„Lieber zehn notorische Esel als ein Genie“

Montag, 3. Dezember 2012

Das Wort vom Sonntag

Hermann Hesses "Unterm Rad" weckt Erinnerungen an die eigene Kindheit, trotz der bitteren Geschichte zum Glück meist positive: Es waren für die meisten doch, bei allen Krisen und Enttäuschungen, überwiegend schöne Jahre. Treffend das Urteil des Dichters über bestimmte Formen der modernen Theologie: "Die träumerische Mystik und ahnungsvolle Grübelei war von diesem Ort verbannt, verbannt war auch die naive Herzenstheologie, welche über die Schlünde der Wissenschaft hinweg sich der dürstenden Volksseele in Liebe und Mitleid entgegenneigt. Statt dessen wurde hier mit Eifer Bibelkritik betrieben und nach dem 'historischen Christus' gefahndet, der den modernen Theologen zwar wie Wasser vom Munde, aber auch wie ein Aal durch die Finger gleitet." Dazu auch: "Denn das Leben ist stärker als der Tod und der Glaube ist mächtiger als der Zweifel." Über das Hebräische: "Die seltsame, uralte Sprache Jehovas, ein spröder, verdorrter und doch noch geheimnisvoll lebendiger Baum … In seinen Zweigen, Höhlungen und Wurzeln hausten, schauerlich oder freundlich, tausendjährige Geister..." Über das Neue Testament: "...wo es zarter, lichter und innerlicher zuging und dessen Sprache zwar weniger alt und tief und reich, aber feiner und von einem jungen, eifrigen und auch träumerischen Geist erfüllt war." Über die Odyssee: "...aus deren kräftig wohllautenden, stark und ebenmäßig dahinströmenden Versen gleich einem weißen runden Nixenarm die Kunde und Ahnung eines untergegangenen, formklaren und glücklichen Lebens emporstieg." Treffend auch die Kritik am Steißtrommlertum: "Ein Schulmeister hat lieber zehn notorische Esel als ein Genie in seiner Klasse, und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, akkurate Geister heranzubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner."

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Gott setzt der Freude kein Maß - das tut nur die Welt.

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In „Das Wort zum Sonntag“ sagt die Frankfurter Pastoralreferentin Verena Maria Kitz über die Katastrophe von Titisee: „Ich glaube, nichts kann unbegreifliches Leid erklären oder rechtfertigen. Ich kann auch Gott nicht erklären. Ich kann nur davon reden, wie ich versuche, mit dem Leid irgendwie zu leben. Mir helfen zum Beispiel die alten Adventslieder. Die singen nicht von Glanz und Gloria, die beklagen das himmelschreiende Leid, das Menschen aushalten  müssen: ‚Hier leiden wir die größte Not. Vor Augen steht der ewig Tod‘, heißt es in einem Adventslied aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Und sie klagen Gott an: ‚Wo bleibst du Trost, der ganzen Welt,  darauf sie all ihr Hoffnung stellt?‘ Aber sie flehen auch zu Gott: ‚Oh komm, ach komm, vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal!‘ Sie haben gespürt: Hier auf der Erde finden wir keine Erklärung, keinen wirklichen Trost. In ihrer Not rufen sie zum Himmel, mit ihrer Klage, aber auch mit ihrer Sehnsucht nach Trost und Sinn.“

5 Mose 32,7: „Gedenke der vorigen Zeiten!“

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Morgen feiert die katholische Kirche das Gedenken der hl. Barbara (+306). Zu ihrem Todestag am 4. Dezember werden Barbarazweige von Apfel- und Kirschbaum ins Wasser gestellt, so dass sie zu Weihnachten blühen. Oft hängen Wunschzetteln daran: Erfüllung winkt dem, dessen Zweig als erster aufbricht, denn in der Gefangenschaft soll die Heilige einen verdorrten Ast zum Blühen gebracht haben. Ihr Name bedeutet „die Fremde“, doch entfremdet ist sie vor allem ihrem Vater, dem reichen Griechen Dioskuros aus Nikomedia, heute Izmit in der Türkei. Weil sich das ungewöhnlich schöne und kluge Mädchen gegen seinen Willen taufen lässt, sperrt sie der Wüterich in einem Turm, lässt sie grausam foltern und schlägt ihr am 4. Dezember 306 mit seinem Schwert den Kopf ab. In späteren Legenden erscheint ihr Christus, Engel verhüllen ihre Nacktheit und sie rettet ihre Stadt vor einem Vulkan. Das Mittelalter zählt sie zu den Vierzehn Nothelfern gegen Krieg, Hungersnöte und Pest. Im Rheinland wird sie zur Begleiterin des hl. Nikolaus. Französische Seeleute nennen die Pulverkammern ihrer Schiffe „St. Barbe“. Reliquien der Heiligen finden sich im berühmten „Eibinger Reliquienschatz“ der Wallfahrtskirche St. Hildegard und St. Johannes der Täufer, den einst die hl. Hildegard von Bingen im hessischen Rheingau zusammentrug. Die Heiligtümer werden seit 1929 in einem vergoldeten Schrein aufbewahrt und 1933 in letzter Sekunde aus einem verheerenden Feuer gerettet. „Barbara ist für uns moderne Menschen ein Beispiel für die Beständigkeit im Glauben“, sagt der Grevenbroicher Theologe Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti, „zu Weihnachten sind die blühenden Barbarazweige Symbol für das ‚Licht der Welt‘, das im Jesuskind sichtbar wird.“

Patronate der hl. Barbara sind Schlesien, Bergbau und Bergleute, Geologen, Türme, Architekten, Maurer, Steinmetze, Zimmerleute, Dachdecker, Bauarbeiter, Elektriker, Festungsbauer, Artillerie, Militär, Gefangene, Bauern, Metzger, Köche, Gießer, Glöckner, Schmiede, Feuerwehrleute, das Technische Hilfswerk, Totengräber, Hutmacher.

Attribute: Turm mit drei Fenstern, Kelch und Hostie, Fackel oder Schwert, Palmzweig, Krone.

Nach dem Volksglauben hilft Barbara gegen Gewitter, Feuersgefahr, Fieber, Pest und plötzlichen Tod. Mädchen baten sie früher um eine gute Todesstunde. Barbara zählt zu den Vierzehn Nothelfern.

Wetterregel: „St. Barbara mit Schnee, im nächsten Jahr viel Klee.“ 

Namensformen: Babette, Bärbel, Barbe, Barbora, Barbro, Bascha, Basia, Borbála, Rabab, Warwara.           

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Im Fernsehen die Aufzeichnung einer Aufführung der "Hérodiade" Jules Massenets aus der Wiener Staatsoper mit Placido Domingo als „Johannes der Täufer“. Besonders beeindrucken die Resignation des Sterndeuters Phanuel ("Gut! Also hofft nicht, geht euren Weg weiter"), die Hingabe Salomes ("Geliebter Prophet, könnte ich leben ohne dich?") und die dämonische Racheforderung der Herodias ("Seinen Kopf will ich!") Das Libretto nach Gustave Flaubert hält einige Überraschungen bereit: Salome liebt den Täufer, der sie auf mystische Liebe zu lenken sucht. Herodes verurteilt Johannes aus Eifersucht zum Tode. Als Salome erfährt, dass Herodias ihre Mutter ist, erdolcht sie sich. Bedrückend, wie Herodias den König und Gemahl durch Erinnerungen an gemeinsame Glückszeiten (Liebe und erste Küsse am "dunklen Tiber") zum Todesurteil bewegen will. Alles überragt der Auftritt des Heiligen im 3.Satz: "Ich habe nur eine Waffe: das Wort." - "Gott richtet seinen Blick nicht auf die Intrigen der Könige." - "Die Apostel, deren letzter Seufzer noch ein langer Schrei der Liebe ist." Letzter Höhepunkt ist die Klage der frommen Salome, die bei Massenet nicht Tänzerin, sondern Jüngerin ist, an ihre Mutter: "Nimm dein Blut und mein Leben zurück." Musik und Libretto schildern diesen Teil der biblischen Heilsgeschichte als antike Tragödie. Rom konnte erst erobert werden, nachdem es christlich geworden war; das heidnische Rom musste militärisch unbesiegt bleiben und durfte nur dem Glauben unterliegen, damit sich die Macht des Evangeliums umso eindrucksvoller erweise.

 

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