Kapitel 38: In den Kasematten von Altona

Mittwoch, 14. November 2012
„Durch Unrat, Schlamm und das übliche Hinterhofgerümpel“: Abbruch der Binnenkajen 1886. © Museum für Hamburgische Geschichte

In den schmutzigen Gassen der Vorstadt St. Pauli auf dem Hamburger Berg hauchten fast jede Nacht Leute eine schwarze, graue oder doch mindestens momentan ungewaschene Seele aus: Matrosen, die fröhlich die Heuer versoffen, während Frau und Kind zu Hause Talg kauten, wurden im Rinnstein von Straßenräubern abgemurkst. Zechbrüder gingen sich wegen eines Tanzmädchens, Ganoven im Streit um ein paar geklaute Goldstücke an die Gurgel. In den feuchten Kellern der übervölkerten Elendsquartiere starben halbverhungerte Habenichtse an Typhus und Schwindsucht, und Mütter, die ihre Babys nicht mehr stillen konnten, brachten erst die Schreienden und dann sich selber um. Die Gefahr, in einer dunklen Nische ausgenommen, angesteckt oder gar abgestochen zu werden, schreckte die Vergnügungssüchtigen indes nicht halb so sehr wie die Angst vor dem helllichten Feuer. Erst ein paar Jahre zuvor hatte sich in der „Centralhalle“ ein Schnürbodenseil am Gaslicht entzündet; das Publikum stürzte ins Freie und sah den kolossalen Holzbau in Minutenschnelle niederbrennen. Seither wusste jedermann: Wer bei dem Ruf „Feuer“ eine Sekunde zögerte, kam womöglich nicht mehr ins Freie.

  Auf diese Furcht setzte Leo Wuttke. Nach der Entführung ihres Schützlings hatte der Gelegenheitspoet und „Fremdenblatt“-Journalist den geflüchteten Irrenwärter Petersen am Möllerntor eingeholt und, so gut es ging, beruhigt. Als sie Constabler Möller in den „Toten Hund“ zurückkehren sahen, wagten sie durch das Menschengewühl wieder zum Spielbudenplatz, um herauszufinden, wohin die Kidnapper den Grendel gebracht hatten. Bald hörten sie den Ährlichen Hans vor dem Sünden-Sodom marktschreierisch eine neue Nummer mit dem Titel „Die Schöne und das Ungeheuer“ ausrufen und wussten Bescheid. Wuttke steigerte sich in aufrichtigen Zorn über das Unrecht, den „armen Idioten wie ein wildes Tier zur Schau zu stellen“, und entwickelte einige aberwitzige Rache- und Befreiungspläne. Petersen stand, von Selbstvorwürfen gemartert, schweigend daneben.

  Nach einer Weile kam Wuttke endlich, was er zynisch wie ein Fähnrich eine „zündende Idee“ nannte. „Wir kaufen Karten für die erste Reihe, stecken ein paar alte Lumpen an und schreien Feuer. Sollst mal sehen, wie die Kerle dann abhauen! Dann brechen wir den Käfig auf, schnappen uns den Kasimir, und bis die Feuerwehr kommt, sind wir über alle Berge!“

  Petersen war ein großer, kräftiger Kerl, aber an seiner Wiege hatte nicht die wackere Fee Courage, sondern die feige Hexe Traumichnicht gestanden. „Lass uns lieber die Polizei rufen“, murrte er.

  „Die Polizei!“ rief der Journalist in hoheitsvoller Verachtung, denn seiner freiheitlich-revolutionären Gesinnung war der Gedanke an die reaktionäre Ordnungsmacht höchst unwillkommen. „Die stellen ja doch nur dämliche Fragen, und außerdem lassen sie sich alle schmieren, der von vorhin doch auch, oder warum sonst ist der arme Irre … der arme Kasi jetzt in diesem Schweineladen? Nein, Kamerad, wir müssen uns schon selber helfen!“

  Also besorgten sich die beiden Matrosenkleidung, und der Irrenwärter hing sich sicherheitshalber noch einen falschen Bart um. Eine Stunde vor Mitternacht zogen die beiden wieder los. Wuttkes Wanst unter dem Buscherump war mit alten Lumpen gepolstert, die Schnapsflasche in seiner Hosentasche mit Petroleum gefüllt, und Petersen hatte Pfeife, Tabak und Schwefelhölzer dabei.

