Kapitel 42: In der Ganovenkneipe

Dienstag, 27. November 2012
„Im Gängeviertel der Neustadt“: Fleet hinter der Brauerstraße mit Blick zum Klingberg, 1886. © Museum für Hamburgische Geschichte

Onkel Johnny blieb ganz ruhig sitzen. Als die Häuptlinge mit ihren Leibwächtern abgerauscht waren, trank er seinen Kaffee aus und fragte mich dann wie ein General seinen Adjutanten: „Na? Was sagst du?“

  „Ganz ehrlich?“ fragte ich zurück.

  Er beugte sich ein wenig vor und fixierte mich mit seinen Augen blau wie die See hinter Helgoland.

  „Nee, bloß nicht ehrlich“, sagte er. „Ich will im Gegenteil, dass du mir die Hucke voll lügst, du Rindsknochen.“

  „Entschuldigung.“

  Er war damit aber noch nicht ganz zufrieden. „Hör mal zu, du Quakbüdel“, sagte er, nun aber so ungefähr in dem Ton, in dem ein Hirtenhund mit einem unfolgsamen Lämmchen sprechen würde, wenn er nicht bloß bellen könnte. „Das gilt jetzt für alle Zukunft: Wenn ich dich was frage, dann möchte ich grundsätzlich immer, dass du mir die Wahrheit sagst, kapito?“

  „Kapito“,  sagte ich.

  Er lehnte sich wieder zurück. „Und?“

  „Gefährlich“, sagte ich.

  Onkel Johnny nickte. „Genau“, bestätigte er. „Und mit diesen Kerlen sollen wir uns jetzt einlassen, nur weil Jack sie loswerden möchte. Bei den Juden und den Zigeunern kann ich’s ja noch verstehen, die sind’s von Geburt an nicht anders gewohnt, als dass sie überall von braven Christenmenschen angespuckt und fortgejagt werden, was sollen sie anderes machen, ein Handwerk dürfen sie nicht lernen, also klauen sie, und ziehen die Leute über den Tisch, drehen ihnen Schund an. Aber die anderen! Dieser Engländer ist ein hundsgemeiner Verbrecher, ein richtiges Aas, dem ich am liebsten den Hals umdrehen würde. Der Willem ist auch nicht besser, und dieser Kujon aus den Karpaten schon gar nicht, oder aus was für einem Urwald der herkommt.“

  „Die Brookboys aber auch nicht“, wandte ich ein.

  „Da hast du recht“, sagte er, fröhlich wie eine Essigkruke, „das sind genau solche Halsabschneider. Räuber. Totschläger. Strauchdiebe.“ Er guckte mich an. „Taschendiebe“, fügte er hinzu.

  „Von irgendwas muss der Mensch ja leben“, sagte ich.

  Mein Onkel überlegte. „Komm mal mit“, sagte er dann und ging zur Tür raus. Gehorsam trottete ich hinter ihm her. Schweigend wanderten wir zur Kehrwiederspitze. Dort zeigte Onkel Johnny auf eine große Kiste.

  „Setz dich mal hin.“

  Ich hockte mich neben ihn, und wir guckten erst mal eine Weile auf die Elbe, wo die alten Stiemkästen ihren Sott in die schwarzgraue Stadt püsterten.

  „Hör mal“, wollte Onkel Johnny gerade anfangen, als plötzlich eine grobe Stimme ertönte: „He, ihr beeden, dat is kien Kanapee, schwirrt ab, ihr Bagaluten, aber dalli!“

  Wir drehten uns um. Hinter uns stand ein großer, kräftiger Schauermann mit rotem Gesicht.

  „Öha“, sagte der grobe Kerl verdutzt. „Nichts für ungut, Schonny, hab’ dich nich gleich erkannt!“ Und grüßte höflich, bevor er stille wieder beiseite trat, um Posten zu stehen, bis wir unser Gespräch beendet hätten.

  Auf dem Strom tutete ein Schlepper sein Kompagniesignal, und wir atmeten wieder eine Weile schweigend den schwarzen Lungenpuder ein.

  „Hör mal zu“, nahm Onkel Johnny dann einen neuen Anlauf, es war so seine Standformel zur Einleitung nicht ganz unkomplizierter Gespräche. „Ich kann verstehen, wie du das geworden bist, was du bist. Und mir ist auch klar, dass es Schlimmeres gibt. In Anbetracht der Umstände hast du dich gar nicht mal schlecht gehalten. Ich kann das beurteilen. Als ich so alt war wie du, hatte ich auch schon einiges auf dem Kerbholz. Aber jetzt ist Schluss damit, verstanden? Dein Papa wird morgen begraben, für den brauchst du nicht mehr klauen gehen. Und für deine Mutter auch nicht.“

  „Wie geht’s ihr denn?“

  „Schön, dass du das mal fragst“, sagte er. „Sie hält durch. Leicht ist es aber nicht für sie. Sie hat deinen Vater sehr lieb gehabt.“

  Ich musste schlucken. „Ich auch“, brachte ich heraus.

