Kapitel 45: Duell an Störtebekers Grab

Samstag, 1. Dezember 2012
„Ein Binnendelta aus zahllosen Inseln“: Wasserbaum und Winserbrücke 1883. © Museum für Hamburgische Geschichte

Ungefähr um die gleiche Zeit ging Jack in seinem Turmbüro auf und ab wie ein Tiger im Käfig. Die Luft war so dick, dass Wandrahm-Willy sogar darauf verzichtete, sich in einen der schweren Sessel zu fläzen. Constabler Möller stand neben ihm am Fenster und blickte verärgert auf das Gewimmel der Schiffe, Ewer und Schuten. Der Ährliche Hans saß mit seinem traurigsten Bestattungsunternehmergesicht auf der Kante des Ledersofas.

  „Was war denn das für eine hirnverbrannte Idee, den Verrückten mit diesem Polenmädchen noch irrer zu machen?“ fragte Jack den abgebrannten Impresario.

  „Tut mir leid, Jack“, sagte der Ährliche Hans betreten. Der viel zu kleine Zylinder hing noch schiefer auf dem Kugelkopf als sonst. „Ich konnte doch nicht wissen, dass ihr mit der Kleinen den alten Bulldog abschießen wolltet!“

  „Das können wir uns jetzt abschminken“, knurrte Möller. „Schade. Jetzt kennt sie die halbe Stadt als Statistin in einem Tingeltangel…“

  „Erlaube mal“, protestierte der Ährliche Hans. „ich führe ein anständiges Haus, und wenn es erst wiederaufgebaut ist…“

  „Halts Maul, du Tünbüdel!“ sagte Jack. „Einen Dreck führst du! Du führst gar nichts! Nicht mal eine Femegerichtsverhandlung kannst du führen, du Pfefferkuchenfratze!“

  „Jawohl, Jack“, sagte der Ährliche Hans ducknackig. „Aber Möller hat doch auch mitgemacht!“

  „Was mitgemacht, du Aas?“ schnappte der Constabler.

  „Na, du hast doch die Kleine erst angebracht, für unsere Grendelnummer…“

  „Ich soll dich wohl gleich mal durchdaksen!“ drohte Möller. „Das ist ja das Schlimmste, dass du die Kleine auch noch in so einem aberwitzigen Grendel-Grusel-Kasperltheater auftreten lässt. Nee, beim besten Willen, Freunde der Nacht –  für eine glaubwürdige Zeugenaussage kommt die nicht mehr in Betracht.“

  „Und wie kommen wir jetzt an den Kerl ran?“ fragte Willy.

  „An Bulldog?“ fragte Möller.

 „Nein, du Blödling! An den Grendel!“ sagte Willy.

 „An den Grendel?“ staunte der Constabler. „Wozu das denn? Was willst du denn von dem?“

  „Das Geld, zum Beispiel“ sagte Willy.

  „Verstehst du nicht?“ fragte Jack. „Dir hat die viele Sonne wohl das Hirn verbrannt. Außerdem solltest du nicht so viel herumsaufen, das schadet der Intelligenz. Und mit den kleinen Mädchen ist’s dasselbe.“

  „Das sind Privatangelegenheiten“, sagte Möller, „die gehen euch gar nichts an.“

  „Der Grendel hat das Geld, du Teekessel!“ sagte Jack und angelte sich einen neuen Whisky von Arthurs Tablett. 

  „Was für Geld?“

  „Ich glaube, unser Constabler ist merkbefreit“, spottete Willy. „Der Schwachmatiker kann ja nicht mal was von Zwölf bis Mittag behalten.“

  „Das Geld, das Eddie unserem konsularischen Ersatz-Casanova geklaut hat“, half Jack. „Dem Konsul, Mensch! Eddie hat es im Siel versteckt, aber als wir mit ihm hingingen, war es weg. Das kann nur dieser Irre gewesen sein. Oder hast du’s vielleicht?“

  „Wenn ich fünftausend Mark hätte“, sagte der Constabler, „würde ich an der Riviera weilen, statt mich hier mit euch rumzustreiten, ihr Teerflegel. Außerdem wisst ihr doch, dass der Irre bei Lady Nell im Hotel steckt, mit diesem Wärter, von dem man auch nicht weiß, ob er am Ende nicht noch verrückter ist als sein Patient. Warum geht ihr nicht einfach hin und schnappt euch den verdammten Grasaffen? Und den Wärter gleich dazu, als Dolmetsch.“

  „So einfach ist das nicht“, sagte Willy. „Du weißt doch, Nells Hotel ist extraterritoriales Gebiet. Man müsste den Kerl dort irgendwie rauslocken.“

  „Tja. Und dann ist noch die Frage, ob der Irre redet, so dass man’s auch verstehen kann“, sagte der Constabler.

  „Dem werd’ ich schon in die Schuhe helfen“, sagte Willy und spielte mit seinem Messer. „Wenn ich den erst mal nach meiner Methode behandelt habe, ist er kuriert, und zwar für alle Zeiten.“

  „Und wieso hast du die Sängerin in dieses Kellerloch gesperrt?“ fragte Jack den Ährlichen Hans. „Willy hat dir doch ausdrücklich gesagt, dass ihr sie anständig behandeln sollt. Das ist Lida Saati!“

  „Seit wann kümmert es dich denn, wie wir uns auf dem Kiez die Weiber zurechtbiegen?“ wunderte sich der Impresario und Bestattungsunternehmer und knetete die schwitzenden Hände.

