Kehrwieder Johnny - Die Heimkehr

Samstag, 4. August 2012
„Früher eine der besten Adressen der Stadt“: Der Kai am Kehrwieder im Jahr 1883 © Museum für Hamburgische Geschichte

Der Roman „Kehrwieder Johnny“ erzählt eine Gangster-Story aus dem Hamburg des späten 19. Jahrhunderts. Die schweren sozialen Konflikte des Industriezeitalters bieten die bewegte Kulisse für eine archaische Geschichte um Liebe, Schuld, Rache und den Durst aller Menschen nach Glück. Wir drucken jede Woche zwei Kapitel.

 

 

 1: Heimkehr

 

Hamburg, 1881

Es war die erste Vollmondnacht im Mai nach der bengalischen Beulenpest. Die Sektsirenen von St.Liederlich fischten eben noch die letzten Freier aus dem abgeebbten Menschenstrom vor ihren Lasterbuden, da schob die Flut einen brennenden Portugiesen elbaufwärts, die „Heilige Jungfrau von Sagres“. Der Feuerschein war bis Blankenese zu sehen. Und während die Spritzendampfer aus allen Rohren schossen, kletterte am Heck ein Mann auf der Sturmleiter in den Strom.

  Die Zöllner an der Niederbaumbrücke starrten nur auf die Bark, die knapp vor ihrer Akzisebaracke gegen die Duckdalben rummste. Die beiden Galgenschwengel aber, die auf dem Anleger an der Kehrwiederspitze hockten, entdeckten Schwimmer und Seekiste sofort. Der eine war der rote Relf, ein stadtbekannter Schlagetot mit Locken aus Feuer und Armen wie Kanthölzern. Er und seine drei Brüder waren beim Kleinholzmachen in den Krawallkneipen auf dem Brook immer vorne weg, und diese Kluten gaben kein Pardon. Wehe dem armen Sailor, der sich mit ihnen anlegte! Der andere hieß „Pelikan“, weil ihm vom dürren Hals die Haut wie ein Kehlsack auf der Keilbrust lappte. Seinen richtigen Namen kannte niemand. Er hinkte auch immer so komisch, wie ein großer, lahmer Vogel.

  Die zwei Halunken gehörten zu den Hafenratten. Sie vermuteten auf Anhieb, in der Kiste sei Opium, und damit lagen sie richtig. Aber wen sie vor sich hatten, das wussten sie nicht, sonst hätten sie sich besser vorgesehen.

  Im Hafen herumzuplanschen war kein Vergnügen, die Elbe spazierte zwar als frische Jungfer nach Hamburg herein, verkam aber zwischen Fleeten und Kanälen schnell zur stinkenden Vettel, dreckig und verseucht. In ihrem trägem Wellenschlag schwappte der Auswurf der Stadt: Unrat aus den Latrinen, Knochen und Eingeweide von Schlachttieren, Küchenabfälle und alles mögliche üble Zeug, vermengt mit Öl und Teer. Nachts war das Wasser schwarz wie Schleim aus einem Höllenrachen.

  Als der Schwimmer nach dem Balken des Anlegers griff, stach Relf zu, aber seine Klinge traf nicht den Mann, sondern die Kiste, die ihm plötzlich entgegenflog, und ehe der Rote noch einmal ausholen konnte, zog ihn eine Hand ins Wasser. Eine Sheffieldschlange biss ihn in die Brust, und dann trug der Strom, der große Leichenbestatter der Stadt, den ersten Toten des Tages zur See.

  So schnell ging das damals, und meistens krähte kein Hahn danach. In diesem Fall war das allerdings anders.

  Der alte Pelikan wog noch das Messer in der knochigen Hand, da schrummte neben seinem Vogelkopf eine Klinge ins Holz, und eine dunkle Gestalt schnellte sich auf den Anleger, wie ein Panther aus einer Lagune am Amazonas. Der entsetzte Pelikan kletterte blitzartig auf den Kai und galoppierte wie gehetzt in die schwarzen Gassen.

