Kapitel 34: Der Kampf am Vogelhüttendeich

Mittwoch, 31. Oktober 2012
„Der Wind mallte, und das Wasser war kabbelig“: Blick vom Kehrwieder auf das Fleet Beim Neuen Krahn 1885. © Museum für Hamburgische Geschichte

Kowalski wohnte neben mir, ich hörte ihn rastlos auf und ab gehen. Schon um sieben Uhr saß der Husar beim Frühstück und wartete auf uns.

  „Wir fahren!“ sagte er, kaum dass der Kaffee auf dem Tisch stand.

  „So früh besucht man keine Leute“, sagte mein Onkel, „nicht in Hamburg, und schon gar nicht an der Elbchaussee.“

  „In Hamburg sagt man, wer sich vor zehn Uhr auf der Straße sehen lässt, hat’s zu nichts gebracht“, ergänzte ich nicht ohne einen gewissen Stolz, da dieser Grundsatz ja auch für mich galt.

  Der Husar war an Redensarten nicht interessiert. „Wann also? Sofort?“

  Es half nichts, wir mussten los. Kowalskis Uniform steckte in einem Koffer, den ihm Nell geborgt hatte. Den Säbel hatte der Husar in einen Bettvorleger eingerollt. Onkel Johnny pfiff eine Droschke heran, und wir ratterten los. Nach ein paar Metern mussten wir anhalten, um eine andere Kutsche vorbeizulassen, und wer lümmelte drin? Wandrahm-Willy und Wacko Brett. Vom Bock grinsten Ben der Bremser und Diet der Dorsch auf uns herunter. In flotter Fahrt rollten die Gangster Richtung Elbbrücken.

  „Was waren das für Leute?“ erkundigte sich Kowalski. Wir sagten es ihm, und er reagierte mit dem gewohnten Kommentar: „Vermaletrackte Kerle!“

  Durch die Hauptstraßen rollten Fuhrwerke dicht an dicht, unser Husar wurde wild und wollte in der Esplanade auf den Kutschbock klettern, kaum dass Johnny ihn zurückhalten konnte.

  „Ich kann besser als diese Schlafmütz“, zürnte Kowalski, „fuhr Sechsergespanne für die Artillerie, da geht’s voran, Hurra ob Stock ob Stein!“

  Als wir nach einer Stunde endlich in die Einfahrt zum Palazzo abbogen, sahen wir dort ein Dutzend Kutschen aller Größen.

  „Vielleicht Empfang?“ rätselte Kowalski, klappte den Koffer auf und kletterte in seine Uniform.

  „So früh gibt man keine Empfänge“, sagte mein Onkel und zerrte mich hinaus, denn der Pole kleidete sich nach Soldatenart ziemlich ungeniert um. „Nicht in Hamburg, und schon gar nicht an der Elbchaussee.“

  „Es sei denn, man hat zu nichts gebracht“, knurrte Kowalski.

  Als er wieder Husar war, stieg er aus und ließ den Säbel ein paar Mal durch die Luft sausen. Der Kutscher staunte nicht schlecht. Mein Onkel befahl ihm, zu warten, und wir marschierten zum Eingang. Kowalski ließ den Ring auf den Messing knallen. Die weißbehaubte Haushälterin öffnete. Ich schob mich hinter meinen Onkel, obwohl ich ziemlich sicher war, dass sie mich nicht erkennen würde.

  „Sie wünschen?“

  „Meine Schwester!“ herrschte der Husar sie an.

  „Wie bitte?“

  „Leutnant Kowalski und seine Braut möchten gern seine kleine Schwester besuchen“, sagte mein Onkel unter zweckmäßiger Beförderung  des Husaren und meiner Wenigkeit. „Uns wurde mitgeteilt, dass sie gestern hier eingetroffen ist. In Begleitung von Frau Lida Saati, der berühmten Opernsängerin.“

  Das wirkte, aber leider kam es anders, als wir gehofft hatten. „Bedaure“, sagte die Haushälterin. „Die Damen sind nicht anwesend.“

  „Was soll das heißen?“ fragte Kowalski drohend.

 „Sie sind ausgefahren.“

 Ich lugte über Onkel Johnnys Schulter. In der zedernholzgetäfelten Halle packten wohlgekleidete Mamsells teure Plünnen in Pappschachteln.

  „Wieso?“ donnerte Kowalski los. „Wohin?“

  „Beruhigen Sie sich bitte, Herr Leutnant“, sagte die Haushälterin, die schon höheren Dienstgraden geöffnet hatte als einem kleinen Husarenoffizier „Sie ist zu ihren Eltern gefahren. Die gnädige Frau begleitet sie. Der Herr Konsul hat ihnen seine Kutsche zur Verfügung gestellt, und der junge Herr fuhr ebenfalls mit.“

  Schon am Abend zuvor, als der Konsul auftafeln ließ, und zwar solche Kreationen wie gefüllte Zitronen mit Austernragout und geräucherte Ochsenzunge in Mandelteig, hatte die arme Agnes wieder angefangen, fürchterlich zu weinen, und unter Schluchzen gebeten, sie doch so schnell wie möglich zu ihren Eltern zu bringen, die sich schreckliche Sorgen um sie machen müssten. Der Konsul hatte aber gesagt, dass es schon zu spät sei, in der Dunkelheit komme man nicht mehr über die Elbe, was nicht gelogen war. In der Nacht, in dem Gespräch, das Onkel Johnny leider nicht bis zum Ende belauschte, muss der Schuft Jack noch so lange bearbeitet haben, bis dieser schließlich einwilligte, Wandrahm-Willy mit seinen Leuten loszuschicken.

  Am Morgen hatte Averdar die Couturiers, Tailleurs, Cordonniers, Modistinnen und Coiffeurs aller führenden Hamburger Ateliers mit ihren exklusivsten Creationen einbestellt, damit sich Lida und Agnes ausstatten konnten. Natürlich wollte der schurkische Konsul damit vor allem Zeit gewinnen. Während der rasende Kutscher Anton, den rauszuschmeißen der Konsul noch keine Zeit gefunden hatte, in der Remise den „silbernen Adler“ putzte, bat Augustus den Onkel um eine seiner englischen Duellpistolen. Averdar rückte die Waffe nur widerstrebend heraus, und zwar nicht etwa, wie sein Neffe glaubte, wegen des Wertes: Zwar dürfte Jack ihm versichert haben, dass Augustus kein Haar gekrümmt werde, aber wenn der Junge tatsächlich einen der Kerls verletzte oder gar umbrachte, konnte es teuer werden. Deshalb nahm der Konsul heimlich die Kugeln heraus. Zwar würde Pulver krachen, aber niemand zu Schaden kommen. Und so ein unerfahrener Schütze wie der liebe Neffe würde sicher glauben, er habe danebengeschossen.

  Als der blausilberne Landauer abfuhr, war Lida Saati – und weil wir später so gute Freundinnen wurden, möchte ich ab jetzt nur Lida sagen - unter dem Hut mit Schleier kaum zu erkennen. Die kleine Agnes sah wie eine Prinzessin aus.

  Nach einer halben Stunde zügelte Anton die Schimmel vor dem „Hamburger Hof“. Augustus sprang aus der Kutsche und eilte in die Suite seines Lehrers. Er fand den Professor auf allen Vieren, bemüht, auf dem Pitchpineboden einen Wust von Zeichnungen zu ordnen.

  „Da sind Sie ja endlich!“ rief Minkus erfreut.

  „Tut mir leid, da ich erst so spät komme, Herr Professor, aber es ist eine Menge passiert...“

  „Papperlapapp! Legen Sie ab und assistieren Sie mir. Hier ist ein Reihe, die mir nicht sicher bestimmbar erscheint, aber sie...“

  „Ich kann leider nicht bleiben, Herr Professor. Man wartet auf mich. Aber gleich morgen früh...“

  „...weist offenbar auf eine frühe Vorläuferin der Midgardschlange hin. Ob sich in Hamburg wohl auch an sie eine lebendige Erinnerung erhalten hat?“

  Augustus eilte zu der Kutsche zurück. Anton knallte die Peitsche, und der Landauer rollte auf der Lombardsbrücke zwischen den Alsterseen auf den Glockengießerwall. An der Steigung zum Steintor gingen die Pferde im Schritt, aber an der „Wasch- und Badeanstalt Schweinemarkt“ brachte Anton sie wieder auf Trab. Ohne anzuhalten, rasselte die Kutsche durch das Brookstor zur Dampffähre über die Norderelbe. Trotz der Sonne war der Fahrtwind kühl, und Augustus legte Agnes fürsorglich eine Decke über die Beine. Lida lächelte in sich hinein.

  Die Überfahrt auf die Veddel dauerte eine Viertelstunde. Auf dem gepflasterten Fahrdamm der Harburger Chaussee legte Agnes das blonde Köpfchen an die Schulter ihres Beschützers. Als die Räder den Morast am Vogelhüttendeich pflügten, wurde Lida mulmig. Das war kein Aschenputtelheim, das waren Sklavenhütten.

  Augustus hörte Agnes angstvoll atmen. Tröstend knetete er die kleinen, kalten Finger zwischen seinen großen, warmen Händen. Als er die Tür öffnete, stand ein Mann vor ihnen.

  „Darf ich den Herrschaften beim Aussteigen behilflich sein?“

  Erschrocken legte Lida den Arm um Agnes. Das blasse Gesicht unter den langen, blauschwarzen Haaren, die blutrote Narbe!

  „Keine Angst“, sagte Wandrahm-Willy. „Wenn ihr schön artig seid, tu ich euch nichts.“

  „Was sagen Sie?“ fragte Augustus verblüfft.

  „Vorsicht“ rief Lida. „Das sind die Kerle, die mich entführt haben!“

  „Ganz ruhig“, sagte Willy.

  „Verschwinden Sie“ sagte Augustus drohend und zog seine Pistole hervor.

  „Ach du liebe Güte“, sagte Willy.

  Es war nicht die letzte Überraschung für ihn an diesem Tag. Die nächste nahte schon, und zwar im gestreckten Galopp. Denn als Kowalski erfahren hatte, wohin seine Schwester gefahren war, zog er den Mietkutscher von seinem luftigen Sitz und peitschte auf die Gäule los, kaum dass mein Onkel und ich uns hineinschwingen konnten.

  Der Pole hatte nicht geprahlt, er fuhr, wie die Kosaken reiten. Die Elbchaussee war damals viel schmaler als heute, außerdem sandig und voller Schlaglöcher. Seit hundert Jahren bauten die reichen Hanseaten dort ihre prächtigsten Landsitze in Wald und Heide. Einst waren auf dem alten Heerweg die Franken Karls des Großen zur Nordsee gezogen, jetzt raste der Unteroffizier eines preußischen Infanterieregiments, diszipliniert, autoritätsgläubig und gesetzestreu, mit seinem Rappelkasten durch die Sperre, und der Schlagbaum flog in den Graben zu den Raben.

  Obwohl die Straße an dieser Stelle stark abschüssig wird, hieb der Husar wie hirngepickt auf die schnaubenden Pferde ein. Hinter dem Bahnhof der König-Christian-VII.-Ostseebahn nach Kiel staute sich der Verkehr bis zur Palmaille, und der Soldat zwang das Gefährt gegen alle physikalischen Gesetze in die Steilkurve zum Fischereihafen. Die Eisenräder kreischten infernalisch, der Schlag flog auf, und fast wäre ich in den Abgrund gesegelt. Ich konnte mich gerade noch am Türrahmen festklammern, und mein Onkel zog mich hinein, als die Scharnieren auch schon tschüs sagten und die Tür in die Bäume krachte.

