Die Dunkelmänner von der Donau

Samstag, 4. August 2012
„Illuminati“: Im Film rettet Tom Hanks als US-Forscher Robert Langdon den Vatikan vor der Explosion einer Antimateriebombe. © Sony Pictures Home Entertainment GmbH

Wie der bayerische Geheimbund der „Illuminati“ noch Jahrhunderte nach seiner Auflösung Titel und Thesen für einen Bestseller liefert.

 

Aus schwarzvioletten Gewitterwolken stürzt sintflutartiger Starkregen auf das Donautal nieder, doch der abgehetzte Geheimkurier gibt seinem Pferd jetzt erst recht die Sporen: Die gefährlichen Briefe aus der Geheimbund-Zentrale der „Illuminati“ im bayerischen Ingolstadt müssen so schnell wie möglich zu den Mitverschwörern ins revolutionsschwangere Paris. Da trifft ein Blitz den verwegenen Eilboten. Tot stürzen Ross und Reiter zu Boden.

Bei den Leichen findet die Polizei die verräterischen Dokumente: „Fürsten und Nationen müssen von der Erde verschwinden“, heißt es darin, und es wird kein Zweifel daran gelassen, wer an ihre Stelle treten will: „Wir Illuminaten stehen so weit über den Menschen wie diese über den Affen.“

Bayerns Kurfürst Karl Theodor ist alarmiert: Der geheimnisumwitterte Männerbund um den jungen Kirchenrechtler Adam Weishaupt ist ihm schon lange ein Dorn im Auge, doch erst die Briefe enthüllen blitzartig die ganze Bedrohung: Nach außen hin wollen die „Erleuchteten“ ihre Mitmenschen zu Vernunft anleiten, ihnen höhere Einsicht vermitteln und die Aufklärung vorantreiben. In Wirklichkeit aber streben sie nach nichts geringerem als der Herrschaft über die ganze Welt. 

Die Dunkelmänner von der Donau sind nicht der erste und nicht der letzte Geheimbund, der sich solchen wahnwitzigen Zielen verschreibt. Und sie sind auch nicht die einzigen, über die seit Jahrhunderten in aller Welt die abenteuerlichsten Gerüchte kursieren – bis heute:

Die Mitglieder der 1954 von Prinz Bernhard der Niederlande gegründeten Bilderberg-Konferenz, rund 200 einflussreichen Personen aus Wirtschaft, Militär, Politik, Medien, Hochschulen und Adel, gelten vielen Verschwörungsforschern als heimliche Hohepriester eines weltumspannenden Kapitalismus. 2011 in St. Moritz sind Henry Kissinger, David Rockefeller und Deutschbanker Josef Ackermann dabei. „The Fellowship Foundation“ aus San Francisco wiederum versammelt schon seit 1935 die Mächtigen der Welt bis hin zu fast allen US-Präsidenten unter der Verpflichtung absoluter Verschwiegenheit im Stil einer modernen Geheimgesellschaft.

Aber auch Popstars wie die US-Sängerinnen Rihanna, Beyoncé oder Lady Gaga stehen im Verdacht konspirativer Aktivitäten zur Gehirnwäsche ahnungsloser Fans. Und die 600 Manager, Politiker, Diplomaten und Geheimdienstleute der „Russel Trust Association“ von 1832, die sich jährlich im Zeichen von „Skull & Bones“ (Totenschädel und Gebeine) auf der Insel Deer Island im St. Lorenz-Strom treffen, gelten sogar als direkte Nachfahren der Illuminaten von Ingolstadt. Zu den Mitgliedern des Knochen-Klubs rechnen Experten etwa Ex-Präsident George W. Bush, seinen einstigen Wahlgegner John Kerry und führende Manager von Weltfirmen wie Boeing, FedEx oder Ketchup-Heinz.

Kurfürst Karl Theodor fackelt nicht lange, als die Dokumente im Jahr 1785 auf seinem Schreibtisch liegen. Die Beweislage ist erdrückend, Geschichte und Organisation des okkulten Ordens sprechen für sich. Dabei hat alles ganz harmlos begonnen.