  Der Fremde verfolgte ihn nicht. Er zog sein Messer aus dem Balken, hievte die Seekiste auf die Schulter und schleppte sie über den Kehrwieder. Die Straße lag ungefähr dort, wo heute das Zollmuseum steht, und war früher eine der besten Adressen der Stadt, lauter reiche Kaufleute. Als wir dort hausten, wucherten an den verblichenen Barockfassaden massenhaft Wettergeschwüre, überall guckten Ziegel durch den Putz, und jeder Sturm schickte ein Schock Schindeln auf Luftreise.

  An einem der noch einigermaßen instandgehaltenen Häuser stand „Hotel Tritonia“. Der frühe Gast klopfte an die geteerte Bohlentür. Der Nachtportier staunte nicht schlecht über die nassen Klamotten.

  „Holl di stief! Wohl in’n Bach gefallen?“

 „Zimmer un'n Bad“, kam die knappe Antwort.

 „Die Huusmagd ist noch nicht opstoh“, sagte der Nachtportier und musterte die Sandelholzkiste mit den chinesischen Schriftzeichen. Er hieß Max Bartels und war ein kleiner, grauer Kerl, vom Schicksal gebogen und vom Schnaps nicht wieder aufgerichtet. .

  „Dann weck se man op“, sagte der Mann und balancierte die Kiste zur Treppe.

  „Un’ wat schrief’ ik in’t Fremdenbuk?“ fragte der Nachtportier.

  Der Mann zauberte ein Geldstück aus der Tasche und warf es ihm zu. „Frank Smith.“

  Der Nachtportier nahm einen Schlüssel vom Brett, schleppte sich die Treppe hoch und schloss auf. „Is’ dat gröötste Zimmer, dat kost fief...“

  „Is' recht“, sagte der Mann und trat die Tür hinter sich zu.

  Ein paar Minuten später füllte die Zimmermamsell heißes Wasser in den Badezuber: Wiebke, schwanger aus einer Kate bei Rendsburg weggelaufen; eine junge, blasse Bauerndeern, blond wie ein Tau ohne Teer. Wie allgemein üblich, hatte sie erst einmal ein paar Jahre angeschafft, im „König von Preußen“, einem Radauladen an der Fuhlentwiete. Ihr Kind war an Keuchhusten gestorben. Mächtiger Ärger mit dem Amtsarzt ließ sie ehrlich werden, da sich das nun wohl nicht länger vermeiden ließ.

  Als sie fertig war, gab ihr der Mann eine Mark. Da machte sie einen Knicks und fragte mit ihrem Kammerkätzchenlächeln für besondere Gelegenheiten, ob sie sonst noch zu Diensten sein dürfe.

  „Nein.“

  Als die blasse Wiebke gegangen war,  stellte der Mann seine Seekiste hochkant hinter den Zuber, zog die schwere dunkelblaue Jacke und das blaue Hemd aus, schnallte darunter einen breiten Ledergürtel ab, in dem ein Dutzend Messer steckten, und zwar solche aus Sheffield, und legte ihn auf die Kiste. Die dunkelblauen Hosen und das Unterzeug flogen in die Ecke.

  Ihr könnt euch ja wohl denken, dass es Johnny war. Johnny vom Kehrwieder. Wiedergekehrt aus dem Reich der Toten.

  Johnny! Wie oft habe ich sein Bild beschworen, und noch heute, da ich uralt bin, und vermurkelt wie eine Backbirne, tritt es mir jedesmal sofort vor Augen. Er war neununddreißig Jahre alt, ein Mann wie den Engeln zum Neide geschaffen, schlank, hoch und hell wie eine Birke auf der Geest und genauso geschmeidig. Stark war er, und schnell, sehr schnell, mit dem Kopf und mit der Hand. Er hatte blondes Haar, eine Stirn wie aus Stein, und seine Augen waren, mit den Worten eines alten Freundes zu sagen, „blau wie die See hinter Helgoland“. Sein Kinn war rund und kühn wie Kap Negro, um Nase und Wangen erinnerte er mich immer an einen Leoparden, den ich als Kind mal sah, als Hagenbeck noch keinen Zoo, sondern die kleine Tiermenagerie auf dem Spielbudenplatz hatte. Wenn Raubtiere in der Sonne liegen, sieht man unter dem Fell ihre Muskeln zucken; sie halten sich in Form. Johnny hatte auch so etwas Katzenhaftes, immer auf dem Sprung. Und er hatte Schmiss. 

