Kapitel 37: In den „Sieben Sünden Sodoms“

Samstag, 10. November 2012
“Eine besonders üble Spelunke…”: Butenkajen 1884. © Museum für Hamburgische Geschichte

Ungefähr um die gleiche Zeit, vielleicht eine Stunde früher, saß der korrupte Constabler Möller gemütlich in einem Hinterzimmer der „Gaststätte zum toten Hund“, einer besonders üblen Spelunke, in der dieser Verbrecher in Uniform passenderweise seine dienstfreie Zeit zu verbringen pflegte. Unbeweibt und kinderlos, was Möller auch in Zukunft zu bleiben gedachte, kannte er keine bessere Beschäftigung für einen Gentleman, als das klassische Wein, Weib und Gesang, wobei sich der edle Dreiklang in diesem speziellem Fall etwas kleinbürgerlicher aus Bier, Flittchen und Gegröle zusammensetzte. Da der Constabler sich diesem Vergnügen im eigenen Revier kaum ohne Nachteil für seine Autorität hingeben durfte, hatte er den „toten Hund“ zu seinem Arkadien erkoren, mit dem Vorteil, dass er dort unauffällig das Geld, aber auch die Dienstleistungen in Anspruch nehmen konnte, die ihm für seine mehr als verständnisvolle Haltung gegenüber schweren Jungs und leichten Mädchen zustanden. Soeben vertrieb er sich die Zeit mit zwei jungen schwarzen Damen, deren Gunst er als Gegenleistung für nur nachlässige und deshalb stets ergebnislose Ermittlungen in Fällen von Beischlafdiebstahl genoss. Als sich die drei gerade näher kamen, klopfte es zu Möllers Leidwesen an die Tür.

  „Besetzt!“ rief er und brachte rasch die Uniform in Ordnung.

  Die Tür öffnete sich, und der Ährliche Hans trat in das verqualmte Hinterzimmer. Misstrauisch musterte er die beiden Mädchen. „Was sind denn das schon wieder für Tippelschicksen?“

  „Frisch von den glücklichen Inseln“, erklärte Möller. „Verstehen keine Silbe.“

  „Dann ist’s ja gut“, sagte der Bestattungsunternehmer, der nach der missratenen Femegerichtsverhandlung schwerstens von Jack angeraunzt worden war. „Hab’ was mit dir zu beschnacken.“

  „Ja, sonst wärst du ja wohl kaum gekommen.“

  „Allerdings. Dein Freund ist wieder da.“

  „Hab’ keine Freunde.“

  „Dein Freund aus dem Siel. Der Grendel.“

  „Was?“ Möller fuhr kerzengerade in die Höhe. „Wo steckt der Kerl? Ich bring’ ihn um!“

  Die schwarzen Mädchen guckten verwundert vom einen zum andern.

  „Das nun gerade nicht!“ sagte der Theaterunternehmer. „Der Kerl ist ’ne Zugnummer, die Leute kloppen sich fast, um ihn zu sehen. Urzeit, Unterwelt, Tempel, Höhle! Fehlt bloß noch die blonde Maid, aber da werden wir schon noch eine verkleiden, ha! Sie werden bis aus Berlin anreisen, um das zu sehen.“

  Der Constabler straffte sich. „Tut mir leid, aber das kann ich nicht zulassen. Der Kerl ist eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Leib und Leben...“

  Der Ährliche Hans starrte ihn an. „Biste meschugge? Dicke Gitterstangen. Ketten. Schwer bewaffnetes Wachpersonal, das ist doch Punkt eins im Programm!“

  „Trotzdem“, sagte Möller energisch. „Der Mann gehört nicht in ein Vergnügungsetablissement, sondern in eine Irrenanstalt.“

  „Ach so“, sagte der Ährliche Hans, der endlich begriff. „Also gut, zwanzig Prozent für dich.“

  „Dreißig“, sagte Möller.

  „Blutsauger!“ schimpfte der Ährliche Hans.

  „Unter diesen Umständen könnte ich eine befristete Ausnahme zulassen“, grinste der Constabler. „Und wo steckt der Kerl nun? Im ‚Sodom’?“

  „Nein, leider noch nicht. Du musst ihn mir erst hinschaffen.“

  Möller fuhr ein wenig zurück. „Wo ist der Irre denn?“

  „Auf dem Spielbudenplatz.“

  „Er wohnt dort?“ Möller wollte es nicht glauben.

