Kapitel 35: Eine grausame Rache und ein schmutziges Geschäft

Freitag, 2. November 2012
„Neue Wohnungen für unsere wackeren Hamburger Arbeitsleute“: Bei den Hütten 1890. © Museum für Hamburgische Geschichte

Die Polen hätten den Dorsch ohne weiteres totgeschlagen, wenn sich mein Onkel nicht dazwischengeworfen hätte. Einige hoben trotzdem die Stangen, aber Leschek der Starost schrie auf sie ein, und murrend gehorchten sie schließlich.

  Diet der Dorsch lag in einer Blutlache. Das Leben, das noch in ihm steckte, bestand nur aus Hass.

  „Er hat den Tod verdient“, sagte Leschek der Starost laut. „Aber ihr sollt ihn nicht richten. Kowalski soll das tun. Es ist seine Schwester.“

  Die Männer öffneten eine Gasse, und der Husar trat wie ein Todesengel auf den Sterbenden zu.

  „Lass erst mal hören, ob er was sagen will“, riet Onkel Johnny.

  „Wozu?“ fragte Leschek. „Fast hätte er das Mädchen vor unseren Augen umgebracht!“

  „Wenn er tot ist, kann er uns nicht mehr sagen, für wen er arbeitet“, sagte mein Onkel.

  Diet starrte keuchend zu einem Himmel, der gewiss nicht auf ihn wartete. Aber auch die Hölle wollte ihn noch nicht, wie sich gleich herausstellen sollte.

  Onkel Johnny beugte sich zu ihm hinab. „Hast du das Mädchen verschleppt?“

  Der Dorsch öffnete den blutenden Mund. „Ja, du Hund!“ röchelte er. „Und viele andere Polenweiber auch. Sie wurden gute Stuten!“

  Die Arbeiter hoben zornig die Stangen, doch Lescheks scharfer Ruf hielt sie zurück.

  Auch der junge Augustus kniete neben dem Gangster nieder. „Hast du auch die Sängerin entführt?“

  „Ja“, quetschte Diet mühsam heraus, „für deinen feinen Onkel. Jetzt muss ich für dieses Dreckschwein verrecken!“

  „Hat Jack was damit zu tun?“ fragte Johnny.

  Der Dorsch spie rot. „Fahr zur Hölle!“

  Zwei Männer schleppten einen Hackklotz herbei, in dem noch die Axt steckte, und zwei andere schleiften den Gangster zu dem improvisierten Schafott.

  „Das lasst man lieber, Leute“, sagte mein Onkel. „Wollt ihr euch mit seinem Blut besudeln?“

  „Kowalski soll ihn richten“, sagte der Bojar und zerrte Diets Kopf an den blutverklebten Haaren auf den Klotz.

  Aus den Fenstern schauten Frauen und Kinder zu.

  „Das sollt ihr nicht tun“, sagte Augustus energisch. „Das wäre Mord.“

  Zwei Arbeiter hielten den Kutscher fest, der mit irren Augen auf die Szene starrte, in der sicheren Erwartung, als nächster an der Reihe zu kommen.

  „Macht schon!“ wütete Diet der Dorsch und spuckte wieder Blut. Sein Großvater war in Danzig als Raubmörder geköpft worden, und er wollte sich des großen Vorbilds würdig erweisen. „Wozu schleppst du den Säbel mit dir rum, du feiges Polackenschwein!“

  „Los, Kowalski!“ sagte Leschek. „Mach Schluss mit ihm!“

  „Nicht mit dem Säbel“, sagte der Husar. „Das ist gegen die Ehre.“

  „Dann nimm das Beil!“ rief der Bojar.

  Zögernd griff der Soldat nach der Axt und ließ sie prüfend durch die Luft sausen. Obwohl ich nicht im Kloster zwischen Gebetbüchern aufgewachsen bin, konnte ich nicht länger hinsehen. Mein Onkel fragte Augustus: „Haben diese Schubiaken dem Mädel überhaupt was getan?“

  „Zum Glück nicht“, sagte Augustus. „Der Constabler, der sie in den Siel gesperrt hat, hat sie nicht angerührt.“

  Kowalski haute die Axt dicht neben Diets Kopf ins Holz. Der Dorsch, das muss ihm die Gerechtigkeit lassen, muckste sich so wenig wie Danton unter der Guillotine.  

  Der Starost ging auf Onkel Johnny zu und blieb so dicht vor ihm stehen, dass sie sich fast berührten. „Was mischst du dich ein?“

  „Lass“, sagte Kowalski. „Das ist ein Freund.“

  „Das ist ein Deutscher“, sagte Leschek. „Die Deutschen sind Eisen zu uns, da können wir nicht Wachs sein.“

  „Lass ihn“, wiederholte Kowalski. „Das ist Johnny Mott vom Kehrwieder.“

  „Mott!“ tuschelten die Arbeiter. „Der ist wieder da?“ -  „Der den Constabler stumm gemacht hat!“ 

  „Das ist etwas anderes“, sagte Leschek.

