Leckt mich am Rücklicht!

Samstag, 17. November 2012

Die Formel I ist dieses Mal spannend wie lange nicht mehr. Was für ein Fortschritt gegenüber früheren Jahren, als die Schumi-Langeweile Fans und Fahrer lähmte! In ständig wachsender Verzweiflung suchten Macher und Medien damals nach neuen Regeln. Wir erinnern uns an Vorschläge in einer Kolumne aus dem August 2002.

Schon der große Goethe ließ seinen berühmten Götz von Berlichingen schimpfen: „Langeweile, du bist ärger als ein kaltes Fieber!“ Das grassiert jetzt in der Formel 1. Erster Patient ist RTL: Ihm droht das Quoten-Koma. Denn was nützen all die hochgegeigten Vorberichte, die auf Ungewissheit getrimmten Interviews, die auf Spannung gequälten Prognosen, wenn hinterher doch alle wieder schumimäßig ferrari-rot sehen? Deshalb hat der Kölner Grand-Prix-Sender eine Kommission alarmiert, die Erste Hilfe leisten soll. An therapeutischen Sofortplänen sickerte durch:

Reglement. Ab sofort tritt für Schumi eine neue Punktewertung in Kraft: Für Siege bekommt er nur noch einen Zähler – wird er aber Zweiter, werden ihm zwei Punkte abgezogen!

Training. Schumi darf nur noch nachts auf die Piste – ohne Flutlicht. Seine Zeiten werden handgestoppt – von Hundertjährigen, auf Zuruf. Kommt er trotzdem als Trainingsschnellster auf die Pole Position, startet das Feld in die Gegenrichtung.

Fahrzeug. Schumi kriegt künftig weder Goodyear noch Bridgestone, sondern nur noch Hula-Hoop-Reifen. Das Lenkrad reagiert nur noch auf die Kommandos Backbord bzw. Steuerbord. Außerdem gibt es wieder Pedale: zum Treten.

Technik. Die Ferrari-Reifenwaschanlage wird gegen einen Seifenspender ausgetauscht. Testmonitore zeigen nicht mehr graphische Darstellungen der Motorenleistung, sondern die Aktienkurse der Telekom. Über Funk kommen keine Stallorder mehr, sondern Musik, z.B. „Schlafe, mein Prinzlein, schlaf ein“.

Tests. Ab sofort testet Schumi neue Rennwagen nicht mehr bei Ferrari, sondern bei Henkel („Persil“) im Düsseldorfer Schaumodrom. Testberichte erhält er nur noch auf Koreanisch. Und es werden nur noch Ingenieure verpflichtet, die mindestens dreimal beim Idiotentest durchgefallen sind.

Team. Teamchef Jean Todt muss auf die Tribüne, stattdessen übernimmt Didi Hallervorden. Die Strategie tüftelt Quatschnase Mike Krüger mit den Taktikern vom Quickborner Treckerrennen aus. Als Mechaniker kommen die Mainzer Hofsänger.

Boxen. Betankt wird Schumis Bolide künftig mit Rentner-Diesel Marke Doppelherz. Die Reifen wechseln pensionierte Boxenluder in Stützstrümpfen unter Leitung von Slow-Clown Rüdiger Hofmann („Ja hallo erst mal“), als Einpeitscher und Tempomacher kommt Rudolf Scharping.

Personal Team. Neuer Motivationstrainer wird Serien-Loser Axel „Nullbock“ Schulz. Für Kondition sorgt Fitness-Guru Rainer Calmund. Als Diät-Koch heuert Ottfried Fischer an. Das Entspannungsprogramm kommt von „Prince of Darkness“ Ozzie Osbourne. Die psychologische Feinarbeit übernimmt Graciano „Rocky“ Rocchigiani, Autor des Bestsellers „Ein Kampf zuviel“.

Einkaufsabteilung. Auch hier nimmt ein komplett neues Team die Arbeit auf: Die Zahnpasta z.B. besorgt künftig Ex-Olympiasieger Baumann, den Puderzucker Christoph Daum, Tabletten holen Jan Ullrich und ein unbekannt bleiben wollender Freund. Der neue Rennanzug entsteht nach den Maßen von Hella von Sinnen, die neue Kappe kommt vom Kerpener Elferrat.

Rennen. Sollte Schumi es trotzdem an die Spitze schaffen, wird abgebrochen und neu gestartet. Für jedes Überholmanöver kriegt er eine Strafrunde. Kommt er trotzdem nach vorn, tritt eine Zusatzregel in Kraft: Schumi muss als Letzter starten und erhält für die Dauer des Rennens Überholverbot.

Als letztes Mittel plant RTL Sitzblockaden der Sportredaktion vor Schumis Haus bei Genf, damit er gar nicht erst von dort losfahren kann. Ob es was hilft? Ein echter Champion will trotzdem siegen, und nach Durchsickern dieser Pläne hat der Meister angeblich bereits ein anderes Wort des guten Götz von Berlichingen adaptiert: Leckt mich am Rücklicht!

Das ist jetzt zehn Jahre her. Und Sebastian Vettel kann noch fünf Mal Weltmeister werden, ehe auch ihm solche Sonderregeln drohen. Daumen drücken!

 

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