  „Nein, er wohnt dort doch nicht! Er hockt an einem Stand und lässt sich von den Leuten begaffen. Für zwei Spinner, die nicht mal richtig Geld kassieren, bloß mildtätige Spenden! Der eine ist angeblich sein Wärter, und der andere so ein Zeitungsschmierer.“

  „Was? Das muss ich mir ansehen.“ Der Constabler stand auf, leerte sein Glas, verteilte ein paar bedauernde Klapse auf weibliche Hintern und folgte dem Ährlichen Hans auf die Straße.

  Der Anblick war tatsächlich ungewöhnlich. Der Stau der Schaulustigen begann schon gleich am Möllerntor. Der schnauzbärtige Drechsler und Autor proletarischer Gelegenheitspoesie Leo Wuttke stand mit gesträubtem Haupthaar auf einem Stuhl und schrie seine gerechte Empörung in die Menge: „Übler Fall behördlichen Versagens!“ - „Besonders bedauernswertes Opfer dieser herzlosen Profitopolis, die sich Hamburg nennt!“ - „Schändliches Beispiel für die verheerenden Folgen von Ausbeutung und Unterdrückung durch das Großkapital!“ Die Leute amüsierten sich prächtig, bestaunten die Plakate, auf denen Wuttkes amateurhafter Pinselei den Grendel nach Art der Beowulf-Sage als menschenfressenden Unhold zeigten, aber mit Vampirzähnen, Leuchtaugen und überlangen Fingernägeln à la Mandarin. Die Zuschauer warfen ihren Obolus in die Zigarrenkiste, mit der Adolf Petersen umherging, und gafften grinsend, spottend oder verächtlich das versprochene Monster an, das in der blicklosen Starre völliger Geistesabwesenheit auf einem Leiterwagen saß.

  Petersen hatte Wuttke zwar dazu bewegen können, dass der unglückliche Kasimir Konski im Haus des Henkers gebadet und verbunden wurde, doch die wilde Mähne und die Nägel an Händen und Füßen blieben unbeschnitten, denn der Journalist bestand darauf, das „grausame Arbeiterschicksal in größtmöglicher Authentizität zu dokumentieren“. Die Werktätigen sollten mit der „unverfälschten Realität“ konfrontiert werden, denn „die Wahrheit ist der Dampf im Kessel der Revolution!“

  Möller beobachtete die Szene einige Minuten lang aus dem Hintergrund.

  „Na los!“ drängte der Ährliche Hans. „Worauf wartest du noch?“

  „Das ist nicht so einfach“, sagte der Constabler. „Vielleicht kennt mich der Kerl.“

  „Ach was, woher denn?“

  „Aus dem Siel!“ sagte Möller widerwillig.

  „Aus dem Siel? Was machst du denn im Siel?“ wunderte sich der Ährliche Hans.

  „Das geht dich einen Dreck an!“ giftete der Constabler, der diesen Teil der Geschichte lieber unter dem Deckel hielt. „Aber wenn dieser Irre mich erkennt, dreht er durch, und dann haut er entweder ab, oder er greift mich an, und ich muss ihn mit dem Säbel zusammenhauen.“

  „Ich schicke ein paar Jungs vorbei“, sagte der Ährliche Hans. „Schaff’ mir nur die beiden Spinner weg.“

  Ein paar Minuten später pirschten sich vier bullige Rausschmeißer mit einer großen Decke an. Ehe es Wuttke oder Petersen so richtig mitkriegten, zerrten sie Konski herunter, wickelten ihn in die Decke und schleppten ihn durch das Gewühl davon.

  „Überfall!“ schrie der Drechsler und Journalist. „Menschenraub!“

  Sofort baute sich Constabler Möller vor ihm auf. „Was ist hier los?“ blaffte er. „Sie erregen öffentliches Ärgernis! Verschwinden Sie, oder ich verhafte Sie!“

  „Polizeiwillkür!“ brüllte der Drechsler, um die Menge aufzuwiegeln. „Hier geht es um soziale Gerechtigkeit! Dieser Constabler unterdrückt eine legale politische Demonstration!“

  Einige Seeleute und Arbeiter gingen bereitwillig darauf ein und krempelten in froher Hoffnung auf eine saftige Prügelei die Ärmel hoch.