  „Zum Glück hat sie jetzt was zu tun“, fuhr Onkel Johnny fort, ohne auf meine Anmerkung so zu achten, wie sie es meiner bescheidenen Ansicht nach verdiente. „Sie kümmert sich um die Eltern von unserem Husaren, und um das Mädel. Weißt du was? Als Kowalski und ich heute früh mit diesen Polen bei Oma Ridderkerk ankamen, bat der Alte um einen Spaten und fing gleich an, sich ein Gemüsebeet zu buddeln. Um deine Mutter werd’ ich mich jetzt kümmern, also mach’ dir mal nicht toveel Sorgen. Ich hab’ schon mit ihr gesprochen. Sie ist einverstanden.“

  Er verstummte und starrte auf die Segelschiffe, die in den schmutzigen Wolken standen wie Bräute, wenn bei der Hochzeitsfeier das Ofenrohr platzt.

  „Dass du sich um sie kümmerst?“ fragte ich, damit das Gespräch irgendwie weiterging.

  „Wie? Nein. Ja, natürlich“, sagte er, und dann: „Nein, sie ist damit einverstanden, dass ich mich um dich kümmere. Verstanden? Dass ich ab jetzt dein Papa bin. Hast du gehört? Jetzt ist’s aus mit der verflixten Klauerei, und mit dem nächtlichen Rumtreiben, und zur Schule wird auch wieder gegangen, hörst du? Ich will nicht, dass es dir so geht wie den anderen, die auch mal klein angefangen haben, erst nur mal so’n bisschen Baldowern, oder Kawure legen, später Hunde pegern, hättste das am Palazzo nur mal gemacht! Dann Butter stehen, Zinken schnalzen oder Lampen rufen, später geht’s selber mit dem Schränkzeug an den Massematten, und zum Schluss werden sie eingebuchtet, und kommen nie wieder auf die christlichen Beine, man sieht sie als Strunzen mit ihren Sautreibern übern Hoppenmarkt streichen, wenn du verstehst, was ich meine.“

  Er kannte sich aus, das ließ sich nicht bestreiten. Nun guckte er mich fragend an.

  „Versteh’ ich“, sagte ich brav.

  Er kratzte sich am Kopf. „Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich hiergeblieben wäre“, sagte er ehrlich. „Vielleicht wäre ich geworden wie Jack. Ziemlich sicher sogar. Der Stärkste sein, Macht haben – das kann einen Mann schon verlocken, das gebe ich zu. Zum Glück bin ich aber kein Verbrecher geworden, sondern Soldat. Ich weiß schon auch, dass manche fromme Leute sagen, so groß sei der Unterschied wahrlich nicht, und sie haben auch nicht ganz unrecht, auch bei der Truppe gibt es üble Burschen, aber eines ist eben doch anders: Wenn du wirklich willst, und wenn du Charakter hast - der gehört nämlich immer dazu - und ein Gefühl für Anstand, und für Ehre, dann kannst du als Soldat auch im allergrößten Getümmel sauber bleiben. Auch heute noch. Aber als Verbrecher kannst du das nicht. Auch Jack kann das nicht.“

  Er sinnierte wieder vor sich hin.

  „Einverstanden“, sagte ich.

  „Wie?“

  „Ich bin einverstanden“, sagte ich.

  „Womit denn?“

  „Dass du ab jetzt mein Papa bist!“ Ich hatte geglaubt, er warte auf meine Zusage, und würde sich darüber vielleicht sogar ein bisschen freuen. Aber so war es nicht, er guckte mich nur an und erwiderte: „Ja, so – das ist aber gar nicht nötig, dass du einverstanden bist. Ich bin jetzt dein Papa, und damit basta, ob’s dir passt oder nicht. Du hast zu parieren, sonst kriegst du die Backen voll, und zwar alle viere, ich meins ernst!“

  „Aye aye, sir!“

  „Sei nicht so dwatsch, du Goos“, sagte er streng, „wür sünn jo nich beim olen Corl Wogner in’ Volkstheoter!“

  „Jawohl.“

  Er seufzte, dann sagte er: „Kiek mol, Helena, ik hebb jo keen Kinner, is ok goot so – un wenn, dann hätt’ ik notürlich gern’n Söhn, dat is ja woll klur – der möt dann ober so sien wie du.“

  Ja, er hat das tatsächlich herausgebracht, irgendwie herausgequetscht aus der schon halb trocken gefallenen Kelter seiner Gefühle, Gott weiß, wie schwer ihm das gefallen sein muss, er hatte es nicht so mit den Komplimenten.