  „Pass mal auf, du Kanaille!“ sagte Jack heftig. „Ich weiß nicht, wo sich die Saati jetzt aufhält, aber solltest du ihr noch mal zu nahe treten, mach’ ich Stadtgas aus dir!“

  „Ist ja schon gut, Jack“, sagte der Ährliche Hans, „hab’ verstanden.“

  „Vergiss es nicht!“

  „Ganz bestimmt nicht, Jack, beruhige dich nur.“

  „Dann ist da noch dieser Schreiberling“, sagte Jack. „Eine Kanaille, aber gefährlich. Diese Zeitungsschmierer machen immer einen Riesen-Himphamp, wenn man ihnen in die Quere kommt. Das können wir gar nicht brauchen.“

  „Ich kann ihm ja das Tauchen beibringen“, schlug Willy vor. „Langstrecke, bis zur Nordsee in drei Tagen.“

  „Geht leider nicht“, sagte Jack. „Dann fangen seine Kollegen an, dummes Zeug auf ihr Schiethuuspapier zu pinseln. Wir müssen uns schon was einfallen lassen. Ihn irgendwie ablenken, und dann die anderen…“

  Das Ablenken war aber erst einmal gar nicht nötig, denn als ich wieder zum „Tritonia“ kam, stürmte der Drechsler, Journalist und Autor proletarischer Gelegenheitspoesie Leo Wuttke vom „Hamburger Fremden-Blatt“ mir mit gesträubtem Schnauzbart entgegen. „Ha!“ rief dieser selbstberufene Apostel des Wortes zornig in den Wind, ohne mich zu bemerken. „Das ist also der Dank! Der Moor hat seine Schuldigkeit getan! Aber nicht so! Nicht so, werter Herr!“

  „Was ist denn passiert?“

  „Verrat! Das mir! Aber auch die Kugel in den Rücken wirft den Tapferen nicht um. Die Seele des wahren Dichters ist voller Narben wie die Haut des wahren Soldaten. Doch ich empfinde Zorn. Rache! Rache!“

  Im Hotel erfuhr ich: Der Grendel war nicht mehr. Er hatte sich aufgelöst, in sehr viel Seifenschaum und noch mehr Badewasser. Der wackere Irrenwärter Petersen hatte nicht mehr das Herz, seinem früheren Opfer und jetzigem Schützling Kanal-Kasi noch länger diese haarige Hülle zuzumuten, nur um tüchtig abzukassieren. „Ich konnte es einfach nicht mehr mit ansehen“, erklärte er mir im Speisesaal, während er ein kaltes Roastbeef herunterschlang. „Der Wuttke ist jetzt natürlich stinkig, er hat gesagt, ich torpediere den Freiheitskampf der Arbeiterbewegung, aber davon verstehe ich doch gar nichts, den armen Kasi hat’s immer so gejuckt, er hat sich schon überall aufgekratzt, und ausstellen mochte ich ihn auch nicht mehr, er ist doch ein Mensch!“

  Also hatte er dem Irren einen Zuber ins Zimmer bringen lassen und ihn höchstpersönlich von Kopf bis Zeh abgeseift, ihm die langen Zotteln ratzeputz abgeschnitten und den wilden Bart abrasiert, so gut das bei den vielen Pusteln, Schwellungen und Entzündungen möglich war. Jetzt lag das ausgediente Ungeheuer in seinem Bett wie in Abrahams Schoß und schlummerte süß, aber natürlich hatte Petersen die Tür abgeschlossen, denn der Grendel litt immer noch an Tobsuchtsanfällen und war dann selbst von seinem kräftigen Wärter nur schwer zu bändigen. Es war eben doch ein bisschen viel Ungeheuer für so ein kleines Stück Seife. Manchmal hörte man sein Geheul durchs ganze Hotel.

  Petersen hatte große Angst, dass die Polizei kommen und ihm den ehemaligen Grendel wegnehmen würde. Nur Nell, Onkel Johnny und ich durften Kasi sehen. Er lag im Bett wie ein unterernährter Strafgefangener, irgendwie war er das ja auch: ein Gefangener seiner Krankheit, der arme Kerl.

  Abends sah ich Onkel Johnny und Nell wieder über ihren Tellern diskutieren. Als sie mich bemerkten, fuhren sie mit rotgestrittenen Gesichtern auseinander. Sie sagten beide noch etwas, das ich nicht verstehen konnte. Mein Onkel Johnny stand auf und ging hinaus. Nell winkte mir, und ich setzte mich zu ihr.

  „Wo ist er denn hin?“ fragte ich neugierig.

  „Nachdenken“, sagte Nell. „Für so was brauchen Männer ihre Ruhe, sonst kriegen sie keine Ordnung in ihre Köpfe.“

  „Und worüber denkt er nach?“

  „Das wird er dir selber sagen. Jetzt iss erst mal was, ist noch genug da.“

  Ich schnappte mir einen sauberen Teller und angelte mir eine Karbonade, ich war nämlich nicht immer Vegetarierin, oh nein, in meiner Jugend war ich eine richtige fleischfressende Pflanze. Und während ich mit vollen Backen kaute, erzählte mir Nell, natürlich unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, so einiges über ihre Zeit mit Johnny, damals, vor zwanzig Jahren. Sie sagte mir gewiss nicht alles, aber immerhin so viel, dass ich mir den Rest selber zusammenreimen konnte. Einiges habe ich schon wiedergegeben, anderes werde ich noch zu berichten haben. Auch mit meinem naiven Jungmädchenverstand konnte ich sofort erkennen, dass die beiden auf eine Katastrophe zutrieben. Ihr Boot hing schon halb über dem Abgrund, und sie ruderten nach Kräften, aber nicht in Richtung rettendes Ufer, sondern immer weiter zum Wasserfall hin.

  Auch über meinen Eltern erfuhr ich so manches, was ich so nicht vermutet hätte. Wie viele junge Menschen neigte ich dazu, Vater und Mutter zu unterschätzen, nur weil ich nichts von der Zeit wusste, als sie so jung gewesen waren wie ich. Nicht nur Papa war, wie ich ja schon von Onkel Johnny gehört hatte, zu Jugendzeiten ein wilder Bursche, auch Mama hatte damals einiges zu bieten gehabt, „die Verehrer standen bei ihr Schlange“, wie Nell sich ausdrückte, und mehr als einmal hatte mein Vater sich für sie geschlagen, wenn andere Jungs vom Brook sie ihm ausspannen wollten, am heftigsten der bewusste Klaas Ridderkerk, genannt „Veermaster“, dem Urenkel der alten Schnapsbrennerin, von dem vorhin schon mal die Rede war.

