„Festtag der Völlerei, geweiht der Trunksucht“

Donnerstag, 22. November 2012

Das Wort zum Freitag

Heute feiert die katholische Christenheit die Gedenktage des hl. Kolumban und des hl.Klemens I. Beide sind heute in der Öffentlichkeit so gut wie vergessen. Kolumban (um 543-615) stammt aus Mittelirland. Nach der Legende träumt seine Mutter, sie werde eine Sonne zur Welt bringen. Den Sohn nennt sie Columcille („Einsiedler an der Zelle“). Mit 17 Jahren tritt er ins Kloster Bangor bei Belfast ein, sein Name wird zu Columban („der Taubenartige“) latinisiert. 30 Jahre lang arbeitet er als Lehrer. 591 bricht er mit zwölf Gefährten ins spätheidnische Europa auf. Der Kontinent ist das Ziel eines „Abenteuers um Christi willen“, zu dem damals viele irische Mönche aufbrechen. Überall erregen sie großes Staunen: Sie reisen in Booten aus Weidengeflecht und Tierfellen, ihre Bücher tragen sie in einem Ledersack um den Hals, ihr Haar ist am Vorderkopf halbmondförmig geschnitten, am Hinterkopf fällt es in langen Strähnen auf die Schultern. In „Das große Buch der Heiligen“ schreiben Erna und Hans Melchers: „Es waren redegwaltige Männer, in denen der Geist glühte. Sie scheuten nicht vor dunklen Orten und tiefen Wäldern zurück, die als Bereiche der alten Götter galten. Sie predigten Buße wie Johannes der Täufer und waren unbeugsam, wenn es um das Heil der Seele ging.“

Kolumban kommt an den Hof von Burgund, gründet drei Klöster und wagt es, „offenes Missfallen an dem lasterhaften Leben“ zu äußern, ja sogar „der ausschweifenden Königin Brunhilde mutig entgegenzutreten. Als er König Theuderich II. eine Ehe ohne Trauschein vorzuhalten - damals heißt so etwas „Konkubinat“ -, muss er das Land verlassen. Die Kritik ist lebensgefährlich, denn der Herrscher ist ein echter Merowinger: Zwei Jahre später wird er seinen Bruder König Theudebert II. und dessen Söhne umbringen. Kolumban zieht an den Bodensee und später weiter nach Oberitalien. Nach der Legende lebt er eine Zeitlang in einer Bärenhöhle. Fromme rufen ihn bei Geisteskrankheiten und Überschwemmungen an. Die Legende erzählt, es habe einmal den heidnischen Alemannen ein Wotansfest verdorben, indem er in einen „großen, mit Reisen gebundenen Bottich“ hineinblies, der prompt zerbarst: „Eine ungestüme Kraft brach mit dem Getränk des Bieres aus ihm heraus, die deutlich zeigte, dass der Teufel darin enthalten war, um durch das Getränk in die Seelen der Heiden zu gelangen und sie sich dienstbar zu machen.“ Den Kampf gegen Wotan hat die Kirche gewonnen, der Sieg über den Alkohol steht noch aus.

