Kapitel 39: Im Alten Teerhof

Samstag, 17. November 2012
„In den alten Fachwerkhäusern an der Dienerreihe“: Blick vom Kehrwieder auf die Butenkajen. © Museum für Hamburgische Geschichte

Der Alte Teerhof neben der Bastion Ericus an der Ostspitze des Grasbrooks ragte, von einem Erdwall umgeben, mit seinen Rundtürmen und Spitzgiebel, Vorsprüngen, Bögen, Absätzen und Simsen wie eine mittelalterliche Zwingburg in den mondhellen Himmel. Die meterdicken Backsteinmauern schützten nicht vor Gefahren von außen, sondern von innen, denn in dem alten Gemäuer lagerten viele Tonnen Teer, Öl, Benzin, Terpentin, Pulver und anderer hochexplosiver Stoffe, auch schon Dynamit, das Alfred Nobel erst vierzehn Jahre zuvor im nahen Elbstädtchen Geesthacht aus Nitroglycerin und Kieselgur zusammengemixt hatte. Den Soldaten des Hamburger Infanterieregiments, die Tag und Nacht um das düstere Gebäude patrouillierten, konnte nicht anders als mulmig zumute sein, denn wenn hier das geringste passierte, und sei es nur, dass ein Kamerad trotz der strengen Vorschriften rauchte, würden sie vermutlich in Einzelteilen vor Petrus paradieren. 

  Zwei Straßen weiter, in den alten Fachwerkhäusern an der Dienerreihe, zweihundert Jahre zuvor für die Köchinnen, Kutscher, Haus- und Kindermädchen der Hamburger Senatoren erbaut, hörte Tom eine Stunde nach Mitternacht endlich den lange erwarteten leisen Pfiff. Sofort schob er die winzigen Fenster des winzigen Zimmers auf, in dem er mit seiner Mutter hauste. In der schmalen Gasse drei Stockwerke unter ihm stand sein Freund Richard und winkte.

  Tom schwang sich aus dem Fenster, schob es lautlos zu, balancierte auf einem kaum einen halben Fuß breiten Balken zur Hausecke und kletterte wie ein Affe an der Regenrinne zu seinem Freund hinunter. „Wird aber auch Zeit!“

  „Die Alte war mal wieder spät“, sagte Richard. „Jetzt schnarcht sie.“ Er war dreizehn Jahre alt, nicht besonders groß, aber kräftig, blond und ein Draufgänger. Seine Mutter hieß Wiebke Bolls und war eine Kellnerin vom Kehrwieder. Von einem schwedischen Seemann auf Durchreise verführt und von der Familie verstoßen, lebte sie als unbezahlte Aushilfe mehr schlecht als recht von den Trinkgeldern der Matrosen in der „Weißen Möwe“. 

   „Mien Modder ist ok wedder blau“, sagte Tom. Er war groß, schlaksig, schwarzlockig wie ein Spanier, ebenfalls dreizehn Jahre alt und der Sohn einer Stundenbraut von den Pickhuben.

  Es hatte zwischendurch mal wieder ein bisschen geregnet, und das Licht des Vollmonds glänzte auf dem Kopfsteinpflaster. Die Straßenlaternen waren längst auf halbe Kraft gedreht. An der letzten Ecke vor dem Teerhof hielten die beiden Jungs an. „Und du weißt ganz genau, dass sie da drin Pistolen lagern?“ fragte Tom.

  „Klar weiß ich das“, sagte Richard, der eine Woche zuvor zwei Wachsoldaten belauscht hatte; sie kamen an ihm vorbei, als er gerade hinter einen Holzstapel pinkelte. Er wusste auch, dass die Louis für eine Pistole hundert Mark zahlten.

  Sie warteten, bis die erste Patrouille vorübermarschiert war. Dann schlichen sie durch den Mondschein zu einer Mauerecke und kletterten mit Handschuhen an einem Blitzableiter hoch, den sie vor Tagen ausbaldowert hatten. Einen Erwachsenen hätte der Draht wohl kaum gehalten, aber für die Jungs war er fest genug. Im Nu standen sie auf dem untersten Sims sechs Meter über der Straße und drückten sich in eine Fensternische. Die Soldaten bemerkten die Kletterer nicht, aber dem Mann, der schon die halbe Nacht im Schatten eines Schuppens am Oberhafen stand, war der Bruch nicht entgangen. Gespannt beobachtete er den Aufstieg durch ein kleines Nachtglas.

  Richard balancierte zum nächsten Mauerband, und Tom folgte ihm. Auf dem vierten Sims, fast fünfundzwanzig Meter über dem Straßenpflaster, zogen sie sich dicke Socken über die Stiefel. Richard trieb einen kleinen Handbohrer in das mürbe Holz eines Erkerfensters. Lautlos drückte er den Rahmen auf und stieg ins Innere. Sein Freund folgte.

  Der Mann an dem Schuppen sah, wie hinter dem Fenster ein Licht aufschien und sofort abgedeckt wurde.

