Kapitel 40: Johnny und Nell

Montag, 19. November 2012
„Sie gingen wieder ins Zimmer zurück“: Blick vom Hopfensack in die Kattrepelsbrücke, 1890. © Museum für Hamburgische Geschichte

 Im „Tritonia“ hatten Nell und Lida einander einiges zu erzählen, nachdem sie auf diese abenteuerliche Weise miteinander bekannt geworden waren. Wie unter Frauen üblich, wenn sie nicht gerade in denselben Mann verliebt sind, freundeten sie sich ziemlich mühelos an. Die beiderseitige Sympathie überstand auch die unangenehme Überraschung, als sich herausstellte, dass die Entführer der einen vom Ehemann der anderen beauftragt worden waren, denn Nell stellte umgehend klar, dass sie zwar mit Jack verheiratet, aber schon lange nicht mehr seine Frau sei. Lebenserfahren, wie Lida war, merkte sie auch schon bald, wie Nell zu Johnny stand. Sie schilderte ihre Entführung, Nell erzählte Onkel Johnnys Geschichte, und Lida war bald klar, dass Nell Onkel Johnny liebte.

  Und das war nicht weniger als die Wahrheit, ich habe es in dieser Nacht mit eigenen Ohren gehört. Ich konnte lange nicht einschlafen und drehte mich in meinem Bett wie ein Brummkreisel,  bis ich endlich meine Decke nahm und mich auf den kleinen Balkon setzte. Der Mond war schon untergegangen. Ich duselte so vor mich hin, da hörte ich im Halbschlaf plötzlich ganz dicht neben mir ein Wispern und Flüstern.

  „Nein“, sagte die eine Stimme hastig, „das dürfen wir nicht. Es ist Unrecht!“

  „Das ist mir egal“, sagte die andere, tiefere Stimme. „Ich liebe dich! Ich habe dich immer geliebt, und ich werde dich immer lieben!“

  „Ich liebe dich auch, und werde dich immer lieben, aber ich kann nicht. Lass mich, ich bitte dich!“

  „Du bist alles, was ich will! Ich liebe dich!“

  So ging es eine Weile hin und her, bis ich endlich merkte, dass ich nicht träumte, sondern wirklich zwei Liebende belauschte, die auf dem Balkon neben mir standen, und das waren Onkel Johnny und Nell. Es war stockdunkel, aber sie standen so nahe neben mir, dass ich die Hand nach ihnen hätte ausstrecken können. Wenn sie nicht so aufgeregt gewesen wären, hätten sie mich bestimmt bemerkt. Ich atmete ganz flach und leise, ungefähr so wie ein paar Tage zuvor unter der Veranda des Palazzo, und wenn ich nun auch nicht gerade um mein Leben fürchten musste, so hatte ich doch ein ganz mulmiges Gefühl, denn was sollte ich tun? Wenn ich aufstand und hineinging, würden sie wissen, dass ich sie gehört hatte. Vielleicht würden sie sogar denken, ich hätte sie belauscht. Auf jeden Fall würde ihnen klar sein, dass ihr Geheimnis verraten war. Also blieb ich lieber zusammengekauert in meinem Sessel und strengte mich an, wegzuhören, was natürlich unmöglich war.

  „Ich kann nichts dagegen tun, Nelly“ sagte er. „Ich liebe dich noch mehr als früher.“

  „Sei still!“ erwiderte sie. „Du machst alles nur noch schlimmer!“

  „Nein, das ist unmöglich“, sagte er. „Dass wir uns jeden Tag sehen, und doch nicht zusammen sein können, das ist schlimmer als der Tod!“

   „Ach, warum bist du nicht fortgeblieben“, sagte sie.  „Warum bist du wiedergekommen!“ 

  „Wir könnten zusammen sein, wenn du nur wolltest!“

  „Hör auf damit, Johnny, ich flehe dich an! Sprich nicht mehr davon, hörst du? Kein Wort!“

  „Das kann ich nicht.“

  „Aber du weckst die Dämonen. Sie werden uns vernichten!“

  „Sie sind schon wach, Nelly. Sie sind schon da. Sie waren immer da. Sie sind hier.“ Ich hörte, wie er sich heftig an die Brust schlug.

