Kapitel 41: Der Verbrecherkongress

Samstag, 24. November 2012
„Gassen so schmal, dass kein noch so betrunkener Lüderjahn umfallen konnte“: Am Fleet hinter der Neustädter Fuhlentwiete, 1887. © Museum für Hamburgische Geschichte

 Obwohl ich diese Nacht einmal zeitig ins Bett gekommen war,  molchte ich wie eine Robbe auf der Sandbank in Gottes hellen Tag hinein. Auch die anderen belagerten ihre Matratzen mit großer Ausdauer. Im Frühstücksraum ließ sich bis zum Vormittag niemand sehen, nicht einmal Onkel Johnny, der doch sonst an einer schon fast Schillerschen Schlaflosigkeit litt und sich höchstens mal zwischendurch so einen Ammennicker gönnte. Also zog ich mein Zweitbestes an, ein gediegenes aus marineblauer Wolle, mein Kaviarkleid war ja für Tags zu vornehm, und machte mich mal wieder allein auf die Strümpfe. Ganz so hell war Gottes Tag aber auch wieder nicht, denn es nieselte ununterbrochen, richtiges Hamburger Schmuddelwetter, und mir wehte eine Luft entgegen wie aus einem nassen Aschenbecher. Unsere schöne Stadt lag mal wieder in dickem grauen Dunst, das Wort „Smog“ wurde ja erst später erfunden, damals sagten wir „Schmutt“. Die Leute mussten in den Häusern das Licht anzünden, sonst hätten sie kaum die Hand vor Augen gesehen. Umweltschutz war damals unbekannt, hunderttausend Kamine pusteten den Kohlenstaub fuderweise in die Atemwege, und auf der Elbe drückten auch noch die vielen großen und kleinen Dampfer ihren Sott in die Landschaft. An den Bäumen klebte der Ruß wie schwarzer Reif, und auf den Straßen knirschte Asche unter den Sohlen. 

  Die Hamburger scherten sich allerdings wenig darum und gingen wie üblich ihren Geschäften nach. Die Hausfrauen hängten sogar ihre Wäsche auf und guckten missgelaunt auf die Karrenhändler hinunter, die unverdrossen ihr „Farischen Schellfisch! Labendige Schollen“ zu ihnen hinaufbrüllten, oder ihr „Korabb, Korabb!“ für die gekochten Krebsschwänze. Eisschränke gab es noch nicht, und was sie heute nicht verkauften, konnten sie morgen nicht mehr verschenken. Das galt genauso für den Bücklingmann. Wenn aber der Ruf „Ramsch! Kuddelmuddel! Söß Penny dat Stück“ ertönte, fielen die Damen vor Neugier fast vom Balkon, denn dann gab es Samt und Seide, oder was dafür gehalten werden wollte. Die Händler waren meist „Ebräer“, wie wir damals sagten, von der Judenbörse auf dem Großneumarkt, sie machten auch noch mit dem letzten Lappen ein Geschäft, ebenso mit billigem Schmuck oder unechten Perlenketten, und Kupferstichen, und Musikalien, Landkarten, Goethe, Schiller und und und. Sie holten sich die Ladenhüter aus den Kaufhäusern und zeigten den staunenden Direktoren gleich auf dem Bürgersteig vor den Schaufenstern, wie’s gemacht wird. „Was ßu handeln“, riefen sie durch das Gedudel der Drehorgeln und das Gejaule der Katzen. Slowaken, bei uns „Lauswenzel“ genannt, mit speckigen Hüten verkauften Mausefallen oder mit Draht umflochtene irdene Töpfe, die einen dünnen Blechboden hatten, so dass man sie aufs Feuer stellen konnte. Auch meine Mutter hat mit solchen Dingern gekocht. Die Italiener, die von Haus zu Haus zogen, drückten nicht nur die hübscheren Hüte kecker auf die schwärzeren Locken, sondern verhökerten auch die attraktivere Ware, antike Plastiken in Gips, die größten kosteten fünfundzwanzig Mark, dafür musste eine Schneiderin siebzehn Tage lang nähen, und trotzdem wurden die Kerle die nackichten Apolls und Adonisse immer los, ich weiß nicht wie. Andere verkauften den Kindern kleine grüne Häuschen aus Pappe mit Grashüpfern, fünf Pfennig das Stück, für stundenlanges Gezirpe. Die Milchmänner waren um diese Zeit schon durch, und die Brotträger die knusprigen Rundstücke aus den riesigen Körben auch schon fast alle los geworden, aber die Schlachterjungen schleppten in ihren hölzernen Mulden gerade die zarten Beefsteaks und deftigen Schweinebraten zu den Köchinnen, bei denen sie frühmorgens vorgefragt hatten.

  Hinter der Kornhausbrücke hockten die Gemüsefrauen aus den Vierlanden, schmucke Damen von Hofe, wenn auch Bauernhofe, mit Spitze, Musselin oder ostindischem Zitz am Vordersteven, und nicht etwa nur Äppel und Birnen im Körbchen, und Blumen und Kräutern, sondern geräuchertem Elblachs und gemästeten Gänsen. Ihr Petersilienpalast, das ehrwürdige Zippelhaus, war der mit Abstand prächtigste Speicher am ganzen Binnenhafen, und zu Hause hütete manche der drallen Marketenderinnen größere Klunker in der alten Eichentruhe als ihre vornehmen Kundinnen von der Alster in der Elfenbeinschatulle. Ein paar Schritte weiter, an der Steinstraße, folgten die Schönen der Schuppe mit ihren schaumgeborenen Schmackhaftigkeiten vom Aal bis zur Zunge, den Butten, Knurrhähnen, Petermännchen, Rochen und Schollen, alle frisch wie die kalte Spucke der See.