  „Holt mal eine Karre“, sagte Onkel Johnny.

  Leschek rief Befehle. Einige Männer schoben einen kleinen Kastenwagen aus dem nächsten Hinterhof und legten den halbtoten Dorsch hinein. Diet verfluchte sie ins siebte Glied, nicht, weil sie ihn nicht gerade schonend behandelten, sondern weil sie ihn nicht umgebracht hatten. Dann verlor er das Bewusstsein.

  Onkel Johnny zeigte auf den zitternden Kutscher. „Den bringt mal her. Er hat meinen Bruder totgefahren.“

 „Ich?“ schrie Anton entsetzt.

 „Vorgestern. Am Spielbudenplatz“, klärte mein Onkel ihn auf.

 „Lüge! Das war ein Unfall!“

 Leschek gab seinen Männern einen Wink. Sie schleppten den Zappelnden zu dem Hackklotz und drückten seinen Kopf nieder

 Onkel Johnny riss die Axt aus dem Holz. „Warst du nicht ein bisschen zu schnell?“

  Ich stand da und dachte nur: Das ist also der Hund, der meinen Papa totgefahren hat.

  „Nur weil es der Konsul so eilig hatte!“ stammelte der schnelle Anton und fing an zu heulen wie ein kleines Kind.

  „Und du hast sonst niemanden überfahren?“

  „Alles Unfälle!“ schluchzte Anton.

  Mein Onkel sah zornig auf ihn hinab. „Den Kopf kannst du behalten, du Lump, aber die Hand gehört meinem Bruder.“

  Die Polen packten Antons rechten Arm und drückten ihn auf den Holzklotz.

  Onkel Johnny nahm Maß, holte aus und ließ die Axt niedersausen. Weil er sie in der Luft drehte, hieb er die Hand nicht ab, sondern zerschmetterte mit der stumpfen Seite die Knochen. Das Gebrüll des Kutschers war in ganz Klein-Warschau zu hören.

  „Du fährst keinen mehr tot“, sagte mein Onkel.

  Die Männer ließen Anton los, und der Kutscher sackte wimmernd zu Boden.

  Ich muss zugeben, dass ich kein Mitleid empfand.

  „Danke“, sagte Onkel Johnny zu Leschek und wollte gehen.

  „Warte noch“, sagte Leschek. „Wir Polen helfen dir.“

  „Es ist nicht eure Sache“, sagte mein Onkel. „Ihr habt damit nichts zu tun.“

  „O doch! Kommen die Verbrecher aus Hamburg zu uns, gehen wir nach Hamburg zu den Verbrechern.“

  Mein Onkel packte die Deichsel, Kowalski zog auf der anderen Seite. Augustus und ich passten auf, dass der Dorsch nicht herunterfiel.

  Während wir über den Vogelhüttendeich ratterten, erzählte Augustus uns, was er mit der armen kleinen Agnes, Eddie dem Schränker und Lida erlebt hatte und erfahren hatte. Da wurde uns natürlich einiges klar.

  „Holen wir Agnes aus Gangsterbande!“ verlangte Kowalski. „Gleich!“

  Onkel Johnny erklärte ihm, dass sie erst herausfinden müssten, wo die Kerle seine Schwester versteckt hielten. Und dass Jack dafür sorgen würde, dass ihr nichts angetan werde.

  „Wieso, ich denke, ihr seid Feinde!“

  „Ja, aber so was macht er nicht.“

  Augustus druckste ein bisschen herum und fragte dann, ob sein Onkel jetzt ins Gefängnis müsse.

  „Das überlasse ich dir“, antwortete Onkel Johnny. „Wir vom Brook regeln solche Sachen ohne Polizei. Die Gesetze sind nicht für Leute wie uns gemacht, wir haben unsere eigenen Regeln.“

  Ganz ähnlicher Ansicht war Konsul Averdar, wenn auch in anderer Sache.

