Auf dem Friedhof tobt das Leben

Dienstag, 27. November 2012

Und das ist keineswegs pietätlos, sondern ganz natürlich. Denn im November bietet das dichte Grün an den Gräbern vielen Tieren Nahrung und Unterschlupf.

Unter dem Efeu sind die Spatzen aufgewacht. Sie zwängen sich zwischen den Blättern der Kletterpflanze hervor und machen den neuen Morgen mit lautem Schilpen an. Verpennt kommt ein Steinmarder aus seinem Tannendickicht gekrochen und schaut nach, was das wohl für ein Krach ist. Ein Großer Frostspanner macht mit ockerfarbenen Flügeln über den violetten Herbstzeitlosen die Flatter. Er ist der Nachzügler unter den Schmetterlingen und zieht bis in den Winter durch. Schnaufend wie ein alter Zecher kommt der Dachs nach Hause. Der alte Rumtreiber war die ganze Nacht unterwegs und hat jetzt nur noch den Wunsch, sich möglichst rasch aufs Ohr zu hauen…

Die tierische Action geht nicht im Wald ab, sondern mitten in der Stadt. Denn vor allem in der kalten Jahreszeit zieht es die wilden Brüder zunehmend in die Zivilisation. Die dicht aneinander gebauten Häuser schützen vor dem Wind, durch die Abluft aus den Wohnungen ist es in der City manchmal acht Grad wärmer als in der freien Natur, und außerdem gibt es bei Menschens immer reichlich zu futtern!

Vögel finden die Stadt besonders gut, denn für sie sind Häuser wie Felsen, auf denen sie ganz bequem sichere Nester bauen können (und nie den Überblick verlieren). Straßen wiederum sind wie Täler, in denen sich allerhand zum Fressen finden lässt, z.B. Brötchenreste an der Bockwurstbude. Warme Luft aus Schornsteinen wirkt wie ein kräftiger Aufwind, der die Luftikusse ohne Flügelschlag in den Himmel trägt. Außerdem bieten Städte inzwischen eine viel reichere Pflanzenwelt als die landwirtschaftlichen Monokulturen auf dem Land: In Berlin etwa wachsen 424 verschiedene Blütenpflanzen, vor den Toren der Hauptstadt sind es nur 357.

Die besten Quartiere finden sich in einem stillen Fleckchen, das die Menschen gerade in diesen Tagen besonders oft aufsuchen: dem Friedhof. Er ist das ideale Biotop: viele Bäume zum Nesterbauen, Hecken zum Verstecken und Mauern zum Lauern; ruhige Lage und ringsum brodelndes Großstadtleben mit allen Möglichkeiten einer erfolgreichen Erwerbstätigkeit. Aber auch Parks, Gärten und selbst kleinste Grünflächen bringen tierisch Leben in die sterile Glas- und Betonwüste.

Als erste zogen schon vor 8000 Jahren Hausmaus und Hausratte bei Homo sapiens ein. Sie sind inzwischen so clever, dass sie sogar in Kühlhäusern klarkommen – trotz Dauerfrost leben sie dort wie die Maden im Speck. Im Altertum wanderten Haustaube, Dohle und Steinmarder in die Städte, typische Felsenbewohner, die in den neuartigen Gebirgen aus Menschenhand bessere Lebensbedingungen fanden. Mit ihnen kamen Pflanzen wie Mauerflechte, Mauerpfeffer oder Mauerraute. Im Mittelalter nisteten sich Turmfalke und Schleiereule in den Kirchen ein.

Die Amsel, eine der häufigsten Stadtvögel, flog als Nachzügler erst um die Jahrhundertwende ein. Weil alle Städte Wärmeinseln sind, kamen auch viele Immigranten aus dem Süden, z.B. das schwindelfreie Zympelkraut von der Mittelmeerküste. Nur für den Winter checken auch die Waldmäuse ein. Und viele Seevögel versuchen jetzt Land zu gewinnen – 20.000 Lachmöwen überwintern jedes Jahr in München, mehr als 1000 Kilometer vom Meer entfernt. Sie schlafen am liebsten auf lärmumtosten Verkehrsinseln, aber nicht etwa aus Heimweh nach den brausenden Wogen der Küste, sondern weil sich Katzen selten über vielbefahrene Straßen trauen.

Fuchs und Dachs kommen nur zu Tagesausflügen aus dem Wald, räumen den Müll ab und stöbern in den Gärten herum. Als die Sonne herauskommt, schwirren die Spatzen in Richtung McDonalds zum Frühstück ab. Der Steinmarder ist noch müde und macht sich wieder lang, denn auch er war die halbe Nacht unterwegs, Leute ärgern: Er kaut für sein Leben gern auf Gummimanschetten und Plastikteilen im Motorraum parkender Autos herum, denn ihr Duft macht ihn ganz wuschig. Pech für den Besitzer, aber nicht für die Tiere, die Autos nun mal nicht ausstehen können, denn das rasende Menschenmobil macht alles platt: allein in Deutschland jedes Jahr 60.000 Rehe, 100.000 Katzen, 120.000 Hasen 250.000 Igel und die unvorstellbare Zahl von 100 Billiarden Insekten.