  Hinter ihren Kisten fing das Gängeviertel an, mit Gassen so schmal, dass kein noch so betrunkener Lüderjahn umfallen konnte, er brauchte ja nur mal ganz tief einzuatmen und schon steckte er fest wie der Korken in der Flasche. Dafür bekam er aber des Öfteren einen Gruß aus dem Nachttopf übern Döz, besonders wenn er sich erdreistete, kandidelt zu singen. Der feine Schmuddelregen machte in diesem Galgenwinkel alle Wege sargdunkel. Gleich an der ersten feuchten Ecke lagen Adam und Eva auf ihrer Schott’schen Karre, ein komplett abgewracktes Pärchen auf ewiger Wanderschaft durch dieses neue Ninive. Sie waren immer schon früh am Strich, um Alteisen und anderes Zeug zu sammeln. Am späten Morgen verkauften sie es, am noch späterem Morgen holten sie beim nächsten Bottelier zwei Kisten Bier, versoffen in irgendeinem Eintippel den Erlös und schliefen dann den Rest des Tages auf dem rollenden Heim ihren Rausch aus. Ihren richtigen Namen wusste keiner. Ich kannte auch die anderen Originale, die später im Volkstheater so arg versüßlicht worden sind, viele waren in Wirklichkeit ganz traurige Geschöpfe, zum Beispiel die berühmte Zitronenjette, ein geistesschwaches Mädchen, ganz erbärmlich anzuschauen. Die Arme musste auf der Steinstraße Zitronen verkaufen, und die bösen Buben von der Gasse, oder Gosse, peinigten sie bis aufs Blut, zupften und ärgerten sie, bis sie hysterisch heulte und die schönen Früchte in die Pfützen fallen ließ.

  An der Ecke streckte eine runzlige Greisin zwischen ein paar alten Säcken, die ihr als Salon und Schlafzimmer dienten, die Hand aus und sagte sachlich wie bei Hebbel ihr „Arm un old.“ Ja, ja, Alsche, antwortete ich wie immer, und gab ihr ein paar Groschen, man wusste ja nie, ob man nicht eines Tages auch so im Rinnstein residierte.

  Am anderen Ende des Gängeviertels begann eines meiner liebsten Jagdreviere, denn auf dem Jungfernstieg äst immer prächtiges Großgetier. Die Damen trugen noch ihre Schleppenkleider mit eingeschnürter Taille, Hüfte und Heck gepolstert mit Kissen und „Küh“, aber mein Auge richtete sich auf männliche Beute, das weibliche Wild ist viel zu misstrauisch, schon gar gegenüber einer jungen Diana, wie ich eine war. Angehübschte Jungfern führten ihre Toiletten spazieren, aufgetakelte Dämchen ihre Hündchen, und überall lümmelten Bürostifte herum. Es herrschte mächtig Verkehr, die Schlachterjungs lieferten sich aber trotzdem ihre Wettrennen mit ihren schnellen Einspännern, auch kurvte schon ein junger Angeber auf einem zwei Meter hohen Veloziped durch das Kutschengewühl. Ich setzte mich am Alsterpavillon, damals noch ein klassizistischer Kaffeetempel mit heftig antikisierenden Figuren an der filigranen Fassade,  unter die Silberlinden, bestellte einen Mokka, aber tres distingué, blätterte in einem Modemagazin und setzte, als schon nach wenigen Minuten ein junger Herr vor mir seinen Strohhut zog, umgehend mein wohlgeübtes kleines Lächeln auf, und wer war es, der da angebummelt kam? Mein Danny, der nette reiche Junge mit der Jacht!

  „Helena!“ rief er erstaunt, und dann: „Was machen Sie denn hier?“ Vorname, aber per Sie, das war auch so richtig schön englisch.

  Ja, was machte ich hier? „Ich lese“, antwortete ich.

  „Interessant. Darf ich?“ Schon saß er neben mir und guckte neugierig in mein Magazin. „Mode“, sagte er überflüssigerweise, war aber brav genug, meine Kostümierung wenigstens mit bewundernden Blicken zu würdigen, wenn er sich schon nicht traute, mir ein Kompliment zu machen.

  „Müssen Sie heute noch nach Finkenwerder?“ wollte er als erstes wissen.

  „Ja – nein, da war ich bloß mal zu Besuch, bei meiner Oma, ich wohn’ hier in der Stadt.“ In meinem Aufzug konnte ich ihm ja nicht gut weismachen, ich sei wirklich eine Landpomeranze.

  „Wo denn?“ bohrte er prompt. Jetzt, wo seine beiden Freunde nicht störten, war er viel mutiger, und das gefiel mir, denn meistens ist es genau umgekehrt.

  Ich musste lachen. „Du willst es wohl ganz genau wissen“, sagte ich.

  Mein Danny packte dieses Du sofort mit beiden Händen und gab es nicht mehr her. „Ja, ich will alles über dich wissen“, sagte er. „Was machst du denn hier, musst du nicht zur Schule?“

  „Was denkst du denn!“ sagte ich. „Ich arbeite schon.“

  „Ach, und was?“ Er war neugierig wie Kolumbus, das muss ich schon sagen, und weil das Magazin gerade so schön auf dem Tisch lag, antwortete ich bequemerweise: „Ich mache in Mode.“

  „So“, sagte er und machte auch was, nämlich kugelrunde Augen.

  „Na ja, ich schneidere ein bisschen“, wiegelte ich vornehm ab, wie sich das in Hamburg gehört. Wenn man das richtig angebracht hat, worauf es einem ankommt, lässt sich’s hinterher ganz gut bescheiden sein.

  „Mode!“ murmelte Danny und pfiff leise durch die Zähne, dabei ist Schneidern ja weiß Gott nichts besonders, aber Männer haben immer vor der Sache am meisten Respekt, von der sie am wenigsten verstehen. „Du hast wirklich ein Modegeschäft?“ Es klang, als hielte er mich für fähig, zum Mond zu fliegen.

  „Nein, habe ich nicht“, erwiderte ich, um nicht allzu schamlos zu übertreiben. „Noch nicht, jedenfalls. Aber eines Tages…“

  „Wo denn?“ Auch das muss ich zugeben: Mein Danny segelte gern ins Kompassgewisse.

  „Am Gänsemarkt“, sagte ich, weil es dort ganz viele solche Läden gab. „Jetzt wird’s aber Zeit.“

  „Darf ich dich begleiten?“

  Ich musste also schleunigst halsen. „Kommt nicht in Frage!“

  „Nur ein kleines Stück!“

  „Denkst du, ich will wegen dir ins Gerede kommen?“ Damals waren andere Zeiten, es reichte schon, wenn es von einem Mädchen hieß, es sei „kokett“, schon flog es hinaus – nicht in meiner Welt natürlich, aber in den bürgerlichen Kreisen.

  Er überlegte, dann sagte er: „Und woanders?“

  „Wie, woanders!“ sagte ich so abweisend wie möglich, während mein kleines Herzchen pumperte wie verrückt.

  „Ich weiß was“, sagte er. „Kennst du den ‚Prinz von Oranien’? Da ist Freitag immer Tanz op de Deel, da kennt uns keiner.“

  Der Laden war mir nicht unbekannt. Ich war zwar nie dort gewesen, weil er zu weit draußen lag, noch hinter Finkenwerder im Alten Land, hatte aber oft genug gehört, dass es dort enorm fidel zuging. Vielleicht war es auch so, dass ich jetzt dachte, ich hätte mir auch mal was verdient, nachdem ich in diesen Tagen doch einiges durchgemacht hatte. Aber hauptsächlich machte ich mit, weil mir Danny so gut gefiel. Er war wirklich ein Traum von einem jungen Mann, groß genug, aber keine von diesen nordischen Bohnenstangen, kräftig, aber kein Herkules, vor dem man hätte Angst haben müssen, sehr hübsch mit seinen schwarzen Löcken, aber kein Schönling. Damals hatte ich von Kunst keine Ahnung, aber heute kann ich sagen: Wenn in Florenz statt Michelangelos David mein Danny stünde, würde niemand einen Unterschied bemerken. Ich liebte seine makellosen Zähne und gepflegten Hände, seine schwarzen Locken, die langen Wimpern und die dunkelblauen Augen, vor deren Sterne sich manchmal für ein paar Sekunden ein Schleier der Melancholie schob, ehe sie wieder voll Zuversicht funkelten. Seine Schultern waren schon breit genug, sich anzulehnen, und seine Arme so kräftig, sich darin geborgen zu fühlen. Er hatte die Hüften eines Läufers und Beine, noch einen zweiten Körper durch die Schicksalswogen zu tragen, und darauf kam es mir vor allem an. Ich liebte seine Beine.

  Ich liebte auch seine Stimme, denn sie klang so dunkel, lockend und zugleich beruhigend wie eine Glocke an einem fremden Strand. Und ich liebte seine klugen Ansichten, seine Ideen und Ideale. Er träumte den Hamburger Traum, wollte ferne Länder sehen, seinen Fuß auf unberührte Strände setzen, neue Handelsverbindungen knüpfen, Minen oder Märkte entdecken, exotische Faktoreien gründen, Wohlstand nach Hause, aber auch in die Welt bringen, zum Segen von Mensch und Menschheit, und seinen Namen auf Schiffen, Kontorhäusern und Erdkarten lesen wie die alten Konquistadoren, aber in Gold statt in Blut. Er ging aufs Johanneum, Hamburgs ehrwürdige Gelehrtenschule, die damals noch auf dem Domplatz stand. In Deutsch nahmen sie gerade Schiller durch, der zu Kaisers Zeiten sehr populär war. Der Senat hatte dem deutschesten aller Dichter ein Denkmal auf die Ferdinandus-Bastion gestellt, und natürlich mochte mein romantischer Freund am liebsten die „Braut von Messina“ mit den für Hamburger Ohren besonders wohlklingenden Zeilen, die Danny bei dieser Gelegenheit auch gleich zitierte:  „Wer das grüne, kristallene Feld /  Pflügt mit des Schiffes eilendem Kiele, /  Der vermählt sich das Glück, dem gehört die Welt; / Ohne die Saat erblüht ihm die Ernte!“

  Danny träumte davon, die deutsche Kultur in die Welt hinauszutragen, Beethoven, Goethe und Dürer, von denen bis dato noch nie gehört zu haben ich mir keineswegs anmerken ließ. Und er träumte davon, sein Vaterland noch ein Stück reicher und ruhmvoller machen. Er liebte Gott, das Leben, die Menschheit und die Welt. Er war von der sanften Zielstrebigkeit eines Prinzen, der Mut und Maß, ein gutes Herz, eine untadelige Erziehung und jene klassische Bildung besitzt, die sicher durch die Irrsale der Jugend mit ihren Labyrinthen und Fallgruben führt. Er war schön wie ein Engel der Hoffnung und sprach auch so. Ich hätte ihn anbeten mögen.

  „Und wie kommen wir da hin?“ fragte ich.

  „Mit meiner Whippet!“ rief er begeistert und nahm mich an der Hand, als wollte er mich gleich auf ein Piratenschiff verschleppen.

  Nicht schlecht, dachte ich, da muss Daddy ja Plonnimonni haben. „Schaffst du das denn allein?“ fragte ich, um ihn ein bisschen zu foppen.

  Er sah mich an wie Jakob den schlauen Laban, als er um Rachel noch mal sieben Jahre dienen sollte. „Sag bloß, du kannst nicht segeln. Du bist doch von hier, oder?“ Eine Hamburgerin, die nicht segeln kann! Einen Freund für die Fock wollte er natürlich auf keinen Fall dabeihaben, er war ja nicht doof.

  Ich musste wieder lachen. „Da mach dir mal keine Sorgen“, sagte ich.  

  Er atmete auf. „Gut“, sagte er. „Wann kannst du denn weg?“

  Wir verabredeten uns für Samstag fünf Uhr am Alten Jonas.

  „Jetzt muss ich aber wirklich gehen“, sagte ich dann.

  „Und du kommst auch ganz bestimmt?“ Vor lauter Freude gab er mir nun doch tatsächlich einen Handkuss, am hellichten Nachmittag! Natürlich nicht den ersten meines Lebens, beileibe nicht – aber den ersten, bei dem ich was spürte, nämlich so ein kleines Prickeln im Gemüt. Zum Glück war er selber viel zu aufgeregt, um was zu merken, und auch brav genug, ohne weitere Attacken zu verschwinden, was ich ihm im Geiste hoch anrechnete – ich weiß nicht, wozu ich mich sonst hätte hinreißen lassen, ich war durch die letzten Ereignisse, wie man sich denken kann, seelisch etwas aus der Balance gekippt.