  „Der Kerl bringt uns um!“ fluchte Onkel Johnny, drückte mich in die Polster, bis ich mich dort festkrallt hatte, und kletterte auf der anderen Seite hinaus. Kaum hatte sein Fuß den Tritt ertastet, bog die Kutsche nach links in den Elbberg, und mein Onkel hing wie eine Fahne in der Luft. Als es wieder geradeaus ging, hangelte er sich am Wagenkasten nach vorn und zurrte sich auf den Bock.

  „Hör auf mit dem Quatsch!“ schrie er.

  „Steig doch aus!“ brüllte Kowalski zurück.

  „Das halten die Gäule nie durch!“ 

  „Wollen sehen!“

  Die Kutsche preschte den Elbberg hinunter und über den Ostkai wie Wotans wilde Jagd, und ich holte mir fleißig blaue Flecken. Matrosen und Hafenarbeiter spritzten fluchend zur Seite, und manches alte Fischweib bekam wieder junge Beine. Auf dem Markt rollten Lohnkutscher ihre Fuhrwerke vor lauter Schreck in die Stände, sodass Kisten durch die Gegend polterten und es ein fürchterliches Durcheinander gab.

  Plötzlich schnitt ein Pfiff durch die Luft. Am Vorsetzen legte eine Dampfbarkasse an, und Arbeiter der Werften am Reiherstieg, die wie ein ausgeflogener Bienenschwarm an ihr klebten, stiegen von Bord.

  „Abkürzung!“ schrie Onkel Johnny und zeigte auf die Fähre.

  Der Husar lenkte unsere rasende Quadriga auf den Kai. Entsetzte Schauerleute retteten sich mit einem Sprung in die Elbe. Der Barkassenführer, ein knasterdampfender Finkwarder mit viel rotem Wetterleder im eisgrauen Rahmenbart, legte sicherheitshalber ein paar Meter zwischen sich und die Hafenmauer. Kowalski trat die Bremsklötze gegen die Hinterräder, stemmte sich gegen das Spritzbrett und riss die Zügel zurück, dass die abgehetzten Pferde wiehernd auf die Hinterbeine stiegen. Noch ehe die Kutsche ganz zum Stehen kam, war mein Onkel schon vom Kutschbock und mit einem gewaltigen Satz auf die Barkasse gesprungen.

   „Zurück!“ befahl er und fuchtelte dem Kaptein mit seinem Messer vor der Nase herum. Der Alte zog eilig einen Hebel und bugsierte sein Boot wieder an den Kai. „Wat wullt ji Jungens dann?“ wunderte er sich. „Dat is doch man blot ’ne ole Barkasse!“

  Ein paar Arbeiter, die gern mitfahren wollten, sahen dem Manöver erst verblüfft, dann unschlüssig zu, angelten aber schließlich doch nach alter Hafensitte hilfsbereit die Fäuste aus den Taschen.

  „Militär! Geheime Aktion! Machen Sie den Weg frei!“ schrie der Husar, und der Respekt vor seiner Uniform trieb die Männer zurück. Ich kletterte an Bord, Kowalski hinterher.

  „Abfahrt!“ rief mein Onkel.

  Die Arbeiter schauten schimpfend zu, wie die Fähre ohne sie auf den Strom schwamm.

  „Und wohin schall dat nu gahn?“ fragte der Kaptein. Er war zu lange zur See gefahren, um sich vor einem durchgedrehten Soldaten zu fürchten.

  „Reiherstieg“, sagte Onkel Johnny.

  Der Alte signalisierte ein Kommando in den Maschinenraum, und die Barkasse kaduckte auf die Norderelbe hinaus, schön im Karpfentempo.