Der einzige der sich darüber nicht aufregen kann, ist der Dachs, denn der sammelt die gewalzten Steaks am Straßenrand ein und haut sich damit den Wanst voll. Zum Nachtisch hat sich Meister Grimbart ein paar Regenwürmer zu Gemüte geführt, die im kurzgeschorenen Rasen des Friedhofs wie auf einem Präsentierteller liegen. Zu gern hätte der alte Eierdieb auch noch ein rohes zum Frühstück, aber die sind jetzt natürlich alle längst ausgebrütet und flattern ihm frech vor der Nase herum.

Besonders dreist führen sich die Krähen auf, die in riesigen Schwärmen, oft zu Zehntausenden, aus Sibirien eingeflogen sind und in ihrer schwarzen Kluft wie eine Rockerbande herumpöbeln. Sie hacken einander zwar kein Auge aus, aber um jeden Bissen gibt es einen Riesen-Zoff. Die heiseren Hooligans können gut den Schnabel aufreißen, denn die Falkenpolizei (ihre berühmteste Revierwache liegt auf dem Kölner Dom) ist hoffnungslos unterbesetzt. Deshalb konnte sich auch die Türkentaube bei uns so schnell breitmachen. Obwohl sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zuwanderte, ist sie in unseren Städten bereits der dritthäufigste Vogel, nach dem Haussperling und dem Grünfink, der am Futterhäuschen immer am meisten Randale macht, weil er sich mit dem anderen Federgetier partout nicht vertragen will.

Auf den weiteren Plätzen landen der Buchfink und die Kohlmeise, die besonders gern in Vogelhäuschen einzieht. In Villenvierteln mit ihren vielen Gärten schwirren pro Hektar 30 Vögel herum, in den Neubauvierteln mit ihren leeren Rasenflüchen sind es oft nur ein halbes Dutzend. Auch die Insekten lieben die Stadt. In Leipzig wurden 175 Arten von Laufkäfern gezählt, in München 320 verschiedene Schmetterlingsarten.

In den oberen Etagen ist jetzt nur noch der Große Frostspanner unterwegs: Er hat endlich den passenden Baumstamm gefunden und legt seine Eier in eine Knospe, aus der im April dann braunrote Spannerraupen schlüpfen. Sonst ist der Luftraum im Spätherbst ziemlich leer, und nicht nur, weil es in den Städtchen auch viele Frösche und Eidechsen gibt - in Hamburg z.B. sind zwölf Lurch-Arten registriert! Dafür ist jetzt Bodenturnen angesagt. Im Laub fährt ein Millionenheer fleißiger Facharbeiter Sonderschicht, nach einem ausgefeilten Plan: Zuerst beißen winzige Springschwänze und Milben, die man nur mit der Lupe sehen kann,  in jedes Blatt ein kleines Fenster. Dann kommen Asseln und Saftkugler und weiten die Löcher aus. Als nächste nagen Schnurfüßer, Ohrwürmer und Tausendfüßer fein säuberlich das Gewebe von den Blattrippen. Bakterien und Pilze übernehmen die chemische Abfallbeseitigung, aber alles wird recycelt, denn Verschwendung kennt nur der Mensch, nicht die Natur!

 

Wer hat denn das hier verzapft?

Viele scheue Tiere verraten sich durch ihre Spuren – Schritt für Schritt, aber auch Zahn um Zahn: Nagetiere und Vögel knacken jede harte Nuss, die spezielle Technik ist an den leeren Schalen gut zu erkennen. Die Rötelmaus sägt Haselnüsse in zwei Teile, die Waldmaus fräst sie rundum sauber auf, das Eichhörnchen spaltet sie so ungeduldig, dass oft ein zackiger Rand bleibt, und die Kohlmeise bohrt sie von der Seite an. Auch abgenagte Fichtenzapfen verraten, wer da solchen Hunger hatte: Bei der Maus bleibt nur eine dürre Spindel übrig. Das Eichhörnchen lässt einen völlig zerfledderten Zapfen zurück. Der Specht muss die Schuppen mit seinem scharfen Schnabel zertrümmern, um an die Samen zu gelangen, und der Fichtenkreuzschnabel zupft sie wie mit einer Pinzette heraus,.

 

Wussten Sie…

…dass in München 111 Vogelarten heimisch sind, in Berlin 120, in Hamburg sogar 153?

…dass eine Buche jedes Jahr 100 Kilo Staub aus der Luft filtert?

…dass eine Meise bei Frost in einer einzigen Nacht bis zu zehn Prozent ihres Körpergewichts verlieren kann?

…dass Flechten die besten Umwelt-Alarmanlagen sind? Durch ihr gutes oder schlechtes Wachstum zeigen sie genau an, welche und wie viele Schadstoffe in der Luft sind.

…dass Asseln, wenn man sie auf ein Schachbrett setzt, immer auf die schwarzen Felder gehen?

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt