Kapitel 36: Zwei Neuankömmlinge

Dienstag, 6. November 2012
„Als der letzte Schwarzbart schließlich hinter der Trostbrücke die Treppe zum Nicolaifleet hinunterstieg“: Am Pferdeborn 1885. © Museum für Hamburgische Geschichte

Der Berliner Bahnhof lag am alten Festungsgraben wie ein Rohbau, der noch nicht so recht weiß, ob er ein Lagerhaus oder ein Pferdestall werden soll. Er stammte aus der Frühzeit der fauchenden Eisenrösser und empfing Besucher aus der Reichshauptstadt als Zeugnis jenes echt pfeffersäckischen Geizes, der Hamburgs Großbauten klein hielt, bis den Senat dann doch das imperiale Kaiserfieber packte und unser großer Städtebauer Alfred Lichtwark spotten konnte, dass selbst noch die Bedürfnisanstalten aussähen wie Teile einer versunkenen Kathedrale. Das langgestreckte Klinkergebäude mit dem niedrigen Dach und den halbrunden Fensterbögen besaß nur zwei Stockwerke. An der schmucklosen Fassade standen zwei Türme ungefähr so herrschaftlich wie Kapos vor einem Trupp Torfstecher, und die hölzerne Halle wölbte sich über vier Gleise wie ein Stollendach über der Grubenbahn. Auf den Bahnsteigen umkreisten Zeitungsverkäufer, Gepäckträger, Schuhputzer und fliegende Händler die Reisenden und Wartenden in dichten Schwärmen. Der Dampf der Lokomotiven machte aus der Halle eine Waschküche. Unter jeder Sohle knirschten Aschenkörner und Kohlestückchen.

  Seit über einer Stunde stand Oberinspektor Gernot Franck, Leiter der politischen Polizei, mit seinen Männern an den Fenstern des spartanisch schlichten Bahnhofsrestaurants und starrte in das gehetzte Gedränge vor den Zügen aus und nach Bergedorf, Geesthacht und Lauenburg. Noch war nichts Verdächtiges zu bemerken, doch der Sektionsleiter im Berliner Innenministerium hatte eindringlich davor gewarnt, dass der berüchtigte bulgarische Anarchist immer eine Überraschung  in petto habe. 

  „Warum verhaftet ihr den Kerl nicht?“ hatte Franck den Sektionsleiter gefragt. Antwort: „Dann schicken sie einen anderen. Lassen Sie den Mann beschatten, identifizieren Sie seine Kontaktleute und sperren Sie die ganze Bande ein, sobald der Kronprinz im Anmarsch ist.“

  Franck war lang, hager und ganz früher mal dunkelblond gewesen, bevor ihm bereits die ersten Erwachsenenjahre das Haupthaar raubten, nur einen schmalen Kranz zurücklassend, den der Oberinspektor mit würdevoller Schicksalsergebenheit trug. Er hatte nach einem Jurastudium als Officiant des Polizeianwalts begonnen, die Sittenpolizei reformiert und als Polizeiinspektor das neue Criminalbureau einrichten helfen. Bulldog schätzte ihn sehr, weil Franck trotz seiner vielfältigen Verwaltungsaufgaben stets ein Mann der Praxis blieb und sich auch nicht scheute, wichtige Oberservationen höchstpersönlich durchzuführen. Zum Beispiel, wenn es in bestimmten Arbeiterkneipen um allzu heftige Kritik an der Weisheit des Senats, um Aufruhr oder gar um Majestätsbeleidigung ging. Seine Berichte waren so vorbildlich wie seine Einstellung zu den Übeltätern: die Anstifter bekamen Verwarnungen oder Verweise, die Mitläufer kamen ohne Maßnahmen davon, und die Wirte erhielten mahnende Winke, den Unmut nicht allzu sehr ins Kraut schießen zu lassen. Die meisten hielten sich daran. Manche Scharfmacher in Senat und Bürgerschaft erwarteten größere Strenge, aber Franck meinte, „unter den obwaltenden Verhältnissen“, wie es in seinen Schriftsätzen sibyllinisch hieß, dürfe „dem fraglichen Personenkreis“ nicht „das entlastende Ventil“ genommen werden, sollten sie nicht „der Anarchie in die Arme getrieben“ werden.

  Typisch Berlin, dachte Franck sauer, von wegen beschatten, der Sektionsleiter glaubte wohl, Hamburg sei ein Dorf. Mit Attentaten hatten die Preußen allerdings mehr Erfahrung, das musste der Oberinspektor zugeben. Seine eigenen Erfolge betrafen vor allem die Entlarvung englischer Spione, die allerdings wegen der guten Beziehungen zwischen Kaiser und Queen nicht eingelocht, sondern nur ausgewiesen wurden.

  Vorsichtshalber hatte der Oberinspektor nach einem Blick ins Anarchistenalbum gleich sechs seiner besten Polizisten zusammengetrommelt.  Alle trugen die unauffällige Tracht der alten Criminalpolizei: Zylinder, gestreifte Anzüge mit weißen Einstecktüchern, Westen mit großen Messingknöpfen, Uhrketten und Gehstöcke – wie wohlsituierte Herren mit genügend Zeit und Muße, an den merkwürdigsten Orten herumzustehen oder zu –schlendern.

  Als sich die Zeiger der Bahnhofsuhr auf der römische Zwölf trafen, pfiff hinter den Wiesen und Wäldchen auf dem Hammerbrook eine Lokomotive, und zwei Minuten später fuhr der Schnellzug zischend in den Bahnhof ein. Aus den zwölf Waggons kletterten Reisende mit Koffern, Taschen, Hutschachteln und Regenschirmen. Dampfwolken nebelten sie ein. Als sich die Schwaden langsam wieder verzogen, kam Franck ein Reisender in den Blick, der nur einen kleinen Handkoffer bei sich trug. Der Mann war schlank, etwas über mittelgroß, trug Zylinder, einen gestreiften Anzug mit weißem Einstecktuch, eine Weste mit großen Messingknöpfen, dazu Uhrkette, Gehstock, einen langen schwarzen Bart à la Karl Marx – und für eine Sekunde war auch der aus Berlin beschriebene Siegelring mit dem roten Stern zu sehen.

  „Persikoff!“ knurrte Oberinspektor Franck. „Das ist der Kerl. Aber wieso hat er sich so angezogen? Er sieht ja aus wie einer von uns!“

  „Frechheit!“ brummte der beleibte Bahnhofsteher, der nicht recht wusste, ob er lachen durfte, aber doch so viel Murr besaß, dass er sich zu sagen erlaubte: „Vielleicht will er, dass ihr ihn verwechselt und euch gegenseitig verhaftet!“

  Der Oberinspektor verabreichte ihm einen tadelnden Blick, dann schaute er wieder durchs Fenster. „Und wer ist das?“ fragte er verblüfft, denn hinter dem Bulgaren entstieg dem Waggon ein weiterer Passagier: schlank, etwas über mittelgroß, Zylinder, gestreifter Anzug, weißes Einstecktuch, Weste mit Messingknöpfen, Uhrkette, Gehstock und Bart à la Marx.

  „Verflixt!“ sagte Franck, dem Übles schwante. Die beiden Männer ähnelten einander von weitem wie Zwillinge.

  „Da kommt noch einer“, sagte der Bahnhofsvorsteher überflüssigerweise, als aus dem Wagen ein dritter Persikoff kletterte.

  Der Oberinspektor konnte sich nicht enthalten, einen prüfenden Blick auf seine Männer zu werfen, obwohl er genau wusste, dass es sechs waren. Nach einer Minute standen sieben Persikoffs mit ihren Handköfferchen auf dem Bahnsteig. Und alle trugen diese schwarzen Gesichtsmatten à la Marx.

  „Los geht’s!“ sagte Oberinspektor Franck. „Verteilt euch!“

  Die sechs Geheimpolizisten verließen die Gaststätte und mischten sich unauffällig unter die Passanten auf dem dicht bevölkerten Vorplatz. Als die sieben Männer aus dem Bahnhofsgebäude traten, hefteten sich Franck und seine Leute unauffällig an ihre Fersen – so unauffällig es eben geht, wenn vierzehn Herren in exakt den gleichen Sachen in die gleiche Richtung unterwegs sind, davon sieben mit Karl-Marx-Bärten, und sieben andere immer schön hinterher, es muss zum Schießen gewesen ein.

  Hinter dem Klostertor stieg einer der Bärtigen in die Pferdebahn Richtung Gänsemarkt, und einer der Beamten konnte gerade noch aufspringen. Am Messberg kletterte der nächste im allerletzten Moment auf eine Barkasse zum Sandtorhafen, und sein Verfolger schaffte es nur noch mit einem kühnen Sprung an Bord. Spätestens ab hier war die Aktion eine Farce, von einer unauffälligen Observation konnte keine Rede mehr sein. Die anderen Bartmänner trennten sich in den belebten Straßen der City; zwei schlugen die Richtung zur Alster ein, die anderen bogen links zum Fischmarkt ab, alle immer noch mit großem Eifer beschattet, obwohl inzwischen keiner der Beamten mehr unterscheiden konnte, ob der richtige Persikoff noch mit von der Partie war.

  Als der letzte Schwarzbart schließlich hinter der Trostbrücke die Treppe zum Nicolaifleet hinunterstieg und dort in ein Ruderboot kletterte, war auch Oberinspektor Franck machtlos. Obwohl in langen Jahren Polizeidienst gegen Enttäuschungen abgehärtet, ärgerte er sich mächtig, als der Mann ablegte und auf die Elbe hinausruderte – vor allem, weil es sich der echte Persikoff nun nicht verkneifen konnte, den Siegelring wieder anzustecken und dem abgehängten Verfolger höhnisch zuzuwinken.

  Nach ungefähr einer Stunde im schwimmenden Dickicht der Barken, Briggs, Schoner und Vollschiffe an den Duckdalben, der Dampfer auf Reede, der Schlepper, Fischerboote, Ewer, Leichter, Schuten, Bullen und Oberländer Kähne auf der Elbe muss der Bulgare wohl an der Kehrwiederspitze vorbei nach Süden zu den Baracken der Auswanderer am Amerikakai gerudert sein, an dem später seine Spur wieder aufgenommen werden konnte. In den primitiven Unterkünften warteten ständig mehr als fünftausend Menschen auf die Passage in eine bessere Welt, die meisten aus Polen, Galizien, Weißrussland und der Ukraine. Bitter arm, mit den verschiedensten Krankheiten geschlagen und oft vom jahrelangem Hunger geschwächt, sehnten Männer, Frauen und Kinder in der qualvollen Enge der primitiven Notunterkünfte den Tag der Abfahrt herbei wie die Israeliten ihren Auszug aus Ägypten. Da Not und Angst immer auch der Gewalt eine Brutstätte bieten, wagte sich kein Polizist in dieses explosive Gemenge aus Wut, Hass, Emotionen, Verzweiflung, verwegener Hoffnung und unbändigem Lebenswillen.