  Er räusperte sich und fragte: „Wo ist denn das Beutelchen, das ich dir gegeben habe?“

  Ich klopfte auf meine Hüfte.

  „Damit kommst du ja wohl erst mal ‘ne Weile aus“, sagte er.

  „Und was soll ich jetzt machen?“ fragte ich.

  „Na, zur Schule gehen, sag ich doch die ganze Zeit!“

  Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und widersprach. „Jetzt nehmen die mich doch gar nicht mehr, Onkel Johnny, das weißt du doch, das Schuljahr ist doch schon fast um. Ich geh’ nach dem Sommer, ich verspreche es. Aber jetzt, jetzt will ich lieber bei dir bleiben.“

  Er schüttelte den Kopf. „Zu gefährlich. Du weißt doch, die sind jetzt alle wie der Teufel hinter mir her, die Polizei, und die Feme, und wer sonst noch.“   

  „Du wirst schon auf dich aufpassen.“

  „Ja, und auf dich gleich auch noch, was? Du bist ’n Mädel, das vergisst du immer.“

  „Das ist Nell auch”, rutschte es mir heraus. Es war wieder die verwünschte Eifersucht.

  Er peilte mich von der Seite an. „Was soll das denn nun wieder? Nelly ist doch kein Mädel, Nelly ist eine Frau.“

  „Das werd’ ich auch“, sagte ich patzig. „Dauert vielleicht gar nicht mehr lange.“

  „Dormit brukst dich man nich to be-ihlen!“ fuhr er mich an.

  Ich schwieg verbiestert. Er überlegte und sagte dann: „Hör mal zu. Ich will dir was sagen. Bevor du’s von anderen hörst. Kann mir schon denken, was hier so erzählt wird.“

  „Was denn?“ fragte ich neugierig.

  „Ja, weißt du – damals, bevor ich hier weg musste, da waren Nelly und ich zusammen.“

  „Zusammen?“ fragte ich heuchlerisch.

  „Mein Gott, ja! Zusammen! Du weißt doch wohl, was das heißt, du bist doch kein kleines Kind mehr!“

  „Aha. Jetzt auf einmal.“

  Er winkte unwillig ab. „Ist lange her. Zwanzig Jahre.“

  „Aber ihr liebt euch noch immer“, half ich, als lese er aus einem Roman vor und sei ins Stocken geraten.

  „Was? Hör mal, das ist kein Spaß. Nelly ist Jacks Frau. Sie leben zwar nicht mehr miteinander, aber sie sind verheiratet, vor Gott und der Welt, und ein Kind ist auch da. Ein Sohn.“

  „Hab’ ich ja gar nicht gewusst“, sagte ich verblüfft.

  „Siehst du, du weißt eben auch nicht alles“, sagte er nervös.

  „Und warum erzählst du mir das nun?“ wollte ich wissen.

  „Weil es hier genügend Leute gibt, die damals dabei waren und die alten Geschichten kennen“, antwortete er. „Und weil einige auf die Idee kommen könnten, dummes Zeug über uns zu erzählen. Über Nelly und mich. Schließlich wohnen wir in ihrem Hotel, nicht wahr? Aber da ist nichts. Und ich möchte nicht, dass du schmutzigen Gerüchten was glaubst.“

  Ach guck mal, dachte ich, Onkel Johnny konnte also auch lügen, und wie! Diesmal sprach er auch nicht Platt. Heute weiß ich: alles ganz simple Psychologie! Die meisten Leute, die keine Übung darin haben, die Unwahrheit zu sagen, verraten sich unbewusst, indem sie mit Kopfstimme sprechen, schwitzen, sich dauernd wiederholen oder von vertrauten Gewohnheiten abweichen plötzlich ganz ungewohnte Redewendungen benutzen.

  Dass auch Onkel Johnny nur ein Mensch war, machte ihn mir aber nur noch vertrauenswürdiger, deshalb wurde ich auch gleich wieder keck und sagte: „Wenn ich was höre, sag’ ich dir gleich Bescheid.“

  „Hören? Was willst du denn hören?“

  „Von Nell und dir. Ich bin doch jetzt deine Geheimwaffe.“

  Das wirkte tatsächlich. Mein Onkel dachte nach.

