Ohrfeigen in der Hochzeitsnacht

Samstag, 4. August 2012
Bis vor kurzem glaubten Experten, dass Leoparden absolute Einzelgänger seien: Zeichnung aus „Lloyd's Natural History: A hand-book to the Carnivora. Part 1, Cats, civets, and mungoose“ von Richard Lydekker, erschienen 1896 © Wyman & Sons Limited/Wikimedia Commons

Wer dieser Räuber-Braut auf den Zahn fühlen will, braucht ein dickes Fell: Die unternehmungslustigste Großkatze der Welt schnappt sich ihren Partner ganz spontan, doch die Ehe bleibt auch nach der ersten wilden Phase intakt…

 

 

Den zwei kleinen Leoparden unter den Dornbüschen am Luangwa River knurrt schon seit Stunden der Magen. Außerdem ist es in ihrer engen Felsspalte furchtbar langweilig, und die geheimnisvollen Stimmen der afrikanischen Nacht machen sie neugierig. Am liebsten würden sie ins Freie krabbeln und auf Entdeckungsreise gehen, aber das geht leider nicht. Denn vor dem Busch sitzt Katherine, und an der kommt keiner vorbei.

Katherine ist ihre Mutter, gut einen Meter hoch, fast 180 Zentimeter lang (mit Schwanz sogar 270), 75 Kilo schwer und so stark, dass sie mit einer 100-Kilo-Beute im Maul auf einen Baum klettern kann. An Wildheit, Schläue und Unternehmungslust nimmt es in der Savanne niemand mit ihr auf. Aber ihre Familie ist klein, und ein Löwen- oder Hyänenrudel wäre ein übermächtiger Gegner. Deshalb hat sie ihre Kinder streng erzogen, und sie machen keinen Mucks. Erst als sich um drei Uhr früh endlich eine große Wolke vor den Vollmond schiebt, lockt die Leopardin ihre Kleinen mit einem leisen Ruf aus dem Versteck.

Der zwei Kilometer lange Marsch durch das hohe Gras ist gefährlich, denn um diese Zeit sind Löwen und Hyänen auf dem Kriegspfad. Aber die können zum Glück nicht klettern, und deshalb führt die Mutter ihre Kinder immer schön an den Bäumen entlang. Nach einer Stunde kommt eine riesige Schirmakazie in Sicht. In einer Astgabel hat Vater Leopard es sich gemütlich gemacht. Er bewacht den frisch aufgebrochenen Kadaver einer Impala-Antilope, die er am frühen Abend an der Tränke erwischte. Jetzt will er das Festmahl mit Frau und Kindern teilen...

Bis vor kurzem glaubten Experten, dass Leoparden absolute Einzelgänger seien. Die Wildhüter des sambischen Luambe-Nationalparks aber, die Katherine seit acht Jahren kennen, haben verblüffende Beobachtungen gemacht: Katherine war drei Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal paarte. Nach Leoparden-Art hatte sie sich einfach an die Grenze ihres Reviers gesetzt, dort nach einem Männchen gerufen und gleich den ersten Kandidaten genommen. Seitdem waren die beiden ein Paar - nun schon fünf Jahre lang. Die Hochzeitsnacht lief mit großem Gefauche und einigen Backpfeifen ab, weil es Katherine nicht passte, dass der Bräutigam ihr bei der Liebe nach Katzenart ins Genick biss, und sie ihm immer wieder eins mit den Pranken verpasste.

Nach drei Monaten Schwangerschaft war Katherine zum ersten Mal Mutter geworden. Als Kinderstube hatte sie sich schon damals die Felsspalte unter dem Dornbusch ausgesucht - gut versteckt und schön eng. Dort hatte sie die blinden, pfundschweren Jungen fünf Monate lang gesäugt, während der treue Ehemann Cary Frösche und Vögel herbeischleppte - zur Antilopenjagd hatte er jetzt keine Geduld, sie hätte ihn zu weit von seiner Familie fortgeführt, und er musste auf die Kinder aufpassen, wenn seine junge Frau mal Pause machte und auf Nahrungssuche ging. Als die Jungen zwei Monate alt waren, durften sie aus dem Versteck, mussten aber als allererstes lernen, wie man auf Bäume klettert - das kleine Einmaleins der Leoparden-Lebensversicherung!

Danach begann die Leoparden-Grundschule: Lehrerin Katherine zeigte ihren Kindern, welche Tiere Feinde (Schlangen!) und welche Beute (Eidechsen, Eichhörnchen, Mungos, Käfer) sind. Einen Monat später brachte sie eine lebende Ratte mit und ließ die Kleinen das Killen üben. Die nächste Lektion hieß Anschleichen - wichtigster Punkt: Die Hinterpfoten müssen immer genau dort landen, wo die Vorderpfoten waren, denn das reduziert die Gefahr von knacksenden Fehltritten um 50 Prozent. Und als die Jungen zehn Monate alt waren, kam das Leoparden-Abitur: Katherine und Cary verschwanden für zwei Wochen, und die Kinder mussten allein zurechtkommen.