  Als sie ankamen, war der große Saal im „Sünden-Babel“ schon fast am Platzen. Das Programm begann mit einem „afrikanischen Amazonenkorps“ aus halbnackten Kriegerinnen, alle so echt wie ihre Frisuren, die aus den Haaren gemacht waren, mit denen sonst Pferde Fliegen vom Allerwertesten scheuchen. Es folgten ein Ringkampf zweier Liliputanerinnen in einem Bottich voller Schlamm und die Gesangsnummer einer bildhübschen Seejungfrau mit blonder Mähne und Fischschwanz. Dann Umbau der Bühne, verdächtige Geräusche und Trommelwirbel. Als der Vorhang wieder aufging, stand dort ein mit schwarzen Planen verhüllter Käfig. Zwei schwarze Muskelmänner banden die halbnackte Agnes als Andromeda fest und drehten die antike Säule langsam um die Achse, damit alle Zuschauer sich ausgiebig an den körperlichen Vorzügen des Opfers weiden konnten. Zurufe flogen auf die Bühne: „Die ist viel zu schade!“ – „Lasst mich mal, ich wird’ der Kleinen zeigen, was ’ne richtige Bestie ist!“

  Die schwarzen Männer schnitten Grimassen, rollten die Augen und zogen die Planen von dem Käfig. Der Grendel kauerte mit verbundenen Augen auf einem runden Raubtierschemel, wie ihn die Dompteure für ihre Löwen und Tiger in die Manege stellen. Er trug das Theaterkostüm des Sumpfdämons aus grünen Fellen auf dem Leib und schwere Ketten an Händen und Füßen. Es gab Petersen einen Stich ins Herz, seinen Schützling so zu sehen. Wuttke zog die Lumpen unter seinem Hemd hervor, entkorkte die Flasche, hob sie an den Mund, als wolle er einen tüchtigen Schluck nehmen, und tränkte dann unauffällig den Stoff mit Petroleum. Als der Bestattungsunternehmer, Femerichter und Impresario mit seinem langen Haken die Augenbinde löste, sprang der Gefangene wieder brüllend auf und rüttelte kettenrasselnd an den Käfigstäben. Die Zuschauer krakeelten, die männlichen vor Begeisterung, die weiblichen vor Schreck, und einige Betrunkene brüllten die üblichen Obszönitäten.

  „Los!“ flüsterte Wuttke. Mit zitternden Fingern strich der Irrenwärter ein Schwefelholz an. Sekunden später schleuderte der revolutionäre Journalist brennende Lumpen auf die Bühnen und schrie: „Feuer! Feuer!“ Die erschrockenen Zuschauer sprangen auf und rasten zum Ausgang. Kellner, die mit den bereitgestellten Löscheimern zur Bühne vordringen wollten, wurden von der Panikwoge mitgerissen – ebenso Kowalski und Onkel Johnny.

  Petersen stürmte in den Käfig, holte sein Spezialwerkzeug aus der Tasche und nam Kanal-Kasi mit geübten Griffen die Ketten ab. Kaum aber war der Grendel frei, drehte er sich auch schon um, packte seinen Schemel und ließ das schwere Ding auf seinen Retter niedersausen. Dann stürzte er sich auf Wuttke, der mit einem Schreckensschrei floh. Die kleine Agnes fiel in Ohnmacht. Der Grendel machte sie los und warf sie sich über die Schulter. Kowalski und Johnny sahen noch, wie er ein Loch in die hölzerne Rückwand der Bühne trat und mit seinem Raub in der Dunkelheit verschwand.

  Farbe, Holz und Pappe der Kulissen brannten wie Zunder. Kowalski wollte sich in die Waberlohe stürzen. Johnny konnte ihn gerade noch zurückhalten. „Außen herum!“ schrie er ihm ins Ohr. Kowalski ließ sich fortzerren.

