Der Ruhm und das Butterfass

Samstag, 1. Dezember 2012

Gottfried Keller, "Der grüne Heinrich": "Die Schule des freien Willens kann man am füglichsten mit einer Reitbahn vergleichen. Der Boden derselben ist das Leben dieser Welt, über welches auf gute Manier hinwegzukommen es sich handelt, und er kann zugleich den festen Grund der Materie vorstellen. Das wohlgeartete und geschulte Pferd ist das besondere, immer noch materielle Organ, der Reiter darauf der gute menschliche Wille, welcher jenes zu beherrschen und zum freien Willen zu werden trachtet, um auf edlere Weise über jenen derben Grund hinwegzukommen; der Stallmeister endlich mit seinen hohen Stiefeln und seiner moralischen Peitsche ist das moralische Gesetz, das aber einzig und allein auf die Natur und Gestalt des Pferdes gegründet ist und ohne dieses gar nicht vorhanden wäre." Geschrieben um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts, lange bevor Freud für sein Instanzenmodell ein ähnliches Bild fand. Das moralische Gesetz zieht den Sinn seiner Existenz aus dem Vorhandensein von Entscheidungsfreiheit und wäre ohne freien Willen überflüssig, denn alles weitere wird vom Naturgesetz geregelt. "In diesem Augenblicke der Not aber sammelten sich ein paar Lebensgeister und hielten Ratsversammlung gleich den Bürgern einer belagerten Stadt, deren Anführer darniederliegt. Sie beschlossen, zu einer außerordentlich verjährten Maßregel zurückzukehren und sich unmittelbar an die göttliche Vorsehung zu wenden. Ich hörte aufmerksam zu und störte sie nicht, und so sah ich denn auf dem dämmernden Grund meiner Seele etwas wie ein Gebet sich entwickeln..."

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Wir müssen uns jeden Tag so viel vornehmen, wie wir uns bei Verstand zutrauen dürfen - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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Brahms' 2.Klavierkonzert B-Dur op.83 enthüllt neue Horizonte der Phantasie: Wo Worten der Zugang verwehrt bleibt, reisen wir auf Tönen und werfen einen Blick auf das Geheimnis von Schönheit und Wahrheit. Brahms schenkt hier keine neuen Kräfte, aber er tröstet über den Verlust alter Kräfte hinweg, und das ist schon ein gut Teil Weisheit. Sein Konzert illustriert den Punkt, an dem Wissbegier und Vergessen einander treffen, wachsend und schwindend zugleich.

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Der Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der seit einigen Jahren öffentlich als Mix aus Nestor und Pythia auftritt, nennt auf einem „Hamburg Summit“ der Hamburger Handelskammer die Chinesen eines der friedlichsten Völker der Geschichte. Chinas direkte Nachbarn sind da womöglich anderer Meinung: 1950-53 verbündet sich Rotchina mit Nordkorea zum Überfall auf Südkorea, schickt eine Million Soldaten in den Tod. 1951 wird Tibet Opfer einer chinesischen Invasion. 1955 und 1959 werden dort Volksaufstände blutig niedergeschlagen, der Dalai Lama flieht. 1962 greift China im Himalaya auch Indien an, 2000 Menschen sterben. 1979 marschiert China in Vietnam ein, die Invasion fordert rund 100.000 Tote. 1980 besetzt ein eigens zu diesem Zweck aufgestelltes chinesisches Marinekorps die umstrittenen Spratly-Inseln. 1987 erobert eine chinesische Division die vietnamesische Grenzprovinz Ha Tuyan. 1987-1989 und 2008 herrscht in Tibet nach schweren Unruhen der Ausnahmezustand, Chinas Armee greift hart durch. 1988 attackiert Chinas Kriegsmarine vietnamesische Schiffe, 70 Vietnamesen sterben. 1989 töten Einheiten der „Volksbefreiungsarmee“ auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ 3000 Zivilisten. 2011 steigert China sein Militärbudget um 6,7 Prozent, Platz 2 in der Welt hinter Putins Russland (9,7 Prozent). 2012 schickt China Kriegsschiffe vor die philippinische Küste, um seine Fischer zu schützen, die dort Korallenriffe zerstören und trotz Artenschutz Suppenschildkröten jagen. Die Aggressivität der Chinesen alarmiert inzwischen ganz Südostasien. Schmidt: „Wir sollen nicht besorgt sein wegen China.“

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Hebbel: „Der Mensch wird durch künstlich gemachten Ruhm so wenig groß, als er durch ein Fass Butter, das man ihm auf den Rücken bindet, fett wird.“

 

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