  Das „Guyanahaus“ der „Deutschen Südfrüchte Compagnie“ am Alsterdamm, der erst seit dem Krieg Ballindamm heißt, galt als das größte Kontor auf dem Kontinent. Das gewaltige Backsteingebirge mit der Neorenaissance-Fassade unter dem goldenen Merkur protzte mit der schieren Wucht seiner unbezwinglichen Steilwände und Felsentürme, mit der schwindelerregenden Höhe seiner imperialen Giebel-Gipfel, Dachziegel-Grate und barocken Portal-Grotten wie eine gigantische Götzenburg des Geldes, erbaut von Mammons tausendarmigen Knechten, die da heißen Zins, Profit und Dividende. Hier hatte nicht gesunder hanseatischer Geschäftssinn seine angemessene Gestalt gefunden, hier waren Gier und Größenwahn zu Stein erstarrt. Aus seinem riesigen Büro im obersten Stockwerk blickte Jacob Christophorus Averdar über das Gewimmel der fleißigen Schuten, flinken Jollen und behäbigen Barkassen auf der Binnenalster bis zur Börse, der wahren Regierungszentrale von Staat und Stadt, wo es nicht um Gesetze und Verordnungen ging, sondern um Kurse und Kapital, auch nicht um Kranken- und Waisenhäuser, sondern um Effekten und Emissionen, und schon gar nicht um Bürgerrechte oder den sozialen Frieden, sondern um Hausse, Baisse und den bösen Bankrott.

  Der Besucher des Konsuls reiste in ähnlichen Geschäften. Averdar hatte den jungen Beamten in dem etwas zu modisch geschneiderten Anzug überaus freundlich begrüßt und ihm nebst einer Schale Kaffee und seiner dicken Havanna alsbald seine ungeteilte Aufmerksamkeit zugewendet. Man sah sich nicht zum ersten Mal.

  „Ein Tempel? Im Langen Siel? Mit Götzenbildern und geheimnisvollen Schriften?“ Averdar gestattete sich ein staunendes „Donnerwetter!“

  „So steht es in dem Bericht“, antwortete Gustav Schulte, ein fuchsgesichtiger Schlaks mit dünnem blondem Nasenflaum und tückischen, glanzlosen Augen unter der Windstoßfrisur. Sein Selbstbewusstsein speiste sich natürlich nicht aus seinem mickrigen Beamtengehalt, sondern aus seiner Funktion in der Baudeputation. Kleingeistig und großspurig, von behördlichem Bedeutungsgefühl gebläht und korrupt bis ins verfaulte Mark, schnappte dieses Charaktertier der vordemokratischen Staatsverwaltung Schmiergelder und illegale Nebengeschäfte wie die Hyäne das Aas. Ein paar Jahre später verschluckte er sich an einen zu großen Happen, flog auf und diktierte seine Memoiren inklusive der Tempel-und-Konsul-Episode der Criminalpolizei, die sie sich damals noch mit C schrieb. Weil Schulte besonders gierig war, nannten Kenner ihn den „teuren Gustav“, ein Attribut, das er nicht ungern hörte, da er es als wohlverdient erachtete.

  „Der Gimpel von einem Professor hat tatsächlich ein altdeutsches Heiligtum ausgebuddelt“, berichtete er, archäologisch ziemlich neben der Sache, was für seine Zwecke indes ohne Belang blieb.

  „Interessant“, sagte der Konsul ohne jedes Interesse. „Was aber kann ich dabei tun?“ Finanzielle Förderung kultureller Tätigkeiten war seine Sache kaum.

  „Es ist wegen der Schätze“, sagte Schulte und betastete stolz die für seine Stellung viel zu teure Seidenkrawatte.

  Averdar war nicht ganz sicher, ob er recht verstand. „Reden wir von Gold und Silber?“ Ideelle Pretiosen überließ er gern anderen.

  „Gewiss.“ Der Beamte lächelte. „Der Erste Polizeiherr stellte umgehend ein Dutzend Constabler zur Bewachung ab. Aber – sollte ich sagen: leider? -  traf der Professor bisher keinerlei Anstalten, das betreffende städtische Grundstück in seinen Besitz zu bringen. Etwaige unterirdisch aufgefundene Werte fallen jedoch dem Grundeigentümer zu, wie allgemein bekannt sein sollte. Das dürfte in Großbritannien kaum anders sein.“

  „Denke schon.“

  „Und deshalb, Herr Konsul – Sie verstehen? Ich kann das Grundstück ja leider nicht selbst erwerben, hehe!“ Sein Lachen klang wie das Meckern einer Ziege.

  „Aber ich?“

  „Selbstverständlich, Herr Konsul. Sie könnten vortragen, dass Sie dort ein Mietshaus zu errichten gedenken. Passt gut in die Landschaft, wenn ich mal so sagen darf. Ich habe bereits einen entsprechenden Antrag vorbereitet.“ Der teure Gustav klappte seine Brieftasche auf und holte ein paar Papiere hervor.

