„Die Kapitalsünde der Habgier“

Donnerstag, 29. November 2012

Morgen feiert die katholische Christenheit den Gedenktag des hl. Andreas (*Bethsaida + 30.11.60 Patras). Der Name bedeutet „der Mannhafte, Mutige“. Der Fischer aus Bethsaida am See Genezareth in Israel ist der erste Jünger und wird deshalb „der Erstberufene“ genannt. Er führt seinen Bruder Petrus zu Jesus und steht später an zweiter Stelle der Apostel. Andreas missioniert am Schwarzen Meer und in Griechenland. Nach der Legende weckt er Tote auf und wirkt viele andere Wunder. Die Ostkirchen setzen ihn als ersten Bischof von Konstantinopel mit Petrus als dem ersten Papst und Bischof vom Rom gleich. In der griechischen Hafenstadt Patras wird Andreas am Kreuz hingerichtet. Es ist x-förmig, weil er aus Demut nicht auf genau die gleiche Weise wie Jesus sterben will. Das Andreaskreuz findet sich auf der Flagge Schottlands, als Gefahrensymbol in Chemie und Bergbau sowie weltweit vor Bahnübergängen. Die Kölner Dominikanerkirche St. Andreas hütet eine Reliquie des Heiligen im Hochaltar. Das Haupt des Apostels wird im 4.Jahrhundert nach Konstantinopel überführt und kurz vor der Eroberung der Stadt durch die Türken nach Rom gerettet. 1964 gibt Papst Paul VI. die Reliquie zum Zeichen ökumenischer Verbundenheit nach Patras zurück.

Papst Benedikt XVI. sagt über Andreas: „Der Apostel möge uns lehren, Jesus bereitwillig nachzufolgen, allen Menschen, denen wir begegnen, mit Begeisterung von ihm zu erzählen und vor allem eine Beziehung echter Vertrautheit mit ihm zu pflegen.“

Andreas ist Patron von Russland, Schottland, Spanien, Griechenland, Sizilien, Niederösterreich, Burgund, der griechischen Region Achaia, Neapel, Ravenna, Brescia, Amalfi, Mantua, Bordeaux, Brügge und Patras sowie der Fischer und Fischhändler, Bergleute, Metzger, Seiler und Wasserträger.

Attribute: schräges Kreuz, Buch oder Schriftrolle, Fisch, Fischernetz, Strick. Nach dem Volksglauben hilft Andreas bei der Ehevermittlung, zu Eheglück und Kindersegen, gegen Gicht, Halsweh, Krämpfe und Rotlauf (Erysipel), einer bakteriellen Hautinfektion, die früher „Andreaskrankheit“ hieß.

Wetterregeln warnen z.B. „Andreasschnee tut den Saaten weh“.

Namensformen: Anders, Andor, András, André, Andrée, Andrea, Andretta, Andrew, Andriko, Androsch, Andrzej, Antti, Drees, Drewes, Endre, Rees, Tresi.

An seinem Todestag begann das Brauchtum der Adventszeit: In der Andreasnacht zum 30.November zogen Kinder maskiert von Haus zu Haus und sangen für Geschenke. Mädchen warfen lange Streifen Apfelschale hinter sich: Ringelten sie sich zu einem Buchstaben, verrieten sie damit den Zukünftigen. Im 16. und 17. Jahrhundert heißt der Dezember „Andreasmonat“.       

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Mit dem Glauben ist alles Gute möglich, ohne ihn alles Schlechte.

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Die Eurokrise bringt Christen ein Thema wieder zu Bewusstsein, dem der katholische Theologe, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Oswald von Nell-Breuning (1890-1991) vor 95 Jahren eine Doktorarbeit widmete – sie hieß „Grundzüge der Börsenmoral“. Seine Erkenntnis: Spekulation sei „legales Freibeutertum als legitimes Geschäft“, das durchaus dem Gemeinwohl nutze, z.B. wenn durch Wagniskapital neue Firmen gegründet würden. Publikumsspekulation jedoch als rein eigennütziges Schielen auf den eigenen Vorteil sei „volkswirtschaftlich schädliches, privatwirtschaftlich gefährliches Glücksspiel“. Der Experte: „Dieses abstrakte und verabsolutierte Gewinnstreben ist prinzipiell maß- und zügellos, prinzipiell antiökonomisch, asozial, egoistisch. Ob es die kapitalistische ‚Sünde‘ ist, bleibt dahingestellt; gewiss ist es die Kapitalsünde der Habgier.“

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Für die Welt zählt das Resultatmehr als die Anstrengung. Vor Gott ist es umgekehrt.

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Lesefrüchte. Oswald Spengler in „Der Untergang des Abendlandes“: "Dies Erlöschen der lebendigen inneren Religiosität, das allmählich auch den unbedeutendsten Zug des Daseins gestaltet und erfüllt, ist es, was im historischen Weltbild als die Wendung der Kultur zur Zivilisation erscheint, als das Klimakterium der Kultur, wie ich es früher nannte, als die Zeitwende, wo die seelische Fruchtbarkeit einer Art von Mensch für immer erschöpft ist und die Konstruktion an Stelle der Zeugung tritt. Fasst man das Wort Unfruchtbarkeit in seiner ganzen ursprünglichen Schwere, so bezeichnet es das volle Schicksal des weltstädtischen Gehirnmenschen, und es gehört zum Bedeutsamsten der geschichtlichen Symbolik, dass diese Wendung sich nicht nur im Erlöschen der großen Kunst, der gesellschaftlichen Formen, der großen Denksysteme, des großen Stils überhaupt, sondern auch ganz körperlich in der Kinderlosigkeit ausspricht … Eine Religion, die bei Sozialproblemen anlangt, hat aufgehört, Religion zu sein." Veröffentlicht 1918, damals viel gelesen, heute fast gar nicht mehr.

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Wolken sind Buchstaben, mit denen Gott Gedichte in den Himmel schreibt: lyrische oder dramatische, vom Verstand nicht zu entziffern, dem Herzen aber so mühelos eingängig wie ein Kinderlied.

 

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