Lass mich in Kängu-ruh!

Mittwoch, 7. November 2012

Große Sprünge mit leerem Beutel? Von wegen! In dieser Familie sind die Rollen klar verteilt: Papa macht Thaiboxen, und Mama trägt die Kinder herum - im schnellsten Balkon der Welt!     

Das Stadion ist nicht gerade mit den neusten Errungenschaften der Technik gesegnet: Der Boden ist mal loser Sand, mal Morast. Einen Absprungbalken gibt es nicht. Pflanzen überwuchern die Anlaufbahn. Trotzdem ist hier pausenlos Weltrekord angesagt: 13,50 Meter weit. 3,50 Meter hoch. Auch in der Damen-Disziplin. Dabei heben die Springerinnen nicht alleine ab, sondern haben auch noch ständig ihre Kinder am Hals. Besser gesagt: Im Beutel. Denn das Stadion ist Australiens Wildnis, und die rasenden Rekordler mit den elastischen Beinen sind Kängurus, die sensationellsten Kunstspringer der Natur. 20 Millionen von ihnen leben auf dem 5. Kontinent und einigen Nachbarinseln - eine Zahl, die dafür spricht, dass es sich um ein Erfolgsmodell handelt!

Der alte Spruch um den großen Sprung mit leeren Beutel wird dem Känguru nicht gerecht, denn die kesse Hupfsohle hat schwer was drauf: Es kommt in so gut wie jedem Lebensraum klar, selbst in der heißesten Wüste. Es wird mit fast jeder Schwierigkeit fertig. Und es weiß ganz genau, was ein harmonisches Familienleben wert ist.

Harmonie entsteht durch Liebe, aber die gibt's nur einmal im Jahr. Schon da zeigen sich Kängurus ziemlich clever: Hochzeit wird erst gefeiert, wenn es genug zu beißen gibt. Gerade in Australien, wo der Regen anders als bei uns nur sehr unregelmäßig fällt, kommt es für die Tiere darauf an, erst einmal sichere Verhältnisse abzuwarten, bevor sie eine Familie gründen. Dann aber geht alles ganz schnell: Die Hochzeitsnacht dauert nur ein paar Minuten. Danach bleiben die Jungvermählten zusammen, bis die Kinder groß sind.

Der Nachwuchs ist tierisch klein: Nach 40 Tagen bringt Mutter Känguru ein Baby zur Welt, das nur 2 cm misst und nicht einmal ein Gramm wiegt. Deshalb rückt der kleine Krabbelphilipp seiner Mutter sofort auf den Pelz und kämpft sich zu dem einzigen sicheren Ort durch, den es für ihn gibt: Mamas Beutel. Der hat verblüffende Eigenschaften: Zum Beispiel vier Zapfstellen für zwei verschiedene Sorten Milch. Außerdem die kuscheligste Inneneinrichtung und die beste Federung der Welt. Bei Hitze bleibt es unter dieser natürlichen Frischhaltefolie immer schön kühl. Und bei Kälte heizt Mutters Wampe dem jungen Hüpfer kräftig ein. Weil Kängurus immer auf Achse sind, ist das mobile Kinderzimmer extrem wichtig. Denn sonst müsste die ganze Familie (Papa und drei bis fünf Mamas) immer warten, bis der Nachwuchs endlich mal einen Satz macht. Und das würde in dieser rauen Welt rasch gefährlich werden: In Australien lässt immer wieder mal eine Trockenheit einen ganzen Landstrich verdorren. Und die sprunggewaltigen Taschenspieler haben auch Feinde. Besonders der Dingo versucht immer wieder, sich einen der schnellen Stoppelhopser zu schnappen.

Zum Glück ist Vater Känguru der beste Kick-Boxer der Welt und hilft dem Räuber rasch auf die Sprünge: Weil er sich mit dem kräftigen Schwanz abstützen kann, schafft er es, mit beiden Füssen gleichzeitig auf den Gegner einzutrommeln. Außerdem beherrscht er einen raffinierten Trick: Wenn der Dingo trotz der Prügel nicht aufgibt, platscht Papa Känguru ins nächste Wasserloch, wartet, bis der Wildhund hinterher geschwommen ist, und taucht ihn dann ein paarmal kräftig unter. So macht man unliebsame Zeitgenossen nass!