  Zum Schluss bekam ich noch einige kostenlose Ratschläge. „Höre nicht nur auf dein Herz allein, lass auch dem Verstand seine Stimme“, sagte Nell. „Die Liebe ist wie die Elbe, man wagt sich leicht hinein, und dann fließt es köstlich um Knöchel und Knie, das Gefühl ist herrlich und unvergleichlich, aber wer zu schnell zu tief hineingeht, dem reißt die Strömung die Beine weg, und dann ist niemand mehr Herr seiner selbst, sondern wir werden fortgerissen von einer Macht, die stärker ist als wir. Da hilft es nicht mehr, wenn du noch so viel Kraft hast, du wirst aus deinem Leben hinausgeschleudert und weißt nicht, wo dich die Liebe wieder an Land spült, und manchmal trägt sie dich auch hinaus auf das weite Meer, und du kommst nie wieder zu dir. Und selbst wenn es einigermaßen glimpflich abgeht: Noch keiner hat sich in die Elbe gewagt und ist wieder an den Platz zurückgekehrt, an dem er losgeschwommen ist. Gegen diese Strömung kommt niemand an. Glaube mir, ich weiß, wovon ich rede! Wenn es bei dir einmal so weit ist, dass du dich ganz ins Leben stürzen willst – versprich mir, dass du das dann beherzigst, was ich dir gesagt habe.“

  „Ja“, sagte ich brav, aber sie merkte, dass nur mein Mund sprach, nicht auch mein Herz.

  Sie musterte mich misstrauisch, dann fügte sie hinzu: „Verlieb’ dich nur nicht zu früh! Ist der Apfel erst einmal gepflückt, kann er nicht mehr auf den Zweig zurück. Und ein verschenktes Frauenherz bleibt ewig fremdes Eigentum. Nur die Männer nehmen ihr Herz wieder zurück. Lass dich nicht berauschen, wenn das Blut pocht. Schöne Mädchen gibt’s in Hamburg viele, trotzdem ist und bleibt es eine Männerstadt. Hier gehen die Herzen gern mit dem Geld. Der Kaufmann ist nicht weit vom Krieger geboren, auch er ist ein Eroberer, nur erobert er mit Gold statt mit Gewalt. Die meisten Männer leben von der Kraft, und darin sind sie uns über. Taten, aber keine Tiefe. Wir Frauen müssen sie veredeln. Such’ dir einen, der es wert ist, damit du dich opfern kannst, ohne es zu bereuen! Ich bin nicht deine Mutter, aber ich meine es genauso gut mit dir wie sie. Wann willst du sie eigentlich mal wieder besuchen? Sie macht sich bestimmt Sorgen um dich.“

  „Ich komm schon zurecht“ erwiderte ich.

  „Besser wär’s, du würdest ihr das selber sagen. Warum fährst du nicht mal zu ihr?“

  Plötzlich tauchte Onkel Johnny wieder auf und legte einen Packen auf den Tisch. „Zieh das mal an“, sagte er wie ein Kapitän zu seinem Schiffsjungen. „Aber drösel nicht rum, Abfahrt ist in einer halben Stunde.“

  So machte er es immer, wenn er sich vor Erklärungen drücken wollte, das wusste ich schon, aber nicht mit mir!

  „Ay ay. Und wohin?“ Soviel wollte ich denn doch erst mal erfahren.

  „Sag ich dir, wenn wir unterwegs sind.“

  Also doch mit mir. Er schaute mich scharf an, und ich resignierte mal wieder. Seine Vorsicht verriet, dass er entweder meinem Mut oder meiner Verschwiegenheit misstraute. Folgsam wetzte ich auf mein Zimmer, packte aus und hielt komplett neue Matrosenkluft in der Hand. Tatsächlich Schiffsjunge! Dass der Salzwasserornat tadellos passte, sogar was die Beinlänge anging, sagte mir, dass Nell das Zeug eingekauft haben musste, und so war es auch, ein Mann hätte das nie so gut hingekriegt. 

  Im ersten Moment dachte ich, Onkel Johnny wolle tatsächlich mit mir in See stechen, aber unser Ziel war viel spannender, auch oder gerade weil es ganz in der Nähe lag.

  Schon als junges Mädchen kannte in unserer schönen Stadt so manche Ecke, von der das brave Bürgertum nichts ahnte, aber von „Störtebekers Gruft“ hatte auch ich noch nie gehört. Dieser seltsame Ort war kein Grab, befand sich auch nicht unter der Erde und hatte schon gar nichts mit Piraten zu tun, aber da geheimnisvolle Plätze ihr Flair gern bei alten Mythen borgen, lag die Namensleihe bei Hamburgs populärstem Halsabschneider nahe.

  Die große Insel zwischen Norder- und Süderelbe, auf der heute Wilhelmsburg liegt, wurde seit dem Mittelalter mühsam zusammengedeicht. Vorher tränkten und trockneten Strom und Gezeiten dort ein Binnendelta aus zahllosen Inseln und Inselchen, Sand- und Schlickbänken, überwuchert von versumpften Auwäldern, durch deren dichtes Kronendach im Sommer kaum ein Sonnenstrahl drang, und durchzogen von verzweigten Prielen, in deren Schlamm der Fuß wie in Treibsand versank. Als unsere Vorfahren die amphibische Landschaft urbar machten, ließen sie die kleine Peute in der Norderelbe aus. Erst nach dem Bau des Freihafens wurde auch das Inselchen aufgehöht und als Industriegebiet erschlossen, bis dahin aber wechselten in ihrem üppigen Erlendickicht Land und Wasser immer noch so unberechenbar wie in der Urzeit. Ein zehn Meter breiter Priel trennte die Insel in zwei Hälften. Er sah aus wie ein Sumpf voller Kröten, Frösche, Schlangen und Molche. Wenn der verschlammte Graben trocken fiel, bildete der Schlick ein unüberwindliches Hindernis, das man weder durchwaten noch mit dem Boot überqueren konnte. Genau in der Mitte ragte ein großer grauer Findling wie ein Elefantenrücken aus dem Wasser. Die Legende glaubt, dass dort die Vitalienbrüder ihre Schatztruhen vergraben hätten, aber das wird auch von vielen anderer Stätten in und um Hamburg erzählt. Einige Risse und Vertiefungen in dem Granit sahen von weitem wie Buchstaben aus, deshalb machte die Phantasie einen Grabstein aus ihm.