Weishaupt, Juristensohn aus Ingolstadt und hochbegabter Jesuitenzögling, wird früh Waise, studiert mit 15 Jahren Philosophie, macht mit 20 seinen Doktor, ist mit 24 Professor und gründet mit 28 einen „Bund der Perfektibilisten“, den er auch „Bienenorden“ und bald „Illuminati“ nennt. Offiziell ist seine Mission die „Entfaltung von Moral und Tugend“ sowie die „Gründung einer Vereinigung guter Menschen, um dem Voranschreiten des Bösen zu begegnen“. In Wirklichkeit aber unterwirft er seine Anhänger einem ausgeklügelten Erziehungs- und Überwachungssystem: Er will Kirche und Staat unterwandern, dann abschaffen und am Ende selbst auf der Spitze der Machtpyramide thronen.

Die Methoden borgt sich der Bayer bei anderen Geheimbünden aus: 1777 tritt er als „Sanchiation“ in die Münchner Freimaurerloge „Zur Behutsamkeit“ ein, 1782 übernimmt er die Loge „Theodor zum guten Rat“. Die „Rosenkreuzer“, eine Geheimgesellschaft mit alchemistischen und kabbalistischen Lehren, bekämpft und bestiehlt er. Er nennt sich „Spartacus“ nach dem antiken Sklavenbefreier und gibt auch seinen Anhängern Decknamen.

Erster prominenter Mitstreiter wird der junge Freiherr Adolph Knigge als „Philo“ (nach einem jüdischen Philosophen), der später durch ein Benimm-Buch berühmt wird. In der Blütezeit zählen auch Goethe als „Abais“ (nach einem skythischen Magier), der berühmte Kulturphilosoph Herder und der große Pädagoge Pestalozzi. Fürsten wie Ferdinand von Braunschweig, Prinz Karl von Hessen, Herzog Ernst von Sachsen oder Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg als „Timoleon“ nach dem vielbewunderten Staatsmann der Antike sind ebenfalls dabei.

Auch Länder erhalten Geheimnamen: Bayern ist „Achaia“, Brandenburg „Argos“ und Berlin „Pelusium“ (nach einer biblischen Stadt im Nildelta). Ein Geheimkalender gibt den Monaten persische Namen. Die Datierung beginnt zur Tarnung mit dem Jahr 632 n.Chr., dem Todesjahr des Propheten Mohammed. In den Geheimritualen treffen Elemente des Freimaurertums und des islamischen Sufismus auf jesuitische Geistesdisziplin. Zu jeder Versammlung gehören drei Lampen und ein Skelett. Höhere Ränge brauchen nur an die Tür zu klopfen, niedere werden vor Einlass gefesselt.

Der Weg ins Illuminaten-Licht ist lang, er führt über Stufen wie „Minerval“, „kleiner Illuminat, „Meister“, „Illuminatus dirigens“, „Regent“ oder „Magus“ zum „Rex“. Wichtigste Voraussetzung ist, so Weishaupt, „blinder Gehorsam gegenüber den Oberen“. Doch im innersten Kreis, den „Areopag“ (nach dem obersten Rat im alten Athen) finden sich bald bedenkliche Namen: Der britische Schatzkanzler Francis Dashwood praktiziert in seinem Club „Höllenfeuer“ sexuelle Ausschweifungen und satanistische Riten, der Marquis de Sade verfasst jene bösen Romane, aus denen sich der Begriff „Sadismus“ herleitet.

Die Novizen der „Pflanzschule“ und die Lehrlinge der „Maurerklasse“ erfahren den wahren Vereinszweck erst in der „Mysterienklasse“: Unterwanderung der Verwaltung mit Gleichgesinnten, Machtübernahme und schließlich eine neue Weltordnung, lateinisch „Novus Ordo Seclorum“. Der Plan trifft den Nerv der Zeit: Immer mehr Intellektuelle sind der absolutistischen Fürstenmacht müde. Anfang der 1780er Jahre zählt der Geheimbund in 70 Städten 2500 Mitglieder aus der Bildungs- und Machtelite. In Bayern gehört jeder zehnte höhere Beamte dazu – bis der Blitz einschlägt: Papst Pius VI. erklärt die „Erleuchteten“ für unkatholisch, und Kurfürst Karl Theodor brandmarkt den Orden als landesverräterisch. Die durch die Dokumente entlarvten Hofräte und Offiziere werden entlassen und exiliert. Wer trotzdem weitermachen will, riskiert die Todesstrafe.