  „Sie bereichern sich an der Zurschaustellung so eines armen Teufels und reden von sozialer Gerechtigkeit?“ schnarrte Möller, ganz die entrüstete Amtsperson. „Noch ein Wort, und ich nehme Sie mit auf die Wache, Sie Lump!“

  „Jawoll“, brüllten weitere Seeleute und Hafenarbeiter, die ebenso wenig wie die anderen wussten, worum es ging. „Lumperei!“ Die einen wollten auf Wuttke, die anderen auf den Constabler los, der wütend den Säbel zog. „Zurück, ihr Himmelhunde!“ brüllte er und blies aus Leibeskräften nach Verstärkung in seine Pfeife.

  „Unterstellung!“ schrie Wuttke. „Der staatliche Betreuer des Betroffenen ist anwesend und wird Ihnen...“  Während Arbeiter und Matrosen nun beherzt losprügelten, wobei sie aber weder auf Wuttke noch auf den Constabler, sondern wie üblich nur aufeinander einschlugen, suchte der Drechsler und Journalist verzweifelt nach Petersen. Doch der Irrenwärter hatte sich bereits verdrückt: Ärger mit der Polizei konnte die Stellung kosten. Wuttke kämpfte noch ein paar Sekunden mit sich, aber als der Constabler die Hand nach ihm ausstreckte, duckte er sich unter ihm durch und lief ebenfalls davon.

  „Sünd ji all dor?“ fragte der Kasper am Möllerntor.

  „Jo!“ riefen die Zuschauer.

  „Dorum stinkt dat hier ok so!“ Und die Leute hatten wieder was anderes zu begucken.

  Der „Grendel“ nahm offenkundig gar nicht wahr, was um und mit ihm geschah. Seit er das schöne junge Mädchen im Siel hatte zurücklassen müssen, war ihm wohl alles egal. Schon die letzten vierundzwanzig Stunden mit Bad und Bett hatte er wie ein betäubtes Tier verbracht. Widerstandslos ließ er sich nun in einen der Zwinger im Keller des „Sodom“ führen, in denen der Ährliche Hans seine Kampfhunde hielt. Ohne Gegenwehr erduldete Konski später auch die schweren Ketten an Händen und Füßen, das Theaterkostüm des Sumpfdämons aus hastig zusammengenähten, grün eingefärbten Schaffellen und die Augenbinde. Er zeigte sich so geduldig, dass der Impresario zu zweifeln begann, ob seine neue Attraktion wirklich halten werde, was er sich von ihm versprach.

  Bald wurde der Ährliche Hans indes, ein typischer Fall von Schurkenglück, eines Besseren belehrt. Denn kaum war Kanal-Kasi in seinem Grendel-Kostüm schon mal zur Probe an das Gitter seines Zwingers gekettet, kam Wandrahm-Willy mit seinen beiden Gefangenen vorgefahren. Wacko hatte Lida und die kleine Agnes gefesselt, geknebelt und ihnen die Augen verbunden. Ben bremste die Kutsche am Hintereingang, der durch den Keller führte. Einer der Türsteher, die dort herumlungerten, holte den Ährlichen Hans.

  „Was denkt Jack sich eigentlich?“ fragte die Bohnenstange und runzelte die Stirn, dass der Zylinder wackelte. „Ich hab’ doch kein Hotel.“

  „Jetzt schon“, sagte Wandrahm-Willy.

  „Und wer ist das nu’?“

  „Geht dich nix an“, sagte Willy, „pass nur schön auf sie auf. Und dass du mir sie ja recht höflich behandelst, hörst du? Die sind was ganz Besonderes.“ Damit stieg er wieder in die Kutsche, und Ben ließ die Peitsche knallen.