  „Wär’ vielleicht gar nicht so falsch“, sagte er nach einer Weile. „Passieren kann dir eigentlich nichts, Jack hat dich unter die Unberührbaren sortiert, und der Pelikan wird hier auch nicht mehr lange herumhampeln.“

  „Ich könnte ja zum Beispiel mal gucken, wo Eddie sitzt“, schlug ich gleich vor. „Bestimmt hat er der Marie schon was zugekaspert.“

  „Mal sehen“, sagte er ausweichend. „Komm nachher erst mal mit, dann reden wir mit den anderen, mal hören, was die so sagen.“

  Das genügte mir bereits, denn ich wusste, dass ich in Walter, Harry und natürlich in dem Gecko Fürsprecher haben würde, beim Gecko schon aus Gründen der diebischen Kollegialität. Beim Bäcker war ich mir dagegen gar nicht so sicher, alte Herren werden immer leicht sentimental, wenn es um junge Damen geht, und machen sich alle möglichen überflüssigen Sorgen. Ja, so dachte ich damals.

  Onkel Johnny wollte sich, wie er mir mitzuteilen nun die Güte hatte, um Mitternacht „mit den anderen“ im „Reuigen Schächer“ treffen. Ich dachte natürlich: mit Harry, Walter, dem Bäcker und dem Gecko. Zu meiner Verblüffung erschienen aber auch noch drei weitere gute Bekannte. Bevor sie eintrudelten, sprachen wir über die Ausländerbanden, die sich von Johnny anführen lassen wollten. Onkel Johnny ließ sich ziemlich ungnädig über die Kerle aus. Volten-Walter war etwas pikiert, weil er das Treffen eingefädelt hatte, und versetzte, Johnny solle sich doch freuen, er müsse nicht wie Saul die Esel suchen, sondern die Esel suchten ihn von selber, und man dürfe aber auch nicht zu empfindlich sein, es gelte hier die alte Regel: Wer an des Wolfes Höhle wirbt, dem kommt kein Schoßhund angekrochen. Ob der hohe Herr stattdessen die Hallelujaschwestern von der Heilsarmee anwerben wolle?

  „Schon gut“, winkte Onkel Johnny ab, der die Diskussion nicht zu vertiefen wünschte.

  „Rrrrrrruhe!“ schrie der imaginäre Papagei, und als diese eingekehrt war, berichtete Harpunen-Harry, dass der Pelikan diesen Morgen ganz überraschend auf große Fahrt gegangen sei. Überraschend für sich selber, versteht sich. „Als Hilfsmatrose auf einem Finkenwerder Fischkutter“, lachte Harry unter seinem gelben Walrossschnurrbart. „Outward bound. Die frische Seeluft wird ihm gut tun, und das Arbeiten lernt er dort auch. Knüppeln, Brassenreißen, Holl di fast, Kaventsmänner groß wie Kontorhäuser. Der Kerl hat sich gewehrt wie die Ziege am Strick. Jetzt gibt’s erst mal sure Supp mit ohne Klüten, aber volle Kelle, und die ist auch nicht gesünder als ’n Pferdetrank.“ Sein ältester Bruder Henry habe den lahmen Vogel angeheuert.

  „Na hoffentlich bereut er das nicht“, sagte Onkel Johnny.

 „Henry? He is nicht ganz dicht“, lachte der Gecko. „Den hett mol ‘ne Fockschote öber Bord slogen. Jo jo, Jan Blank is kien Wihnachsmann!“

 „Puh, diese Heringslogger, diese dreckigen Dampfsärge“, stöhnte der Bäcker, „da brächten mich keine zehn Pferde drauf. Auch nicht zwanzig.“

  „Jo, du wüllst lieber Staub freten, dat weet ik all“, grinste der Gecko.

  „Du hast wohl wieder zu viel Tinte gesoffen!“ knurrte der Bäcker.

  „Wenn ich die See seh‘, brauch ich kein Meer mehr“, blödelte Walter.

  „Sie sind hinter den Schollen her, am Gat, und auf Fladen“, sagte Harry. „Auf dem Fladen kannst du rasten wie die Kuh am Futterkasten, da wird die Kurre schön schwer, hoffentlich geht der alte Pinsel nicht koppheister.“

  „Dafür geiert hier jetzt schon die ganze Zeit so’n Kerl mit ’ner roten Mütze rum“, sagte der Bäcker, ohne sich umzudrehen, was auch kein anderer von uns tat. „Sieht aus wie’n Portugiese. Jetzt ist er gerade zur Tür raus.“

  „Hab’ schon gesehen“, sagte Onkel Johnny. „Bootsmann Nunez, von der Heiligen Jungfrau.“

  „Allreit“, sagte Harry. „Soll der Spitzbube auch auf’n Fladen? Oder besser gleich auf die Lofoten, wo’s am tiefsten is’?“

  „Erst mal abwarten“, sagte mein Onkel.  

