Tod vor Chinas Toren

Montag, 3. Dezember 2012

Heute vor 460 Jahren starb der hl. Franz Xaver, der Begründer der Jesuitenmission


"So habe ich viele Kinder, die sozusagen rechts und links nicht unterscheiden können, von der Schuld befreit. Die Kinder ließen mich nicht zum Stundengebet, nicht zum Essen und Schlafen kommen, bevor ich ihnen nicht irgendein Gebet beigebracht hatte."

Der Bericht des hl. Franz Xaver (1506-1552) über seine vielen Taufen stammt aus einem Brief an den hl. Ignatius von Loyola und zeigt auch: Das Stundengebet steht bei dem Begründer der jesuitischen Weltmission noch vor dem Essen und Schlafen an erster Stelle der lebensnotwendigen Dinge.

Es ist eins von vielen Zeugnissen aus einem abenteuerlichen Leben. Geboren als Sohn eines königlichen Ratsherrn auf Schloss Javier im nordspanischen Navarra, erlebt Franz Xaver als Kind die völlige Verarmung seiner ursprünglich wohlhabenden Familie durch die Kriege zwischen Frankreich und Spanien – jenen Konflikt, dem sein Orden seine Gründung verdankt.   

Kaum eine andere religiöse Gemeinschaft wird in der Öffentlichkeit so kritisch auf- und wahrgenommen wie die „Societas Jesu“ (SJ). Jesuiten tragen keine Kutte, kennen keine Klöster. Ihr Gründer ist ein Spieler, Raufbold und Frauenheld. Sie sind die Erfinder des Kadavergehorsams, arbeiten oft illegal und gelten als Allzweckwaffe des Vatikans: Für viele sind die Jesuiten die geheimnisvollste, aber auch umstrittenste Ordensgemeinschaft der Welt.

Die erfolgreichste und hingebungsvollste sind sie allemal: Als Missionare durchwandern sie Urwald und Wüste, als Märtyrer bezeugen sie ihren Glauben bis aufs Blut. Ihren Gegnern schicken sie zuweilen fanatische Haufen auf den Hals, ihre Schützlinge aber verteidigen sie auch gegen Kaiser und König. Als beichtväterliche Ratgeber lenken sie die Mächtigen der Welt, als weise Lehrer schulen sie die berühmtesten Philosophen.

Die Geschichte des Ordens beginnt mit einer französischen Kanonenkugel aus jenem Krieg um das Königreich Navarra: Am 20.Mai 1521 verwundet sie in der spanischen Festung Pamplona den zwanzigjährigen Offizier Iñigo López de Loyola am Bein. Der tapfere Baske, dreizehntes Kind seiner adeligen Eltern und am Hof des königlichen Großschatzmeisters aufgezogen, ist für ein flottes Leben bekannt: hohe Einsätze beim Glücksspiel, jede Menge Duelle, allnächtliche Gelage mit anschließender Schürzenjagd, bis die Polizei kommt.

Das Krankenlager nervt den rastlosen Jüngling. Aus Langeweile blättert er in der einzigen Lektüre, die sich finden lässt: dem „Leben Christi“ des Kartäusermönchs Ludolf von Sachsen, meistgelesenes Buch des Mittelalters, und der kaum weniger populären „Goldene Legende“ des Jacob von Vorago mit ihren wundersamen Kurz-Bios der bekanntesten Heiligen.

Die frommen Traktate krempeln den Patienten völlig um. Nach seiner Genesung zieht er als Einsiedler in die Wildnis, bis ihm in einer Vision die göttliche Dreifaltigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist erscheint. Aus mystischem Licht empfängt er die Gnade höherer Erkenntnis. Er verfasst „Geistliche Übungen“, pilgert als Bettler ins Heilige Land, studiert Theologie, nimmt den Namen des berühmten Heiligen Ignatius an und gründet 1534 am Pariser Montmatre mit sechs Gefährten eine Gemeinschaft, die sich „Gesellschaft Jesu“ – lateinisch „Societas Jesu“ – nennt.

Der neue Orden ist kein Selbstgänger: Schon an der Universität von Salamanca hat die gefürchtete Inquisition den bekehrten Basken verhört – nicht etwa als Ketzer, sondern wegen „religiöser Schwärmerei“. Feinde verhöhnen die neuen Mönche als „Jesuiten“, doch der Spottname gefällt Ignatius so gut, dass er ihn offiziell übernimmt. In Deutschland wird die Abkürzung „SJ“ später zu „Schlaue Jungs“ umgedeutet - ein Kompliment: Jesuiten übernehmen die schwierigsten Aufgaben, und in Diskussionen gleich welchen Themas sind sie kaum zu schlagen.

Auch andere Orden geloben Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam, die Jesuiten aber verpflichten sich viertens zum absoluten Gehorsam gegenüber dem Papst – so, „als ob sie Leichen wären“ („ac si cadaver essent“). Dieser willenlose „Kadavergehorsam“ macht sie in der Zeit der großen Entdeckungen und der Glaubenskriege zur Elitetruppe der katholischen („weltumspannenden“) Kirche:

Im 16.Jahrhundert verkünden Jesuiten das Evangelium in Indien, China und Amerika. Franz Xaver ist der erste. Er studiert 1525 in Paris Theologie, schließt sich 1533 dem charismatischen Ordensgründer an, empfängt 1537 in Venedig die Priesterweihe, hilft 1539 in Rom bei der Formulierung der ersten Ordenssatzungen und wird zum Begründer der Jesuitenmission: Als päpstlicher Legat segelt für 1542 nach Goa, wo er 30.000 Menschen tauft. Dann erzählt er den Perlenfischern von Travancore an der Südspitze Indiens von Jesus. 1545 ist er in Malakka (heute Malaysia), 1546 auf den Molukken und 1549 in Japan.

1552 landet Franz Xaver auf der Insel Sancian vor der großen Handelsstadt Kanton, doch die Chinesen lassen ihn nicht ins Land. Begleiter lassen ihn im Stich. Von Kummer und Enttäuschung verzehrt, stirbt er am 3.Dezember 1552, heute vor 460 Jahren. Sein Leichnam wird nach Goa überführt, sein rechter Arm wird auf dem Franz-Xaver-Altar der Jesuitenkirche Al Gesu in Rom bis heute als Reliquie verehrt. Sein Werk aber stirbt nicht mit ihm, die Jesuitenmission knüpft an die einstigen Erfolge der Apostel an, vor allem in Südamerika: Dort schützen die Mönche Indios vor den weißen Eroberern, gründen dazu in Paraguay sogar einen Jesuitenstaat.

Frommer Fanatismus bleibt den Jesuiten nicht fremd: Im 17.Jahrhundert tragen Jesuiten die Gegenreformation des Vatikans in evangelisch gewordene Länder. In Polen und Litauen hetzen sie den Mob auf protestantische Kirchen. 1717 pauken sie sogar ein neues Gesetz durch das polnische Parlament, das den Abfall vom katholischen Glauben mit dem Tod bestraft.

Im 18.Jahrhundert gründen Jesuiten überall in Europa Schulen für Adelssöhne, aber auch arme Kinder als mögliche künftige Priester. Zu ihren Zöglingen zählen etwa der Philosoph Rene Descartes oder die großen Aufklärer Voltaire und Denis Diderot. Doch der Orden bleibt umstritten. Die wachsenden Einflussmöglichkeiten der Mönche wecken Widerstand, seine Hauptwaffe ist Verleumdung: Die Jesuiten seien machthungrig, habgierig und intrigant, bedenkenlos in ihren Methoden und verlogen in ihrer Moral, heißt es.

Besonders die Fürsten der Feudalzeit fürchten die frommen Mönche, die nur Gott und den Papst als Autorität anerkennen. Zugleich lockt die Monarchen der reiche Ordensbesitz: 1759 werden die Jesuiten aus Portugal, 1764 aus Frankreich, 1767 aus Spanien vertrieben, ihre Vermögen von der Krone kassiert. Viele Lügen und Verdrehungen der Verfolgungszeit werden bis heute immer wieder aufgewärmt.

Im 19. Jahrhundert prägt der Jesuitenpater Gustave-Xavier de Ravignan (1795-1858), dessen Predigten durch ihre Bündigkeit beeindrucken, das bis heute populäre Wort, die größte Leistung des Teufels bestehe darin, erreicht zu haben, dass man ihn leugne.

Deutschlands Jesuiten werden 1872 des Landes verwiesen, erst 1917 dürfen sie zurückkehren. Die Nazis rechnen die Mönche wie die Freimaurer unter die „Volksschädlinge“. Der im KZ Plötzensee ermordete Pater Alfred Delp zählt zu den großen Märtyrern der NS-Zeit, andere Jesuiten büßen im „Pfarrerblock“ des KZ Dachau für ihren Glauben. Papst Paul VI. gab dem Orden Order, besonders den Atheismus zu bekämpfen. Heute zählt der Orden in Deutschland noch 400 Mitglieder – mit neuen Aufgaben: Im Februar 2008 fordert Papst Benedikt XVI. von den Jesuiten vor allem Unterstützung bei der Verteidigung katholischer Bastionen gegen den Zeitgeist, etwa im Verhältnis zu anderen Religionen, aber auch in Fragen der Sexualmoral.

Aber auch in anderen Weltgegenden lässt sich das Christentum in seiner spirituellen Kraft vom modernen Materialismus zunehmend stören. Der indische Jesuit Anthony de Mello (1931-1987) etwa klagte: „Die besten Dinge des Lebens sind uns geschenkt. Dinge wie das Sehvermögen, Gesundheit, Liebe, Freiheit und das Leben selbst. Schade nur, dass wir uns an ihnen nicht recht erfreuen. Wir sind zu sehr von dem Gedanken gelastet, dass wir nicht genug von sehr nebensächlichen Dingen besitzen: wie Geld, gute Kleider und Ruhm.“

Die „Societas Jesu“ zählt weltweit 18.815 Mitglieder in 125 Ländern: 13.305 Priester, 2295 Scholastiker (künftige Priester vor dem endgültigen Gelübde), 1758 Brüder und 827 Novizen. Das Durchschnittsalter beträgt 57,5 Jahre. Viele Jesuiten arbeiten in Schulen und Universitäten, andere kümmern sich um Arme und Flüchtlinge.

Die Ausbildung zum Jesuiten beginnt nach dreitätigen Kurzexerzitien mit dem zweijährigen Noviziat in einem speziellen Noviziatshaus. Zentrale Prüfung sind 30-tägige Exerzitien zur intensiven Seelenerforschung. Zum Schluss geloben die Novizen Armut, Keuschheit sowie Gehorsam. Wer Priester werden will, studiert anschließend Theologie. Nach etwa zehn Jahren folgt das vierte und letzte Gelübde des Gehorsams gegenüber dem Papst.  

 

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