  In dem riesigen Gebäude herrschte tiefe Stille. Nur ab und zu verriet ein leises Flattern, dass unter dem Dach Fledermäuse wohnten. Lautlos schlichen die beiden jungen Einbrecher durch die Flure und öffneten mit einem Dietrich nacheinander alle Türen. Das gedämpfte Licht der abgeklebten Petroleumlampe fiel auf Schränke, Kisten und Fässer mit Aufschriften wie „Explosiv“, „Schießpulver“ oder „Dynamit“, aber nirgends lagen Pistolen.

  „Mist“, murrte Tom. „Das können wir alles nicht gebrauchen!“

  „Wir finden schon noch was“, tröstete Richard und tappte auf Zehenspitzen ins nächste Stockwerk hinunter. Aber auch dort wurden sie enttäuscht.

  „Vielleicht im Keller“, flüsterte Tom.

  „Quatsch, da lagern sie bloß Petroleum und Benzol“, wisperte Richard und nahm die nächste Treppe nach unten. Gleich im ersten Zimmer fanden sie einen Waffenschrank voller Bajonette. „Das ist doch was“, sagte Richard. Er holte eine der Klingen heraus und piekste sich spielerisch in den Bauch.

  „Was kann so was bringen?“ fragte Tom begierig.

  Richard zuckte die Achseln. „Drei oder fünf Mark.“

  „Besser als nichts“, sagte Tom, zog einen großen Lappen aus der Hosentasche und wickelte ein halbes Dutzend Bajonette ein. Richard steckte drei oder vier in seinen Gürtel. Plötzlich hörten sie Schritte. Tom war gleich zur Tür hinaus, Richard flitzte lautlos hinter ihm her. Sie schafften die Treppe, ohne sich durch Geräusche zu verraten, wären aber fast in den Schein der Lampe geraten, die den Weg der Streife beleuchtete.

  Kurz darauf stiegen die beiden Jungs mit ihrer Beute wieder aus dem Erker und balancierten auf dem Sims zu dem Blitzableiter. Ihr heimlicher Beobachter sah mit anerkennendem Lächeln zu. Er stand inzwischen an einem schmalen Durchlass zur Dienerreihe.

  Auf dem untersten Sims mussten Tom und Richard ein paar Minuten warten, bis die Patrouille um die Ecke gebogen war. Dann landeten sie fast lautlos auf dem Straßenpflaster und eilten mit ihrer Beute in die enge Gasse. Kaum außer Sicht des Teerhofs, fühlten sie sich von kräftigen Händen gepackt und festgehalten.

  „Ich tu euch nichts“, sagte eine leise, aber energische Stimme mit weichem slawischen Akzent. „Will nur mit euch reden.“

  „Loslassen!“ Richards Stiefel traf ein Schienbein, dafür flog aber sein Kopf gegen die Mauer. „Aua!“

  „Still!“ zischte der Fremde. „Die Wachen!“

  „Was wollen Sie von uns?“ fragte Tom. „Wir haben nichts getan!“

  „Hab’ ich gesehen“, sagte der Mann, von dem die beiden Jungs wenig mehr als einen tief in die Stirn gezogenen Schlapphut, zwei funkelnde Augen und einen kohlschwarzen Bart sahen. „Was habt ihr da, Bajonette? Für die alten Dinger kriegt ihr höchstens zwei Mark. Von mir gibt’s zweihundert.“

  „Zweihundert Mark?“ staunte Tom.

  „Zweihundert Mark“, wiederholte der Fremde, und zauberte einen Ledersack aus der Tasche. Fasziniert starrten die Freunde auf den Siegelring mit dem roten Stern.

  „Habt ihr da drin gesehen, wo sie das Dynamit aufbewahren?“

  „Klar“, sagte Richard. „Ganz oben, im vierten Stock.“

  „Wollt ihr mir ein paar Stangen holen?“

  „Dynamit?“ staunte Tom. „Kann man das denn verkaufen?“

  „Ich schon“, sagte der Fremde. „Also wollt ihr? Sonst hole ich es mir selber.“

  „Wir tun’s“, sagte Richard schnell. „Jetzt gleich?“

  „Nein, jetzt ist es schon zu spät. Wann könnt ihr denn am leichtesten abhauen?“

  „Samstag“, sagten die beiden Jungens fast gleichzeitig, in ihrer Welt waren am Wochenende immer so gut wie alle Erwachsenen entweder blau oder auf dem Weg dorthin.

  „Gut“, sagte der Fremde. „Haut jetzt ab! Samstag Mitternacht treffen wir uns an dem Schuppen da hinten. Seid pünktlich!“

  Die beiden Jungs nickten und verschwanden.

  Boris Persikoff ging auf Umwegen zum Oberhafen zurück, stieg in sein Bot und ruderte zu seinem Versteck auf dem Amerikakai. Die Jungs würden sich die zweihundert Mark nicht entgehen lassen, dachte er wohl - und dann würde er ohne jedes Risiko alles haben, was er brauchte, um den Kronprinzen zur Hölle zu schicken.

 

 

 

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