  Schon bei Tag konnte es einem dort unheimlich werden, wenn das hohe Schilf im Wind schwankte und die Flut im Priel schmatzte. Nachts aber ängstigte das Mondlicht die Einbildung mit Geistern und  Gespenstern, vor allem wenn Sturm die Erlen peitschte und das schwarze Wasser aufwühlte. 

  Ich setzte ich mir die Mütze schräg aufs Ohr und kam schneidig wie ein Viermaster in den Speisesaal gesegelt, wo Johnny mir aber etwas muffig entgegenblickte.

  „Nee“, sagte er, „das Haar muss unter die Mütze, sonst sieht man es doch!“

  „Ach, soll man das nicht?“ Ich zog ein Haarband hervor und verstaute meine Locken unter der blauen Wolle. „Besser?“

  „Besser“, bestätigte Onkel Johnny.

  Als Nells Jacht auf der Elbe schwamm, fragte er: „Kennst du Störtebekers Gruft?“

  „Der hat eine Gruft?“

  „Nee, die heißt nur so. Ist auch gar keine Gruft.  Du kennst doch die Peute?“

  „Ich weiß, wo sie liegt, war aber nie dort, da gibt’s doch nur Wald, und Schilf, was soll ich denn da?“

  „Ja, das frage ich mich auch“, erwiderte er rätselhafterweise.

  Ich ließ ihn schweigen. Nach einer Weile fing er wieder an: „Da gibt’s ’n Priel, und mittenmang liegt so’n großer Felsklotz, wie’n badender Elefant, und das ist Störtebekers Gruft, aber frag’ mich nicht, wer auf die Idee gekommen ist, mit Störtebeker hat das bestimmt nichts zu tun.“

  „Und wozu brauchst du mich da?“

  „Ich?“ antwortete er ziemlich ungnädig, aber nur, weil er sich Sorgen machte. „Ich brauch dich überhaupt nicht, damit du’s nur weißt!“

  Der Mond schlich sich aus den Wolken, die Scheibe war noch fast voll.

  „Warum nimmst du mich denn dann mit?“ erkundigte ich mich.

  „Weil Nell das so will“, sagte er grimmig. „Sie glaubt, dass es sicherer ist.“ Missmutig klemmte er sich dichter an die Pinne.

  „Ja, du wirst mir schon sagen, was ich tun soll“, meinte ich, nur um überhaupt etwas zu meinen.

  Er überlegte. „Vor allem pass gut auf!“

  „Jawohl. Auf wen oder was?“

  „Auf wen? Na, auf Jack natürlich!“

  Er hatte wirklich eine merkwürdige Art, einem so kitzlige Sachen beizubringen, das muss ich schon sagen.

  „Wir fahren zu Jack?“

  „Wir fahren nicht zu Jack, wir fahren auf die Peute, hab ich doch schon gesagt!“

  „Und Jack kommt auch hin?“

  „Ja, was denn sonst!“

  „Auf die Peute? Wieso denn?“

  „Ist der sicherste Platz“, erklärte er. „Falls Jack mich auf die Leimrute setzen will.“

  Es stellte sich heraus: Jack hatte Onkel Johnny ein geheimes Treffen vorgeschlagen. Ein Treffen unter vier Augen.

  „Warum nicht wieder beim Henker?“

  „Das wollte Jack nicht. Er will diesmal wirklich nur vier Augen. Ich hab’ ihm die Peute vorgeschlagen, weil wir da zu Zeiten unserer kleinen Piratenbande unser Beutelager hatten. Da staunst du wohl.“

  „Und ich? Soll ich die Augen zumachen?“

  „Von dir sagen wir ihm nichts. Auf unserer Seite steht eine kleine Fischerhütte, in der kannst du dich verstecken. Wir haben Zeit genug, das Treffen ist erst Mitternacht.“

  Als die Insel vor uns lag, schärfte er mir ein: „Wenn was passiert, läufst du zur Jacht, so schnell du kannst, und ab zu Nell, verstanden? Guck dich nicht um und hör auf nichts und niemanden, vor allem nicht auf Jack!“

  Mir wurde etwas mulmig, wie nun schon mehrere Male, wenn Onkel Johnny mir mit seinen sonderbaren Aufträgen kam. 

 „Was soll denn passieren?“ fragte ich, obwohl ich es mir natürlich denken konnte.

 „Weiß ich nicht“, brummte er. „Vielleicht will er sich mit mir duellieren. Ich hab’ keine Ahnung.“

  Endlich merkte er, dass er mich irgendwann doch einweihen musste, so schwer es ihm auch fiel, also sagte er: „Jack hat offenbar Druck. Ich glaube, die anderen Banden wollen, dass er mich vor der großen Schlacht loswird. Vielleicht denken sie, dass die ausländischen Gangs dann aufgeben, ich weiß es nicht. Er hat mir einen Zettel geschickt. Aussprache. Die Wahrheit über die Sache vor zwanzig Jahren. Er weiß genau, dass er mich damit am Haken hat. Ich bin ja auch deshalb zurückgekommen, um das rauszufinden.“

  „Du denkst, er will dich umbringen?“

  „Nelly glaubt, dass er mit mir Messer werfen will“, sagte er. „Deshalb hat sie darauf bestanden, dass du mitfährst. Wenn er wirklich mit so was anfängt, steckst du kurz mal den Kopf aus der Hütte. Dann wird er’s schon nachlassen, verstehst du? Komm aber erst raus, wenn ich es dir sage, verstanden?“

  „Nein.“ Ich hatte es wirklich noch nicht ganz kapiert. Wenn Jack so ein Schweinehund sei, was hindere ihn dann, auch mich umzubringen?