  Persikoff band das Boot nur nachlässig fest; es würde sowieso gestohlen werden, so wie auch er selbst einfach eins nahm, wenn er es brauchte. Wer hatte das Recht, einem anderen etwas zu verweigern, das dieser benötigte? Eigentum war Diebstahl, und Gott war tot. 

  Wer über das Labyrinth der Hütten, schmalen Gassen und stinkenden Gräben schaute, vor deren tödliche Ausdünstungen kein Desinfektionsmittel schützte, und in das Gewusel der Männer mit Stiefeln, Branntweinflaschen und bunten Mützen, und der kleinen, runden Frauen mit den Röcken, die in allen Farben schrien, der wusste: das war das perfekte Versteck. Hier würde Persikoff niemandem auffallen. Und sogar Gesinnungsgenossen finden, die sich für allerlei Hilfsdienste einspannen ließen.

  Noch jemand anders kam um diese Zeit in Hamburg an, jemand, der noch exotischer und womöglich auch tödlicher war als der bulgarische Anarchist. Dieser Jemand kam nicht per Bahn, sondern per Schiff. Beim Alten Jonas legte er an, wo nach dem Krieg die schöne große Überseebrücke gebaut worden ist. Schon damals herrschte dort jeden Morgen Hochbetrieb. Passagierdampfer lagen neben Viehtransportern, denn damals wurden Reisende und Ochsen noch an der gleichen Stelle verladen.

  An diesem Tag  drängten fast achthundert Passagiere aus Japan, China und Südafrika von Bord der „Canton“. Zöllner kontrollierten Pässe und Gepäck, Träger und Kutscher riefen ihre überteuerten Dienste aus, verwelkte Frauen priesen ebensolche Blumen an, gestohlen von den Gräbern auf dem Ohlsdorfer Friedhof; zerlumpte Kinder versuchten, gepantschte Getränke und geklaute Süßigkeiten abzusetzen, und Taschendiebe strolchten scharfäugig wie Rabenkrähen durch das Getümmel.

  Die beiden Männer am Rand des kleinen Wäldchens, an dem ein schmaler Fußweg vom Elbufer zum Circusweg führte, waren von entschieden härterer Bauart. Ihre richtigen Namen kannte schon lange keiner mehr. Der eine wurde „Teerwolf“ genannt, weil er in den Ruinen einer kleinen Dachpappenfabrik hinter dem Heiligengeistfeld hauste. Er war ein vierschrötiger Kerl mit einem struppigen pechschwarzen Bart, zwei ungleichen Augen und Armen wie Dreschflegeln und pflegte seine Opfer mit einem schartigen Hackmesser zu bearbeiten. Der andere war als der „Askomanne“ bekannt und sah womöglich noch wilder aus, seine Haare hatten nie einen anderen Kamm gesehen als den mit den fünf Zinken. Über ihn raunte die Fama, er habe in seiner Jugend im Lübeckschen noch Postkutschen überfallen. Die Halunken gehörten zur Ehrenwerten Bruderschaft des Heiligen Michael, einer Räuberbande aus der Neustadt, und beobachteten gerade einen Ankömmling mit Mandelaugen im porzellanglatten, fast weißen Gesicht. Die jugendliche Gestalt schlenderte ohne Gepäck mit einem eleganten Spazierstock durch die Anemonen der kleinen Wiese gleich oberhalb der Anlegestelle.

  „Das Schlitzauge will sich wohl die Schühchen nicht staubig machen“, knurrte der Askomanne und spitzte hinter dem dicken Stamm einer Eiche hervor.

  „Sind eben eitel, die reichen Jüngelchen, auch in China“, gluckste der Teerwolf. „Die Stiefelchen kriege aber ich, für die Elli, verstanden?“ Er hatte damals eine Freundin, Elfriede, genannt Elfenbein-Elli, eine spindeldürre, bleichsüchtige Bahnhofselster. Ich kannte sie ein bisschen, sie ist bald darauf gestorben.

  Der Ankömmling aus dem Reich der Mitte trug den grauen, auf Taille geschnittenen Stadtanzug der Upper class, den flachen Strohhut der Sommersaison und weiße Handschuhe. Am Griff des Spazierstocks glänzte Gold. Das makellose Gesicht war für einen Jüngling fast zu hübsch. Ein hochmütiger Ausdruck lag in den stahlblauen Augen. Als er an der Eiche vorbeikam, sprangen ihn die beiden Räuber an. Der Askomanne zielte mit einem Totschläger nach dem Strohhut, doch das vermeintlich ahnungslose Opfer duckte sich so blitzschnell, dass der Schlag ins Leere fuhr. Vom eigenen Schwung mitgerissen, geriet der Waldschrat ins Stolpern und stürzte zu Boden.