  Die Hamburger philosophieren nicht viel über die Liebe, denn das ist ein Thema, das hierzulande auf wenig Sachverstand trifft. Die meisten Chemikalien, aus denen die himmlische Alchemie diesen irdischen Nektar braut, erreichen an Alster und Elbe nur selten die nötige Betriebstemperatur. Der Hamburger gilt nicht nur als kühl, er ist es auch, und nicht nur er, auch seine Welt, und das, was sie zusammenhält. Kühl ist die Sonne, selbst wenn sie mal von einem wolkenlosen Himmel scheint, denn sie sticht nie wie in südlichen Gefilden senkrecht in den Erdenbauch, sondern lässt ihre Strahlen lange Schläge durch die Stratosphäre segeln. Kühl ist der Wind, der zu zwei Dritteln von See weht und dessen Salz nicht nach vertrauter häuslicher Zweisamkeit und warmem Kuschelbettchen schmeckt, sondern nach Ferne und Fremde, und nach einem barschen „Entert die Wanten!“ in eisiger Nacht vor der Hoorn. Kühl sind die Sitten und Gebräuche, denn die Hamburger erhitzen sich so selten wie der Kabeljau, mit dem sie auch die Körperwärme teilen, und sie küssen so diskret wie die Eskimos, denen es in ihrer Vermummung genügt, die Nasen aneinander zu reiben. Kühl sind auch die jungen Hamburgerinnen, denn zu langen blonden Haaren passen Temperamentsausbrüche und Überschwang so wenig wie Flitterkram an eine Marmorstatue. Kühl sind die Kais, kühl sind die Spritzer selbst bei der lustigsten Bootsfahrt, kühl sind die schneefarbenen Möwen, und kühl sind die Hafenschwalben, die allesamt eine Registrierkasse im Kopf mit sich herumtragen. Kühl sind aber auch die jungen Herren mit der eingebauten Rechenmaschine, die auch dann bestens funktioniert, wenn ihr Besitzer in zarten Armen liegt – ja, oft gerade dann besonders gut! Kühl sind erst recht die Hamburger Eheleute, denen selbst angesichts ihrer Kinder nicht mehr einfallen will, welchem ungebührlichen Sinnenrausch jene ihr Dasein danken. Kühl sind die alten Damen, deren Jugendtraum unter den Pflichten der Geselligkeit konserviert ist wie der Torf unter den Gletschern der Eiszeit, nur dass der Traum nicht so gut heizt. Und kühl sind auch die alten Herren, deren geduldige und belastbare Gemüter sich lieber in biederer Seelenruhe an Kachelofen und Portwein wärmen, statt noch einmal das Abenteuer einer Verbindung zum schönen Geschlecht zu wagen. Der Hamburger ist weder Romeo noch Dandy und viel eher ein Menelaos denn ein Paris, aber auch die Mitternachtssonne kann Herzen ein Feuer setzen. Die nordische Liebe flammt nie lichterloh, aber oft genug so heimlich und unlöschbar wie ein Schwelbrand in einem Kohlebunker, den der Kapitän erst bemerkt, wenn das Schiff verloren ist.  

  Auch der stolze Viermaster unseres lieben Augustus ging unter der kühlen Sonne in Flammen auf, denn ihre Strahlen wurden von den Augen der kleinen Agnes wie in jenem Brennspiegel gebündelt, den Archimedes zum Untergang der römischen Flotte ersann. Kaum war der gute Neffe des bösen Konsuls nach dieser aufregenden Nacht wieder auf den Beinen, zog ihn die Liebe mit unwiderstehlicher Macht zu seinem Polenmädchen nach Finkenwerder. Mit äußerster Mühe schaffte er wenigstens noch einen kurzen Anstandsbesuch bei seinem Professor, der Stunde um Stunde im Siel saß und riesige Bogen Papier mit Zeichnungen vorgermanischer Symbole und Inschriften füllte. Der wackere Minkus wunderte sich nicht wenig darüber, dass das Interesse seines Eleven ausgerechnet im Augenblick des ersehnten Erfolges  abgeflaut war. Doch als Augustus ihm die Ereignisse der letzten Tage und Stunden schilderte, wurde dem alten Gelehrten rasch klar, dass sein Schützling Jüngeres im Auge hatte als diese viertausendjährigen Schriften, und er entließ den mit schlechten Gewissen Scheidenden in gnädiger Geduld. Wer einen Liebenden mit den edlen Zielen der Wissenschaft von der Sehnsucht seines Herzens fernhalten will, kann gerade so gut versuchen, einen Hund von der Wurst wegzulocken, indem er ihm ein Buch vor die Nase hält.

  Als ich von meinem ungeplanten Rendezvous ins Hotel zurückkam, war Leben in der Bude, ich traute meinen Augen kaum. Übelste Schlägervisagen glotzten mir schon am Eingang entgegen. „Hau ab“ sagte einer dieser wüsten Kerle, der mich zwar nicht kannte, aber mit geübtem Ganovenblick richtig einschätzte, „hier is’ nix zum Klauen, wir sind vom Fach.“

  „Hau selber ab, du Leisegänger“, erwiderte ich. „Da drin is’ mein Onkel, und der heißt Johnny, und is’ vom Kehrwieder,  und wenn du sonst was willst, kannst ja mal mit ihm schnacken.“

  Der Schrank wollte bramsen, aber ein Kollege sagte: „Lass mal, Franks. Ich kenn’ die Kleine, das ist wirklich Johnnys Nichte.“

  „Sag’s doch gleich“, knurrte Franks, hielt mir aber höflich die Tür auf. Ich ging hinein und sah die Anführer der größten Ausländerbanden von Hamburg, ich möchte sagen: die Elite des nichtdeutschen Teils unserer Unterwelt. Onkel Johnny saß so entspannt vor ihnen wie Jesus im Tempel vor den Pharisäern, ich war richtig stolz auf ihn. „Komm rein“, sagte er, als er mich sah, und zu meiner Erleichterung, denn ich wusste nicht, wie er reagieren würde, hörte ich ihn hinzufügen: „Meine Nichte Helena ist ja wohl bekannt.“

  Die anderen guckten mich nur an, und ich setzte mich meinem Onkel zur Rechten.