  Leo Wuttke mühte sich, den Irrenwärter aufzuheben, der mitten in den Flammen bewusstlos auf dem Brettern las. Onkel Johnny sprang auf die Bühne, packte zu und hievte sich den Mann über die Schulter. Kowalski sauste durch den Rauch zum Eingang, doch dort kamen ihnen die Rausschmeißer entgegen, alles kräftige Kerle mit brutalen Visagen. „Hier lang!“ rief mein Onkel und schwankte mit seiner Last hinter die Bar. Knapp neben seinem Kopf sauste ein Messer in die Täfelung. Kowalski machte kehrt und raste hinter Onkel Johnny her. Der revolutionär gesonnene Journalist Wuttke hielt sich dicht dahinter. Mein Onkel riss eine Tür auf und sah eine Kellertreppe. Er stolperte so schnell hinunter, dass er um ein Haar mit Petersen zu Boden ging. Kowalski und Wuttke polterten hinter ihm her. Der Keller stand voller Bierfässer. Kowalski packte einige und rollte sie den Verfolgern vor die Füße. Die Kerls fielen wie die Kegel, bloß nicht so stumm.

  Onkel Johnny keuchte durch den großen Keller. Im ersten Käfig hockte eine Frau, gefesselt, geknebelt und mit Augenbinde. Es war Lida. Mein Onkel erkannte sie sofort. Kowalski auch. Onkel Johnny stürmte an ihr vorbei zu einem kleinen Fenster. Kowalski schnappte sich die Sängerin.

  Wuttke besaß die Geistesgegenwart, ein Brett aufzuheben und gegen die Tür zu keilen, damit sie nicht so schnell aufzukriegen war. Während das Holz unter zornigen Fußtritten splitterte, schlug der handwerklich nicht unbegabte Journalist mit einem Bierschlegel das Fenster ein. Sofort drangen dichte Rauchschwaden und das laute Prasseln des Feuers herein. Lida fing an zu husten. Onkel Johnny schob den noch immer betäubten Irrenwärter durch die Öffnung, kroch hinterher und nahm draußen Lida in Empfang. Kowalski stemmte Wuttke hoch und folgte als letzter. Die Gangster waren schon im Keller, und einer kletterte hinter den Flüchtenden aus dem Fenster, doch ehe der Kerl in dem Qualm etwas erkennen konnte, drosch ihm Kowalski den Bierschlegel gegen den Schädel, und brüllend sauste der Mann in den Keller zurück.

   Inzwischen schlugen die Flammen meterhoch aus dem Gebäude. Onkel Johnny und Kowalski schleppten die Geretteten durch Unrat, Schlamm und das übliche Hinterhofgerümpel zu einem Bretterzaun.  Die Verfolger merkten, dass das Kellerfenster nicht mehr bewacht war, und kletterten einer nach dem anderen heraus. Für sie war es höchste Zeit, der Rückweg war bereits abgeschnitten. Die Flüchtenden stolperten schon den steilen Hang zur Elbe hinunter. Am Ufer machte mein Onkel einen alten Gemüseewer los, ließ die anderen einsteigen, stieß das Boot mit kräftigem Schwung ab und lenkte es mit ein paar Ruderschlägen in das ablaufende Wasser. Der Hamburger Berg sah mit der Feuerlohe auf dem Scheitel aus wie der Vesuv.

  Als die einen wieder zu Bewusstsein und die anderen wieder zu Atem kamen, erzählten sie einander hastig, was geschehen war. Kowalski war außer sich, und auch Lida, von ihren Fesseln befreit, bekam einen Schreck, als sie hörte, dass Agnes erneut in der Gewalt des Grendel war. Petersen, wieder zu sich gekommen, beruhigte sie. Noch viel lauter als er, schwörte Wuttke, dass der brave Kasi ein hochanständiger Kerl sei und jederzeit wert, dass sich Kämpfer der Arbeiterklasse für ihn einsetzen.