  „So lange er dich nicht sieht, kann er nicht auf dich werfen“, sagte mein Onkel mit der ihm eigenen Logik. „Und wenn er auf mich wirft, ist sehr die Frage, wer schneller ist. Du nimmst jedenfalls die Beine in die Hand. Sieh zu, dass du die Mütze nicht verlierst, dein Haar wird leuchten, dann trifft Jack auch im Dunkeln noch aus dreißig Metern. Lauf geduckt im Zickzack. Durch den Priel kann er nicht, die Flut setzt erst um drei Uhr ein, vorher muss er erst um die ganze Insel herumschippern, du hast also genug Zeit, abzuhauen.“

  Ich hörte mein Herz klopfen. „Warum ist Nell denn nicht selber mit?“ fragte ich, ich weiß nicht, ob mehr aus Angst oder aus Neugier.

 „Das wollte ich nun wieder nicht“, sagte mein Onkel. Er dachte wohl an seinen Traum von Nells Tod in dem schwankenden Wald, obwohl es hier keinen Tempel gab, oder etwa doch?

  „Und die anderen, Michel und so?“

  „Das kam nicht in Frage“, sagte er. „Ich weiß ja nicht, was Jack mir zu erzählen gedenkt. Michel und die anderen sind gute Freunde, weißt du, aber man kann nie sicher sein, was sie tun. Haste jetzt Schiet inne Büx?“

  „Nee. Du?“

  Er lachte kurz, wurde aber gleich wieder ernst. „Du musst nur nicht denken, dass das meine Idee war“, erklärte er, als wolle er sich entschuldigen. „Das hat sich Nelly ausgedacht. Ich wäre lieber allein gefahren. Mit Jack werde ich schon fertig, ich war immer schneller als er, und bin’s noch heute.“

  „Sei nur nicht zu sicher“, warnte ich und erzählte ihm von Jacks stadtbekannten Messerduellen in den „Sieben Sünden Sodoms“. Mein Onkel hörte sehr interessiert zu.

  „Jack war schon immer eine Spielernatur“, sagte er. „Bin wirklich gespannt, was er im Schilde führt.“

  Wir landeten an einem kleinen morschen Steg und tappten auf einem schmalen Knüppeldamm durch den Urwald. Käuzchen schrien, und der Vollmond legte Leichenfinger auf das Kronendach. Auf dem Boden blieb es trotzdem ziemlich dunkel, doch der Priel lag voll im Licht, der Geisterschein schwamm auf den Wellen wie verschüttete Milch. Die windschiefe Hütte stand einigermaßen hochwassersicher auf Plaggen, Ästen und Rindenstücken. Die Tür war in die Rückseite geschnitten, das einzige Fenster schaute zum Priel. Onkel Johnny hatte den Platz für das gefährliche Treffen gut gewählt.

  „Mach’s dir möglichst bequem, damit du’s leicht aushältst“, sagte er. „Ab jetzt keinen Mucks mehr! Vielleicht kommt Jack auch’n bisschen früher. Und dass du mir bloß nicht einpennst!“

  „Keine Sorge“, sagte ich. „Ich bin schon öfter mal länger aufgeblieben.“

  „Und pass auf, dass dir nicht die Beine einschlafen, auf tauben Füßen läuft sich’s immer so schlecht.“

  Er hockte sich vor die Hütte. Es war wieder so eine gewitterschwüle Nacht, ich fing mächtig an zu schwitzen, wahrscheinlich hatte ich doch ein bisschen Angst. Mein Onkel schwitzte noch schlimmer; ich spähte ein paar Mal im Mondlicht nach ihm und sah, wie er sich ständig den Schweiß von der Stirn wischte. Die Glocken von St. Katharinen läuteten Mitternacht. Ein paar Fledermäuse sausten über unseren Köpfen durch die Luft. Ich schaute ihnen nach, roch plötzlich Tabak – und als ich wieder aufs andere Ufer blickte, sah ich Jack. Er stand im hellsten Mondenschein wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Einer ziemlich bösen Welt, dachte ich. Wie ein Wiedergänger, ein Untoter, mit dem bleichen Gesicht und dem schwarzen Anzug, fast so blass wie Wandrahm-Willy.

  Onkel Johnny war aufgestanden. „Auch schon da?“ sagte er.

  „Du bist zu früh“, erwiderte Jack. In der Stille trug seine Stimme über den Priel, als stünde er direkt vor uns. „Hast du deine Fische dabei?“

  „Warum? Willst du werfen?“

  „Ich nicht, aber du.“

  „Wüsste nicht, warum.“

  Jack schmauchte genussvoll an seiner Virginia.  „Kannst du dir wohl denken. Das alte Messer hast du ja schon.“

  „Und?“

  „Und? Ich muss mich wundern, Johnny. Es war mein Messer, das in Constabler Flint steckte, nicht deins.“ Die Tabakwolken wehten wie Spinnweben durch das Geisterlicht.

  „Das weiß ich inzwischen auch.“

  „Du hast ja wirklich eine Schafsgeduld. Ich hab’ dich reingelegt. Aufs Kreuz gelegt.“

  Aber Onkel Johnny blieb kühl. „Ich dachte, du willst mir was Neues erzählen.“

  Da mein Onkel offenbar partout nicht wütend werden wollte, fuhr Jack größere Geschütze auf. „Einer von uns ist hier zu viel, Johnny. Hier in Hamburg, auf dem Brook, und bei Nell auch. Ich hab schon beim Henker gesagt, dass es besser ist, wenn du verschwindest. Aber du willst ja nicht hören.“

  „Beim Henker hast du ganz anders geredet. Da sollte ich noch bei dir einsteigen.“

  „Ja, beim Henker reden ja viele ganz anders, nicht wahr? Aber einsteigen willst du ja nicht. Also musst du jetzt Leine ziehen. Höchste Zeit. Hau ab, Johnny, so lange du noch kannst. Das Femeurteil habe ich erst mal ausgesetzt. Die Brüder Relf und die anderen Kerls, die sich als Rächer berühmt machen wollen, indem sie dich abmurksen, halten still, bis ich ihnen was anderes sage. Aber meine Leute werden langsam ungeduldig. Ich kann nicht dulden, dass du uns in die Quere kommst. Sie wollen, dass du dich entscheidest. Für uns oder gegen uns. So oder so. Und zwar jetzt.“

  „Ja, da bin ich mal aber gespannt, was du mir nun wohl raten wirst.“

  „Mir persönlich wär’s am liebsten, wenn wir’s mit den Messern klären“, sagte Jack und ließ seine Jacke aufgehen. Am Gürtel hingen seine Sheffieldnägel. Sein Gesicht schien fast weiß, in meiner Angst kam er mir vor wie eine Gruselgestalt, dabei war er es nur der Mondschein, Onkel Johnny und ich sahen vermutlich genauso tot und blutleer aus.