  Johnny war klug, ohne gerissen, und hart, ohne grausam zu sein. Er rasierte sich jeden Morgen mit großer Sorgfalt, wie er es sich in den Tropen angewöhnt hatte, und da er niemals priemte, hatte er die weißesten Zähne, die ich je bei einem Seemann sah. Er konnte lachen wie Siegfried beim Tanz mit dem Bären und ernst sein wie der Erzengel am Paradies. Wenn er trank, wurde er schwermütig wie Odysseus bei Circe. Er war schön – mein Gott, war er schön! Ich hätte mich todsicher in ihn verliebt, wenn er nicht ... aber das kommt später.

  Als er in dem Zuber saß und sich den Schmodder von der sonnenverbrannten Haut schrubbte, ging die Tür auf und die blasse Wiebke spazierte wieder herein, diesmal nicht mit heißem Wasser, sondern mit schottischem Whisky, den sie mal kurz in der Bar gemopst hatte. Auch war ihr Aufzug nicht mehr der eines Zimmermädchens.

  Johnny war einem guten Tropfen nie abgeneigt und nahm einen Schluck.

  „Gibst du mir was ab?“ fragte Wiebke, und von ganz allein ging ihre Bluse auf.

  Johnny guckte stur an ihrem Busen vorbei. „Ich bade nicht mit Weibern“, sagte er.

  Sie machte ihren wohlgeübten Schmollmund, da flog ihr die Tür ins Kreuz, fast wäre sie zu Johnny ins Wasser geplumpst.

  „Hoppla!“ japste sie.

  „Holl dien’ Sabbel!“ Vier Männer traten in den Raum. Ihre schwarzen Mäntel reichten bis zu den Stiefeln. Sie trugen ihre Stöcke aus Hickoryholz wie Roms Liktoren die Ruten.

  „Was wollt ihr denn hier?“ wunderte sich Wiebke. Sie kannte die Kerle. Jeder auf dem Brook kannte sie.

  Die Vier beachteten sie gar nicht. Ihr Anführer sagte zu dem Mann in dem Zuber: „Bist du da vorhin auf dem olden Feuerholz reinkarjolt?“

  Das war Willy. Heute kommt es mir immer so vor, als hätten er und Johnny sich lange kennen müssen, aber zwischen ihnen lagen immerhin zehn Jahre, und das ist im besten Mannesalter noch ziemlich viel, der eine fängt gerade an, während der andere mit dem Gröbsten schon durch ist. Als Johnny auf dem Brook die ersten Männerkämpfe ausfocht, warf Willy noch Küchenmesser auf Dachhasen oder Kanalforellen, wie wir zu Katzen und Ratten sagten. Wie ich später erfuhr, hatte Willy als kleiner Junge Johnny bewundert, aber auf die Idee, dass der Mann in dem Zuber dort das Idol seiner Kindheit war, konnte er jetzt natürlich nicht kommen.

  Von Wandrahm-Willy - damals hießen viele Halb- und Unterweltheroen einfach nach dem Viertel oder der Straße, aus der sie stammten - muss ich später noch erzählen. Er war mittelgroß und hager, aber stark und schnell wie eine Stahlfeder. Seine blauschwarzen Haare trug er fast bis auf die Schultern. Sein Gesicht war keineswegs hässlich, aber bleich, fast blutleer, wie bei einer Leiche. Heute würde man sagen, er sah ein bisschen aus wie ein Vampir aus dem Stummfilm, fast nur Schwarz und Weiß. Allerdings keineswegs stumm. Auf der linken Wange hatte er eine Narbe, einen Schmiss aus dem Paukboden des Lebens, ein roter Bogen, wie ein Komma oder der Stachel eines Skorpions. Er sprach leise, aber deutlich und mit scharfer Betonung.

  Johnny kreuzte wie gemütlich die Arme vor der Brust: „Wieso, seid ihr von der Feuerwehr?“

  Willy guckte ihn scharf an. „Ne, wir sind die Kammerjäger!“

  „Ratten gibt's wohl genug.“

  „Deshalb brauchen wir auch keine neuen.“

  „Wenn ich eine sehe, sag' ich's euch.“

  Die anderen wollten schon was gnatterig werden, aber Willy blieb ruhig. „Warst du das, der den roten Relf abgestochen hat?“

  „Ich war gerade in der Elbe schwimmen, da wollte mich so’n Kerl vom Anleger pieksen, und da ging's Er oder Ich.“

  Willy betrachtete mit Kennerblick den Gürtel hinter der Seekiste. „Hab’ dich hier noch nie gesehen", sagte er dann. „Wer bist du denn?“

  Johnny setzte gern so ein sanftes Lächeln auf, wenn es kritisch wurde. „Wer will das denn wissen?“

  Einer der vier war Charlie der Kran, ein Fischerjunge von den Inseln, baumlang, bärenstark,  blond wie Stroh und genauso dumm. „Wat fällt di in!“ sagte er und ging mit seinem Schlagstock auf den Zuber zu. Da schwirrte etwas durch die Luft und der Kran brüllte auf, denn ein Stahlfisch sauste durch seinen linken Fuß in den Pitchpineboden.

  Die beiden anderen setzten sich nun ebenfalls in Bewegung, aber Wandrahm-Willy rief sie zurück. Der eine wurde übrigens „Frettchen“ genannt, der andere „Einauge“. Sie waren auch solche anthropologische Kuriositäten wie der Pelikan.

  Als Charlie es geschafft hatte, den Sheffieldnagel aus dem Fuß zu ziehen, wollte er wieder auf Johnny los, aber Willy hielt ihn fest.  „Vorsicht“, sagte er. „Der hat noch mehr Fische auf seiner Kiste.“

  „Ik hau ihn dod!“ wütete der Kran.

  Willy wartete, bis Charlie sich wieder einigermaßen in der Gewalt hatte. Dann sagte er zu Johnny: „Relf hat drei Brüder, die werden was mit dir besprechen wollen.“

  „Kann ich verstehen“, sagte Johnny.

  „Ich auch“, sagte Willy. „Aber der Notar hat die Selbstjustiz auf dem Brook abgeschafft. Du kommst vor die Feme. Was sollen wir auf die Vorladung schreiben? Frank Smith?“ Er lächelte.

  „Genau“, sagte Johnny.

  „Und welche Adresse?“

  „Häng’ sie an den nächsten Baum.“

  Willy griente. „Hast 'ne schnelle Hand“, sagte er dann.  „So was können wir hier brauchen.“

  „Glaub' ich“, sagte Johnny. „Dieser Rote schob das Messer wie ’ne Schnecke die Hörner.“

  Willy kicherte. In seiner Hand klappte ein Springmesser auf, drehte sich wirbelnd um die Achse, glitt blitzschnell zwischen den Fingern hindurch, kreiste kurz über den Handrücken und war schon wieder verschwunden.

  Johnny nickte anerkennend. Dieser Narbenmann wusste mit seinem Handwerkszeug umzugehen.

  „Relf war 'ne Hafenratte“, sagte Willy. „Wir sind die Brookboys. Das ist etwas anderes. Zahl’ den Brüdern das Blutgeld und mach’ bei uns mit. Ich bin Wandrahm-Willy. Du findest uns drüben im Kaiserspeicher.“

  „Ich überleg’s mir“, sagte Johnny.

  „Tu das“, sagte Willy.

