Kapitel 46: Ein nächtliches Gespräch

Mittwoch, 5. Dezember 2012
„Schluss mit der elenden Ausbeuterei“: Hohe Brücke, alte Waage und Neuer Krahn 1885. © Museum für Hamburgische Geschichte

  Als wir ankamen, ging er gleich zu Nell. In meinem Zimmer war es so stickig, dass ich mich wieder mit meinem Bettzeug auf den Balkon verzog. Vielleicht war ich auch einfach nur neugierig. Prompt kamen auch Nell und Onkel Johnny raus. Ich hielt die Luft an und lauschte, ich muss es zugeben, diesmal belauschte ich sie mit voller Absicht. Nach dem Abenteuer an Störtebekers Gruft wollte ich unbedingt wissen, wie sie denn nun wirklich zueinander standen. Ich habe noch nie jemandem davon erzählt, aber heute schäme ich mich nicht mehr dafür, und hoffe, es wird auch nicht als Indiskretion aufgefasst – es gehört ja doch zur Geschichte, ist sogar ein wichtiger Teil von ihr.

  Onkel Johnny hatte Nell schon erzählt, jedenfalls so viel er ihr erzählen wollte. Sie war ziemlich aufgeregt und sagte: „Nein, Johnny. Nein! Nichts mehr von Liebe, oder von Glück, oder von Zukunft. Wir dürfen nicht. Ich kann nicht. Mein Herz ist dafür nicht gemacht. Es gehört dir, hat immer nur dir gehört, aber du darfst es dir nun nicht mehr nehmen. Verstehst du das nicht? Kannst du es, willst du’s nicht verstehen? Ich kann es dir nicht besser erklären, du musst es schon auch selber fühlen. Ja, ich liebe dich, wie ich dich immer geliebt habe – aber diese Liebe darf sich nicht mehr erfüllen. Nie mehr. Liebe kann nur ewig sein, wenn sie rein bleibt, rein von Eigensucht, rein von Schuld. Und unsere Liebe soll rein sein, soll ewig sein. Willst du das denn nicht auch? Unsere Liebe soll frei sein, und frei bleiben! Sie soll nicht unter einem schlechten Gewissen niedergedrückt sein, und sie soll sich auch nicht vor dem Gerede der Leute fürchten müssen!“

  „Das Gerede ist mir ganz egal“, hörte ich meinen Onkel sagen. „Warum sollen wir unsere Zukunft, unser ganzes Glück von der Meinung fremder Leute abhängig machen? Mein Herz sagt mir nicht, das es falsch ist, wenn wir uns lieben. Und mein Gewissen sagt mir nicht, dass es irgendjemand auch nur das Geringste angeht, was wir tun. Wir sind frei, unsere Liebe ist frei, und unsere Herzen sind ebenfalls frei. Es ist ja übrigens gar nicht unsere Entscheidung, wir lieben uns ja nicht, weil wir das so wollen, sondern wir lieben uns, ob wir das wollen oder nicht. Wenn‘s den Christengott wirklich gibt, dann hat er uns ja wohl gerade dazu geschaffen, dass wir uns lieben.“

  „Ja, dass wir einander lieben, ist nicht unsere Entscheidung“, sagte Nell, „aber es ist unsere Entscheidung, was wir daraus machen. Der liebe Gott hat uns ja nicht nur die Möglichkeit geschenkt, zu lieben, sondern auch die Fähigkeit, Richtig und Falsch zu unterscheiden, und nicht einmal so sehr mit dem Verstand, der uns da ganz schön irreführen kann, sondern vor allem mit dem Gefühl. Hast du ein anderes Gewissen als ich, oder sagt die Stimme ganz tief in deinem Innern etwas anderes als das, was ich im Herzen höre? Ich glaube, du hörst nur nicht richtig zu, oder hörst nur, was du hören willst. Sei einmal ganz ruhig und still, lausche einmal dem Engel in deiner Seele, dann weißt du schon, was ich meine.“