  Der Teerwolf schwang sein Hackmesser, aber auch diese bösartige Waffe verfehlte ihr Ziel, und ehe er zu einem zweiten Hieb ausholen konnte, erhielt er nun tatsächlich einen der Stiefel, nach denen ihn seiner Räuberbraut zuliebe verlangt hatte, und zwar bekam er ihn mit dem Absatz voran in die Zähne, von denen gleich eine ganze Vorderreihe ins Gras flog. Ehe er so recht realisierte, wie ihm geschah, traf eine Handkante seine Halsschlagader, und blutüberströmt sackte er in die Anemonen.

   Der Askomanne hatte die Balance, nicht aber sein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden, er glaubte wohl an Hexerei und glotzte den Gegner konsterniert an. Dann schlug er zum zweiten Mal zu, und wieder traf er nur Luft. Eine dritte Chance bekam er nicht, denn aus dem Spazierstock löste sich eine Klinge und bohrte sich dem Angreifer in die Brust.

  Peitschenknallen und lautes Schnauben zeigten an, dass sich ein Fuhrwerk den steilen Hang heraufquälte. Der junge Chinese zog den Stockdegen aus dem Leichnam, wischte das Blut an Teerwolfs Lumpen ab, schob die Klinge in die so harmlos wirkende Hülle zurück und spazierte weiter, als wäre nichts geschehen.

  Ein paar Minuten später trat die jugendliche Gestalt in die Goldene Pagode. Zwei Rausschmeißer gingen auf den Besuch zu, um ihn unter die Lupe zu nehmen. Als er die Handschuhe auszog, stürzten die Männer auf die Knie und flüsterten in Todesangst: „Wir unwürdigen Kreaturen bitten um Eure Befehle, oh großmächtiger Geist der Gerechtigkeit!“

  „Euren Herrn!“ sagte der Besuch mit einer Stimme aus Eis.

  Die beiden Rausschmeißer krochen wie geprügelte Hunde rückwärts, ohne die Augen von dem winzigen schwarzen Skorpion auf dem zierlichen weißen Handrücken zu lösen. Die anderen Chinesen drückten sich furchtsam in die Nischen. Auch die einheimischen Gäste, die kein Wort verstanden, vermieden es, den stahlblauen Blick zu kreuzen.

  Der greise Mister Tai-Tai erschien nicht einmal eine halbe Minute später mit wehenden Kleidern, warf sich bäuchlings auf den Boden und rief ohne jede Rücksicht auf seine erhabene Stellung als Herr der Triaden von Amsterdam bis Kopenhagen: „Unverdiente Gnade ist jedes Wort, das aus Eurem Mund dringt! Nehmt die Unterwürfigkeit Eures Sklaven huldvoll an und gestattet großmütig, dass ich mich auf der Stelle entleibe!“

  „Dazu ist später noch Zeit“, erwiderte der Ankömmling. „Wo befindet sich Euer Gemach für die Gespräche ohne fremde Ohren?“

  Mit tief gebeugtem Rücken geleitete der Herr der Goldenen Pagode seinen Gast auf eine geheime Treppe in seine privaten Räume. Sie prunkten in der verschwenderischen Fülle kostbarer Teppiche aus Kaschgar und Khotan, gewoben aus feinster, wie Seide schimmernder mongolischer Wolle, in tiefem Blau gefärbt und mit den goldenen Symbolen von Drache und Phönix verziert. Im neunzehnten Jahrhundert lieferten Chinas Teppichknüpfer bekanntlich ihre schönsten Werke. Überall standen antike chinesische Möbel und Rot- und Schwarzlacktönen, auch ein Hochzeitsschrank, ein Sekretär und ein Opiumtisch. Später, als die Polizei mit den Triaden aufräumte, hatte ich Gelegenheit, diese geheimnisumwitterte Örtlichkeit zu betrachten. An den Wänden leuchteten prachtvolle Seidentapeten mit Vögeln und Blumen, es gab goldene Lampen und silberne Uhren und alle erdenklichen Annehmlichkeiten des chinesischen Hoflebens. Das Himmelbett mit dem golddurchwirkten Baldachin war aus Elfenbein, die als Lotusblüte geformte Badewanne aus Jade geschnitzt. Duftende Kerzen brannten auf goldenen Leuchtern, in Porzellanschalen schwammen Rosenblüten, und kleine Silberglöckchen grüßten jeden Hauch mit leisen Sphärenklängen. Hinter dem Brokat der Vorhänge bot sich ein atemberaubender Blick über die Stadt. Im Osten zeichneten die Masten der schlafenden Schiffe, die Kräne, Hellinge und Fabrikschornsteine die scharfe, stolze Silhouette einer neuen Epoche. Im Süden  präsentierte sich Hamburgs alte Arbeitswelt der Kaischuppen, Werften und Manufakturen. Im Norden reichte die Sicht trotz der tiefen Wolken in die dörfliche Landschaft der Bauernhöfe, Felder, Viehweiden und Wäldchen jenseits der Vorstadt St. Pauli, und im Osten führte das Silberband des großen Stroms das Auge noch ein gutes Stück über die imposante Eisenbahnbrücke hinaus in die grünen Auen der Vier- und Marschlande.

  Greis und Gast setzten sich auf Stühle aus Königspalästen.