  „Das geht leider nicht“, antwortete mein Onkel, machte aber vorsichtshalber ebenfalls die Jacke auf.

  „Und warum nicht?“ fragte Jack. „Hast du die Hosen voll?“ Er grinste, was ihn noch unheimlicher machte.

  „Hab’s versprochen.“

  Jacks Zähne leuchteten. „Schlaue kleine Nell“, sagte er.

  „Lass Nelly aus dem Spiel!“ sagte mein Onkel scharf.

  „Du liebst sie immer noch“, sagte Jack. „Liebt sie dich auch?“

  „Frag sie das selber!“

  „Ja, das muss ich dann ja wohl mal tun. Wenn wir hier fertig sind.“

  „Wenn du mir was zu sagen hast, dann tu’s jetzt.“

  „Du hast immer auf dem hohen Ross gesessen. Hast getan, als wärst du der große Boss. Dabei war alles meine Idee. Ohne mich wärst du’n kleiner Raufbold geblieben.“

  Mein Onkel lachte kurz.

  „Ich wusste, was der Brook wirklich braucht“, fuhr Jack fort. „Du wärst nie darauf gekommen. Statt im großen Stil abzukassieren, wolltest du den guten Menschen spielen. Und was war der Dank? Billiges Schulterklopfen und dummes Salbadern. Wir hatten die Schrammen, und diese Hungerleider haben sich ins Fäustchen gelacht. Du Narr! Hier gab’s eine ganze Welt zu erobern, und du Schafskopf hast doch von diesen Habenichtsen weichklopfen lassen. Diese Versackten! Diese dreckigen Schlucker!“

  „Damals hast du nicht so geredet“, sagte mein Onkel ärgerlich.

  „Am Anfang habe ich noch gehofft, dass ich dich vielleicht auf den rechten Weg führen kann“, sagte Jack. „Aber irgendwann musste ich einsehen, dass bei dir Hopfen und Malz verloren ist.“

  „Und deshalb hast du dich mit Lando zusammengetan.“

  Jacks Virginia glühte. „Das war ja der Hauptfehler, dass du die Louis nur immer verdreschen wolltest, statt sie schön regelmäßig zu melken. Denen mal so’n paar Putten mit’n bisschen Moos wegzunehmen, das ist ja ganz hübsch, aber ’ne regelmäßige Beteiligung sieht dann gleich ganz anders aus.“

  „Damals wollten wir die Lumpenhunde vom Brook verjagen. Aber das hast du wohl vergessen.“

  „Vergessen? Wenn ich nicht gewaltig irre, habe ich das geschafft, und zwar ohne dich.“

  Onkel Johnny schnaubte verächtlich durch die Nase.

  „Ja, der Edelmut“, sagte Jack spöttisch. „Darin warst du immer ganz groß. Robin Hood. Der Rächer der Witwen und Waisen.“ Er nahm die dünne Zigarre aus dem Mund und spuckte ins Gebüsch.

  „Und deshalb hast du mit dem fetten Schwein gemeinsame Sache gemacht? Nur weil’s dir nicht passte, wie ich dachte?“

  „Ich hab’ dich die ganze Zeit wie einen Ochsen an der Nase herumgeführt.“

  „Darauf muss du nicht stolz sein. Ich hab’ dir vertraut. Wir waren Freunde. Wir waren wie Brüder.“

  Jack lachte. „Deinen kleinen Bruder hab’ ich damals auch sauber abgehängt, der kam ja am Schluss gar nicht mehr vor.“

  Ich merkte, dass es allmählich gefährlich wurde, denn mein Onkel geriet nun doch langsam in Zorn. „Lass Freddy aus dem Spiel!“

  „Oh, doch so empfindlich!“ höhnte Jack. „Ja, der kleine Freddy, den konnten wir nun wirklich nicht brauchen. Zum Glück hat er ja später nicht mehr gestört, wenn er nur erst mal sein Pfeifchen qualmen konnte.“

  „Du Lump!“

  „Sehr schön. Langsam kommst du in Fahrt. Ja, das waren bewegte Zeiten. Lando wollte dich umlegen, aber das wäre kein guter Stil gewesen, schließlich waren wir Freunde. Also hab’ ich mir was anderes einfallen lassen. Dieser Constabler Flint hatten wir schon lange auf dem Korn. Auch so ein Weltverbesserer. Der hätte mal lieber zur Heilsarmee gehen sollen.“

  „Und deshalb hast du ihn umgelegt?“

  „Ich bin ja nicht doof. Ich musste Lando nur dein Messer leihen. Dann holte ich dich ab, und die Louis machten ihre Zirkusnummer. Du bist prompt drauf reingefallen. Es war zum Totlachen. Fast hättest du geheult, du Flasche!“

  „Warum habt ihr mich nicht gleich umgebracht?“

  Jack zog wieder an seiner Virginia. „Tja, wäre vielleicht sogar besser gewesen“, sagte er dann. „Aber du warst ziemlich populär, auf dem Brook. Ein richtiger Volksheld. Da fand ich’s besser, die Sache Lando zu überlassen. Der war natürlich sauer, als ich ihn später trotzdem rauswarf. So, nun weißt du’s. Und jetzt wollen mir doch endlich sehen, wer’s besser kann, du oder ich.“

  „Und die Portugiesen?“

  „Die gut katholischen? Die waren natürlich eingeweiht, ist doch klar.“

  „Du hast gewusst, dass sie mich in China verkaufen?“

  „Was denn sonst! Glaubst du, ich wollte, dass du nach ein paar Jahren wieder nach Hause kommst? Die liebe kleine Nell war eine angenehme Beigabe zu meinem Plan, meinst du nicht? So. Ich finde, das reicht. Ich bin dann so weit. Jetzt solltest du endlich werfen, wenn du noch der Kerl bist, den ich mal kannte.“

  Er paffte noch einmal an seiner Zigarre und warf sie dann in die Büsche. Dann machte er etwas Merkwürdiges: Er bückte sich, nahm ein bisschen Erde zwischen die Finger und warf sie sich über die linke Schulter. Der alte Brauch der Landsknechte. Als ich meinen Onkel das Gleiche tun sah, bekam ich solche Angst, dass ich aus meinem Versteck tauchte.