  Es ging, was keinen überraschen wird, um die große Schlacht auf dem Brook. Die Häuptlinge waren gekommen, um Onkel Johnny zum Feldherrn zu küren. Mein Onkel wollte aber nicht. Man konnte es ihm auch kaum verdenken. Während sie sich stritten, hörte er ganz niep zu, und ich schaute mir derweil die Chefs in aller Ruhe aus der Nähe an.

  „Hell and Devil!“ fluchte der Boß der „Orphans“, Big John, genannt der „Governor“. „You bloody sucker are just the right man for the job! Don’t hesitate no more!“ Ich gebe es nicht alles wörtlich wieder, Big John pflegte die Sprache der Londoner Gosse, trug aber den Frack und die weißen Knickerbocker des englischen Landadels, und über der stattlichen Wampe eine Weste in den Farben des Union Jack, wie der John Bull der Karikatur. Wahrlich ein würdiger Vertreter für, wie Strindberg so schön schreibt, „jenes sittsame Inselvolk, das Blut isst und Brot trinkt“. Sein Pass war auf einen John Carlisle ausgestellt, der aber schon seit langem mit Backsteinen in den Taschen auf dem Grund der Themse lag. Der Governor ging bereits auf die Fünfzig zu. Weil er es zwanzig Jahre zuvor als einer von ganz wenigen Ganoven geschafft hatte, aus dem berüchtigten Zuchthaus Newgate zu türmen, war ihm auch an der Elbe lebenslanges Prestige gewiss. Von Heimweh zerfressen, konnte er ein Exil, wenn überhaupt, seelisch nur in Hamburg verkraften, das ihm wie vielen Engländern eine kleine Schwester Londons war. Schon allein deshalb empfand er Jacks Pläne als höchst verwerflich, ja verbrecherisch, und nannte ihn ständig abwechselnd einen „Jackass“ und einen „Puke“. Seine Dankbarkeit gegenüber unserer schönen Stadt ging allerdings nicht so weit, dass er mehr als nur ein paar dürftige Brocken Deutsch gelernt hatte, das brauchte er ja auch nicht, an der Waterkant sprach schon immer fast jeder Einheimische Englisch, und die salzwassergetaufte Laufkundschaft sowieso.

  Big John kündigte an, zur Schlacht mit zweihundert „very strong boys“ anzurücken, er prahlte mit messerfesten „Jamaica-Niggern“ und anderen „Maneatern“ aus der Karibik, an deren Eisenschädel jeder Knüppel in Splitter gehe. Ich hatte den Oberboss der britischen Bande bis dahin nur ein paar Mal gesehen, denn er hielt sich fast nur in der Neustadt auf, wo er zur Tarnung gleich unter dem Michel einen kleinen Laden mit Schiffsausrüstung führte. In Wirklichkeit lebte er von Schmuggel, und zwar in ganz großem Stil, nicht so mit ein paar Booten in der Nacht, wenn’s finster ist, sondern mit bestochenen Zöllnern und gefälschten Schiffspapieren, außerdem von Erpressung und noch ein paar anderen ziemlich strafbaren Arten des Gelderwerbs. Er organisierte auch einen schwungvollen Mädchenhandel zwischen Hamburg und London. Die Mädchen wurden in den Slums eingefangen und mussten unter Drohungen gefälschte Schuldbekenntnisse unterschreiben, in denen sie sich selber kleiner Diebereien bezichtigten und erklärten, aus Angst vor ihren Eltern nicht nach Hause zurückkehren zu wollen. Dann wurden sie nach Hamburg verfrachtet. Den Hamburger Polizeibehörden reichten solche Erklärungen als Beweis für den freiwilligen Aufenthalt der armen Dinger völlig aus. Es ging sogar die Rede, in seinen Anfangsjahren habe sich der Governor in den Kaschemmen am Hafen Betrunkene für die Marine Ihrer Majestät von der Leine geschnitten. Er war ein vierschrötiger Cockney mit Muskeln wie ein Möbelpacker. Das Whiskygesicht unter den rotblonden Haaren glänzte wie eine Speckschwarte. Ganz früher, als er noch das traditionsreiche Geschäft der Piraterie auf hoher See betrieb, soff sein Messer Matrosenblut von Mindanao bis Maracaibo, und auch jetzt war er noch immer „in shape“, wie er mehrfach prahlte. Auf seine Pranken waren rechts Queen Victoria und links Prinz Albert tätowiert, denn trotz der Ungnade der Strafverfolgungsbehörden Ihrer Majestät fühlte er sich als Patriot, stationiert auf einem wichtigen Außenposten des Empire, und das war von der Wirklichkeit gar nicht so weit entfernt. Seine Truppe bestand ausschließlich aus ehemaligen Seeleuten, auch dieser Franks vor der Tür zählte dazu. Viele hatten wegen Meuterei gesessen, aber unter Big Johns Fuchtel wagten sie sich nicht zu mucksen, denn dann gab es keine Seegerichtsverhandlung, sondern nasse Füße bis zur Nasenspitze.

  „Damnit, you must!” bedrängte dieses Musterexemplar von einem Untertan der Queen meinen Onkel, „you must be our bloody commander!“

  „Du bist Soldat, Johnny, und das ist genau das, was wir jetzt brauchen“, sagte Willem der Dutch; der Anführer der Mijnheers, schnaufte in grimmiger Entschlossenheit durch die gebrochene Nase und klopfte nachdrücklich mit seiner schwarzen Illanum-Keule auf den Tisch. Seit seinem Kampf gegen Jack vor der Barrikade am Kannengießerort galt sein Wort noch mehr als zuvor. Die blonden Zotteln dieses holländischen Zweimeter-Trolls standen vom Schädel ab, wie sich die Locken des telamonischen Ajax gesträubt haben müssen, als er die Rüstung Achills an den verhassten Odysseus verlor.

  „Ja, ich war bei den Soldaten“, erwiderte Onkel Johnny gelassen, „aber ihr seid keine.“

  „Stort stabeu!“ knurrte der Anführer der „Arnauten“, unserer Balkanbande, in der sich aber Galgenvögel nicht nur bis zum Bosporus, sondern auch aus Richtung Russland sammelten, „der Teufel sei mit dir!“ Der Kerl hieß Taras, war vielleicht vierzig Jahre alt und einer von den Kerlen, die sich nicht nur im Suff zutrauen, die Hölle auszupinkeln, ein Hüne mit einer Brust wie eine Regentonne, Hakennase, Blatternarben, chronisch entzündeten Lidern und überlangen Armen, wie ein Gorilla. Sein Grinsen entblößte verfaulte Zähne im bläulichen Kiefer, und aus dem fleckigen Schädeldach wand sich ein langer schwarzer Zopf wie eine Natter aus einem Tümpel voller Entengrütze. Das linke seiner blutunterlaufenen Augen begann zu rinnen, wie immer, wenn er sich aufregte. Jetzt tränte es pausenlos. Man nannte ihn auch den „Schweinebaron“, dabei war er gar kein Ungar, sondern ein Huzule aus den Ostkarpaten, und sprach meistens Ukrainisch oder Russisch.

  Taras war wie seine beiden Brüder in Bremen und Berlin den armen Auswanderern hinterhergezogen, die ihre Heimat ja unter anderem gerade verlassen hatten, weil sie solchen Kerlen entgehen wollten. Kaum im Westen angekommen, sahen die Unglücklichen am Bahnhof schon wieder die alten Peiniger stehen, gegen die ihnen keine Polizei beistand. Seine Leute, allesamt Räuber, Totschläger, Erpresser und sonstige Schubiacken, strömten aus allen Schlangennestern zwischen Krakau, Krim und Kaukasus zu den „Bratwurstfressern“ ins reiche „Doitsch“ und führten dabei sehr zum Verdruss ihrer Chefs ihre historischen Scheußlichkeiten fort: Die Türken machten die Griechen nieder, die Griechen die Mazedonier, die Mazedonier die Albaner, die Albaner die Bosniaken, die Bosniaken die Kroaten, die Kroaten die Serben, die Serben die Bulgaren, für uns ein fürchterliches Durcheinander, für die Beteiligten aber eine völlig klare Sache nach der einzig verbindlichen Regel, dass immer die einander am tödlichsten hassen mussten, die einander am nächsten verwandt waren. Die Bulgaren metzelten die Rumänen, die Rumänen die Moldawier, die Moldawier die Ukrainer, die Ukrainer die Russen, die Russen die Polen, die Polen die Slowaken und die Slowaken die Tschechen. Die Ungarn aber stachen einfach alles ab, da sie als einzige keine slawischen Brüder besaßen.

  Viele Arnauten hatten keine Daumen mehr, sie waren ihnen als Kindern auf den Diebesschulen in Bukarest, Nisch oder Novisad abgehackt worden, weil man mit nur vier Fingern besser in fremde Taschen fahren kann. Bin bloß froh, dass meine Wiege nicht irgendwo in der Walachei oder Subotica stand. Die Daumenlosen waren aber trotzdem gefürchtete Kämpfer, da sie, wenn sie schon kein Messer halten konnten, Lederhandschuhe über die Klauen zogen, auf die sie Rasierklingen nähten. Auch Taras versprach zweihundert „Krieger“, wie er sich ausdrückte, die Hälfte davon aus Berlin. Das mochte ja ein schönes Gesindel sein, dachte ich bei mir, vielen Dank!

  Die slawischen Stradekehrer garteten damals vor allem in Oberdeutschland, wie es damals noch hieß, und zwar zog es sie in diese beschaulichen Gegenden, weil dort die Polizei noch in der Kleinstaaterei steckte, während Niederdeutschland bereits unter den Adlerfittichen der preußischen Rechtsordnung ruhte, was bedeutete, dass sich in den Norden nur die härteren Ganoven wagten. Und als die Härtesten galten die Arnauten, richtige Schnapphähne; sie hausten im Sachsenwald und schlichen nachts wie die Füchse in die Stadt. Sie plünderten als „Polengänger“ die Gutgläubigen aus, wobei die Gauner zu zweit auftraten, der eine als schwerreicher polnischer Adelsmann oder General, der andere als dessen Equipage, in den teuren Hotels die gelangweilten Gäste beim Spiel mit gezinkten Karten oder geschliffenen Würfeln tüchtig abkassierten und dann auch noch die Zeche prellten.    

  Die Juden und die Zigeuner kamen ebenfalls fast alle aus dem Osten, hatten aber ihre eigenen Banden, da sie sich mit den Russen, Ukrainern oder Polen noch viel weniger vertrugen als die Ungarn. Der Anführer der „Galizier“, wie sich die jüdischen Ganoven nannten, hieß Yakub Rabinowitsch und wurde prompt „Rabbi“ genannt, glich aber mit seinen verfilzten schwarzen Haaren, der breitgeklopften Nase und dem wilden Rauschebart eher dem Barabbas der Bibel, und hatte wohl auch ein ähnliches Vorstrafenregister, denn er war ein echter Buschklepper, ein Wegelagerer und Viehdieb von hohen Gnaden und Graden. Tagsüber zogen er und seine Leute als Hausierer durch die Dörfer im Holsteinischen und Hannoverschen, nachts holten sie den schlafenden Bauern die Kühe aus dem Stall, ohne dass auch nur eine einzige Muh machte, keiner wusste, wie sie das anstellten.

  Das Christenprellen machte diesen Dorfkuffern immer dann am meisten Spaß, wenn die Christen keine waren. Im Lauenburgischen stahl der Rabbi einmal im gleichen Dorf einem Bauern die Kuh und dem Müller das Pferd, verkaufte die Kuh anschließend billig dem Müller, das Pferd dem Bauern und verriet diesem dann, wo er seine Kuh wiederfinden könne. Das gab ein schönes Tohuwabohu. Die wichtigsten Unterführer des Rabbi hießen Moses Acker, das war der, der mich draußen erkannt hatte, und Aaron der Levit, oder besser, so nannten sie sich, fast alle Ebräer nahmen neue Namen an, wenn sie nach Doitsch gingen, und führten so jene uralte Tradition fort, die aus frömmeren Gründen Abram zu Abraham, Sarai zu Sarah, Jakob zu Israel und Simon zu Petrus machte.