  Da die Nervenanspannung langsam wich, ließ der dramaturgisch begabte Journalist sein poetisches Blut durch eine romantische Ader strömen: „Ich glaube, er ist in sie verliebt!“

  „Was?“ fuhr Kowalski auf. „Vermaletrackter Kerl, ich werd’ dir…“

  „Wenn der arme Kerl deine Schwester liebt, ist es nur gut für sie“, beruhigte ihn Onkel Johnny. Er habe ihr im Siel nichts getan, er werde ihr auch jetzt nichts tun. Das Mädchen habe offenbar einen Zauber, der den Grendel zahm mache.

  „Wir holen sie!“ sagt der Husar, in Zivil nicht weniger bestimmt als in Uniform.

  Onkel Johnny fragte die beiden anderen: „Wart ihr das, mit dem Feuer?“

  Wuttke nickte stolz. „Die Hunde haben es nicht anders verdient.“

  „Schon recht“, sagte mein Onkel. „Aber unter diesen Umständen müsst ihr euch natürlich erst mal dünne machen, Verschwinden.“

  „Verschwinden?“ fragte Petersen. „Wohin denn?“

  „Und für wie lange?“ wollte Wuttke wissen, der die Lage wohl richtig einschätzen konnte, aber um die Chance bangte, seinen frischen Ruhm in Druckerschwärze zu zementieren.

  „Bringen Sie mich sofort zur Polizei!“ verlangte aber Lida.

  „Geht im Moment leider nicht“, sagte Onkel Johnny bedauernd.

  „Und warum nicht?“

  „Weil die Polizei hinter mir her ist“, sagte mein Onkel. 

   „Verfluchte Peronje, sofort an Land!“ schrie Kowalski mal wieder grob wie Saubohnenstroh. 

  „Ich weiß, wo deine Schwester ist“, sagte Onkel Johnny und zeigte auf das Altonaer Ufer. Dort hatten die Kanonen des Königs von Dänemark Hamburgs große Schwesterstadt zweihundert Jahre lang bewacht. Jetzt waren die Kasematten leer, vergessen wie all die vielen Tunnel, Stollen und Laufgänge, die nordische Festungsbauer einst in den dicht bewaldeten Steilhang getrieben hatten. Altona, „all to nah“ an Hamburg gelegen, war einst Dänemarks zweitgrößte Stadt nach Kopenhagen, boomte aber erst so richtig, seit es zu Preußen gehörte. Nicht alle Einwohner waren darüber froh, denn am Elbufer fraßen seither Fabriken die schönen Strände und Wiesen. Ein verwirrendes Knäuel aus Eisenbahngleisen führte zu Hallen und Schuppen, verwinkelte Straßen stiegen zu hastig hochgezogenen Mietskasernen auf die Hügel. Die meisten Eingänge in das Festungssystem waren längst verschüttet, aber nicht weit von der breiten Treppe, auf der die Hafenarbeiter abends zu ihren Quartieren wanderten, gähnte das Haupttor noch immer wie ein Gigantenschlund. Onkel Johnny kannte den Weg von Harpunen-Harry, der dort seit fünfzwanzig Jahren Schmuggelware versteckte.

  „Hierher schleppt er sie?“ wunderte sich Kowalski und schaute sich um, denn er erwartete jeden Moment, den Grendel aus den Büschen brechen zu sehen.

  „Sie sind schon drin“ klärte mein Onkel ihn auf. „Zu Fuß sind das keine fünf Minuten, er musste ja nicht runter zur Elbe, sondern ist gleich durch den Wald. Ich wette, dass unser Freund die Kasematten genauso gut kennt wie die Siele.“

  „Ich komme mit“, sagte der brave Petersen.

  „Ich auch“, rief Wuttke, nicht nur von Hilfsbereitschaft, sondern auch von der klassischen Journalistenfurcht getrieben, etwas zu verpassen.

  „Wir gehen alle“, sagte Lida, die nicht allein zurückbleiben wollte.