  Sie stiefelten die Treppe hinunter, wobei Charlie jede einzelne Stufe leidenschaftlich verfluchte, und standen plötzlich vor Nell. Sie kam gerade aus dem „New London“, dem allerersten Nachtclub, den es in Hamburg gab. Das kleine Hotel gehörte ihr, und sie wohnte auch dort. Max hatte sie alarmiert und hielt sich vorsichtshalber hinter ihr.

  „Was ist denn hier los?“ fragte Nell.

  „Kleine juristische Angelegenheit“, sagte Willy wahrheitsgemäß.

  „Juristisch? Da seid ihr ja Experten.“

  Ja, das war Nell. Ach, Nell! Wie habe ich dich bewundert, und wenn Gott dem Glücksrad des Lebens einen anderen Schwung gegeben hätte – aber ich schweife schon wieder ab. Ja, lächelt nur – bei euch Jungen fließt das Gedächtnis wie ein Sturzbach, der sich um Hindernisse den Deubel schert, aber bei uns Alten ist die Erinnerung ein müder alter Strom, der mal hierhin und mal dorthin mäandert, und manchmal plötzlich verschwindet, und an einer völlig anderen Stelle hervortritt, wie die Flüsse im Karst.

  Nell war so Mitte dreißig und blühte wie eine Blume, aber nicht wie die Sklavenpflanzen, die in der Gärtnerei auf die Guillotine warten, sondern wie die freien Rosen der Schwarzen Berge. Sie war ziemlich groß, der Nachtportier musste sich auf die Zehenspitzen stellen und konnte ihr trotzdem kaum über die Schulter schielen. Sie trug ihr üppiges schwarzes Haar hochgesteckt, hatte die klassische gerade Nase des Nordens und einen kirschroten Mund, meergrüne Augen und ausgeprägte Wangenknochen. Sie war bestimmt die schönste Frau auf dem Brook, ach was - in der ganzen Stadt. Und sie war furchtlos - so furchtlos, wie es nur Helden und Heilige sind.

  Wandrahm-Willy war für besondere Höflichkeit gegenüber Frauen bekannt, manche wunderten sich darüber, denn in seiner finsteren Welt war praktisch alles Weibliche käuflich, aber dass er Nell ganz besonderen Respekt erwies, darüber wunderte sich keiner. Auch die anderen Ganoven kratzten in ihrer Gegenwart immer an Manieren zusammen, was ihre schlichte Kinderstube hergab, und nicht nur, weil Nell die große Zugnummer im „New London“ war, Jacks Nachtclub am Spielbudenplatz, dem besten und teuersten Amüsierlokal der Stadt. Bei den Preußen wäre so ein Laden gleich wieder zugemacht worden, die hatten ja gerade auf allerhöchsten Befehl sogar Adam und Eva aus der Potsdamer Badeanstalt entfernt, weil die Statuen nur Feigenblätter trugen. In Paris dagegen tanzten die Mädels immerhin schon in fleischfarbenen Trikots. Nell sang nicht etwa den süßen Sopran, der damals Mode war, sondern einen ziemlich spröden Alt. Die Lebewelt lag ihr zu Füßen, weil sie immer so verruchte Lieder brachte, Sachen wie Jean Richepins berühmtes Mörderlied, „Und hast du mich lieb, so bring zur Stund' / das Herz deiner Mutter für meinen Hund“.

  „Sind solche Texte nicht recht gefährlich?“ fragte sie einmal ein reicher Bewunderer im Champagnerton. „Könnte nicht irgendein Wahnsinniger auf die Idee kommen, Sie meinten das im Ernst?“

  Und Nell sagte trocken: „Ich halte nur Katzen.“

. Eigentlich hieß sie Nele. Nele Cordt. Aber weil alles Englische in Hamburg so überaus populär war, wurde sie schon als Kind „Nelly“ gerufen, und als sie groß war, fiel das Ypsilon der Tragödie ihres Lebens zum Opfer.

  England war ungefähr, was heute Amerika ist, und Hamburg war noch viel englischer als heute. Wer auf sich hielt, trug englisches Tuch nach englischer Mode, „tailor-made“, hielt englische Tischzeit und Teatime, speiste Roastbeef und Plumpudding, trank Red Port aus Porto und Porter aus Burton, saß auf englischem Rosshaar, ging über Teppiche aus Wiltshire und setzte eine englische Brille auf, um englische Zeitungen zu lesen. Die Chesterfield-Sofas kamen von Maple oder Liberty, das Tischsilber von Mappin & Webb in der Regentstreet, die Kinderkleider von Swears & Wells ebenfalls in der Regent Street, alles „true english taste“, das Parfüm von Atkinson in der Bond Street, meine liebe Freundin Marie Sloman hat das alles ja vor ein paar Jahren mal so schön aufgelistet. Und dabei auch die phantastischen Locken nicht vergessen, die unsere blonde, seesonnen- und segelwindgebräunten Alsterhamburgerinnen von Nicoll am Haymarket heimbrachten. Wohlhabende nannte ihre Kinder „John“ oder „James“ und schickten sie nach London oder Liverpool, manche ließen sogar ihre Gärtner in England studieren. Die armen Kinder hießen weiter Alfred, wie mein Vater, der so jung sterben musste, oder Wilhelm – aber wenn die Jungs in das Alter kamen, in dem sie angeben wollen, nannten sie sich Johnny oder Bill. Kehrwieder-Johnny hieß Johannes. Johannes Mott. So wie ich als Jungfer hieß. Ja, da staunt ihr wohl! Aber mehr verrate ich jetzt noch nicht.

  „Entschuldigung, Nell“, sagte Wandrahm-Willy verlegen, „aber du weißt ja, Jack will nicht, dass sich auf dem Brook Gesindel einschleicht.“

  Sie kräuselte spöttisch die schönen vollen Lippen. „Ist ja auch schon genug da.“

  „Und wird immer mehr“, sagte Willy, der sich keineswegs im Unrecht fühlte.

  „Um unsere Gäste braucht ihr euch keine Sorge zu machen“, sagte Nell. „Auf die passe ich schon auf.“

  „Deine Leute tun das offenbar nicht“, sagte Willy. „Der Kerl da hat den roten Relf umgebracht und Charlie ein Messer durch den Fuß gejagt.“

  „Ik breek em jeden Knaken in’t Lief!“ schnaufte der aus den Schienen gekippte Kran.

  „Solche Leute solltet ihr hier lieber nicht logieren lassen“, sagte Willy. 

  „Mir wird er schon nichts tun“, sagte Nell.

  „Kennst du ihn denn?“ wollte Willy wissen.

  Nell drehte sich zu dem krummen Max um. „Wie heißt der Mann?“

  „Frank Smith“, gestand der Nachtportier kleinlaut.

  „Keine Sorge“, sagte Nell. „Ich kümmere mich um ihn.“

  „Sollen wir nicht doch lieber in der Nähe bleiben?“ fragte Willy ehrlich besorgt.

  Nell schüttelte den Kopf.

  „Wie du meinst“, sagte Willy. Er winkte seinen Leuten; Frettchen und Einauge fassten Charlie unter, und der Kran humpelte hinaus. 

  Nell wartete, bis die Vier in ihre Barkasse geklettert und abgedampft waren.  Dann stieg sie in die Beletage und klopfte an die Tür.

  „Was denn schon wieder!“ rief Johnny ärgerlich. „Ich bin am Baden!“

  Nell erstarrte. Dann stieß sie die Tür auf. Als sie Johnny sah, wurde ihr das Universum zur Zentrifuge, ihr Geist drehte ins Dunkle und sie stürzte ohnmächtig zu Boden.

   Durch das Fenster fiel der fahle Geisterschein des Mondes, der gelb wie Götterneid über dem Brook hing, das böse Auge des Urzeitdrachen. Sein Blick drang durch Dächer und Wände und ließ Frauen im Schlaf vor Angst stöhnen, Kinder weinen und Männer in schweren Träumen mit der Seele ringen. Denn so milde und tröstlich der Mond auf Liebende, Fromme und Menschen guten Willens strahlt, so grausam starrt er auf Ungeliebte, Elende und Verlorene herab.

 


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