  Die blassblauen Schweinsäuglein schlossen sich zu Schlitzen. „Muss der Senat dem Handel zustimmen?“

  „Formsache, Herr Konsul. Solche routinemäßigen An- und Verkäufe genehmigt der Ausschuss pauschal. Nach Empfehlung durch die Baudeputation, hehe! Vorläufige Gültigkeit, Einzelprüfung nur im begründeten Sonderfall.“

  „Haben Sie die Schätze selbst gesehen?“

  „Das nicht, Herr Konsul. Nein, das kann ich leider nicht sagen. Aber es steht doch wohl zu vermuten, nicht wahr? Was wäre denn an einem Tempel Interessantes außer Gold und Silber? Unsere Kirchen sind ja auch nicht ohne. Und sollte sich wider Erwarten doch nichts von Wert finden lassen -  ein Grundstück dieser Größe in dieser Lage ist die zweitausend Mark allemal wert, Herr Konsul.“

  „Also gut. Geben Sie das Papier mal her. Neue Wohnungen für unsere wackeren Hamburger Arbeitsleute zu bauen, war mir schon immer eine Herzensangelegenheit.“

  „Deswegen eilte ich ja auch gleich zu Ihnen, hehe!“

  „Es soll Ihr Schaden nicht sein.“

  Der Konsul unterschrieb das Papier, trat an seinen Schreibtisch und legte ein paar Scheine hinein.

  Der Beamte verbeugte sich. „Stets gern zu Ihren Diensten, Herr Konsul.“ Es war immer lohnend, einem großen Mann gefällig zu sein.

   Eine andere Herzensangelegenheit des Konsuls von mindestens ebenso fragwürdiger Moral entwickelte sich weit weniger gut: die Sache mit Lida.

  „Ist der Dorsch denn tot?“ fragte Jack seinen Leutnant nach dessen Rückkehr vom Vogelhüttendeich.

  „Als wir abhauen mussten, lebte er noch“, sagte Wandrahm-Willy missmutig. „Ich versteh’ nicht, wie dein Freund da so plötzlich auftauchen konnte. Am Ende treibt dieser Saukerl von einem Konsul doppeltes Spiel!“

  „Blödsinn“ sagte Jack und reichte ihm einen Whisky von Arthurs Tablett. „Spann ab, dann kannst du wieder klar denken. Wahrscheinlich wollte dieser wildgewordene Husar seine kleine Schwester aus dem Palazzo holen, mit Johnnys Unterstützung. Als sie hörten, dass sie ihre Eltern besuchen will, sind sie natürlich gleich hinterher, ist doch klar.“

  „Könnte sein“, gab Willy zu. „Und jetzt? Sollen wir Diet raushauen?“

  „Wenn sie ihn nicht sowieso gleich totgeschlagen haben, bringen sie ihn irgendwann zum Doktor, oder ins Krankenhaus“, sagte Jack. „Schließlich sind das anständige Menschen. Find’ erst mal raus, wo er abgeblieben ist.“

  „Und die Weiber?“

  Jack warf noch einen Blick durch das Teleskop. Willy hatte die Kutsche ein Stück entfernt auf dem Kaiserkai angehalten, so dass sein Boss das Innere gut einsehen konnte. Lida und Agnes hielten einander umschlungen. Von Wacko, der ihnen gegenübersaß, ragten nur die Beine ins Bild.

  „Wirklich hübsch“, sagte Jack anerkennend. „Kein Wunder, dass der alte Kerl sich in sie vergafft hat. Bring sie zum Ährlichen Hans. Er soll sie aber gut behandeln. Und die Schnauze halten. Johnny hat wohl an diesem irren Husaren einen Narren gefressen, womöglich hilft er ihm jetzt, die Kleine zu suchen. Und wir sind ja für ‚ne Weile weg.“

  „Und der Konsul, der alte Sausack?“

  „Der muss erst mal gar nicht wissen, wo seine Nachtigall piept.“

  Willy konnte schon wieder lächeln. „Den Hahnepampel haben wir am Wickel.“

  „Das ist ja das Ei in der Bouillon“ sagte Jack. „Hast’s endlich kapiert.“

  „Trotzdem stech‘ ich lieber einen ab, als ‚ne Frau mit Chloroform umzukippen“, sagte Willy.

  „Jetzt hast du’s ja hinter dir“, sagte Jack. „Sieh nur zu, dass sie nicht wieder ausbüxt. Sonst musst du vielleicht doch mal das Messerchen nehmen.“

  „Bei einer Frau?“ fragte Willy erschrocken. „Das ist nicht dein Ernst.“

  „Natürlich nicht“, beruhigte ihn Jack. „Aber wenn sie noch mal abhaut, musst du jeden umlegen, dem sie was erzählt.“

  „O weh“, sagte Willy, und beide lachten.   

 

 

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