  „Bleibt aber immer schön hinter mir“, sagte Onkel Johnny. „Du auch, Kowalski!“

  Im Mondlicht schimmerte die Treppe wie eine Stiege zu einer anderen Welt. Auf großen Steinmedaillons starreen Neptun und Merkur ungehalten auf die Menschenzwerge herab, die sich zu solcher Stunde vor ihr Angesicht wagten. Die heidnischen Herrscher über Wogen und Wohlstand wünscheen bekanntlich, dass ihre christlichen Sklaven nachts gefälligst schlafen, damit sie bei Tage umso besser schuften konnten.

  Onkel Johnny führte Kowalski und die anderen durch ein paar Büsche auf den Fußweg Richtung St. Pauli. Ein paar Minuten später sahen sie unter dem Wallgewölbe das schwarze Höhlenmaul. Unter Efeu, Farn und Wurzelwerk ist noch immer die künstlerische Andeutung eines Löwenrachens mit Nüstern und großen Fangzähnen zu erkennen.

  Vorsichtig zog mein Onkel an der großen Gittertür. Sie war offen, und sie schlüpften nacheinander hinein. Es war dunkel, warm und still. Der gepflasterte Boden glänzte feucht. Das Mondlicht reichte nur zwanzig, dreißig Schritte weit. Fackeln hatten sie nicht. Onkel Johnny kehrte um und brach einen Stecken ab, mit dem er sich nun wie ein Blinder vorwärts tastete. Er erinnerte sich, dass der Hauptgang in einem großen Gewölbe endete, in dem die Dänen ihr Pulver gelagert hatten. Von dort führen kleinere Gänge zu den Gefechtsstationen und in die Unterkünfte, wo der alte Walfänger seine Tabakballen zu verstecken pflegte. Kowalski blies Onkel Johnny seinen ungeduldigen Atem ins Genick. Petersen und Wuttke hatten Lida in die Mitte genommen. Die Männer schwankten zwischen Furcht und Hoffnung, die Sängerin hoffte nur, dass dieser Alptraum bald vorübergehe – es war ein anderer Ort als die romantischen Felsengrotten aus „Zauberflöte“ oder „Undine“. Und auch ein anderes Bühnenpersonal.

  Als es ganz dunkel geworden war, prallte Lida gegen Petersen, der plötzlich stehengeblieben war.

  „Still!“ hörten sie Onkel Johnny flüstern.

  Sie lauschten. In der Ferne klang etwas wie ein leises Weinen. Es könnte auch ein Kätzchen sein.

  „Agnes!“ sagte Kowalski und wollte drauf wie Blücher, aber mein Onkel hielt ihn zurück. „Langsam! Schlag ihn nicht gleich tot! Wenn er sie irgendwo versteckt hat, kann es Stunden dauern, bis wir sie finden.“

  Das brachte den Polen zur Vernunft.

  Eine Minute später merkte Onkel Johnny, dass sie jetzt an dem alten Pulvermagazin standen. Ein kräftiger Luftzug fuhr ihnen entgegen. Plötzlich ließ sie in schepperndes Geräusch zusammenzucken. „Verflixt!“ flüsterte Petersen schuldbewusst. Er hatte einen alten Blecheimer umgestoßen.

  „Alle her zu mir!“ befahl mein Onkel. Sofort drängten sich die anderen um ihn.

  „Kowalski!” flüsterte Onkel Johnny.

  „Hier, vor dir“, antwortete der Soldat und spähte in die Finsternis.

  „Hörst du was?“

  „Da kommt was näher, ziemlich schnell.“

  Onkel Johnny fiel ein, was die kleine Agnes dem jungen Augustus erzählt hatte. „Frau Sängerin?“

  „Mein Name ist Saati. Lida Saati.“

  „Können Sie ein Kinderlied? Singen Sie es bitte. Ganz sanft, so als ob Sie ein kleines Kind in den Schlaf singen wollen. Und schnell, das Kind hat uns gehört und ist schon ziemlich nahe.“

  Die Sängerin kannte sogar das Lied, das Agnes dem Grendel vorgesungen hatte. Leise klangen die zärtlichen polnischen Worte durch die Dunkelheit.