Danach ging die Familie ein Jahr lang gemeinsam auf Jagd. Erst als die Kinder schon fast zwei Jahre alt waren, machten sie sich selbständig - auf sanften Druck hin, denn Katherine war wieder schwanger und brauchte ihre Kraft jetzt für den nächsten Schwung Kinder. Jetzt hat sie schon zum dritten Mal Nachwuchs. Leoparden-Mütter sind also ganz toll!

 

In Kürze

Rachenkünstler: Der Leopard hat 30 Zähne. Er tötet seine Beute schnell und schonend durch einen Biss in Nacken oder Kehle.

Wenn Blicke löten: Ständiger Augenkontakt verstärkt die Mutter-Kind-Bindung, schweißt die Familie zusammen. Glück und Gras: Je höher und bunter die Bodenflora wächst, desto öfter sichert die Fleckentarnung den Jagderfolg.

Auf dem rechten Fleck: Leoparden-Kindern hilft die Zeichnung ihres Fells, sich zu verstecken, aber sie wissen sich auch zu wehren. 

Leoparden schlagen auch Gnus und andere Antilopen, die dreimal so schwer sind wie sie selbst.

 

Was wir von den Leoparden lernen können                                                                                    

Treue: Viele Leoparden leben auch außerhalb der Paarungszeit als Eheleute zusammen, betrügen einander nie.

Verantwortungsgefühl: Vater und Mutter kümmern sich gemeinsam um die Kinder, lassen sie nie im Stich.

Familiensinn: Oft gehen Eltern und Kinder gemeinsam auf die Jagd. Dabei geht der Vater voran, dann folgen die Kinder und zum Schluss die Mutter.

Genügsamkeit: Der Leopard hört auf zu fressen, wenn er satt ist. In schlechten Zeiten braucht nur alle zwei, drei Tage ein paar Schluck Wasser und nur alle drei bis vier Tage etwas Fleisch.

Anpassungsfähigkeit: Leoparden stellen keine großen Ansprüche, kommen überall zurecht, in der Wüste genauso wie im Hochgebirge.

Selbstdisziplin: Leoparden halten sich fit, bleiben selbst im Zoo durch ständiges Training körperlich immer in Form.

Heimatliebe: Leoparden sind sehr standorttreu, verbringen oft ihr ganzes Leben im selben Jagdrevier.

Zivilcourage: Leoparden lassen sich auch von stärkeren Tieren nicht einschüchtern, legen sich, um die Rechte an ihrer Beute zu verteidigen, manchmal sogar mit Löwen an.

Kollegialität: Leoparden sind Einzelgänger, können aber auch gut zusammenarbeiten; dann klettert z.B. einer auf den Baum und treibt die Affen herunter, während der andere am Boden lauert. Die Beute wird gerecht geteilt.

Sparsamkeit: Leoparden essen immer ganz auf, lassen kaum ein Stück ihrer Beute ungenutzt, lecken mit ihrer Hornraspel-Zunge sogar die Knochen blank.

Hygiene: Leoparden putzen sich täglich mindestens eine Stunde lang.

                                                                          

Wüste, Dschungel, Fels und Eis

Leoparden gibt es in ganz Afrika außer der Zentralsahara sowie in Vorder- und Kleinasien, Iran, Afghanistan, Turkestan, Vorder- und Hinterindien, Ceylon, Java, China, Korea, der Mandschurei und Südostsibirien. Weltweit leben noch rund eine Million Tiere in freier Wildbahn, davon 850 000 in Afrika. Leoparden-Paradies ist Zaire mit 226 000 Exemplaren.

SINAI-LEOPARD

180 cm, Schwanz 95 cm, 70 kg, sehr hell, große Flecken, noch ca. 500 Exemplare in Ägypten und Israel.

SCHNEE-LEOPARD

Eigene Gattung, 150 cm, Schwanz 90 cm, 55 kg, noch ca. 5 000 Exemplare in den Hochgebirgen Zentralasiens.

AMUR-LEOPARD

175cm, Schwanz 80 cm, 65 kg, dichter Pelz, nur noch 50 Tiere in Nordchina, Ostsibirien und Nordkorea.

PANTHER

Keine eigene Art, sondern Schwärzlinge, Flecken kaum sichtbar, ca. 1000 Exemplare in Bengalen und auf Java.

 

Ur-Ahn Messerzahn

Die Säbelzahnkatze Machairodus ("Messerzahn"), Vorfahr des Leoparden und der anderen Großkatzen, lebte vor 12 Millionen Jahren am Rhein. Fossilien fanden sich nordwestlich von Worms in Eppelsheim und Dorn-Dürkheim. Machairodus wurde so groß wie ein Löwe und starb vor 2 Millionen Jahren aus.                                                                                                         

 

Leoparden-Poesie                                                                                                          

Der Leopard viel Schaden tut,                               

Denn stets nimmt er zum Baden Blut.                          

Der Panther ist ein Pantheist,                               

Und kommt ihm mit Moral der Christ,                          

So lächelt grausam er dazu                                   

Und denkt im stillen: "Na, und du?"                                                           

Eugen Roth (1895-1976)             

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