  „Dann nimm dich in Acht, Johnny. Hüte dich vor ihnen! Höre nicht auf sie! Höre einfach nicht zu!“

  „Auch das kann ich nicht, Nelly“, seufzte er.  „Ich höre sie reden. Willst du wissen, was sie sagen?“

  „Nein, Johnny!“ sagte sie. „Nein!“

  „Sie sagen, dass ich Jack umbringen muss.“

  „Nein! Nein!“

  „Damit du frei bist“, sagte mein Onkel düster. „Frei für mich, Nelly.“ 

  „Nein!“ stöhnte Nell. „Das ist Wahnsinn. Dann müsste ich einen Mörder lieben! Willst du das?“

  „Nein, kein Mord“, sagte Johnny. „Es ist kein Mord, wenn er mich auch töten will und kann.“

  „Du willst mit ihm kämpfen?“

  „Wenn es das Schicksal so will.“

  „Nein, Johnny“, sagte sie verzweifelt. „Tu’s nicht! Es ist grausam! Entweder verliere ich dich, oder mein Sohn verliert seinen Vater. Das darfst du nicht tun. Versprich mir das! Schwör’s mir! Schwör mir, dass du Jack nicht herausfordern wirst! Ich will dich nicht noch einmal verlieren!“

  „Du wirst mich nicht verlieren, Nelly. Ich werde mit ihm fertig, so schnell er auch ist.“

  „Das mag sein. Aber du wirst dann nicht mehr der Mann sein, den ich lieben kann.“

  „Oh Nelly, Nelly!“ sagte er verzweifelt. „Du weißt ja nicht … Aber jetzt sollst du es wissen. Dass ich dich nie vergessen konnte – ja, das war so. Und dass ich dich wiedersehen musste, als mir dieser Ingenieur vor dir erzählte. Aber da war noch etwas anderes, etwas Furchtbares. Ein Traum. In dieser Nacht, als ich zum ersten Mal nach so vielen Jahren wieder von dir gehört hatte, und wusste, du lebst – da habe von uns geträumt. Wir gingen zusammen durch den Dschungel, einen Dschungel aus lauter riesigen Bäumen, die uns alle anschauten. Der Boden schwankte unter unseren Füßen. An einem alten Tempel hast du Angst bekommen und dich losgerissen, bist davongelaufen, und ich hinter dir her. Ich habe gerufen und gerufen, aber du hast nicht gehört, und ich konnte dich nicht einholen. Du hattest ein weißes Kleid, an, wie ein Brautkleid, und manchmal sah ich es zwischen den Bäumen, und rief nach dir, aber so laut ich auch schrie, du bist nicht stehen geblieben und hast dich auch nicht nach mir umgedreht. Dann bist du plötzlich gestolpert und hingefallen, auf den Rücken, und dein Kleid war hinten ganz rot. Ich rief Nelly! Nelly! Aber du hast nicht mehr geantwortet, und da habe ich gesehen, dass sich ein spitzer Ast durchgebohrt hatte, und du tot warst! Ich habe geweint, mein Gott, habe ich geweint, ich wachte auf, und mein ganze Kopfkissen war nass. Ich weiß bis heute nicht, was dieser Traum bedeuten sollte, habe nie darüber gesprochen, aber er hat mich in der Seele erschüttert. Ich habe sehr geweint, Nelly. Seit meiner Kindheit hatte ich nicht mehr geweint. Ich hatte große Angst um dich, und hab’ sie immer noch!“

  „O Johnny“, sagte sie traurig. „Warum lässt uns der liebe Gott so leiden!“

  „Ich hab’s falsch gemacht, Nelly“, sagte er düster. „Ich war immer zu schnell. Als ich das Messer warf, war ich zu schnell. Als ich abhaute, war ich zu schnell. Und als ich dich für immer verloren gab, damals in China, war ich auch zu schnell. Immer zu schnell. Ich habe Jack zu schnell vertraut, und das Vertrauen zu dir zu schnell verloren. Aber jetzt, Nelly, jetzt will ich nie mehr zu schnell sein. Nur noch so schnell, wie es richtig ist, wenn Jack und ich die Messer ziehen.“

  „Nein, Johnny!“ stieß sie hastig hervor. „Das darf niemals geschehen! Eher will ich sterben!“

  Er zögerte eine Sekunde, dann sagte er: „Ich werde nichts tun, was ihn herausfordert. Aber wenn er auf mich losgeht, wehre ich mich. Dann mag der Himmel entscheiden. Auch ich habe ein Recht auf dich, Nelly. Und mein Recht ist älter als seins.“

  „Was zählt das Recht denn vor dem Schicksal!“ weinte sie.

  „Das ist mir egal.“

  „Oh Johnny! Johnny! Merkst du nicht, was geschehen soll? Wie es uns immer tiefer in den Strudel reißt, bis wir alle darin untergehen?“

  „Dann gehe ich mit dir unter.“

  „Ich will aber nicht untergehen, hörst du? Ich habe einen Sohn. Einen Jungen, der mich braucht. Was soll denn aus ihm werden? Nein, wir dürfen nicht an uns denken. Was wäre das auch für ein Glück, wenn Unschuldige dafür büßen müssen?  Das kann ich nicht.“

  Sie gingen wieder ins Zimmer zurück. Ich wartete noch ein bisschen und huschte dann wieder ins Bett, konnte aber lange nicht schlafen.

 

 

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