  „Keine Pause machen“ sagte Onkel Johnny. „Wenn das Lied zu Ende ist, fangen Sie gleich vorn wieder an.“

  Lida sang, und sie gingen weiter, folgten Onkel Johnny um eine Biegung. Dahinter schimmerte es plötzlich hell, und nach einer weiteren Ecke sahen sie, dass über dem nächsten Gefechtsstand die Decke eingestürzt war. Durch die Öffnung fiel Mondlicht auf eine alte Kanone. Vor den Rädern kauerte Agnes auf einem Fetzen Stoff. Neben ihr kniete der Grendel, der mit dem Lied wieder zu ihr zurückgekehrt war, und wog selig den struppigen Kopf zu der süßen Melodie.

  Als Lida ihn sah, stockte ihre Stimme. Der Grendel sprang auf und knurre drohend.

  „Agnes!“ rief Kowalski. „Komm her!“ Aber das Mädchen rührte sich nicht.

  „Singen Sie weiter!“ befahl mein Onkel. Die Sängerin gehorchte, und ihre Stimme klang noch sanfter als zuvor, während sie sich jetzt Schritt für Schritt dem Grendel näherten.

  Onkel Johnny erreichte ihn als erster. Der Grendel hatte die Augen geschlossen. Tränen rollten über seine Wangen. Petersen kniete nieder und tröstete seinen Schützling mit unbeholfenen Worten.

  Kowalski riss Agnes in seine Arme.

  Und Lida sang weiter. Sie sang auch noch, als sie aus den Kasematten traten und über Fußweg und Hafentreppe zu dem Ewer zurückkehrten. Einige Nachtschwärmer schauten der seltsamen Prozession staunend zu: Drei Männer, einer davon mit einem halbnackten blonden Mädchen auf den Armen, eine Sängerin mit überirdisch schöner Stimme und dicht dahinter eine struppige Gestalt. Das sah man auch in Altona nicht alle Tage.

  Im Boot setzte Petersen sich neben den Kranken und redete beruhigend auf ihn ein, aber mein Onkel nahm vorsichtshalber ein paar Stricke und band Kanal-Kasi die Arme zusammen. Dann nickte er Lisa zu, und sie hörte auf zu singen. Der Grendel erwachte aus seiner Verzückung, zerrte an seinen Fesseln und drehte den Kopf hin und her, bis er Agnes gefunden hatte. Als er aber sah, wie bereitwillig sich die Kleine in Lidas schützende Arme schmiegte, beruhigte er sich.

  Sie legten am Kehrwiederkai an und gingen ins „Tritonia“. Petersen und Wuttke brachten den Grendel in ein Zimmer. Das gefesselte Ungeheuer ließ sich wie ein Hündchen führen.

  Nell kam und hörte sich die Geschichte an. Wer auch gerade erzählte, Nells Augen ruhten immer nur auf Onkel Johnny.

  „Lass deine Schwester erst mal hier“, sagte er zu Kowalski. „Nelly wird sich um sie kümmern. Nicht wahr, Nelly? Und wir beide gondeln los und holen eure Eltern her. Ich weiß auch schon einen sicheren Platz für sie. Es wird ihnen gefallen.“

  Der Husar erhob sich feierlich, drückte die Brust raus und sagte mit der Dramatik des echten Polen: „Das vergesse ich nicht. Du bist mein General. Verfluchte Peronje! Ich bin mit dir bis zum Tod.“

  „Schon gut“, sagte Onkel Johnny verlegen. „So weit wollen wir’s ja nicht gleich kommen lassen.“

  Diese Nacht barg aber noch ein anderes ungewöhnliches Geschehnis in ihrem schwarzen Schoß. Es hatte mit gefährlichen Stoffen zu tun. Sie lagerten streng bewacht im Alten Teerhof. Und keine hundert Schritte von dem alten Gemäuer entfernt stand im Schatten eines Schuppens am Oberhafen der Mann, der mit diesem Zeug nichts Geringeres plante, als die deutsche Monarchie in die Luft zu sprengen.

 

 

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