  „Ich bitte Euch, erweist mir die hohe Ehre, Euch mit den wenn auch bescheidenen, so doch gesunden Genüssen meiner ärmlichen Behausung erquicken zu dürfen“, begann der Meister der fünf Tugenden mit einem furchtsamen Blick auf die todverkündende Tätowierung. Schweiß glänzte auf seinem kahlen Schädel. „Mein Koch kam erst kürzlich aus einem der ersten Häuser unserer geliebten Stadt über dem Meere und bereitet aus den wenigen essbaren Produkten dieser barbarischen Langnasenländer Erstaunliches zu.“

  Dieser wahre Künstler in der Zufriedenstellung von Gaumen und Magen hörte auf den schönen glatten Namen Wang und erschien auf der Stelle. Später machte er an der Reeperbahn Hamburgs erstes chinesisches Restaurant auf. Dort lernte auch ich seine Kochkünste schätzen – und sein ausgezeichnetes Gedächtnis. Dass er sich an diese Prüfung seiner Kochkunst noch nach Jahren in allen Einzelheiten erinnerte, wundert kaum: „Niemals, niemals werde ich diese Stunde vergessen“, erzählte er mir.  „Ich wagte nicht, den Blick zu heben, ja, ich stand mit fest geschlossenen Lidern da, und dennoch merkte ich sofort, dass mir Unwürdigem die hohe Gnade des Angeblicktwerdens zuteilwurde, denn auf meiner Haut fühlte es sich an, als kröche eine Giftspinne über mein Gesicht.“

  „Versteht der Sklave die Kunst, den Chrysanthemenfisch zuzubereiten?“ hörte der arme Wang die kalte Stimme fragen.

  „Schenkt mir die Gnade, ihn seine hohe Kunst unter Euren alles sehenden Augen beweisen zu lassen“, bat der alte Massenmörder, der Zeit und Gunst zu gewinnen hoffte.

  „Wir wollen es Euch gewähren. Doch kennt der Sklave auch die Kunst des Schweigens?“

  „Er beherrscht sie in großer Vollkommenheit“, gab Mister Tai-Tai zur Antwort.

  „Ein Mann mit Zunge ist nur selten ein treuer Liebhaber dieser Tugend“, gab der Gast zu bedenken.

  „Würde ich ihm die Zunge herausschneiden, gewänne ich einen Schweiger, doch verlöre ich einen Koch.“

  „Wir werden sehen, ob seine Kunst Euren Leichtsinn rechtfertigt.“

  „Es ist ganz von Eurer völligen Zufriedenheit abhängig“, versicherte der Meister der fünf Tugenden.

  „Sorgt, dass seine Schweißtropfen nicht in das Essen geraten.“

  „Aber er darf doch ein wenig weinen?“ fragte Mister Tai-Tai eilfertig. „Tränen salzen besonders sanft. Ich werde dem Koch deshalb einige milde Schmerzen zufügen lassen.“ 

  „Ihr seid wahrhaft zu lange aus der Heimat fort“, sprach der Gast mit leisem Tadel. „In der Stadt über dem Meer salzen wir schon seit vielen Jahren ausschließlich mit den Trauerperlen junger Frauen, die stets dann am besten würzen, wenn man nicht die Mädchen selbst, sondern ihre Geliebten foltert.“

  „Ein Unwürdiger wie ich verdient keine Genüsse solch edler Art“, erwiderte der Alte, während ihm offenbar das Wasser im Munde zusammenlief. „Darf meine Geringfügigkeit Euch nunmehr einen edlen Trunk kredenzen? Ich verfüge über ganz unvergleichlich köstlichen Weine aus den besten Lagen Shanxis, von gnädigen Göttern geschaffen, alle Bitterkeit aus Mund und Brust zu bannen.“

  Die Hand mit dem Skorpion winkte ab. „Wasser“, sprach der schmale Mund.

  Eilfertig trat Mister Tai-Tai an einen kleinen Tisch, füllte ein goldumrandetes Glas aus einer Jadekaraffe und reichte es dem Gast. Die Hand mit der Tätowierung hob sich zu dem leichten Strohhut, nahm ihn ab und löste ein Bändchen. Eine Fülle schwarzer Locken fiel auf die schmalen Schultern, und ein Mädchen, das kaum zwanzig Jahre alt war, begann mit kleinen, wohlbeherrschten Schlucken zu trinken.

  Herr Wang stand immer noch regungslos da, hatte aber inzwischen den Mut gefunden, durch die Augenschlitze zu linsen. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten, um einen noch überzeugenderen Beweis seiner Diskretion zu geben, aber er wagte nicht die kleinste Bewegung.

  Mister Tai-Tai ging es kaum besser als seinem Koch, er schluckte ein paar Mal, dann sammelte er seinen Mut und legte alles, was dabei zustande kam, in die zitternde Frage: „Doch welcher verachtenswerte Unwürdige, welcher hassenswerte Teufel, welcher zweifellos der allerschlimmsten Verbrechen schuldige Hund von einem Missetäter soll von Eurer wissenden Hand seiner gerechten Strafe zugeführt werden?“ Es war ihm anzusehen, dass er Gründe besaß, sich selbst zu den Kandidaten zu rechnen.