Papst Klemens I. regiert 92-101 als dritter Nachfolger Petri. Nach dem Kirchenschriftsteller Tertullian hat ihn der Apostel einst selbst ordiniert. „Klemens“ bedeutet „der Milde, Gütige“, und so lebt der gelehrte Römer auch. Sein Hirtenschreiben an die zerstrittene Christengemeinde von Korinth ist erhalten und gilt als frühestens Dokument für die Vorrangstellung des römischen Bischofs als Papst. Er stirbt wohl als Märtyrer in einer der vielen Christenverfolgungen jener Zeit. Die Legende schmückt seinen Tod einfallsreich aus: Der Heilige bekehrt mit vielen römischen Adeligen auch eine Schwester der Kaiserin. Ihr Ehemann verfolgt sie heimlich in einen Gottesdienst und wird zur Strafe mit Blindheit geschlagen. Da tritt Klemens zu ihm, betet und öffnet ihm wieder die Augen. Als sich daraufhin viele Heiden bekehren lassen, verbannt Kaiser Trajan den Papst auf die Halbinsel Chersones, das heutige Sewastopol auf der Krim. Dort arbeiten schon 2000 Christen als Sklaven in Steinbrüchen und Erzminen. Der schon betagte Papst lindert den Durst der Mitgefangenen, in dem er durch eine Wundererscheinung eine Quelle entdeckt. Daraufhin lässt Trajan ihn auf das Meer hinausfahren und mit einem Anker um den Hals ins Wasser werfen. Er will verhindern, dass die Christen Reliquien des Toten verehren, doch das Meer weicht plötzlich zurück und gibt eine Kapelle frei, in der sich ein Steinsarg mit dem Leichnam des Papstes findet. Heute ruhen die Gebeine in der Kirche S.Clemente in Rom.  

*

Der Zeitgeist setzt besonders der katholischen Kirche heftig zu, sich endlich in seinem Sinne zu modernisieren, was nichts anderes bedeuten soll, als sich den Ansprüchen zu öffnen, die der moderne Mensch und die Welt an das Leben stellen. Doch stand Jesus stand nie im Einklang mit der Welt, sondern stets im schroffen Widerspruch zu ihr.

*

Brahms' 4.Sinfonie e-Moll stellt drängend die Frage des Stirb und Werde. Die Gnade dieser Musik liegt auch darin, dass der Raum, den sie den Gedanken bietet, keine Grenze hat. Und sie bereitet auch einen Boden für ästhetische Gegensätze wie Liebe und Verzweiflung. Insofern ähnelt sie einem Gebet.

*

In Fontanes „Vor dem Sturm" sagt der Konrektor Othegraven: "Wir sind alle in Sünde geboren, und was uns hält, ist nicht die eigene Kraft, sondern eine Kraft außer uns, rund heraus die Barmherzigkeit Gottes. Sie kennen unsere schöne Schildhornsage? Nun, wie mit dem Wendenfürsten Jaczko, so ist es mit uns allen: wir sinken unter der schweren Rüstung unseres eiteln Ichs, unseres selbstischen Trotzes, wenn uns der Finger Gottes nicht nach oben zieht. Aber was entscheidet, ist doch immer die Gnade Gottes. Und diese Gnade Gottes, sie geht ihren eigenen Weg. Es bindet sie keine Regel, sie ist sich selber Gesetz. Sie baut wie die Schwalben an allerlei Häusern, an guten und an schlechten, und wenn sie an schlechten Häusern baut, so sind es keine schlechten Häuser mehr." 

*

Die Kirchen beanstanden, dass etwa in den neuen Bundesländern die ersten Weihnachtsmärkte bereits drei Tage vor dem Totensonntag aufgemacht wurden. Die ersten Spekulatius-Paletten rollten schon Ende Oktober in die Supermärkte. Ernst Günter Tange zitiert schon 1998 in „Der boshafte Zitatenschatz“ Zutreffendes aus anonymer Quelle: „Weihnachten – ein bewährtes Mittel zur Umsatzsteigerung im Einzelhandel“, „Weihnachten – eine Zeit der Stille und Besinnung, bis jemand auf die Idee kam, dass Geschenke sein müssen“ und „Weihnachtseinkäufe – ein hervorragendes Training für den Winterschlussverkauf“. Alberto Sordi witzelte: „Weihnachtszeit ist die Zeit, in der man für andere kauft, was man sich selbst nicht leisten kann.“ Kurt Marti stellt fest: „Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht.“ Ambrose Bierce formulierte etwas schärfer: „Weihnachten = Festtag der Völlerei, geweiht der Trunksucht, den klebrigen Gefühle, der Entgegennahme von Geschenken, öffentlicher Langeweile und dem häuslichen Frieden.“

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt