Der Kardinal, der sein Käppchen vergaß

Donnerstag, 7. März 2013

Das Wort zum Freitag

Die einen nennen ihn den „Bettler von Granada“, die anderen „Johannes von Gott“: Zwischen Armuts- und Adelstitel lebt Johannes Ciudad eine abenteuerliche Biographie. Morgen feiert die katholische Kirche sein Gedenken. Am 8.März 1495 als Sohn kleiner Leute bei Lissabon geboren, läuft er den braven Eltern schon als Siebenjähriger davon und wird Hirte bei einem Gutsbesitzer in Spanien. Noch nicht erwachsen, lässt er sich als Soldat anwerben, fängt das Trinken an und liebt das Würfelspiel. Nach Kriegszügen in Frankreich und gegen die Türken bekehrt ihn ein Sturz vom Pferd: Lebensgefährlich verletzt, erkennt er seinen falschen Weg. Kaum genesen, kehrt er heim und erfährt, dass seine Mutter aus Gram über sein Verschwinden gestorben ist. Der verzweifelte Vater hat in einem Kloster Zuflucht gefunden. Schwere Gewissensqualen bringen Johannes zu dem Entschluss, nach Afrika zu Reisen und dort zur Buße christlichen Sklaven in muslimischer Gefangenschaft bei ihrer schweren Arbeit beizustehen. Auf der Überfahrt trifft er einen portugiesischen Edelmann, der mit einer Familie ins Exil fliehen will. Er meldet sich zu schwerer Fronarbeit im Festungsbau und teilt den Lohn mit dem verarmten Mann. Wieder in Spanien, eröffnet Johannes einen Devotionalienhandel mit Heiligenbildern. Das Geschäft läuft gut, doch dann hört Johannes eine Predigt des berühmten Johannes von Avila. „Die Reue über sein sündiges Leben kam so ungestüm über ihn, daß er sich wie ein Besessener aufführte“, schreiben Erna und Hans Melchers in ihrem Standardwerk „Das Große Buch der Heiligen“. „Von heftigen Krämpfen geschüttelt, zerstörte er mutwillig sein mühsam aufgebautes Geschäft, bis den Rasenden schließlich beherzte Männer in die Irrenanstalt bringen.“ Dort versucht das Personal, Johannes den vermeintlichen Wahn mit Schlägen und Fußtritten auszutreiben: Sie glauben, er sei vom Teufel besessen. Johannes von Avila eilt herbei, den Verwirrten zu befreien, und gibt ihm durch die Aussicht auf Lebensbeichte und Absolution den inneren Frieden. Der Befreite ändert sein Leben völlig: Sein einziges Ziel wird, leidenden Mitmenschen zu helfen. 1540 gründet er ein Krankenhaus mit 42 Betten. Tagsüber arbeitet, abends bettelt er für die Kranken. Bald helfen ihm andere mitleidige Menschen. Aus ihnen wird der Orden der Barmherzigen Brüder. Johannes kümmert sich besonders um Geistesgestörte und auch um  Obdachlose. Der Bischof von Tuy gibt ihm den Beinamen „von Gott“. Als Johannes aus einem reißen Fluß Treibholz bergen will, um es für die Armen zu verkaufen, sieht er einen Jungen untergehen. Er springt hinein und rettet ihn, wird aber krank und stirbt am 8. März 1550 an einem schweren Fieber. Nach der Legende hat ihm Jesus selbst in Granada den Tod vorhergesagt.  

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Gott trägt keine Uhr.

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Vor zehn Jahren, am 9. März 2003, spricht der frühere Chefredakteur der Bild-Zeitung Udo Röbel am Ambo der Hamburger Kirche St. Antonius über „Kirche und Medien“. Die letzten Sätze des Journalisten, der heute ein erfolgreicher Romanautor ist: "In einer Zeit, in der mir an jeder Ecke, aus jedem Fernsehapparat jeden Tag eine neue Antwort ins Ohr gebrüllt wird, was ich aus meinem Leben doch machen könnte, sollte, ja müsste; in einer Zeit, in der mir jeder alles verspricht, wenn ich nur ihm hinterher renne - in solch einer Zeit gewinnt plötzlich der an Glaubwürdigkeit, der nicht laut ist, aber standhaft. Der morgen auch noch das sagt, was er heute gesagt hat. Und - was mir das Allerwichtigste scheint - der irgendwann auf meine vielen Fragen ganz ehrlich sagt: Du, darauf habe ich keine Antwort mehr. Du, hier weiß auch ich nicht mehr weiter. Da bin ich mit meinem Latein am Ende. Ab hier musst du einfach glauben."