  „Und hinter dem Katholenkerl schlich noch so’n kleiner Kuli rum“, ergänzte Michel.

  „Die Portugiesen waren heute nicht da“, berichtete ich etwas beflissen. „Die Chinesen auch nicht.“

  „Die werden schon noch kommen“ sagte Harry in grimmiger Zweideutigkeit.

  „Vernahmen die Gefährten denn schon von der hohen Ehre, welche dem edlen Fürsten neustens widerfährt?“ fragte Walter in die Runde.

  „Dem oolen Heldenopa?“ wunderte sich der Gecko. „Dat lot man nach, he hett mi nicks dahn!“

  „Doch nicht der hehre Kaiser, du werter Knallkopf aus Brikettistan“, erklärte Walter. „Vom edlen Aeneas soll hier die Rede sein, der immer noch Geheimnisse im Busen hegt, selbst vor den treuesten Mits-treitern!“

  „Was kommt denn da wohl wieder!“ sagte mein Onkel misstrauisch.

  „Gar feine Stimmchen zirpen engelsgleich dein Lob in unsre schlaflosen Nächte“, berichtete der Lange. „Es klingt wie eine Melodei aus Minnesängers edlen Tagen.“

  „Dunnerknispel!“ staunte der Gecko. „De Lüd süngen watt över Johnny? Wer dann?“

  „Die jungen Magdalenen aus dem schönen Teil der S-tadt, welchen die Frömmigkeit des Volkes schon vor langer Zeit aus gutem Grunde dem Heidenapostel St. Paulus geweiht. Mögtest du es vernehmen?“

  „Wet ik“, sagte Onkel Johnny verlegen. „Hat mir Nelly schon vertellt. Das lass man, Walter!“

  „Wieso? Der Glanz, der auf den großen Herrscher fällt, erquickt noch den niedersten Diener und hebt den Unwürdigen aus dem S-taube empor.“

  Mein Onkel seufzte und blickte anklagend zum Himmel.

  „Okee, was singen die Weiber denn?“ erkundigte sich Harry.

  „Die  berühmte Ballade vom heiligen Johnny Kehrwieder“, grinste Walter. „Vergebt mir, oh Freunde mein, wenn ich die S-trophen nicht wörtlich zitiere, denn die ätherische Schönheit des Textes entzieht sich meinem schlichten Vers-tande, ihr wisst es wohl, denn wo die Lerchen tirilieren, kann der Bär nur brummen.“ Er kicherte vergnügt.

  „Du bist kein Bär, du bist eine alte Hyäne, und so klingst du auch“, sagte der Bäcker.

  In diesem Augenblick tauchten zu meiner nicht gelinden Überraschung „die anderen“ auf, und das waren niemand anders als Lida, Augustus und Kowalski.

  Die Ganovenkneipe im Gängeviertel der Neustadt war der rechte Ort für alle, die schwere Lampen hatten, also warum nicht auch für einen Deserteur wie unseren polnischen Husaren. Lida und Augustus wiederum waren keineswegs die einzigen vorstrafenfreien Gäste, denn Hamburg ist ja dafür bekannt, dass in seinen Kneipen brave Bürger gern bei bösen Buben sitzen, und an den Pilatuspool verirrten sich oft Nachtmützen auf dem Heimweg von feuchtfröhlichen Festivitäten am Hamburger Berg. Sie wurden meist flott abgefertigt. Entweder stellte sich eine Schöne in die Nähe, bat um Feuer oder schob sonst eine Fiole, stellte sich etwa betrunken oder liebesbedürftig, rieb sich ein wenig an den Herren und erkundete dabei das Portemonnaie. Hielt der Auserkorene die Taschen zu, wurde er in der Animation eng angetanzt und ausgenommen. Oder ein Ganove schlug den Nachtvögeln vor, einen auszuknobeln, was zum gleichen Resultat führte, denn beim Kartenbatschen oder Würfeln konnte hier wie anderswo in der Hamburger Nacht kein Fremder gewinnen, auch wenn die Spielgefährten so unschuldig taten, als kämen sie aus dem Bibelkurs. An manchen Tischen wurde auch schon mal der nächste Bruch besprochen. Hinter der Theke forderte ein Schild „Gleich bezahlen!“ – sonst wäre der Wirt jedes Mal auf der Zeche sitzengeblieben, wenn die Krimscher seinen Laden revidierten. Er mochte es auch ganz und gar nicht, wenn seine betuchten Gäste ausgenommen wurden, und wenigstens die örtlichen Cheilefzieher, Nepper und Blütenschmeißer hatten sich gefälligst daran zu halten. Aber auch die Ganoven wollten sich dort manchmal nur in Ruhe einen genehmigen, bevor sie sich anderswohin aufmachten, um einen Stubben um Ochsen und Putte zu erleichtern.

  Als Kowalski nun mit Lida und Augustus im Schlepptau einlief, zeigten sich die leichten Mädchen und die schweren Jungs an den Nachbartischen zunächst etwas unschlüssig. Der elegante Herr und seine noch teurer angezogene Begleiterin rochen nach leichter Beute, aber mit einem Kerl wie dem schnurrbärtigen Polen in seiner Matrosenkluft wollte sich niemand so ohne weiteres anlegen, und so wartete das vorbestrafte Publikum erst mal ab. Die letzten unguten Pläne purzelten, als wir am hintersten Tisch winkend die Hände hoben, und Walter rief: „Herein, wenn’s kein S-pitzel ist!“ Denn wir waren hier natürlich bestens eingeführt.  Rasch machten wir alle und alles bekannt.

  Kowalski betrachtete die blauen Wolken aus Harrys Knasterkocher. „Schlechte Luft hier, sagte der Rauch!“

  „Rrrrrrruhe!“ kreischte „Coco“ beleidigt.

  Danach erfuhren wir zu unserer Verwunderung: Die liebe Lida war nicht etwa aus Langeweile mitgekommen, oder weil sie neugierig gewesen wäre, o nein – sie hatte ziemlich was vor, und zwar nicht mehr und nicht weniger, als an Konsul Averdar bittere Rache zu nehmen.

  Wenn eine Frau bittere Rache nehmen will, gibt es zwei Möglichkeiten. Ist sie aus dem Milieu, fließt Blut. Manchmal viel Blut. Stammt sie aus bürgerlichen Kreisen, dann kostet es Geld. Manchmal sehr viel Geld. Lida war bürgerlich. Sehr bürgerlich. Sie hatte sich alles genau überlegt. Ein Besuch bei der Polizei konnte tatsächlich nur unbefriedigend enden: Wirkliche Beweise gab es nicht, der Konsul konnte sich jederzeit herausreden, hatte Geld und Einfluss, und außerdem brachte eine Anzeige erst mal den Ruf der Anklägerin in Gefahr, man konnte sich ja leicht vorstellen, was die Zeitungen schreiben würden. Viel besser war es, den Betrüger mit einem Betrug zu bestrafen. Lidas Plan war sagenhaft. Und als angemessen für die erlittenen Unannehmlichkeiten erachtete sie eine Buße von nicht weniger als hunderttausend Mark. Das imponierte nicht nur mir. Sie plante ein Spielchen, gewagt genug, auf jeder Opernbühne zu reüssieren. Am nächsten Morgen ging Nell auch gleich für sie aufs Postamt und schickte der Dampfergesellschaft eine telegraphische Depesche mit der Erklärung, das Gepäck solle allein nach New York vorausreisen, die Sängerin kuriere inkognito eine Erkältung aus und werde später folgen. Eine zweite Depesche ging an die Direktion der Met mit der Bitte, das Gepäck einstweilen unterzustellen.

  „Du willst wirklich, dass wir deinem Onkel an die Putte gehen?“ fragte Harry den jungen Augustus. „Irgendwann wird’s doch mal dein Geld sein, das dann fehlt, reitireitireitireit?“

 „Ich habe etwas gutzumachen“, erklärte unser neuer Freund. „Ich hätte Onkel Jacob nicht trauen dürfen. Wenn ich gleich zur Polizei gefahren wäre, wäre das Mädchen viel früher frei gekommen.“

  Kowalski nickte grimmig.

  „Deshalb möchte ich, dass Agnes meinen Anteil bekommt…“ fügte Augustus hinzu.

  Kowalski nickte etwas weniger grimmig.

  „Der Edle spricht mit seines Herzens Zunge“, stellte Volten-Walter fest und kratzte sich in der Gewissheit seiner überlegenen Kenntnis von Leben und Liebe angelegentlich die Geierschnabelnase. „Gar wenig zählen Geld und Gut, trifft Cupids Schuss ins junge Blut! Oder wie der Dichter sagt: Wo Amor s-pricht, muss Merkur schweigen.“

  „Außerdem brauche ich sein Geld nicht“, fügte Augustus hinzu.  „Mein Vater hatte in London eine Bank, und beste Beziehungen zur Ostindischen Company, so viel kann ich gar nicht ausgeben, wie er mir vererbt hat.“

  Kowalski hörte auf zu nicken und musterte den Retter und Verehrer seiner kleinen Schwester mit neuen Augen.