  Die stahlblauen Blicke drangen wie Dolche in die wässrigen Greisenaugen. „Kennt Ihr einen Mann Johnny? Er ist ein Soldat und hielt sich noch vor kurzem in der Stadt über dem Meere auf.“

  Mit eine tiefen Seufzer der Erleichterung ließ der Meister der fünf Tugenden die angestaute Atemluft entströmen. „Oh Stimme, die dem Wind gleicht, der durch einen Bambushain weht, welcher Segen regnet mit deinen Worten auf mich herab! Wisse, hochedle Prinzessin, dass dieser Mann Johnny erst vor kurzem die reine Atmosphäre der Goldenen Pagode mit seinen Ausdünstungen verunreinigte. Sein Dämon trieb ihn, mit mir über den Stoff der göttlichen Träume zu reden, den er dort zweifellos stahl.“ Er erzählte die Geschichte von Onkel Johnnys Heimkehr auf dem brennenden Portugiesen bis zu seinem Besuch in der Goldenen Pagode.

  „Der Freche wollte Euch das Diebesgut verkaufen?“ fragte die Prinzessin des Todes.

  „Ja. Ihr werdet seiner Unverschämtheit eine Grenze setzen, o holde Botin der göttlichen Befehle.“

  „Warum habt Ihr das nicht bereits getan?“ Die diamantene Stimme klang noch ein paar Karat härter.

  Der armen Herrn Wang schwitzte immer mehr.

  „Er versprach, das Opium schleunigst abzuliefern, o Übermittlerin göttlicher Beschlüsse“, entschuldigte sich der Alte. „Es schien uns sicherer, ihn dies tun zu lassen, ehe wir ihn der gerechten Strafe zuführten.“

  „Und hat er sein Wort gehalten?“

  „Der Götterstoff war ihm leider selbst gestohlen worden, schon bevor er zu uns kam. Von seinem eigenen Bruder.“

  „Und dieser Bruder lebt etwa auch noch? Ich vermag es kaum zu glauben“, sprach der schöne Rachegeist.

  „Nein, o du mächtige Vollstreckerin der göttlichen Urteile. Dieser Unwürdige ist bereits tot.“

  „Wenigstens in diesem Fall hieltet Ihr Euch an die Weisungen der Triade.“

  Der Meister der fünf Tugenden senkte betrübt das Haupt. „Wir konnten ihn leider nicht selbst zu den Gelben Quellen senden, da ihm zuvor ein Unfall das Leben entriss.“ 

  „Ein Unfall war erforderlich, damit Eure Pflicht erfüllt ward?“

  Zaghaft klopfte es an die Tür. Ängstlich blickte der Meister der fünf Tugenden auf die Prinzessin. Ungeduldig gab sie ihm ein zustimmendes Zeichen, und der Alte stieß ein herrisches Krächzen aus. Die Holztür mit dem Drachenhaupt öffnete sich, und zwei der Rausschmeißer traten ein, kräftige Chinesen mit Stiernacken und Mörderaugen. Sie wuchteten einen riesigen Überseekoffer von den Schultern, stürzten dann sofort zu Boden und pressten die brutalen Gesichter in die Teppiche.

  Die Prinzessin machte eine halbe Handbewegung, und Mister Tai-Tai befahl: „Entfernt euch, ihr Auswurf aus dem Maul eines räudigen Hundes!“

  Die beiden Little Dragon krochen rücklings aus der Tür.

  „Wo ist der Mann Johnny?“ fragte die Prinzessin.

  „Er verbirgt sich, wie es gemeinen Dieben gebührt“, antwortete der Meister der fünf Tugenden. „Auch die hiesigen Hüter der Gerechtigkeit suchen ihn, weil er einst einen der Ihren ermordete.“

  „Einen Constabler? Warum?“

  „Auch damals ging es um den Stoff der göttlichen Träume. Der Mann Johnny scheint ein wenig unbeherrscht zu sein.“

  „Beschreibt ihn.“

 „Stark wie der Leopard der Berge. Gelbe Haare. Blaue Augen. Sehr gefährlich.“ Der wachsame Greisenblick entdeckten Unmut auf dem schönen Gesicht der Vollstreckerin göttlicher Urteile, und der welke Mund fügte eilends hinzu: „Vor Eurer göttlichen Klinge, erlauchte Gebieterin über die Grenzen des Lebens, ist diese Langnase natürlich nichts weiter als ein schlachtreifes Schwein, das ängstlich unter dem Messer quiekt.“

  „Wo finde ich ihn?“

  „Er wohnt in einer Herberge der Insel Brook, genannt ‚Hotel Tritonia“, berichtete der Alte. „Sie gehört einer Frau.“

  „Einer Frau? Das ist nicht gut. Es sind immer die Frauen, die warnen. Wer Leben schenken kann, kennt auch den Tod gut.“

  „Oh welche Weisheit, welche Höhe der Gedanken!“ murmelte Mister Tai-Tai von Herzen kriecherisch.

  Die Prinzessin kannte ihr Geschlecht: „Der Mut des Mannes achtet kaum der Gefahr, doch niemals entgeht die schleichende Schlange dem sorgenden Blick einer liebenden Gattin.“

  „Sie ist die Gattin eines hohen Anführers von Banditen“, erläuterte Mister Tai-Tai, offenbar um die Kritik der Prinzessin an seiner Nachlässigkeit zu besänftigen, aber damit kam er nicht weit.

  „Sie liebt also nicht den Mann Johnny?“

  „Davon wissen wir nichts“, musste der Alte zugeben.