  „Halt!“ rief ich durchs Fenster.

  Jack, der sich schon ein wenig abgeduckt hatte, erstarrte und richtete sich dann wieder auf. „Holla die Waldfee“, sagte er. „Ist das nicht die schöne Helena?“

  „Verflixt“, fluchte Onkel Johnny, aber ich merkte, dass er in Wirklichkeit erleichtert war. „Ich habe dir doch gesagt, dass du unten bleiben sollst, bis ich dich rufe!“

  „Nell will aber nicht, dass ihr euch gegenseitig umbringt“, sagte ich.

  „So hältst du also deine Abmachungen, Johnny!“ sagte Jack, jetzt selber wütend, da jetzt nichts mehr aus dem Kampf werden konnte.

  „Ich hab’s dir ja gleich gesagt, Nelly will nicht, dass wir uns werfen“, sagte mein Onkel zu ihm und gab mir einen ziemlich heftigen Seitenblick. „Es war ihre Idee, dass die Kleine mitkommen sollte.“

  „Eben sah’s aber nicht so aus, als ob du was dagegen hättest, dass wir die Sache hier zu Ende bringen“, sagte Jack. „Versteckst du dich jetzt hinter Weibern?“

  „Lass mal, Jack“, sagte Onkel Johnny. „Irgendwann holen wir’s nach.“

  „Nein! Wir machen es gleich jetzt und hier! Du Feigling! Schlappschwanz! Feiger Hund! Pfui!“

  Aber Onkel Johnny war wieder zur Vernunft gekommen. „Lass das, Jack“, sagte er. „Noch mal bringst du mich nicht auf die Palme. Du weißt, du hast nur einen Wurf. Zielst du auf mich, ist Helena weg und sagt Nell, was du getan hast. Zielst du auf sie, erwische ich dich. Aber egal, ich erwische dich so und so.“

  „Großmaul!“ rief Jack unbeherrscht. „Erst kneifen und dann das Maul aufreißen!“

  „Ich werd’s dir beweisen“, sagte Onkel Johnny ärgerlich.

  „So? Wie denn? Mit Worten?“

  „Komm mal raus, Helena“, sagte mein Onkel. „Stell dich hinten an die Ecke. Und wenn ich’s dir sage, klatschst du drei Mal in die Hände.“ Er wandte sich wieder Jack zu. „Du zielst auf den Fensterrahmen, und ich auf das Bäumchen da neben dir. Dann werden wir ja sehen, wer’s besser kann.“

  „Woher soll ich wissen, dass du’s ehrlich meinst?“ fragte Jack misstrauisch.

  „Denk doch mal nach!“ sagte mein Onkel. „Glaubst du, Nelly will, dass hier einer von uns auf der Strecke bleibt?“

  „Vorhin hat dich das aber auch nicht interessiert.“

  „Das war vorhin“, sagte Onkel Johnny. „Jetzt ist jetzt.“

  „Für’n Spielchen hätte ich die schöne Zigarre nicht wegschmeißen müssen“, murrte Jack.

  „Ich kauf’ dir ’ne neue.“

  „Also los“, sagte Jack. Er suchte sich wieder festen Stand und öffnete und schloss er ein paar Mal die Hände. Auch Onkel Johnny balancierte sich aus.

  Ich drückte mich hinter die Hütte und schielte vorsichtig um die Ecke. Mein Herz klopfte wie verrückt. Erst jetzt merkte ich, wie doll ich Onkel Johnny liebte. O Gott, dachte ich, gib, dass nichts passiert!

  „Was’n los, Helena“, sagte mein Onkel, „fang schon an!“

  Zögernd klatschte ich in die Hände.

  Onkel Johnny richtete sich wieder auf. „Warte mal“, sagte er zu Jack, der sich ebenfalls entspannte, und dann zu mir: „Schön laut, dass wir’s auch gut hören können. Feste in die Händchen gepatscht, und dreimal nacheinander, schön gleichmäßig! Hast du Angst? Es ist doch nur ein Spiel!“

  Ich nickte und versuchte mich konzentrieren. Die beiden stellten sich wieder auf. Ich klatschte in die Hände – einmal, zweimal. Beim dritten Mal warfen sie, und ich zuckte zusammen, denn Jacks Messer schlug surrend in den Fensterrahmen neben meinem Onkel ein. Onkel Johnnys Waffe konnte ich nicht gleich entdecken, sie steckte aber mitten im Stamm einer dünnen Erle auf der anderen Seite des Priels.

  Jack musste sich nur ein bisschen zur Seite drehen, um Onkel Johnnys Sheffieldnagel aus dem Holz zu ziehen. Höflich warf er es mit dem Griff voran über das Wasser zurück. Mein Onkel fing es auf und machte mit Jacks Messer das gleiche.

  „Na, was sagst du?“ fragte er Jack.

  „Unentschieden“, antwortete Jack.

  „Kannst Recht haben.“

  „Tja dann“, sagte Jack, fingerte eine neue Zigarre aus dem schwarzen Anzug und riss ein Streichholz an.

  „Und was haben wir jetzt davon?“ fragte Onkel Johnny. „Jetzt sind wir jetzt genauso schlau wie vorher.“

  „Nein“, sagte Jack. „Ich bin ein bisschen schlauer.“

  „Herzlichen Glückwunsch“, sagte mein Onkel, und zu mir: „Komm, wir gehen.“

  „Denk dran, was ich dir gesagt habe“, rief Jack unzufrieden.