  In Hamburg baldowerten die Galizier als Leierkastenmänner und Scherenschleifer die Brüche aus. Die jüngeren waren geschickte Verführer und bandelten als „Erefgänger“ schon mal mit einem Hausmädchen an, das sich in einer warmen Nacht schlaf- und ahnungslos am Fenster poussieren ließ, während ein Kumpan zwei Fenster weiter die Scheibe herausschnitt. Die Frauen der Galizier ließen sich öfter taufen, machten sich in der Kirche an abergläubische Witwen heran und gaukelten ihnen vor, sie könnten sehen, ob sich die verstorben Ehemänner im Himmel oder in der Hölle befänden – die einen zahlten mehr, wenn sie die teuren Verblichenen beim lieben Gott, die anderen, wenn sie diese beim Teufel wussten.

  Viele Galizier sprachen die Gaunersprache der alten Zeit, das Rotwelsch. Der Dirnenwirt war für sie der „Sonnenboss“, die Nonne die „Guglfränzin“ und der Henker der „Zwicker“. Besonders geschickt waren sie im Linkwechseln und auch im Fleppenmelochnen, also im Passfälschen. Rechtlos und vogelfrei, trug jeder von ihnen ein Messer in der Tasche, mit dem er sich notfalls tüchtig zu wehren wusste. In den langen Bärten versteckten die Ebräer feine Uhrfedersägen, mit denen sie jedes Gitter durchfeilten, solche, durch die sie einsteigen wollten, und ebenso die anderen, hinter denen die Freiheit liegt. Diese feinen Sägeblätter waren so raffiniert befestigt, dass sie sogar durch die Polizeikämme glitten und nur dann herausfielen, wenn erfahrene Beamte die Protestierenden gegen den Strich bürsteten.

  Die Hamburger Zigeuner nannten sich die „Pharaos“, stammten aber nicht aus Ägypten, sondern aus Ungarn, Transsilvanien und der Walachei und lebten von allen möglichen Diebereien und Betrügereien. Ihr Hauptmann war der „Radscha“. Mit einem riesigen Smaragd im Turban auf seiner schwarzen Haarkrause, riesigen silbernen Ohrringen, einem Mund voller Goldzähne graste er die Volksfeste ab und verhieß den lustigen Leuten Glück, Gesundheit und ein langes Leben, mal aus der Weimarischen Bibel mit den sieben Büchern Moses, mal aus Kerzenwachs, Kaffeesatz oder Handlinien. Er war ein leicht verfetteter, mohrenmäßig dunkler Herr Mitte vierzig, dem die Lider immer ein bisschen schläfrig herabhingen - aber mit dem Messer ein Virtuose. Seine Leute erzählten, ihre Vorfahren hätten in Indien die Pferde der Radschputen trainiert oder sogar selber in der Kavallerie gekämpft. Mit Messern und anderen Waffen kannten sich die Nomaden aus. Meistens ging es aber unblutig und auch unauffälliger zu, etwa wenn schon die kleinen Sinte von kaum fünf oder sechs Jährchen ihre Stippruten in die Opferstöcke steckten, jene dünngeschabte Stange Fischbein mit dem Leim, an dem jede Münze kleben bleibt.

  Als Quacksalber, Leichdornschneider und Terriakskrämer drehten die Pharaos den Bauern noch immer die Erzeugnisse der mittelalterlichen Drecksapotheke an, etwa Skorpionöl, Schwefelbalsam oder Katzenfett. Besonders gern verkauften sie angeblich wunderkräftige Erd- oder geheimnisvolle Geldmännchen, meistens große Käfer. Die Ganoven klebten ihnen rotes Tuch mit Schaumgold an  und zeigten sie in phantastisch bemalten Schachteln, wobei sie natürlich immer nur einen winzigen Spalt öffneten. Als Schatzfinder schwindelten die Zigeuner ihren Opfern etwas von Gold im Acker vor, ließen sie fleißig buddeln und räumten den Gefoppten unterdessen die Schränke aus.

  Durch Hamburgs Straßen zogen diese gefinkelten Medinegeier als Hausierer, Tabulettkrämer, Affenführer oder Beschwörer, denn die freie Stadtluft lockte damals jedes Jahr Zehntausende aus den Dörfern Mecklenburgs oder Pommerns, die sich auch nicht klüger anstellten als ihre Vettern vom Land. Und als echte Kirchweih- und Jahrmarktshyänen waren die Pharaos auch erstklassige Deckeler, mit ihren flinken Fingerhüten, und begabte Beutelzieher. Auf ihre Töchter passten sie übrigens viel besser auf als die deutschen Ganoven. Ich kann mich nicht entsinnen, dass je eins von diesen schönen braunen Mädchen aus der Schranke ging; von den jüdischen übrigens auch nicht, Rahabstöchter hin oder her.

  Die Chinesen waren nicht gekommen, was mich nicht weiter wunderte, denn die kochen immer nur den eigenen Reisbrei. Und die Portugiesen fehlten ebenfalls.

   Das also waren nun die Leute, die von Johnny erwarteten, dass er sie in die Schlacht gegen Jack und die deutschen Banden führte. Schöne Bundesgenossen, dachte ich bei mir, eigentlich müsste man sie alle miteinander einsperren und den Schlüssel in die Elbe werfen, aber so viele Zellen gab es in Hamburg ja gar nicht. Allerdings – die Helden Homers waren bei Licht besehen, etwa im Licht des modernen Strafrechts, gleichfalls eine Bande von Räubern, Mördern, Totschlägern, Brandstiftern und sonstigen Schwerverbrechern, die an den Küsten im weiten Umkreis übel hausten, Städte und Dörfer ausplünderten, waffenlose Männer massakrierten und die armen Mädchen in ihre Zelte schleppten. Der große Achill schnappte sich, wenn ich nicht irre, sogar eine Pfarrerstochter und hätte, als sein Chef ihm das arme Ding wegnahm, vor lauter Wut fast den ganzen Feldzug in den Sand von Troja gesetzt.