Weishaupt rettet sich zu Goethe ins weltoffene Weimar. Dort munkelt man bald über Nachfolge-Organisationen wie die „Minervalkirche“ oder den „Orden der Unsichtbaren Freunde“. Noch verwirrender das Gerücht, der erste „Erleuchtete“ sei später in die USA geflohen, habe dort Präsident George Washington ermordet und sich dann mit gefälschten Papieren selbst an dessen Stelle gesetzt. Unter den angeblichen Beweisen für diese sensationelle Spekulation wird der Ein-Dollar-Schein genannt: Die Rückseite mit dem Auge auf der Pyramide sei ein Illuminatenzeichen. 

Einer der letzten Großmeister des Ordens, der Braunschweiger Buchhändler Johann Christoph Bode, ist 1788 in Paris, kurz bevor die Französische Revolution ausbricht. Deshalb glauben viele, auch die Anführer der Aufständischen seien Illuminaten. Von ihren Gegnern werden die „Erleuchteten“ als „Ungeheuer“, „Krebsgeschwür“, „Teufelsanbeter“ und „Menschenfresser“ verfolgt.

1835 erreicht der Verschwörungs-Virus tatsächlich die Neue Welt: Der US-Student William H. Russel gründet nach einer Europa-Reise an der berühmten Yale-Universität die mysteriöse „Skull & Bones“-Gesellschaft. Er beruft sich dabei auf Kontakte mit einer deutschen Geheimgesellschaft, deren Namen er verschweigt, in der Forscher aber die Illuminaten erkennen: Die ehemalige Yale-Studentin und Sekten-Expertin Alexandra Robbins findet als erste heraus, dass die Schädel-Freunde tatsächlich Riten praktizieren, die schon in den Dokumenten von der Donau beschrieben werden.

Haben die „Erleuchteten“ also wirklich bis heute überlebt? Mindestens ihre Ideen sind nie gestorben. Um 1880 behauptet der Augsburger Freimaurer Theodor Reuss, im Besitz von Dokumenten zu sein, die ihn autorisieren, die Geheimgesellschaft weiterzuführen. Er nennt sie nun „Ordo Templi Orientalis“ („Orientalischer Templerorden“), kurz OTO. 1910 übernimmt der englische Okkultist Aleister Crowley dort eine führende Rolle mit Schwarzer Magie: Nicht mehr von Vernunft und Einsicht ist fortan die heimlich-unheimliche Rede, sondern von dem satanischen  Prinzip „Tu, was du willst“.

Im Dunstkreis der berüchtigten Crowley-„Abtei Thelema“ („Wille“) auf Sizilien treibt sich später auch der amerikanische SF-Autor und Sektengründer Ron L. Hubbard herum, in dessen „Scientology“-Lehre sich ebenfalls Praktiken der Illuminati finden, etwa Abschottung und bedingungsloser Gehorsam, Bespitzelung, Terror und Zwang.

Nach Hitlers Wahlsieg 1933 bezichtigt Nazi-Chefideologe Alfred Rosenberg auch die danach gnadenlos gejagten Kommunisten und Sozialisten, Illuminaten zu sein. Wichtigste Beweissammlung ist ein Behälter mit 20 Foliobänden aus den Jahren 1776-78 mit Protokollen, Präfekturberichten und Reden des Ordens aus der Hinterlassenschaft des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Der Adelsmann hatte die suspekten Papiere einst der Freimaurer-Großloge von Schweden vermachte. 1883 waren sie jedoch nach Gotha zurückgekehrt. 1934 werden sie von der Gestapo beschlagnahmt, 1945 von den Sowjets nach Moskau gebracht. 1957 gehen 19 Bände aus der "Schwedenkiste" an das Staatarchiv der DDR in Merseburg. Heute werden sie im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem aufbewahrt. Band 10 mit den Namenslisten und Beitrittserklärungen der Illuminaten aber liegt bis heute in Moskau.