  Wir ließen ihn stehen, schauten uns gar nicht mehr um. Als wir wieder im Boot saßen und nebeneinander an der Pinne hockten, räusperte sich Onkel Johnny ein paar Mal und sagte dann: „Dass du Nelly nichts davon erzählst!“ 

  „Dass wir hier waren?“ fragte ich verwirrt. „Aber sie weiß doch…“

  Der Vollmond verkroch sich hinter den Wolken, und mein Onkel musste fix aufpassen, um nicht gegen irgendwelches Treibholz zu schippern, das im Frühling häufig auf der Elbe schwimmt. „Sei nicht so dumm!“ sagte er. „Du sollst ihr nicht erzählen, dass es ernst geworden wäre, wenn du dich nicht eingemischt hättest.“

  „Ach so. Tut dir das denn leid?“

  „Jedenfalls hätte es nicht sein dürfen. Hab’ die Beherrschung verloren. Wollte Jack einfach nur kalt machen. Ich dachte, diese Zeiten lägen hinter mir.“

  „Verstehen könnte man’s ja, nach dem, was der Schuft dir angetan hat“, versuchte ich ihn zu trösten. „Da wär’ der Frömmste wütend geworden.“

  „Er wollte mich aus der Ruhe bringen, und das hat er auch geschafft.“ Der Wind mallte, und wir mussten halsen.

  „Er hat dich ans Messer geliefert, dich an euren größten Feind verraten, dir einen Polizistenmord angehängt und dich auf den Portugiesen gelockt, der dich in China verkaufen sollte! Es wäre nur gerecht gewesen, wenn dieser Schweinehund endlich seine Strafe gekriegt hätte!“

  „Wenn du so denkst, warum bist du denn dann nicht unten geblieben?“

  „Weil ich Angst hatte“, gab ich zu.

  „Hast wohl gedacht, dass Jack schneller ist als ich?“ Gekonnt brachte Onkel Johnny die Jacht wieder auf Kurs.

  „Ja, so ungefähr.“

  „Hättest du aber nicht haben müssen.“

  „Wieso? Ihr habt doch gesagt, unentschieden – also hätte er dich genauso erwischen können wie du ihn.“

  „Ja, haben wir gesagt. War aber nicht so.“

  „Wie war es denn?“ staunte ich.

  „Hast du’s nicht gehört?“

  „Nein, was denn?“

  Der Wind briste.

  „Die Einschläge“, sagte Onkel Johnny. „Ich war ’ne Viertelsekunde schneller als er. Wär’s ernst gewesen, wär’ Jack jetzt tot.“

  Ich staunte.

  „Das konnte er natürlich nicht zugeben“, sagte mein Onkel. „Schon gar nicht vor dir.“

  „Vor mir?“

  „Ja. Du warst doch als Nellys Augen und Ohren dabei.“

  „Ach so“, sagte ich.

  „Für ihn war das vermutlich so, als hätte Nelly selber danebengestanden.“

  „Nell wollte mich dabeihaben, damit dir nichts passiert!“

  „Hast du gedacht, was? Danke schön. Nein, es ist genau anders rum. Nelly hat dich mitgeschickt, damit Jack nichts passiert.“

  „Was?“

  Er seufzte. „Ich glaube, Nelly denkt wirklich, ich bringe Jack bei der ersten passenden Gelegenheit um, nur damit ich sie heiraten kann“, sagte er bedrückt. „Stell dir das bitte mal vor!“

  „Das kann nicht sein“, widersprach ich. „So würde Nell nicht denken.“

  „Hoffentlich nicht“, lenkte er ein. „Aber wenn sie tatsächlich so gedacht hätte – fast hätte sie damit sogar recht gehabt!“

  „Sie hätte dir gar nicht böse sein können“, sagte ich überzeugt. „Nach dem, was Jack auf dem Kerbholz hat…“

   „Das musst du auch nicht alles so nehmen, wie er es sagt“, erklärte Onkel Johnny.

  „Wieso, stimmt das etwa nicht? Glaubst du, Jack lügt?“

  „Ja, weißt du – Jack ist sehr stolz. Und stolze Männer lügen nicht gern. Schon gar nicht, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Aber Jack wollte mich unbedingt auf die Palme bringen, und da hat er vielleicht nur das gesagt, was mich wütend machen sollte.“

  „Ach so“, sagte ich wieder. „Und was hat dich dann so wütend gemacht?“

  „Hast du nicht mitgekriegt, wie Jack von Nelly sprach? Da habe ich sie plötzlich wieder vor mir gesehen, wie sie damals aussah, als ich sie verlassen musste, so jung, und zart, und hilflos, noch ein halbes Kind. Und das hat Jack auf dem Gewissen: dieses junge Mädchen! Dafür könnte ich ihn wirklich umbringen. Dass du mir jetzt aber bloß den Schnabel hältst, verstanden? Kein Wort darüber zu Nelly, sonst setzt’s was! Sie macht sich schon genug Sorgen.“

  „Um dich“, fügte ich hinzu.

  „Um mich?“ Der Mond war endgültig hinter den Wolken verschwunden, auch kein Stern ließ sich noch blicken, es hing eine richtige schwüle Dunstglocke in der Schwärze über uns, wie im Maschinenraum eines Dampfers, wenn’s auch noch die Notbeleuchtung erwischt hat.

  „Ja klar“, sagte ich.

  „Du quasselst zu viel. Schluss jetzt! Am besten, du vergisst alles gleich wieder. Mag sein, dass sie sich Sorgen um mich macht. Aber vor allem macht sie sich Sorgen um ihren Jungen. Sie haben doch einen Sohn!“

  „Was, Nell und Jack?“

  „Das weißt du nicht? Sie halten es wohl ziemlich geheim. Führen so eine Art Doppelleben. Die Woche über steckt der Knabe in irgendeinem Internat, und am Wochenende spielen sie ihm die einträchtigen Eltern vor. Also, kein Wort!“

  Später sagte er noch: „Jetzt ist’s allmählich so, wie wenn du auf einen Berg steigen willst, und kommst auf einem Haufen Geröll, und der bröckelt dir unter den Füßen weg. Trotzdem muss man seinen Weg gehen, da hilft alles nichts.“

 

 

 

 

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