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Edward Elgar, Sospiri op.70: Göttliche Sanftheit nach Leiden, Trost in den Armen einer liebevollen Vorsehung, Erlösung aus Schuld und Schmach, die freundliche, respektvolle Zuwendung der Engel - der Mensch, herausgehoben aus der Niedrigkeit des Irdischen, erlebt staunend die Größe des eigenen Geistes, erfährt die Göttlichkeit seiner Seele, von der er bisher nichts ahnte. In jedem Menschen wartet ein Schmetterling auf seine Freiheit.

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Aus der Predigt in einer kleinen Hamburger Kirche: „Ein Kardinal wollte eine Messe feiern. Kurz bevor er in die Kirche ging, fiel einem Messdiener auf, daß er sein Kardinalskäppchen vergessen hatte. Der Kardinal kehrte in die Sakristei zurück. Dort vergaß er völlig, daß er eine Messe feiern wollte und sollte, zog sich seinen Straßenanzug wieder an und ging nach Hause. Der Kardinal war Josef Ratzinger.“ Ganz der zerstreute Professor! Jetzt hat er endlich seine Ruhe, aber Ruhe geben wird er hoffentlich trotzdem nicht.   

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Johann Heinrich Jung-Stilling:

  "Wort ist nicht Dank. - Nein! Edle Taten,

  wie Christus mir das Beispiel gibt,

  vermischt mit Kreuz, mit Tränensaaten,

  sind Weihrauch, den die Gottheit liebt."

Johann Heinrich Jung; genannt Jung-Stilling (1740-1817), Sohn eines Dorfschneiders im Siegerland, war Augenarzt, Wirtschaftswissenschaftler, führender Autor der Erweckungsbewegung und einer der meistgelesenen religiösen Schriftsteller überhaupt. Das Nachwort meiner Ausgabe zitiert indes den alten Zweifler Goethe: "Zwar überließ ich gern einem jeden, wie er sich das Rätsel seiner Tage zurechtlegen und ausbilden wolle; aber die Art, auf einem abenteuerlichen Lebensgange alles, was uns vernünftigerweise Gutes begegnet, einer unmittelbaren göttlichen Einwirkung zuzuschreiben, schien jedoch zu anmaßlich, und die Vorstellungsart, daß alles, was aus unserm Leichtsinn und Dünkel, übereilt oder vernachlässigt, schlimme, schwer zu ertragende Folgen hat, gleichfalls für eine göttliche Pädagogik zu halten, wollte mir auch nicht in den Sinn."

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Ihre grausigsten Visionen zeigen ihr Fegefeuer und Hölle, ihre schönsten die drei Himmel: Die hl. Franziska von Rom kennt und beschreibt den Sternenhimmel, den Kristallhimmel und den Feuerhimmel. Ihr Leben fällt in eine düstere Zeit der Kirche: Im 14. Jahrhundert ist das Papsttum in solche Abhängigkeit von den französischen Königen geraten, dass die Stellvertreter Christ 70 Jahre lang fern von Rom in Avignon residieren. Franziska de Bussi wird im Jahr 1384 geboren. Sie will ins Kloster gehen, entschließt sich dann aber doch zur Heirat mit dem Adeligen Lorenzo Ponziani und wird ihrem Ehemann eine liebevolle Stütze, ihren Kindern eine aufopferungsvolle Mutter. „Im Dachgeschoß hatte sie sich eine kleine Betstube eingerichtet, wo sie jede freie Minute verbrachte“, schreiben Erna und Hans Melchers in ihrem „Großen Buch der Heiligen“. „Ihr Haushalt und ihre Kinder ließen sie immer noch genügend Zeit finden, ungezählte Gänge der Barmherzigkeit zu tun.“ Sie beschenkt die Armen, pflegt Pestkranke, hilft, wo sie kann. Ihr Ehemann wird in die römischen Parteikämpfe jener Zeit verwickelt und muss schwer verwundet fliehen. Seine Feinde plündern sein Haus, beschlagnahmen sein Vermögen und entführen den ältesten Sohn als Geisel nach Neapel. Franziska lädt Frauen und Mädchen der gehobenen Stände in ihren leeren Palast und widmet sich mit ihnen dem Dienst am Nächsten. Nach Rückkehr ihres Mannes und ihres Sohnes Jahre später gelingt es ihr, die Verbitterten zur Versöhnung mit ihren Feinden zu überreden. Lorenzo siecht dahin und stirbt in den Armen seiner tapferen Frau. Nach seinem Tod fühlt sie sich frei, ins Kloster zu gehen. Barfuß und ohne Gürtel wie eine Büßerin bittet sie um Aufnahme in den „Spiegelturm“. Am 3. März 1440 wird sie ans Krankenbett ihres Sohnes gerufen. Nach einem Fieberanfall stirbt sie in ihrem alten Palast an einer Rippenfellentzündung. Der hl. Franz von Sales nennt sie „einer der größten Heiligen“.



  

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