Kängurus leben in Großfamilien. Die Mütter kriegen das ganze Jahr über Kinder, die von allen Erwachsenen liebevoll erzogen werden. Vater bringt ihnen bei, dass man in der Wildnis immer gut aufpassen muss: Er schiebt den ganzen Tag Wache. Bei Gefahr trommelt er mit dem Schwanz auf die Erde - es ist das wichtigste Wort in der Känguru-Sprache: "Abhauen". Das zweite Wort heißt "Herkommen". Wenn Mutter ruft, haben Kleine sofort zu parieren, sonst gibt es Zoff - Gehorsamkeit ist die beste Lebensversicherung im Känguruland.

Sechs Monate bleibt Baby im Beutel, dann wiegt es 4 Kilo und darf ins Freie. Motto: Känguru - raus bist du! Dann wird das erste Kunstspringer-Fastfood eingefahren: Am liebsten saftiges Gras, leckere Blätter und knollige Wurzeln. Kängurus sind überzeugte Vegetarier. Und hauen sich nie den Bauch so voll, dass sie nicht mehr hüpfen können. Gerade für die Kleinen ist es wichtig, sich jederzeit in Sicherheit bringen zu können. Dabei hilft eine besondere Technik: Mutter hält mit beiden Vorderpfoten den Beutel auf; Junior jumpt kopfüber hinein, dreht sich dabei und landet so, dass sowohl Kopf als auch Beine herausschauen. Trotzdem ist die Rückkehr in den Beutel nicht immer leicht, denn manchmal macht Mama die Bude dicht, um ihre Ruhe zu haben - wenn Kinder ständig rein- und raushopsen, geht es sogar der liebevollsten Mutter irgendwann mal auf den Geist! Zumal Kängurus immer gleichzeitig mehrere Söhne und Töchter großziehen: Wenn das älteste zur Schule geht, macht sich schon das Nächste im Beutel dick.

Der Unterricht beginnt mit der großen Laufschule: Das normale Reisetempo (25 km/h) können KleinKängurus schon bald mithalten, aber im Sprint gewinnt immer Papa, den der schafft fast 100 Sachen. Für Menschen wäre das Hüpfen unheimlich hart, aber für das Känguru ist es die bequemste Art der Fortbewegung: Überdurchschnittlich lange Bänder sorgen dafür, dass bei jeder Landung Energie gespeichert und bei jedem Absprung wieder freigegeben wird, die Muskeln also kaum zusätzliche Power bringen müssen: Kängurus federn auf der harten Erde wie Menschen auf einem Trampolin. Nach zehn Monaten kriegt der kleine Gras-Hüpfer absolutes Beutelverbot, denn dann ist er endgültig zu schwer geworden. Aber an die Tankstelle darf er auch weiterhin, und deshalb hat Mama auch zwei Sorten Milchshake parat: Das Baby bekommt immer einen etwas fetteren Drink. Zweites Unterrichtsfach: Pflanzenkunde. Trotz des sparsamen Spritverbrauchs fressen Kängurus siebenmal so viel wie Schafe, denn sie sind jede Nacht unterwegs. Bei Tag ist Schatten-Schlafen angesagt - Australiens Sonne brennt mit mehr als 50 Grad!

Wenn es allzu heiß wird, schaltet das Känguru die Zungenkühlung ein: Es leckt sich die Arme, auf deren Haut sofort Verdunstungskälte entsteht - dieses Erfrischungstuch funktioniert immer! Nach zwei Jahren machen Kängurus schon Abitur, mit zehn Jahren dürfen Männchen erst heiraten, und mit 18 Jahren kommt der letzte Sprung, und die Landung, in eine andere Welt, in der es weder Dürre noch Dingos gibt.         

 

Känguru-Poesie                                              

Das Beuteltier lief einst herum
Auch hier im Mesozoikum.
Doch sind, woran wohl niemand deutelt,
Wir längst schon völlig ausgebeutelt.
Die Tiere, wohl nicht mehr ganz fertig
Von Gott gemacht, sind gegenwärtig...
Spruchbeutel zählen nicht dazu.
Wir kennen nur das Känguru,
Das - leider nicht von mir erdacht - 
Leerbeutlig große Sprünge macht.
Eugen Roth (1895 - 1976)

 

Große Sprünge im kleinsten Erdteil                           

Kängurus gehören zu den Beuteltieren. Es gibt drei Unterfamilien mit zusammen 12 Gattungen, 51 Arten und 93 Unterarten. Ihre Heimat sind Wüste, Steppe, Dschungel und Gebirge in Australien, Tasmanien, Neuguinea sowie auf verschiedenen kleineren Pazifikinseln.

Rotes Riesenkänguru
Das größte: 165 cm lang, Schwanz 120 cm, Männchen bis 70 kg, Weibchen 40 kg, 90 km/h schnell.                             

Ringelschwanz-Felskänguru
Das seltenste: 80 cm lang, Schwanz 70 cm, nur 9 kg schwer, Kletterkünstler, springt 4 m weit über Felsschluchten!     

BrillenhasenKänguru
Der Hochspringer: 50 cm lang, Schwanz 46 cm, bis 7 kg schwer, schafft aus dem Stand 1,8 m 

Moschusrattenkänguru
Das kleinste: 33 cm lang, Schwanz 17 cm, wiegt nur 500 g, der einzige Insektenfresser unter den Kängurus.                 

 

Locker im Anflug
Der Urahn der Kängurus besaß Flughäute und war so groß wie ein Hase                                                    

Der Vorfahr aller Beuteltiere hieß Pantotherium und lebte vor 140 Mio. Jahren auf dem Urkontinent Gondwana. Als sich die heutigen Erdteile bildeten, veränderte sich auch die Tierwelt auf ihnen. Das Känguru überlebte nur in Australien, denn dort gibt es nicht so viele gefährliche Raubtiere wie auf anderen Kontinenten.                                                 

 

Was Menschen vom Känguru lernen können                       

Friedfertigkeit: Kängurus streiten sich nur sehr selten, und wenn es doch einmal eine Meinungsverschiedenheit gibt, wird eine Entschuldigung sofort akzeptiert.

Gute Nachbarschaft: Känguru-Familien haben keine Probleme damit, fette Weidegründe mit anderen zu teilen - Revierstreitigkeiten sind unbekannt.                    

Heimatliebe: Känguru-Männchen verbringen am liebsten ihr ganzes Leben dort, wo sie geboren sind. Vorteil: Dort kennen sie jeden Stock und Stein, können ihre Familie deshalb besonders gut beschützen.                                    

Gemeinschaftsgefühl: Känguru-Weibchen teilen gern untereinander, rücken sich gegenseitig auch nicht auf den Pelz, halten fest zusammen.                                   

Fairness: Kängurus nutzen es nie aus, wenn sie einen Artgenossen körperlich überlegen sind.

Ritterlichkeit: Känguru-Männchen beschützen nicht nur die eigenen Weibchen, sondern alle Schwächeren in der ganzen Familie und darüber hinaus auch die sonstigen Artgenossen - oft mit großen Mut!

Hilfsbereitschaft: Kängurus passen nicht nur auf die eigenen Kinder, sondern auch auf Fremde auf. Vorteil: Eltern können öfter mal Pause machen, wenn ein freundlicher Babysitter den Nachwuchs im Blick behält.                                   

Gehorsam: Känguru-Mütter brauchen ihre Kinder nie, mehrmals zu rufen - die Kleinen gehorchen bereits beim ersten Ton!

Verantwortungsbewusstsein: Känguru-Männchen bleiben ihrer Familie treu, bis die Kleinen erwachsen sind - keinem würde es einfallen, Frauen und Kinder einfach sitzenzulassen. 

Elternliebe: Kängurus bleiben bis zu Tod zusammen - auch die werden Alten überall hin mitgenommen.                        

 

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