  „Volldampf!“ rief Kowalski. Über uns schrien die Möwen, als witterten sie Schiffbruch.

  Der Kaptein zeigte mit dem Pfeifenstiel auf das Gewimmel der Ewer, Leichter, Schlepper und Schuten zwischen den Seglern: „Toveel los op’n Water hüt!“

  „Dann gib man Laut!“

  Der Alte hupte mit der Barkassenpfeife, es nutzte aber nichts.

  „Feueralarm!“ befahl Onkel Johnny.

  Der Kaptein zog einen Hebel, und die Dampfpfeife stieß lange Heultöne aus. Sofort machten die anderen Boote Platz. Volle Fahrt voraus! Der Dampfkahn kam ins Rollen. Ein paar Minuten später jachterten wir unter den Hellingen der Werften in den Reiherstieg. „Keen Tiet! Keen Tiet!“ ächzte die Maschine. Die Feuerung presste dichte schwarze Wolken aus dem Schornstein.

  „Schneller!“ schrie Kowalski.

  „Dann platzt uns verdorri der Kessel!“ knurrte der Kaptein, nun vorsichtshalber überwiegend auf Hochdeutsch.

  Onkel Johnny zeigte nach links, und die Barkasse karjuckelte Kurs Süden. Der Wind mallte, und das Wasser war kabbelig. Ein paar Mal dachte ich sogar, wir würden kapseis gehen, aber der Pott kriegte die Kurve, bis wir endlich volle Pulle in den Kanal zum Vogelhüttendeich klabauterten. Noch während die Barkasse beidrehte, sprangen wir auf die Böschung.

  Einige hundert Meter richtete Augustus gerade die Pistole auf Willy. „Ich schieße!“

  Willy lächelte spöttisch.

  „Fahren Sie!“ rief Lida zum Kutscher hinauf, aber neben Anton saß schon längst Ben der Bremser.

  „Hallo die Katz!“ sagte Wandrahm-Willy und grinste Augustus an. „Willst mich wohl man eben ausklarieren!“

  Auf der anderen Seite steckte Wacko Brett den kahlen Schädel durch das Fenster, und die kleine Agnes schrie erschrocken auf. Augustus fuhr herum. Wandrahm-Willy nutzte die Gelegenheit und griff nach der Pistole. Augustus hielt sie fest, und ein Schuss löste sich.

  Onkel Johnny und Kowalski liefen wie die Tiger, ich kam trotz meiner berühmten flinken Beine nicht mehr mit.

  Erschrocken sah Augustus, wie Wandrahm-Willy die Augen verdrehte und langsam in die Knie sank.

  „Jetzt is’ er abgeklappt!“ gluckste Ben der Bremser. „Nur een Schuss und gleich so dod!“

  Neben ihm schlotterte der Kutscher Anton vor Angst.

  Augustus wusste nicht, ob er entsetzt oder erleichtert sein sollte. „Und jetzt verschwindet!“ herrschte er die Straßenräuber an.

  „Nicht so eilig“, hörte er neben sich sagen und sah zu seinem Schrecken, dass der „Tote“ wieder aufgestanden war. „Schlecht gezielt!“ sagte Willy und nahm dem armen Augustus, der ganz betippert guckte, die Waffe aus der nicht länger widerstrebenden Hand. „Und nun werden die Damen uns die Güte erweisen und aussteigen.“

  „Auf keinen Fall!“ rief Lida und zog die junge Polin schützend an ihre Brust.

  „Raus mit dir!“ rief Wacko und griff zu. Seine Hand fuhr aber wie von der Schlange gebissen zurück, als neben ihr ein Messer in das Holz der Tür schlug.

  „Das würde ich man lieber sein lassen“, hörte der Riese hinter sich sagen.

  Verblüfft drehten sich die Gangster um.

  „Du schon wieder“, sagte Willy verblüfft, als er Johnny sah.