  „Du weest woll, wat wi moken?“ fragte der Gecko und fixierte unseren jungen Freund mit seinem Silberblick. Die polyglotte Lida sperrte fast sichtbar die Ohren auf, echtes Finkwarder Platt war ihr noch nicht untergekommen.

  Augustus nickte zögernd.

  „Na denn weeste woll ok, wat we mit so’m Kerl moken, wenn he nich die Snut hollt!“

  „Okee, das wär’ dann ja mal geklärt“, sagte Harpunen-Harry, obwohl Augustus noch gar nichts geantwortet hatte. „Und nu?“

  „Wie geht’s denn nun weiter?“ fragte Kowalski voller Tatendrang. Seit er die Seinen in Sicherheit wusste, brannte er darauf, den Übeltätern an den Kragen zu gehen.

 „Es ist allein Johnnys Sache, zu entscheiden, was er tun will“, stellte der Bäcker fest. „Und es ist auch seine Sache, wann er uns das mitteilt.“

  „Allreit, hoffentlich wird das überhaupt noch mal was“, murrte Harry.

  „Wirst es schon noch erleben“, sagte mein Onkel.

  „Wat is’ nu egens mit dem olen Meßt?“ fragte der Gecko ganz unschuldig, und auch seine drei Freunde anderen machten Gesichter, als würde sie das nicht im Mindesten interessieren.

  „Mit was?“ wollte Kowalski wissen.

  „Mit dem Messer“, übersetzte ich, was mir einen strafenden Blick von Onkel Johnny eintrug.

  „Mit was für einem Messer?“ gestattete sich unser Augustus nachzufragen.

  „Gar nichts“, sagte Onkel Johnny.

  „Gor nicks?“ fragte der Gecko enttäuscht. „Willst mi woll hohnjöckeln!“

  „Nun lasset es doch einmal gut sein, edle Gefährten“, sagte Walter wieder in seiner salbungsvollen Art. „Erst wenn der Zeiten Knospe platzt, kann sich der Wahrheit Wunderblüte voll entfalten.“

  „Ich geb’ dir gleich Wunderblüte“, sagte mein Onkel. „Ich hab’ euch gesagt, wenn’s so weit ist, kriegt ihr’s zu wissen, aber so weit ist es noch nicht, also hört endlich auf, hier dauernd zu radotieren!“

  Damit war das Thema war wieder vom Tisch.

  „Jetzt machen wir erst mal den Tresor im Palazzo auf“, kündige Onkel Johnny an.

  „Wozu das denn?“ wunderte sich Harry.

 „Wenn das Bare weg ist, und das Opium auch, und der Lumpenkerl dann noch einen Wechsel unterschreiben muss, dann haben wir ihn am Kanthaken“, erklärte mein Onkel. „Da hilft ihm auch Jack nicht mehr raus. Und wer weiß, was passiert, wenn Jack seinen wichtigsten Verbündeten erst mal los ist. Vielleicht gibt’s dann auf dem Brook ein ganz anderes Spiel.“

  „Dat is mi to hooch“, gestand der Gecko. „Dat ol’ Tüch verstah ik nich. Wat sull de heele Politik, dat is vill to kumpleziert förn ehrlichen Mann.”

  „Es geht nicht nur um Jack“, sagte Onkel Johnny zu ihm wie zu den anderen. „Es geht auch um den Brook. Um unseren Brook!“

  „Der Freihafen kommt trotzdem“, sagte der Bäcker.

  „Das werden wir ja sehen“, sagte mein Onkel. „Wenn wir nur erst mal diesen verflixten Spekulanten das Handwerk legen! Die stecken ja wohl auch hinter dem Senat. Kerle wie dieser Konsul.“

  Der liebe Augustus guckte, als kenne er besagten Herrn überhaupt nicht.

  „Dem werden wir jetzt als erstem einheizen“, sagte Onkel Johnny, „aber richtig. Und den anderen auch. Bei der Ehre, oder der Vaterlandsliebe, kriegst du die nicht zu packen, und schon gar nicht bei der Gerechtigkeit, aber beim Geld, da schreien sie gleich Aua, ihr werdet’s erleben. Ohne Geld sind diese Schurken nicht mehr wert als trockene Spucke.“

  „Wohl, das sagst du so!“ Der Bäcker seufzte tief und betrachtete seine Schaufelpranken. „Wir reden aber von einem Arnheim, neuestes Modell, den kriege ich mit meinem Büchsenöffner nicht mürbe. Wir brauchen modernes Knabbergeschirr, und das modernste hat nun mal Eddie der Schränker. Der ist der richtige Mann für euch. Ich bin ja doch schon alt, und viel zu lange raus.“

  „Nu fang man blot nich an zu hulen, du vullgefretenes Seehundbaby“, spottete der Gecko, gluckerte genüsslich seine Flasche leer, betrachtete sie und sinnierte: „Worüm müssn die egens so viel Glas um die Flasch Beer mokn?“ Er hatte sich schon einen kleinen Spitz getrunken.