  „Und wer ist dieser Häuptling gelbhaariger Stadtbanditen?“

  „Sein Name ist Jack. Er hat aber dunkles Haar. Er hasst alle Ausländer und führt sehr viele starke Krieger an.“

  „Er schützt den Mann Johnny?“

  „Nein, hochedle Prinzessin – oder vielleicht, ja. Wir wissen es nicht.“

  „Auch das wisst ihr nicht?“ Die weiße Stirn der Prinzessin runzelte sich in besorgniserregender Weise. „Ihr lasst nicht nach dem Wild spähen, das Ihr jagt?“

  Herr Wang schielte immer noch durch seine Augenschlitze und sah, wie sein Herr wieder furchtsam nach der Überseekiste blickte. Wie auch der Koch nun ahnte, barg der Behälter ein Instrumentarium, dessen Anblick allein schon den Tod als Gnade herbeisehnen ließ.

  „Selbstverständlich verfolgen wir alle seine Schritte“, versicherte der Meister der fünf Tugenden hastig. „Er ist oft unterwegs und trifft mit vielen anderen Schurken zusammen. Man sagt, der Mann Johnny sei zurückgekehrt, um den Mann Jack zu töten.“

  „Warum?“

  „Es geht um die Vergangenheit. Und um die Frau.“

  „Ihr seid ein Narr! Diese Frau liebt den Mann Johnny. Würde sie ihn nicht lieben, wäre er tot. Sie schützt ihn vor ihrem Mann.“

  Während die Prinzessin nachdachte, fiel ihr Blick auf Herrn Wang, der sofort wieder die Lider zusammenpresste.

 „Du glaubst also, du kennst die Kunst, den Chrysanthemenfisch zu schneiden, Sklave?“ hörte er die Prinzessin fragen und wurde fast ohnmächtig, da sie das Wort direkt an ihn zu richten geruht hatte. Dann aber ermannte er sich und antwortete: „Ich kenne sie, hochedle Prinzessin.“ Da er sich zwar nicht auf sein Glück, wohl aber auf seine Fähigkeiten verlassen konnte, fand er sogar zu einer einigermaßen festen Stimme.

  „Es sei dir gestattet, den Blick zu uns zu erheben“, sagte das tödliche Mädchen daraufhin.

  „Das wage ich nicht, hochedle Prinzessin“, stammelte der Koch nun doch wieder voller Angst.

  „Ich befehle es!“

  Da es nun keinen Ausweg mehr gab, sah Herr Wang sie furchtsam an und erblickte, wie er mir später berichtete, das schönste Menschenantlitz, das er jemals gesehen habe, „schöner als selbst als Kwan Yin, die schönste der Göttinnen, die in den Männern die himmlische Liebe erweckt.“

  „Wie heißt das Tier aus diesen kalten Gewässern, das den Quing-Fisch ersetzt?“ fragte die Prinzessin den Staunenden.

  „Lachs, hochedle Prinzessin“, brachte Herr Wang mühsam hervor. „Es ist ein kraftvoller Fisch mit sehr guten Manieren.“

  „Gut. Meine Augen werden Zeugen deiner Kunst sein, Sklave.“

  Herr Wang fand den Mut, sich dankbar zu Boden zu werfen. „O Gütigste!“ rief er voller Freude.

  Die Prinzessin des Todes wandte sich wieder dem Meister der fünf Tugenden zu. „Unser Leib verlangt nach den Erquickungen der Ruhe. Verlasst uns nun. Kehrt zurück, wenn der Sklave mit der Frucht seiner Arbeit erscheint.“

  Mister Tai-Tai verneigte sich wieder bis zum Boden, und Herr Wang machte, dass er zum Markt kam. Als er mit einem besonders schönen Fisch zurückkehrte, prüfte Mister Tai-Tai jede einzelne Schuppe, ehe er den Koch in die Küche entließ.

  Bis der Lachs mit dem Schinken geschnitten und gedünstet, die Porree- und die Ingwersoße zubereitet und die Gurke auf raffinierte Weise in die Blume der Tapferkeit verwandelt war, verging fast eine Stunde. Die Prinzessin des Todes hatte in der Zwischenzeit den eleganten Anzug abgelegt, in Lotoswasser gebadet, sich in einen seidenen Morgenmantel gehüllt, im „Buch der Wandlungen“ Weisheiten des Konfuzius in sich aufgenommen und meditiert. Nun saß sie mit kobaltblau geschminkten Augenlidern und blutroten Lippen im Lotussitz der Selbstbeherrschung vor einer Reihe blitzender Messer.

  Als der Meister der fünf Tugenden mit dem Koch eintrat und die Prinzessin des Todes in dieser Position erblickte, warf er sich heulend auf die kostbaren Teppiche. „Es ist meine Schuld, o hochwürdigste Erlöserin von allen irdischen Untugenden“, schluchzte er. „Dieser Mann Johnny durfte die Goldene Pagode niemals lebend verlassen! Ich ersuche Euch um die einzige Gnade, dass es mir gestattet sei, mich vor Euren Augen durch sofortige Entleibung selbst zu bestrafen!“

  Herr Wang konnte seinen Chef gut verstehen: Alles war besser, als von diesem unversöhnlichen Racheengel unter ausgesuchtesten Qualen zu Tode gefoltert zu werden. Doch offenbar war Mister Tai-Tais Stunde noch nicht gekommen, denn die Prinzessin erwiderte, wenn auch so unheimlich leise wie Mordgeflüster in einer Gruft. „Fasst Euch! Der Tod hat das Auge auf Euch gelegt,  aber noch nicht die Hand.“

  „Ich kenne meine Sünde“, ächzte Mister Tai-Tai und presste die Stirn noch fester gegen die bunte Wolle. „Sie ist genauso unverzeihlich wie die des verräterischen Wurms! Dieser Mann Johnny, dieser verlogene Bastard einer verderbten Hündin, dessen Blut bald euer Auge erquicken wird, denn Ihr seid unfehlbar! – versprach, mir den Raub zu übergeben, doch ich hätte genauer nachforschen sollen. Das ist meine unverzeihliche Schuld. Gewährt mir nun die große Gnade, diesem üblen Verbrecher und abtrünnigen Lumpen, dieser gefräßigen Made im Fleisch so hoher wie gütiger Wohltäter, in die stinkende Finsternis der Verräterhölle voranschreiten zu dürfen!“

  Die Prinzessin betrachtete ihn schweigend. Ihre Schönheit war, mit Herrn Wangs Worten zu reden, von jenem Reiz, der Knaben an Künftiges, Greise an Vergangenes und Männer an alles zugleich denken lässt, doch ihre schlanken Hände liebkosten den Stahl des Todes. „Wäre das Glück Euch günstiger gesonnen, hätte ich den Mann Johnny schon in Kapstadt bestraft“, sagte sie. „Aber leider war uns der Gott des Maschinenschadens nicht günstig gesonnen, und als unser Schiff endlich weiterfuhr, erwies sich der Wind dem Dieb gnädiger als der Gerechtigkeit. Die Christen segeln schnell.“

  „Es gibt keine Entschuldigung für mein Versagen, allergroßmächtigste Herrin“, lamentierte der Meister der fünf Tugenden, „und auch keine Vergebung.“

  „Aber vielleicht einen Aufschub“, sagte die Prinzessin.

  Mister Tai-Tai fand es daraufhin günstiger, sein Schniefen und Seufzen etwas zu dämpfen.

  Die Prinzessin betrachtete ihn noch eine Weile, dann nickte sie. „Erhebt euch.“

  Der Greis kämpfte sich auf die Füße, als müsse er dabei einen Mastbaum aufrichten.

  „Tretet ans Fenster“, sagte die Prinzessin des Todes. „Das, welches nach Osten zeigt. Seht ihr den Mann mit der roten Wollmütze?“

  Der Meister der fünf Tugenden schärfte seinen Blick. „Das scheint mir einer der Portugiesen zu sein. Gestattet Ihr meiner Winzigkeit, Euch seines Anblicks zu entledigen?“

  „Wartet noch. Er scheint zu glauben, dass dieser Mann Johnny seine Beute bei euch verkaufen will. Lasst diesen Götzendiener beobachten. Vielleicht finden seine Leute den Dieb und führen uns zu ihm.“

  „Niemand gehorcht Euren lichtvollen Weisungen ergebener als ich“, murmelte der Alte und streifte sich die Tränen der Todesangst von den wimpernlosen Schildkrötenlidern.

  „Wir werden sehen“, sagte die Prinzessin. „Nun aber sollt ihr uns alles berichten, was eure Leute sonst noch über diesen Mann Johnny herausfanden. Vergesst keine Einzelheit!“

  Während Mister Tai-Tai nun vortrug, was er über meinen Onkel, aber auch über Jack, Nell, die Brookboys und die Hamburger Unterwelt wusste, stand Herr Wang wie eine Statue und schaute erst furchtsam, dann hoffnungsvoll und bald mit großer Erleichterung zu, wie der Chrsyanthemenfisch Stück für Stück hinter den blutroten Lippen verschwand.

  Vierzig Meter unter ihnen lagerte Mario Nunez, Bootsmann der von Kehrwieder-Johnny eine Woche zuvor in Brand gesteckten „Heiligen Jungfrau von Sagres“, am Circusweg seelenruhig auf einem Haufen Schiffstaue, drehte eine Zigarette nach der anderen und behielt die vergoldete Sündenpagode im Auge. Er würde verdammt noch mal Recht behalten, das wusste er genau, und er würde es beweisen, ehe sein Schiff wieder aus der Reparaturwerft auf der Rossinsel kam: Es war das verdammte Opium, das dieser verdammte Hund von einem Deutschen mit englischem Namen in seiner verdammten Kiste versteckte, als er in Schanghai an Bord ging. Und damit der Schmuggel nicht aufgedeckt wurde, hatte der verdammte Kerl dann das schöne alte Schiff in Brand gesetzt. Jetzt wollte er das Rauschgift teuer verkaufen – und an wen, wenn nicht an die verdammten Schlitzaugen? Und dabei würde er ihn erwischen. Und ihm ganz langsam die Klinge durch die Kehle ziehen.

  Vor den Triaden hatte Nunez keine Angst, sein Messer hatte in Macao und anderswo schon viel Chinesenblut gesoffen. Dieses plattnasige Heidengesindel sollte nur kommen, er würde ihm schon zeigen, mit welchem Sakrament ein braver Katholik gute, nämlich tote Heiden macht.

 

 

 

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