  „Sind meine Vorväter schon mit die Römer nach Doitsch kommen“, sagte der „Rabbi“ nun in gerechter Empörung, „haben sie sich aufgemacht wie Abraham, in neies Land zu ziehen, das hier ist, unser Gelobtes Land, aber damals war hier nichts wie nur Simpfe, in denen die Freschlein quokten! Haben wir nicht gebracht Handel? Haben wir nicht gezeigt Christen, wie man macht gute Geschäfte? Jetzt will man uns davonjagen wie Hunde! Das dulden wir nicht.“

  „Auch wir haben alte Recht“, sagte der Zigeunerhauptmann wütend, „sehr alte Recht! Schreibt euer Zeitung nicht heite, Hafen hat Privileg von Kaiser Barbarossa vor siebenhundert Jahr. Wir aber haben Brief von Kaiser Karl, ist alt mehr wie tausend Jahr, an großen Kalif Harun al-Raschid, dass er will uns schützen in ganze Doitsch. Nein, wir gähen nicht.“

  „Haben wir Kreizziege ieberlebt, auch bese Priester Gottschalk, blutsaufende Eremit Peter und schieche Graf Leiningen!“ schimpfte der falsche Rabbi, „auch Lutherleite, Mieller, Wagenseil, Eisenmenger, habe uns gehasst, waren aber Ehrenmänner in Vergleich gegen fluchwierdige Notar! Sind wir nirgends willkommen als nur in die Gräber unsrer Väter?“

   Die Diskussion drehte sich bald im Kreis. Willem der Dutch und Big John sagten, die ausländischen Banden könnten mehr als fünfhundert Männer zusammentrommeln, und noch einmal so viele aus Berlin, Amsterdam und London holen. Sie bräuchten aber einen Anführer, dem alle folgen würden, und das könne nur Onkel Johnny sein. „Johnny Kehrwieder, das ist magische Name“, erklärte der Radscha und rollte zwecks Unterstreichung die Augen. Ohne einen General, dem alle vertrauten, würde kein Zigeuner für einen Juden und kein Jude für einen Goj den Kopf hinhalten, auch kein Ukrainer für einen Russen, wie der Schweinebaron zugab, während ihm die Tränen der Aufregung über die Blatternarben rannen, und nicht einmal ein Ire oder Schotte für einen Engländer, sondern dann würde jeder nur für sich kämpfen, und dann seien sie leicht zu besiegen.

  Onkel Johnny hörte sich das alles geduldig an, ließ sich aber zu nichts überreden, sondern warnte die Bandenchefs, die Polizei werde nicht lange fackeln, wahrscheinlich komme sogar wieder das Militär, und dann werde es viele Tote geben. Ob sie das etwa wollten?

  Ja! Sie wollten es, da war nichts zu machen. „Wir sind bereit zu sterben“, heulte der Huzule feierlich. „Sag das Jack! Der  Bettnässer soll sehen, dass wir Männer sind!“

  „Sag ihm das selber“, erwiderte Onkel Johnny kühl.  „Bin ich vielleicht euer Kindermädchen? Seht selber zu, wie ihr mit ihm klar kommt.“

  „Und du? Willst zugucken?“ weinte Taras zornig. „Hast große Angst! Wirst sehen, wie ich deinen Jack zerreiße! Du Jammerkasten! Die Pest an deinen dreckigen Hals!“

  „Ich hab’ bloß vor einem Angst, und das ist, dass der ganze Brook in die Luft fliegt“, sagte mein Onkel. „Ich hab’s euch doch gesagt, was dahintersteckt! Wenn’s um das ganz große Geld geht, spielen wir alle, wie wir hier sitzen, keine Rolle mehr. Die werden uns einfach alle totschießen. So sieht’s aus! Da kommen keine Constabler mit ein paar Flinten, da kommt die preußische Armee, ihr Hornochsen! Wollt ihr mit Knüppeln auf Gewehre losgehen? Da kommen Truppen, versteht ihr? Erstklassige Truppen, die haben vor zehn Jahren ganz fürchterlich die Froschfresser verspeist, und zwar ohne Messer und Gabel, glaubt ihr, die halten sich hier lange mit ein paar Hausierern oder Hühnerdieben auf?“

  „Das ist noch gar nicht raus, dass die verdammten Muschkoten sich wieder einmischen“, murrte Willem der Dutch, dem die so Beschimpften erst vor vier Tagen den Hintern gerettet hatten. „Ich glaube eher, dass Jack was dreht, mit seinem Freund, dem Konsul, dieser stinkenden Hyäne! Da läuft ’ne Karte durch, und zwar bis zum Senat, da wett’ ich drauf! Wenn wir uns auf die Blauen verlassen, stehen wir plötzlich da und haben nur den Piephahn in der Hand.“

  „Mach nur niemandem die Ohren rot!“ ermahnte ihn mein Onkel mit einem Blick auf mich, und ich tat brav, als hätte ich das schlimme Wort nicht gehört.

  „We must save our asses“, brummte Big John unzufrieden. “We ourselves! Come on, Johnny! You know there is no other way to deal with them bloody bugs!”

  Mein Onkel schüttelte entschieden den Kopf.

  „Bloody bastard!“ schimpfte Big John. “Son-of-a-bitch!”

  “Wir kommen auch ohne dich zurecht, du Aasstück!“ flennte Taras mit drohendem Unterton. „Lausewanst!“

  „Dann ist’s ja gut“, sagte mein Onkel mit betontem Gleichmut.

  Der Huzule wurde immer wütender. „Du wirst bald sehen, wie es ist, wenn man keine Freunde hat, du Hundsfott!“ knirschte er unter thrasonischen Tränen. „Vielleicht rufst du dann nach uns wie ein Kruke nach der Mutter! Ida na tick!“ Das lässt sich auch nicht gut übersetzen, hat was mit Stuhlgang zu tun.

  „So ganz ohne Freund bin ich ja gar nicht“, sagte Onkel Johnny, und wie von Zauberhand lag plötzlich ein Messer vor ihm auf den Tisch.

  Die anderen glotzten ihn an.

  Mein Onkel nahm das Messer, drehte es nach links und nach rechts, nach oben und unten, bis alle es von allen Seiten gesehen hatten, und steckte es wieder ein.

  Big John stand so abrupt auf, dass sein Stuhl polternd umfiel. Er rannte fast hinaus, und die anderen hinter ihm, unter lautem Schimpfen und Fluchen.

  So endete der erste Kongress unserer internationalen Verbrecherliga in Gründung, wenn ich das mal so bezeichnen darf, und ich kann nicht behaupten, dass mir dieser Ausgang besonders missfiel.

 

 

 

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