  „Euer grandioser Eddie hat sich ja nun leider ins Kaschöttchen sperren lassen“, sagte Onkel Johnny. „Sitzt hinter Eisengardinen und knabbert Spitzbubenkuchen.“

  Das Akkordeon quietschte in den höchsten Tönen. Eine eben angekommene schwarzhaarige Schöne wiegte sich in den schlanken Hüften, drehte sich kichernd um ihren Galan, kippte schwungvoll aus der Balance und landete auf dem Schoß unseres Studenten. „Tschuldigung!“ lachte sie.

  „Aber bitte sehr“, sagte Augustus höflich.

  Das offenbar beschwipste Sumpfhuhn rappelte sich auf und wollte zurück auf die Tanzfläche, aber der Gecko hatte sie gleich am Arm gepackt. „Kiene Fisimatenten, du olen Struntnickel, brokst wohl ’ne neue Fress!“

  „Was fällt Ihnen ein!“ zeterte die Schöne, und ihr Galan schob sich mit finsterem Blick näher. Er trug ein rotes Halstuch, das war damals in der Halbwelt Mode. Die beiden waren wohl wirklich neu in der Stadt, vielleicht sogar neu im Gewerbe, sonst hätten sie sich nicht mit uns eingelassen. Immerhin war der Stenz klug genug, außer Reichweite zu bleiben, als der Bäcker warnend die Pranke hob.

  „Allreit“, sagte Harry. „Die Putte raus! Dann schieß in’n Wind.“

  Volten-Walter hatte plötzlich ein Messer in der Hand und pulte sich angelegentlich die Fingernägel.

  Die Schöne schmollte, zauberte die Brieftasche auf den Tisch und entschwand beleidigt zu ihrem noch finsterer blickenden Hirten, der ihr gleich mal eine tuschte, um seine ramponierte Männlichkeit zu restaurieren.

  „Ja so was!“ sagte Augustus entgeistert und steckte seine Brieftasche wieder ein.

  „Können wir uns Eddies Werkzeug nicht kurz mal ausleihen?“ fragte Onkel Johnny.

  „Wohl!“ Der Bäcker blies die Backen auf. „Aber so’n neues Kaltgeschirr, das dauert eine Weile, da darf man schon mal’n paar Tage mit üben.“

  „So viel Zeit haben wir aber nicht.“

  „Dann müssen wir Eddie rausholen“, sagte Harpunen-Harry.

  Ein paar Sekunden schwiegen alle.

  „Klei mi an mors!“ rief der Gecko. „Und wie shall wi dat moken, du oolen Spöker?

  „Op’n reep“, sagte Harry schlicht; er hatte sich das gerade eben ausgedacht.

  Als er jetzt seinen Plan vortrug, sagte der Gecko: „Düvel ok, du bist woll dull, dat klappt doch nie!“

  „So hält’n Seil ja nicht mal von Aleph bis Taw“, zweifelte auch der Bäcker.

  „Das hält wie’n Pups im Schnupftuch“, sagte Harry überzeugt. „Den Kaneel wollen wir schon stoßen.“

  „We weeten jo noch nich man, wo he sitt!“ wandte der Gecko ein.

  „Das ließe sich gar wohl entdecken“, meldete sich Volten-Walter. „Mir etwa ist ein kundiger Schließer bekannt, was sage ich, ein wahrer Held, ein edler Ritter des bedeutendsten Bundes, nämlich des Schlüsselbundes, mir glücklicherweise verpflichtet durch Pfänder aus dem ehrbaren S-piele des Klabberjass; diesen lobwürdigen Justizdragoner mögte ich gleich morgen in aller Frühe befragen.“

  „Ich hab’ aber gehört, dass die Gefängnisse überfüllt sind, und die Polizei die Leute deshalb in den Arrestblock an der Bundesallee bringt“, meldete sich Kowalski. „Könnte ja meine Uniform anziehen und mich dort mal umhören.“

  „Nein, das ist zu riskant“, sagte mein Onkel. „Die Helena geht mal bei der Marie vorbei, vielleicht weiß die schon was.“

  Dann besprachen wir die Einzelheiten, und ich glaube nicht, dass selbst in dieser erstrangigen und traditionsreichen Ganovenkneipe schon mal verrücktere Pläne ausklaviert wurden als die von Lida und Harry in dieser weiteren denkwürdigen Nacht.


 

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