  Ich weiß nicht, was sich der Ährliche Hans nun dachte, vielleicht glaubte er, die beiden Gefangenen hätten was zuviel geplaudert und sollten erst mal ruhig gestellt werden, bis Jack die Zeit fand, sich eingehend mit ihnen zu beschäftigen. Jedenfalls winkte die Bohnenstange zwei von den Rausschmeißern herbei und befahl ihnen, die Gefesselten in den Keller zu bringen. Kaum aber hatte der Grendel seine Agnes entdeckt, fing er wie wild zu toben an, rüttelte mit aller Kraft an seinem Gitter und stieß ein Gebrüll aus, dass selbst diesen hartgesottenen Verbrechern das Blut in den Adern stockte.

  „Ach, so ist das“, sagte der Ährliche Hans, der jeden Morgen die Zeitungen studierte und daher sofort begriff. „Tja, mein Kleiner, dann wird das heute Abend ja ’n richtig gutes Schauspiel! Die Schöne und das Biest!“

  Und die alte Bohnenstange behielt Recht. Womit der Ährliche allerdings nicht gerechnet hatte, war, dass einige Zuschauer sich mit dieser Darbietung ganz und gar nicht einverstanden zeigten.

  Um Mitternacht war der große Saal in den „Sieben Sünden Sodoms“ brechend voll, und keiner der Schaulustigen wurde enttäuscht: Kaum hatte der Ährliche Hans mit einem langen Haken die Augenbinde des Grindel gelöst, sprang das Ungeheuer brüllend auf und rüttelte mit der Riesenkraft verzweifelter Wut kettenrasselnd an den Gitterstäben. Denn an einer Säule vor dem Käfig kauerte die blonde Agnes, halb nackt, gefesselt und weinend vor Scham. 

  Das Publikum johlte vor Vergnügen. Einige Herren skandierten „Ausziehen! Ausziehen!“ Der Grindel warf sich wie rasend gegen die Wände des Käfigs, dass die Gitter bedrohlich schepperten. Es muss ein irres Spektakel gewesen sein, aber es wurde alles gleich noch viel schlimmer. Eben kamen draußen Onkel Johnny und Josef Kowalski vorbei, sie waren schon den ganzen Tag auf der Suche nach Agnes, der Husar wieder ohne Säbel und in Zivil, was ihm wenig gefiel. Mit offenem Mund starrte er auf das Riesenplakat, dass fast die gesamte Fassade des „Sodom“ bedeckte. So gering die Ähnlichkeit zwischen dem Mädchen und der hastigen Kleckserei des vom Ährlichen Hans angeheuerten Theatermalers auch war, sah der Pole doch gleich, was los war.

  „Verfluchte Peronje, das ist Agnes!“ rief er und zeigte auf das riesige Bild.

  „Du bist verrückt!“ zweifelte Onkel Johnny. „So was würde Jack doch nicht zulassen!“

  „Sie ist es!“ schrie Kowalski. „Vermaletrackte Kerle!“ Und stiefelte los, ohne sich weiter um meinen Onkel zu kümmern. Den ersten Türsteher, der sich mit der Frage nach den Eintrittskarten in den Weg stellte, fegte Kowalski mit der Schulter beiseite, den zweiten rammte mein Onkel zu Boden.

  „Agnes!“ schrie der Husar, als er seine Schwester auf der  Bühne sah.

  „Schnappt ihn!“ befahl der Ährliche Hans, und ein Dutzend Rausschmeißer stürzte sich auf die beiden. Im gleichen Augenblick schrie jemand „Feuer, Feuer“, auf der Bühne loderten Flammen auf, und sofort brach Panik aus. Die Zuschauer brüllten wie ein einziges riesiges Tier, sprangen von den Stühlen und versuchten sich zu retten, wobei sie alles niedertrampelten, was ihnen im Weg stand, Tische, Sektkübel oder Zigarettenmädchen. Der Anprall der menschlichen Woge schleuderte auch Kowalski und Onkel Johnny zur Seite, und nur mit knapper Not konnten sie sich in eine der Nische retten. Rauch qualmte in dicken Schwaden hervor und hüllte die ganze Bühne ein. 

  „Agnes!“ schrie Kowalski und stürzte sich gleich wieder in die Stampede, und Onkel Johnny hinter ihm her. Ein paar Sekunden später hatten die beiden die Bühne erreicht und hasteten durch den dichten Rauch. Der Käfig war offen, das Mädchen verschwunden.

 

 

 

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