1959 erscheint die US-Trilogie „Illuminatus“ und wird auf Anhieb ein Mega-Bestseller. Der Autor, der frühere „Playboy“-Redakteur Robert Anton Wilson, gibt sich bei seinem Recherchen selbst als „Erleuchteter“ aus und gilt heute als einer der bestinformierten Verschwörungsforscher. Von ihm stammt auch die umstrittene Dollarschein-Theorie. Einziges bisher beweiskräftig gesichertes „Illuminati“-Symbol ist indes die Eule, das Totemtier der Weisheitsgöttin Athene, die im alten Rom Minerva heißt. 

Im Gestrüpp der modernen Legenden sind die Illuminaten inzwischen mal die Erben keltischer Druiden, muslimischer Meuchelmörder („Assassinen“) des „Alten vom Berge“ oder mittelalterlicher Templer, mal Freunde Frankensteins oder CIA-Agenten. In Dan Browns Bestseller „Die Illuminaten“ zeugt der Papst ein Kind, von dem er später ermordet wird. Im Film rettet der US-Forscher Robert Langdon den Vatikan vor der Explosion einer Antimateriebombe. Buch und bewegte Bilder verbreiten die fantastische Kunde von der gefährlichen Geheimbündelei über den ganzen Planeten.

Was wissenschaftliche Forschung und künstlerische Fantasie auch immer über die „Illuminati“ präsentieren: Jedes Mal sind Millionen Menschen fasziniert. Wenn Rihanna das rechte Auge zukneift, Beyoncé das linke verdeckt oder Lady Gaga sich eins in die Hand malt, wittern Verschwörungstheoretiker sofort eine versteckte Botschaft der „Erleuchteten“.

Psychologen glauben, dass der Begriff „Illuminati“ heute, von seiner ursprünglichen Bedeutung abgelöst, als Projektionsfläche für allgemeine Ängste vor einer immer komplexeren Welt diene: Im Gefühl, weder auf Staat, Kirche oder Gott vertrauen zu können, liege es nahe, an Satan, Aliens oder eben Weltverschwörer zu glauben.

„Ein Begriff wie Illuminati lässt sich mit jeder beliebigen Bedeutung füllen“, sagt der US-Konspirationsexperte Michael Barkon von der Universität Syracuse. „Man kann die Erleuchteten ebenso gut zu fanatischen Katholiken wie zu fanatischen Antikatholiken machen. Alles, was geheim ist oder zu sein scheint, eignet sich für Verschwörungstheorien. Und diese Thesen sind immer dann am wirksamsten, wenn die verdächtigte Organisation so geheim ist, dass nichts bewiesen und nichts widerlegt werden kann.“

 

Geheimbünde heute

 

Rosenkreuzer

Gegründet im 17. Jahrhundert angeblich durch einen Christian Rosenkreuz. Hauptschrift: „Allgemeine General-Reformation der ganzen Welt“, 1614 verfasst von dem Theologen Johann Valentin Andreae. Heute in mehrere Geheimgesellschaften aufgeteilt.

 

Freimaurer

Entstanden aus Steinmetz-Bruderschaften beim Kathedralenbau des Hochmittelalters. Ältestes Regelwerk: „Regius-Manuskript“ von 1390. Organisation in Logen und Großlogen mit weltweit zurzeit sechs bis acht Millionen Mitgliedern.

 

Golden Dawn

Gegründet 1887/88 in London von Freimaurern und Rosenkreuzern als erster moderner Esoterik-Orden. Grundlage: „Cypher-Manuskript“, mystische Schrift des Theosophen William Wynn Westcott. Mitgliederzahl unbekannt, Vorbild für viele andere moderne Orden.

 

Ku-Klux-Klan

Gegründet 1865 in Tennessee von Offizieren der im US-Bürgerkrieg besiegten Südstaaten zur weiteren Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in den USA. Erster „Großer Hexenmeister“ wird der Ex-General Nathan Bedford Forrest. Heute gibt es noch 7000 Klansmänner.

 

 

 

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