  „Was is’n das?“ piepte Wacko fuchtig. „Warte, du Kanaille, dir zeig’ ich’s!“

  „Das is Kehrwieder-Johnny“, sagte Willy.

  Wacko, der schon Anstalten gemacht hatte, sich auf meinen Onkel zu stürzen, blieb stehen. „Der kommt anscheinend wirklich öfter mal wieder“, sagte er. „Is’n echter Wiedergänger, mir gruselt schon!“

  Sie sahen, dass Onkel Johnny die Hände unter der aufgeknöpften Jacke knapp über den Gürtel mit den Wurfmessern hielt, da kam auch schon Kowalski angekeucht. „Agnes!“

  „Die haben Messer!“ warnte mein Onkel.

  „Ich habe Säbel!“ antwortete der Husar und stürzte sich auf den Riesen.

  Willy hätte den Polen mit einem Wurf aufhalten können, wagte es aber nicht, weil er dann keine Antwort gehabt hätte, falls auch Onkel Johnnys Messer flog. Deshalb blieb er stehen, die Rechte leicht angewinkelt.

  „Was ist, traust du dich nicht?“ fragte Onkel Johnny.

  Wacko riss seinen Stock hoch und fing Kowalskis Säbelhieb ab, wobei der Stecken allerdings in Trümmer ging, Hickoryholz hin oder her. Im gleichen Augenblick sprang der junge Augustus aus der Kutsche und warf sich auf Willy. Es war keine sehr geübte Attacke, aber das Gewicht riss Willy von den Beinen, und da er den Neffen des Konsuls nicht verletzen sollte, wälzten sich die beiden eine Weile im Morast hin und her.

  Der Riese kriegte den Husaren an der Säbelhand zu fassen und wollte ihn niederringen, aber die Wut verdoppelte Kowalskis Kräfte, und weil Wacko die Hand seines Gegners nicht loslassen durfte, an der anderen aber selber gepackt wurde, konnte der ehemalige Preisboxer auch nicht zuschlagen. So torkelten die beiden nun in einem grotesken Pas de deux schiebend und stoßend vor der Kutsche herum.

  Die kleine Agnes hatte ihren Bruders gehört, riss sich von Lida los und steckte das Köpfchen aus dem Fenster. Diet der Dorsch sprang aufs Trittbrett, packte sie an den Haaren und drückte ihr das Messer an den weißen Hals

  „Haut ab!“ schrie er uns zu. „Sonst gibt’s heut’ mittag Gänsegurgel!“

  Willy und Augustus kamen wieder auf die Beine.

  „Habt ihr nicht gehört?“ schrie Diet. „Ihr sollt abhauen, sonst mache ich die Kleine kalt!“

  „Tun Sie, was er sagt!“ bat Lida.

  Widerstrebend ließ Kowalski seinen Gegner los, und Wacko holte aus, um ihn niederzuschlagen, da rief Ben vom Kutschbock: „Die Polacken!“

  Aus den elenden Bruchbuden kamen polnische Arbeiter wie eine Armee der Rache, bewaffnet mit Eisenstangen und erfüllt von mörderischer Wut. An ihrer Spitze schritt in blutgetränkten Verbänden Leschek der Bojar.

  Wandrahm-Willy grinste meinen Onkel an, zuckte wie bedauernd mit den Achseln, sprang auf den Bock und stieß Anton mit einem Tritt in den Morast. Wacko Brett ließ Kowalski stehen und schwang sich zu den beiden Frauen in den Landauer. Ben der Bremser raste zu seiner Kutsche und ließ die Peitsche knallen. Als Willy scharf anfuhr, musste Diet sein Opfer loslassen. Sofort warf Onkel Johnny ein Messer, und der Dorsch stürzte mit einem Schrei auf die Straße. Sekunden später hatten ihn die ersten Arbeiter erreicht, und schwere Eisenstangen sausten auf ihn nieder.

 

 

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