  „Das weiß ich auch so, Nelly“, sagte Onkel Johnny. „Aber was soll mir denn das mit dem Engel, und mit der Seele! Das ist wie beim Grübeln, wer zu viel in sich hineinhört und das Offenkundige kompliziert macht, kommt seiner inneren Wahrheit ja keineswegs näher, sondern entfernt sich vielleicht sogar von ihr. Wir sind fähig zu lieben, wir sind fähig zu entscheiden, also entscheiden wir uns für die Liebe! Wir tun damit ja niemandem weh. Wir nehmen auch keinem etwas weg. Sondern wir nehmen uns, was uns gehört, und immer gehört hat. Glaubst du denn gar nicht an Schicksal? Das Schicksal hat uns zusammengebracht. Wir waren schon immer füreinander bestimmt. Sollen wir uns dagegen wehren, nur weil wir durch eine böse Sache getrennt wurden, weil die Umstände gegen uns waren, weil wir so viel Pech gehabt haben? Und sollen wir jetzt klüger sein wollen als das Schicksal, das uns wieder zusammengebracht hat, oder edler? Nein, gerade weil uns das Schicksal wieder zusammengebracht hat, müssen wir versuchen, zusammen zu bleiben. Und wehe dem, der sich uns in den Weg stellt! Wenn der liebe Gott nicht gewollt hätte, dass wir uns wiedersehen, warum hat er es dann denn zugelassen? Ich glaube sogar, er hat es bewirkt. Warum denn dieser Traum, der mir so viel Angst eingejagt hat? War das nicht ein Zeichen? Du hast Angst, das sehe ich ein, wir sind ja auch noch lange nicht im Hafen – aber wenn das hier vorbei ist, dann wirst du mir recht geben.“

  „Nein, Johnny!“ sagte sie beschwörend. „Ja, ich habe Angst, aber vor etwas ganz anderem, als du denkst. Ich habe Angst davor, dass wir unsere Liebe zerstören. Niemand kann unsere Liebe zerstören, nur wir selbst. Können wir denn mit unserer Liebe offen und frei vor die Menschen treten? Hast du denn vergessen, wo wir hier sind, in einem Versteck, im Geheimen, im Verborgenen, im Dunklen wie zwei Sünder, auch wenn wir gar nicht sündigen? Was wird denn geschehen, wenn wir auch das noch tun? Man wird sagen, ich sei eine Ehebrecherin, und du würdest nur gegen Jack kämpfen, weil er mich nicht freigeben will. Und wenn es wirklich zu dieser Schlacht kommt, wird es heißen, du hättest mitgemacht, um bei dieser Gelegenheit einen Rivalen um die Ecke zu bringen. So ist es doch! Ich bin aber keine Schöne Helena, um die man Krieg führt, und eine ganze Stadt in den Klumpatsch haut. Es wird ja dort nicht bloß ein paar blutige Köpfe geben, das weiß du genau. Jack macht ernst, und du bist nicht anders. Es wird Tote geben. Ich will nicht, dass mich die Leute hassen, weil sie denken, dass sie wegen mir ihre Männer oder ihre Söhne verloren haben. Ich will nicht, dass es heißt, all das Böse sei geschehen, weil ich eine Ehebrecherin bin. Ich will nicht, dass die Weiber auf die Straße ausspucken, wenn sie mich sehen. Und sie würden das tun, verlass dich drauf!“

  „Wenn du dich vom Gerede der Leute abhängig machst, wirst du nie glücklich werden“, erwiderte er. „Ich kann verstehen, dass du so denkst, und dass dir bange ist. Aber dann brauchen wir über Freiheit nicht mehr zu reden. Das ist dann ja nicht ein freier Entschluss, und noch nicht mal die innere Stimme, dann ist es ja nur die Konvention, oder die öffentliche Moral. Darauf pfeif’ ich! Die sollen uns mal Moral predigen, dieses Pack, diese Kerle, diese Schlumpen und Stromerinnen, die bloß faulenzen, saufen und tratschen, und kreuz und quer in die verwanzten Betten steigen! Und Jack darf schon gar nichts über Ehebruch sagen.“

  „Das kannst du doch gar nicht vergleichen“, sagte Nell. „Ein Mann, der seine Frau betrügt, bleibt hier in Hamburg unzweifelhaft ein Ehrenmann, er gewinnt sogar noch an Respekt, und anderswo ist’s genauso. Aber eine Frau, die ihren Mann betrügt, ist liederlich, die ist überall auf der Welt eine Dirne! Natürlich werden sie mir das nicht ins Gesicht sagen. Das walte Gott! Aber sie werden es denken, und was noch schlimmer ist: Ich werde wissen, dass sie es denken. Ich werde den Rest meines Lebens immer wieder versucht sein, vor diesem Gesindel die Augen niederzuschlagen. Nein, Johnny. Alles, aber das nicht! Dazu bin ich zu stolz. Und ich habe mein Schicksal auch nicht so viele Jahre ertragen, um jetzt auf so eine erbärmliche Weise zu scheitern.“

  „Alles, was du sagst, bedeutet, dass ich Jack umbringen muss, wenn ich dich zurückhaben will“, sagte Onkel Johnny erregt. „Und ich will dich wiederhaben, Nelly, denn ich kann ohne dich nicht mehr leben. Ich konnt’s in China, aber nur bis zu diesem Traum, danach nicht mehr. Das Schicksal hat zum zweiten Mal einen Knoten in unsere Leben gemacht, jetzt sind sie zusammengebunden, und nichts kriegt sie wieder auseinander, nicht mal der Tod! Ich will lieber draufgehen aus dich aufgeben, und ich lieber verhasst oder verflucht sein als dich noch einmal verlieren!“

  „Wir werden aber nicht bloß verhasst und verflucht sein, wir werden verachtet sein, verstehst du das nicht!“

  „Dann lass uns fortgehen, Nelly. Jetzt gleich, für immer. Deinen Jungen nehmen wir mit. Ich werde ihm ein guter Vater sein. Wir gehen nach London, wir werden uns schon durchschlagen, oder nach Indien, ich hab’ da ein paar Verbindungen, du wirst schon sehen. Niemand kennt uns, niemand will was von uns. Lass sie hier reden, was sie wollen – und dort wird keiner was wissen. Hauptsache, wir sind zusammen!“

  „Du weißt doch selber ganz genau, dass das nicht geht. Selbst wenn wir beide es ertragen könnten, mit einem schlechten Gewissen zu leben, mit der Erinnerung an eine solche Lumperei – ja, so ein Davonlaufen wäre eine Lumperei, auch wenn es aus Liebe ist! Glücklich würden wir doch nicht werden. Aber noch viel schlimmer ist’s, einem Jungen den Vater nehmen, den er liebt. Und er liebt Jack, glaub’ mir das, er liebt Jack, wie ein Sohn seinen Vater nur lieben kann. Ich glaube fast, er liebt ihn mehr als mich. Willst du von mir verlangen, dass ich meinen Sohn unglücklich mache, um selber glücklich zu sein? O Johnny, ich habe solche Angst, dass du irgendwie mit Jack aneinandergerätst, und dein Messer … o Gott! Es wäre schrecklich. Ich könnte dich nicht mehr ansehen.“

  „So wenig liebst du mich?“ rief er mit schmerzerfüllter Stimme. „Wär’s dir wirklich lieber, wenn Jack mich umbringt? Ich soll unsere Liebe sterben lassen, damit dein Sohn nicht leidet? Nein, das kannst du nicht von mir verlangen.“

  „Ich liebe dich, Johnny, und ich werde dich immer lieben, was auch geschieht“, sagte Nell. „Ich werde dich lieben, wenn Jack dich umgebracht hat, und ich werde dich sogar lieben, wenn du Jack umgebracht hast. Daran darfst du niemals zweifeln. Aber ich könnte dir dann nicht mehr in die Augen sehen. Ich würde immer ein Gespenst darin sehen, das Entsetzliche, das Grauen – mich selbst. Weiß ich denn, ob ich mich über Jacks Tod nicht freuen würde? Über den Tod des Mannes, dessen Sohn, dessen Kind ich zur Welt gebracht habe? Wer wäre ich dann? Eine Mutter, die sich über den Tod des Vaters freut, um ihren Geliebten heiraten zu können? Hamburg ist schlimm genug, aber selbst diese gemeine, verlogene Stadt würde aufschreien vor Empörung – und noch schlimmer: vor gerechter Empörung! Diese Stadt der Lügner, der Heuchler, der Betrüger, der Ehebrecher – sie würden ihre ganze Schuld auf mich abladen. Sie würden mich für das verdammen, wofür sie sich selbst nicht verdammen wollen. Und ich soll das ertragen? Nein, Johnny! Es gibt nur einen Weg, der nicht in Schuld und Schande führt: Wir müssen auf einander verzichten. Wir können uns in Gedanken lieben, ganz tief im Herzen, und in der Seele, und ich schwöre, dass ich dir immer treu sein werde, mein ganzes Leben lang – aber umarmen dürfen wir uns nicht. Wir dürfen uns niemals nahe sein, niemals wieder Herz an Herz liegen. Versprich mir das!“

  „Das kann ich nicht“, sagte er. „Alles in mir zieht und drängt mich zu dir. Ich kann keine Stunde leben, ohne an dich zu denken. Du bist alles, was ich will. Ich kann nicht aufhören, dich zu lieben, komme was will.“

  „Dann versprich mir wenigstens, dass du uns niemals in Versuchung führen wirst“, drängte sie. „Ich bin nicht so stark, wie du vielleicht denkst. Wenn du mich nur so ansiehst, du weißt schon wie – dann zittern mir die Knie, und ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Nutz das nicht aus, Johnny. Du würdest alles zerstören. Denn wenn ich jetzt täte, was ich dann tun möchte – ich wäre nicht mehr die Frau, die ich jetzt Gottseidank noch immer bin.“

  „Es wird nichts geschehen, was du nicht selber willst, Nelly, das verspreche ich dir.“

  „Nein, Johnny! Nicht so – anders sollst du es sagen: Versprich mir, nein – schwöre mir, bei allem, was dir heilig ist! Schwöre mir, dass du niemals versuchen wirst, anders zu handeln, als ich es jetzt von dir verlange. Jetzt, hörst du? Wie ich es jetzt will, nicht später, irgendwann, wenn ich schwach bin! Denn dann werde ich vielleicht einverstanden sein. Jetzt aber bin ich noch ganz ich selbst, und habe dir meinen Willen gesagt, und du hast mich verstanden. Jetzt! Jetzt!“

  „Ich kann aber nicht gegen mich selbst schwören, Nelly. Bitte verlange das nicht von mir, ich bin nicht stärker als du. Aber die Liebe, die ist stärker als wir beide, glaube mir! Wenn wir zusammen sind, so wie jetzt, und die Liebe kommt – wie soll ich dann etwas tun, was selbst du nicht mehr tun kannst? Wie soll ich dann stärker sein als du? Ich bin doch ein Mann, wie kann ich dann wohl meine Gefühle besser kontrollieren als eine Frau, eine Frau mit so viel Kraft und Charakter wie du? Nein, das kann ich dir nicht schwören. Immer wenn ich dich sehe, ist es mein einziger Wunsch, dich in meinen Armen zu halten, und das wird sich niemals ändern.“

  „Sprich nicht mehr davon! Wir müssen damit leben, aber wir wollen das gegen ankämpfen, so gut und so lange wir können. Aber eines weiß ich genau: Wenn wir es nicht schaffen, werden wir beide untergehen.“

  „Dann lass uns untergehen, Nelly. Lass uns untergehen, hörst du? Lass uns einander umarmen und dann untergehen. Jetzt gleich, Nelly! Mir ist’s lieber, der Sturm fegt gleich los, als dass ich mit schlappen Segeln in der Flaute treiben muss, bis endlich passiert, was ja doch passieren muss. Und es wird passieren, glaub’ mir, das hab’ ich im Gefühl, es geht gar nicht anders. Das Schicksal macht ja keine dummen Späße und mischt solche Karten, ohne dass sie dann auch gespielt werden sollen. Die Frage ist nur, wann. Und ich habe keine Lust, darauf zu warten, dass jemand die erste Karte auf den Tisch legt. Lieber knall’ ich sie selber hin. Da! Ich hätt’s auch schon längst tun sollen, es kam ja bloß leider immer noch was zwischen, erst der arme Freddy und die blöde Geschichte mit dem Opium, dann dieser Husar mit der kleinen Schwester, und der gute Jack zieht auch schon alle Register. Am besten wär’s wirklich, es heißt nun doch endlich Er oder Ich, aber so, dass keiner was dafür kann. So als Fügung des Schicksals, unausweichlich, höhere Mächte, dass man sich keine Vorwürfe machen muss. Und dann soll das Schicksal, das uns diese Sache eingebrockt hat, halt auch entscheiden, wer überlebt und wer nicht, und wer was hinterher kriegt. Glaub’ aber nicht, dass ich dann nicht verflixt aufpasse, dass ich es bin, der nachbleibt. Ich hab’ nicht den Ehrgeiz, vor lauter Edelmut ins Gras zu beißen, damit dein Junge den Papa behält.“

  Nell schwieg kurz, dann erwidertet sie: „Pass gut auf, dass du nicht plötzlich selbst diese höhere Macht bist, die das Unausweichliche herbeiruft! Man kann sich da leicht betrügen. Das Schicksal, das ist so was Blindes, Unheimliches, mit Schwert und verbundenen Augen die Göttin der Gerechtigkeit, nur ohne Gerechtigkeit. Wenn es zuschlägt, ist’s egal, was du machst, hinterher ist doch immer Tod, Stille, dumpfe Verzweiflung und brütende Schuld. Ausweglosigkeit. Ende. Auf ewig verloren. Hoffnungslos, wie im Theater, wenn sie die griechischen Tragödien spielen.“

  „Ja, aber was will das Schicksal von uns?“ fragte er wie verzweifelt. „Dass wir uns opfern? Ja, wofür denn – dafür, dass Jack triumphiert, und künftig die ganze Stadt tyrannisieren kann? Ich war bei deinem Bebel, und ich war beim Pastor, die wollen beide, dass wir die Polizei machen lassen. Diese Ahnungslosen! Die wissen wohl wirklich nicht, dass am Sonntag nicht bloß die Polizei, sondern gleich die Armee kommt, und alles über den Haufen schießt. Es wird ein Blutbad geben, wenn wir’s nicht verhindern. Und wie verhindern wir’s? Jack wird sich nicht mit guten Worten abhalten lassen. Wenn er mit diesem Konsul zusammensteckt, ist es wahrscheinlich sogar sein Plan, dass es auf dem Brook knallt.“

  „Um das zu verhindern, willst du Jack umbringen? Und anschließend mit mir vor den Altar?“

  „Ich will, dass es gerecht zugeht, in der Welt, und dass wir uns dafür einsetzen. Darum geht’s doch! Und um unsere Liebe. Es ist Liebe, Nelly, es geht um Gefühle, Himmelsmacht, dagegen ist doch gar kein Kraut gewachsen! Ich darf gar nicht mehr darüber nachdenken, es macht mich wahnsinnig!“

  „Dann denke nicht mehr darüber nach, Johnny. Ich tu’s auch nicht mehr. Wir wollen gar nicht mehr darüber sprechen. Tun wir, was wir dürfen, und was wir nicht dürfen, das tun wir nicht. Etwas anderes bleibt uns ja gar nicht übrig.“

  „Nein, Nelly, das ist nicht meine Art. Ich habe schon zu lange gewartet. Ich muss jetzt was tun, sonst zerspringe ich. Ich kann nicht länger Zickzack fahren, und ich kann mich jetzt auch nicht mehr um die anderen kümmern, auch nicht um irgendwelche entführte Polenmädchen, so leid’s mir tut. Ich muss wieder geraden Kurs steuern, und mich um meine Sache kümmern, und meine Sache, das bist du, ob du willst oder nicht.“

  „Was wirst du also tun?“ fragte sie bang.

  „Ja, wenn ich das wüsste! Von dir habe ich ja bisher nur gehört, was ich nicht tun soll. So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben, und wird es nicht bleiben. Irgendwas wird passieren, muss passieren, und dann wird alles anders sein. Das Schicksal ist ja nicht bloß wie so’n riesiges Rad, das über alles hinwegrollt. Ich seh’s mehr wie einen Würfelbecher, es schüttelt sich jeden Tag, und immer kommt was anderes bei raus.“

  „Wenn man’s mit dem Verstand betrachtet, mag man gar nicht glauben, dass es einen Gott gibt, der das alles genau so wollte, wie es bei uns auf dem Brook ist“, sagte Nell. „Für mich sieht es viel eher so aus, als hätten es Menschen gemacht. Deswegen mochte ich irgendwann auch nicht mehr an einen Gott glauben, der das alles irgendwann in Ordnung bringt. Aber dass Menschen das wiedergutmachen können, was andere Menschen verbrochen haben, davon war ich immer überzeugt. Ich glaube nicht, dass unser Pastor viel tun kann. Ich glaube aber, dass Leute wie Bebel, die sich für die Arbeiter und für die Armen und für die Frauen einsetzen, dass die auf dem Brook was ändern können. Dass sie Schluss machen können mit der elenden Ausbeuterei, und mit dem Hunger, und den vielen Krankheiten, und mit den ganzen anderen Erscheinungen, die alle nur von der Verzweiflung kommen, mit der Sauferei, der Herumtreiberei, dem Glücksspiel, dem Rauschgift, dem Prügeln und dem ganzen Jammer, der zum Himmel schreit. Ich glaube nicht, dass wir das der Kirche überlassen sollen.“

  „Ich glaube an Gott“, sagte mein Onkel, „aber ich glaube nicht, dass wir alles auf ihn abwälzen sollten. Wir müssen selber was tun. Aber was, das sagt er uns nicht, er sagt immer nur, was wir nicht machen sollen, und auch das nicht mal so ganz genau, außer in den Zehn Geboten.“

  „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.“

  „Das habe ich mir schon gedacht, dass du das jetzt anbringst“, sagte er ärgerlich. „Du bist aber nicht meines Nächsten Weib, Nelly. Du bist mein Weib, verstehst du? So wie ich dein Mann bin, jedenfalls vor der Liebe, und damit doch wohl auch vor Gott, wenn er die Liebe ist. Wenn Gott die Liebe ist, muss er auch auf unserer Seite sein. Wenn er’s aber nicht ist, dann soll er uns gefälligst machen lassen. Wenn Gott die Liebe ist, steht er über allem. Ist er aber nicht die Liebe, dann steht die Liebe über ihm. Für mich ist die Liebe die letzte und höchste Instanz, und alles, was ich tue, leg’ ich ihrem Urteil vor.“

  „Wie du redest! Ich glaube fast, du denkst wirklich so. Nein, Johnny: Stell die Liebe nicht über das Gesetz von Gut und Böse.“

  „Glaube doch wenigstens an uns selber, Nelly! Gott liebt die Tüchtigen, seien wir also tüchtig und tun wir was! Du hast schon Recht, wir müssen höllisch aufpassen, dass wir auf nichts reinfallen, was vom Teufel kommt – aber tun müssen wir was, sonst kann Gott nicht zufrieden sein. Ich glaub’ nicht, dass er bloß da oben Wolken schiebt. Er wird sich schon genau anschauen, was wir tun. Und wenn er die Liebe ist, wird’s ihm am besten gefallen, wenn wir so handeln, wie Liebende nun mal handeln.“

  „Aber wie handelt die Liebe? Ich kann’s dir sagen: Die Liebe liebt am wenigsten sich selbst. Sie liebt, indem sie gibt. Vor allem strebt sie nicht nach Erfüllung auf Kosten anderer. Liebe opfert sich selbst, nicht den anderen oder gar Dritte.“

  „Ja, dann opfere aber auch du nicht mich! Eine Liebe, die sich selber opfert, ist gewiss die edelste aller Seelenkräfte, wahre innere Größe – aber sie ist göttlich, wie Jesus, nicht menschlich. Sie ist ein Ideal, ungefähr so wie die Bergpredigt. Der Missionar, der mich damals in China wieder hochgepäppelt hat, hat’s mir mal erklärt. Was Jesus in der Bergpredigt sagt, soll uns auf den rechten Weg führen, aber nicht zu einem irdischen, sondern zu einem himmlischen Ziel. Er meinte, dass es zwei Möglichkeiten für das Ende der Welt gebe: Entweder die Religion geht unter und auch noch der letzte Gläubige verliert den Glauben an Gott – oder alle Menschen leben eines Tages so, wie Jesus es in der Bergpredigt sagt. In beiden Fällen gibt es keinen Grund mehr, mit der Menschheit weiterzumachen. So lange aber noch eine einzige Seele zu retten ist, dreht die Welt sich weiter.“

  „Hoffentlich sind unsere Seelen noch zu retten, Johnny“, sagte sie leise.

  Dann gingen sie wieder hinein, und ich dachte: O Gott, wenn das die Liebe ist, wenn das alles so groß ist und so schwer und so hoch über dem Menschen, dann wundert’s mich nicht mehr, dass man sie eine Himmelsmacht nennt. Da muss man ja Angst haben. Und ich nahm mir ganz fest vor, mich nie so zu verlieben, dass ich dabei den Kopf verlor.

  Schon ein paar Stunden später merkte ich, dass das leichter gesagt als getan war.



 

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