„Wenn ihr erwachsen seid, dann sind wir tot“

Montag, 26. November 2012

Aus den „Wahlverwandtschaften": "Ich merke wohl, im Ehestand muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man was voneinander." - "Es ist schlimm genug, dass man jetzt nichts mehr für sein ganzes Leben lernen kann. Unsere Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfingen; wir aber müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen." - "Ich glaube, der Mensch träumt nur, damit er nicht aufhöre zu sehen. Es könnte wohl sein, dass das innere Licht einmal aus uns herausträte, so dass wir keines andern mehr bedürften." - "Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lächerlich finden." - "Man sagt: er stirbt bald, wenn einer etwas gegen seine Art und Weise tut." Hebbel: „Jede Nation findet einen Genius, der in ihrem Kostüm die ganze Menschheit repräsentiert, die deutsche Goethen.“

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Zu den wichtigsten Erfahrungen führt oft der Irrweg.

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"Fidelio" als Aufzeichnung aus der Staatsoper Stuttgart. Das hohe Lied der Gattentreue gewandelt durch modernistische Regie: aus dem spanischen Staatsgefängnis ist eine psychiatrische Anstalt geworden, aus Florestan ein Autist, und gegen Musik und Libretto sterben Florestan und Pizarro, was grotesk wirkt, wenn der Chor anschließend jubelt: "Oh Gott, wie groß ist dein Erbarmen!" Der Dirigent vermutet, Beethoven habe zuletzt nicht mehr geglaubt, sondern sich zum Glauben zwingen müssen. Das wäre nicht das Schlimmste, denn wo der Glaube sich nicht von selbst einstellt, macht es durchaus Sinn, ihn auch mit der Kraft des Willens zu suchen, der bekanntlich Berge versetzt.

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Erich Kästner, „Die Großeltern haben Besuch“:

Für seine Kinder hat man keine Zeit.

(Man darf erst sitzen, wenn man nicht mehr gehen kann.)

Erst bei den Enkeln ist man dann soweit,

dass man die Kinder ungefähr verstehen kann.

Spielt hübsch mit Sand, und backt euch Sandgebäck!

Ihr seid so fern und trotzdem in der Nähe,

als ob man, über einen Abgrund weg,

in einen fremden bunten Garten sähe.

Spielt brav mit Sand und baut euch Illusionen!

Ihr und wir Alten wissen ja Bescheid:

Man darf sie bauen, aber nicht drin wohnen.

Ach, bleibt so klug, wenn ihr erwachsen seid.

Wir möchten euch auch später noch beschützen.

Denn da ist vieles, was euch dann bedroht.

Doch unser Wunsch wird uns und euch nichts nützen:

Wenn ihr erwachsen seid, dann sind wir tot.“

Gedichtet 1932. Unübertroffen.

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Hesse, „Klein und Wagner“: „Schicksal, das wusste er jetzt, kam nicht von irgendwo her, es wuchs im eigenen Innern.“

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