und steckte es wieder in den Gürtel.

  Danach stieg, ebenfalls oberhalb des Gürtels nackt, sein Gegner auf die Bühne. Und wer war das? Kein anderer als unser Jack.

  „Es war ja nu gerade nich sein erster Kampf“, erzählte mir die rote Martha später. „aber wir hatten immer ganz schön doll Angst um ihn, weil er doch so ein schöner Mann war.“

  Laute Zurufe empfingen Jack: „Mach der Russensau ’n Loch in die Schwarte!“

  Der Ährliche Hans ruderte wieder mit den Armen. „Und nun der Meister!“ schrie er in das Gejohle, „der Stolz unserer edlen Stadt, der unbesiegte, furchtlose, ehrenwerte Herr Notar!“

  Jacks Sekundant war natürlich Wandrahm-Willy. Nach geflissentlicher Prüfung der Waffen durch den Ährlichen Hans ging der Narbenmann ebenfalls zu dem Tischchen, wählte eine Banane, steckte sie der halbnackten „Sklavin“ zwischen die weißen Zähne, drehte ihren Kopf zur Seite, und Jack ließ sein Messer fliegen. Ein entzückter Aufschrei hallte durch die Bude: Jack hatte nicht auf die Frucht, sondern auf die Schleife gezielt. Die zerschnittene Fessel fiel herab, die Schwarze nahm die Banane aus dem Mund, knickste und tänzelte in die Kulissen. Tosender Beifall.

  Ich glaube kaum, dass einer von euch schon mal einen solchen Kampf gesehen hat. Ich glaube auch nicht, dass es heute noch solche Kämpfe gibt, höchstens in Japan, bei den Yakuza; unsere schweren Jungs haben schon lange nicht mehr den Schneid dazu. Bei diesem Spiel sind die Niederlagen nämlich ziemlich endgültig. Und so ging das damals zu:

  Nachdem reichlich gewettet worden war, winkte der Ährliche Hans die Gegner zu sich in die Mitte der Bühne und erklärte laut die Regeln, die den beiden und allen Zuschauern natürlich längst bekannt waren. Die „Sklavin“ kehrte mit einem Tablett zurück. Der Femegraf zeigte dem Publikum zwei schwarze Augenbinden, legte sie den Männern an und überprüfte sie sorgfältig. Dann nahm er Gummibänder mit kleinen Glöckchen und streifte sie den Kämpfern über die Handgelenke.

  Die junge Schwarze führte die Kämpfer auf ihre Plätze, und der Ährliche John rief: „Die ersten drei Messer!“

  Die beiden Männer duckten sich lauernd, zogen vorsichtig je eine ihrer Waffen und lauschten in die atemlose Stille.

  „Gerade vor dir, Jack!“ rief ein betrunkener Witzbold und lachte, bis die Schampusflasche seines Hintermanns auf seinem Schädel zerschellte.

  Jack streckte den linken Arm aus, dass die Glöckchen bimmelten, und trat schnell einen Schritt nach rechts. Sofort schleuderte der Sibirier sein Messer, und die rasche Bewegung ließ nun auch sein Armband klingeln. Der „Notar“ orientierte sich an dem Geräusch und warf fast in derselben Sekunde. Sein Gegner aber hatte sich vorsichtshalber gleich mal geduckt, und beide Messer steckten in den Bretterwänden.

  „Hödjihöh!“ schrien die begeisterten Unterschichthanseaten. „Jümmerbeterbi!“

  Das Gebrüll wich rasch neuer Spannung. Wieder belauerten sich die Kämpfer, wieder warf der Sibirier als erster, und wieder verfehlten beide ihr Ziel. Dann versuchte der Tatar seinerseits ein Täuschungsmanöver, aber Jack hatte auf den Sprung spekuliert. Der Sibirier hörte das Schwirren und warf sich im allerletzten Moment zu Boden.

  „Halt!“ rief der Ährliche Hans. Die beiden Kämpfer nahmen die Augenbinden ab und schauten nach, wo die Messer eingeschlagen hatten. Dann stellten sie sich wieder bereit. Der Richter überprüfte die Augenbinden, brachte sich aus der Wurfrichtung und rief: „Die nächsten drei Messer!“

  Der sechste Wurf brachte die Entscheidung. Der Tatar sprang zur falschen Seite, und Jack Waffe fuhr ihm in die Brust. Der Getroffene stieß einen Schrei aus und brach in die Knie.

  „Aus!“ schrie der Ährliche Hans.

  „Hurroh!“ schrien die einheimischen Ganoven, während sich ihre Berliner Gäste sauer bei dem Toten beschwerten und mit großen Schlucken über die verlorenen Einsätze trösteten. Einige der Herren waren allerdings so verärgert, dass sie sich erst wieder besänftigen konnten, nachdem sie ihren jubelnden Hamburger Miet-Mädchen ein paar reingehauen hatten. Auch die rote Martha bekam einiges ab, aber sie war nichts anderes gewohnt. „Hat mir gar nichts ausgemacht“, behauptet sie jedenfalls, „Hauptsache, Jack hatte gewonnen.“

  Der Tartar riss sich die Binde von den Augen und starrte auf das Messer in seiner Brust. Blut spritzte stoßweise aus der Wunde.

  „Ick bin satt!“ stöhnte er. „Bring es zu Ende!“

  Jack schüttelte den Kopf und ging rasch von der Bühne. Der Sibirier stieß einen Fluch aus, sackte auf die Seite und starb.

  „Jetzt ich!“ rief sein Bruder und wollte den Gürtel nehmen, aber der Ährliche Hans verwehrte es ihm ganz energisch: „Nur ein Kampf am Abend, so sagt es das Reglement.“ Alles andere wäre in den Augen dieses gefinkelten Totschlag-Impresarios pure Verschwendung gewesen.

  „Ich kacke auf euer Reglement“, rief Igor wütend. „Komm zurück, du feiger Hund!“

  „Recht hat er!“ murrten einige seiner Landsleute.

  „Ihr könnt ja nich die Regeln ändern, wie’s euch passt!“ hielten die Hamburger Jungs dagegen, die Jacks Sieg auskosten wollten.

  Schon wurden die ersten Stühle geschwungen, da rief der Ährliche Hans rasch eine Lokalrunde Schampus aus, und die Gemüter beruhigten sich wieder.

  Jack wusste natürlich ganz genau, dass es der reine Irrsinn war, den Hals für Ährlichs Verbrechervarieté zu riskieren. Aber so war er nun mal: Ich glaube, dass er nicht einmal in den Armen einer Frau das Leben so intensiv fühlte wie in einem Kampf bis zum Tod. Und wahrscheinlich dachte er wie Shakespeares Cäsar: „Gar wohl weiß die Gefahr, Cäsar sei noch gefährlicher als sie.“ 

 

 

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt