Die Odyssee der bunten Königin

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Vor 100 Jahren, am 6.Dezember 1912, birgt der Berliner Ägyptologe Ludwig Borchardt in den Ruinen von Achet-Aton bei dem Dorf Tell-el-Amarna das „lebensvollste ägyptische Kunstwerk“: die Büste der Nofretete.

Sie ist schön, sie ist rätselhaft, sie ist unvergleichlich, unersetzlich, unbezahlbar - und vielgereist: Kein anderes Kunstwerk von Rang wechselte so oft den Ort, kein anderes brachte eine solche Odyssee hinter sich wie die zwanzig Kilo schwere Kalksteinkönigin aus der geheimnisvollen Gottesstadt am Nil.

Nomen est omen: „Nofretete“ heißt „Die Schöne ist gekommen“, und das trifft ungewöhnlich häufig zu: In knapp hundert Jahren legt die elegante Exotin 5500 Kilometer zurück, steht, liegt und lagert sie an 14 verschiedenen Stationen, mal für Jahrzehnte, mal nur für ein paar Tage, stets aber unter umfassenden Vorsichtsmaßnahmen, oft geheim und zuweilen in größter Gefahr.

Dabei beginnt die Karriere des kostbaren Kunstwerks eher profan: Ihre Geburtsstätte ist die staubige Werkstatt des altägyptischen Oberbildhauers Thutmosis. Der Künstler, dessen Name „Liebling des guten Gottes“ bedeutet, lebt 1343 v.Chr. in der Boom-City Achet-Aton am mittleren Nil.

Die neue Residenz des Ketzerkönigs Echnaton, in wenigen Jahren aus dem Wüstenboden gestampft, ist das Mekka eines neuen Sonnenkults, und Thutmosis wird zum gefeierten Kunstrevolutionär jener bewegten Zeit: Er bricht abrupt mit den starren Formen frömmelnder Tradition und zeigt die zuvor stets zu Göttern hochgestylten Herrscher erstmals in ihrer wahren Gestalt.

Der Pharao hat einen Bauch und dicke Schenkel, seine Frau schiefe Schultern und einen Schwanenhals. Weil die neue Hauptstadt jede Menge Statuen braucht, wird die Werkstatt schnell zur Kunstfabrik. Als Vorlage für viele fleißige Mitarbeiter stellt Thutmosis einen Modellkopf der Königin in die Mitte seiner Lehmziegelhalle: Nofretetes Gesichtszüge sollen auf allen Produkten seiner Manufaktur exakt übereinstimmen.

Mit Echnatons Tod geht auch die erste monotheistische Religion der Welt unter. Die Stadt wird aufgegeben und ausgeplündert. Die Kopiervorlage für Porträtbüsten der früheren Königin interessiert keinen Schatzsucher, unbeachtet verschwindet der kolorierte Kopf unter Schutt und Sand.

Zweite Station wird Alexandria. Am Nikolaustag 1912 birgt der Berliner Ägyptologe Ludwig Borchardt (1863-1938) in den Ruinen von Achet-Aton bei dem Dorf Tell-el-Amarna das „lebensvollste ägyptische Kunstwerk“: „Etwa in Kniehöhe vor uns im Schutt wurde ein fleischfarbener Nacken mit aufgemalten Bändern bloß“, berichtet der frohe Finder. Das Bildnis „war fast vollständig, nur die Ohren waren bestoßen und im linken Auge fehlte die Einlage.“

Nach damaliger Gesetzeslage werden die Funde der deutschen  Grabungskampagne zwischen Ägypten und dem Kaiserreich aufgeteilt. Borchardts Finanzier, der Berliner Kunstmäzen James Simon (1851-1932), verstaut das körperlose Model sorgsam in einer Holzkiste und segelt mit der köstlichen Fracht 550 Kilometer auf dem Nil bis nach Alexandria.

Dort wird das königliche Kunstwerk 1913 hurtig auf ein Seeschiff verladen: Man fürchtet Ägyptens Reue über den Handel bei der Aufteilung der Schätze. Kurze Zeit später steht die huldvolle Herrscherin als Dauerleihgabe auf dem Kamin in Simons Villa an der Tiergartenstraße, in der heute die Landesvertretung Baden-Württembergs sitzt.

Borchardt besteht darauf, dass die Büste nichts für die Augen der Öffentlichkeit sei. Nur ausgewählte Besucher wie Wilhelm II. dürfen sie bewundern. Die Kaiserzeit bringt der antiken Adelsdame allerhöchsten Respekt entgegen: Der stolze Ägyptologe nennt die Büste nur „I.M“ – „Ihre Majestät“.

Der jüdische Kunstmäzen Simon hat das Nilland als Baumwollhändler kennengelernt und denkt pragmatisch: Ihm ist es eine Verpflichtung, seine Freude an der Schönen mit möglichst vielen Menschen zu teilen. 1920 schenkt er die polychrome Porträtplastik mit den anderen Objekten aus Tell-el-Amarna dem Freistaat Preußen.

1924 darf die einäugige Exotin endlich alle Berliner begeistern – als glanzvoller Mittelpunkt der ersten Tell-el-Amarna-Ausstellung im Neuen Museum. Es ist die vierte Station einer Reise, die noch Jahrzehnte andauern wird.

Der Zweite Weltkrieg sieht die Stein gewordene Hauptfrau des gescheiterten Religionsstifters auf der Flucht: 1939 rettet sie sich in Kiste Nr.24 vor den ersten Fliegerbomben in den Tresor- und Sicherheitstrakt der Reichsbank an der Jägerstraße. 1941 übersiedelt sie in Saal N 11 des Flakturms Zoo („Gustav“) im Tiergarten, und im März 1945 wird sie vor dem Russen nach Thüringen in den Stollen des Salzbergwerks Merkers evakuiert.

Dort finden sie die Amerikaner, ihre achte Station wird Wiesbaden: Am 17. April 1945 karren US-Soldaten die Schätze aus der Kali-Grube über Frankfurt zu ihrem „Central Collecting Point“, der Kunstsammelstelle in der hessischen Landeshauptstadt. Auf der Kiste steht „Die bunte Königin“, nächster Bestimmungsort ist die „National Gallery of Art“ in Washington, D.C.

Doch der Direktor der Sammelstelle, der Architekt und Kunstschutzoffizier Walter Ings Farmer (1911-1997) aus Ohio, verhindert mit einer Protestnote an US-Präsident Harry Truman den Abtransport in die USA und organisiert eine Ausstellung:  Am 12. Mai 1946 zeigt das Hessische Landesmuseum Wiesbaden die Funde aus dem inzwischen von der Roten Armee besetzten Bergwerk einem hungernden, aber tief beeindruckten Publikum.

Nofretete bleibt zehn Jahre lang am Rhein, dann folgt die zehnte Station: Am 22. Juni 1956 wird die „bunte Königin“ in das inzwischen geteilte Berlin zurückgebracht. Der Bombenkrieg hat die Gebäude auf der Museumsinsel zu siebzig Prozent zerstört, und der Wiederaufbau lässt das Neue Museum links liegen: Die Ruine gilt als „Schandfleck“, die Preußenhasser der SED wollen sie sogar ganz abreißen lassen.

Elf Jahre lang findet Nofretete in der Gemäldegalerie des Museums in Dahlem ein Westberliner Asyl, dann geht es weiter zur elften Station: Am 10. Oktober 1967 wird die längst weltweit bewunderte Monarchin vom Mittelnil strahlende Attraktion des Ägyptischen Museums Charlottenburg. Ihre neue Heimat, der Östliche Stülerbau, errichtet von Friedrich August Stüler an Schloßstraße und Spandauer Damm, diente einst der Gardes du Corps als Kaserne. Jetzt hält dort eine Königin vor Millionen Besuchern Hof.

Fast vier Jahrzehnte später, am 1. März 2005, ist die schöne Sonnenanbeterin für fünf Monate das große Glanzstück der Ausstellung „Hieroglyphen um Nofretete“ im Kulturforum Berlin zwischen Landwehrkanal und Potsdamer Platz. Erhaben blickt das wie mit Kajal konturierte Auge auf eine rote Neonschrift: „All art is contemporary“ – „Kunst ist immer zeitgenössisch“. Für den damaligen Direktor des Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung, Dietrich Wildung, scheint die halbmeterhohe Schöne zu sagen: „Ich war einmal zeitgenössisch und bin immer noch aktuell.“

Am 13. August 2005 kehrt Nofretete endlich auf die Museumsinsel zurück, allerdings nur auf Zwischenstation im Alten Museum. Erst am 16. Oktober 2009, mit der Wiedereröffnung des Neuen Museums, steht sie endgültig wieder an der Stelle, an dem ihre geheimnisvolle Schönheit die Berliner und dann Besucher aus aller Welt zum ersten Mal in ihren Bann zog. 

Was der Büste blüht, wenn sie etwa nach Ägypten zurückgegeben und nach einem Machtwechsel am Nil islamistischen Fanatikern in die Hände fällt, lässt sich am Beispiel der von den Taliban gesprengten Buddhastatuen im afghanischen Bamiyan unschwer erahnen. In Ägypten lag Nofretete die längste Zeit im Sand begraben, in Achet-Aton herrschte sie nur dreizehn Jahre, in Berlin sind es nach so vielen Unterbrechungen jetzt immerhin schon netto 86.

Ägyptens Schätze

Ägypten ist reicher an Kunst- und Kulturschätzen als jedes andere Land der Alten Welt. Die wichtigsten:

Die Pyramiden von Gizeh. Das älteste und imposanteste der Sieben Weltwunder entsteht 2650-2500 v.Chr. als technologische Mega-Leistung der ersten Hochkultur. Die drei gigantischen Grabmäler bergen die Mumien der Pharaonen Cheops, Chephren und Mykerinos.

Das Grab Tut-ench-Amuns. Seine Entdeckung 1922 im Tal der Könige durch den britischen Archäologen Howard Carter ist die archäologische Weltsensation des 20. Jahrhunderts. Der junge Pharao regiert 1332-1323 v.Chr. Seine Mumie ruht in einem klimatisierten Plexiglassarg in Kairo.

Der Felsentempel von Abu Simbel. Das Heiligtum macht Schlagzeilen, als die UN es 1963-1968 Stein für Stein abträgt, um ihn vor den steigenden Fluten hinter dem Assuan-Staudamm zu retten. Ägyptens berühmtester Pharao Ramses II. errichtet es um 1250 v.Chr. noch hoch über dem Oberen Nil.

Die Sphinx. Die Statue mit Menschenkopf und Löwenleib ist eigentlich männlich, stellt den Sonnengott oder einen Pharao dar und bewacht das Plateau mit den Pyramiden seit 2650 v.Chr. Die Nase schlägt ihr angeblich im Jahr 1378 ein islamistischer Bilderstürmer ab. Jetzt wollen ihr auch die Salafisten ans Sandsteinfell.

Der Karnak-Tempel. Ägyptens größtes Heiligtum liegt nördlich der Stadt Luxor und ist über 4000 Jahre alt. Das größte seiner zehn riesigen Tore ist 45 Meter hoch und 113 Meter breit – die passende Pforte für den Reichsgott Amun. Der Tempel besteht bis in die Römerzeit.

Die Memnonskolosse. Die 18 Meter hohen Statuen bewachen seit 2350 Jahren das Tal der Könige bei der alten Hauptstadt Theben in Oberägypten und stellen den Pharao Amenophis III. dar. Nach der Sage begrüßt die nördliche jeden Morgen die Sonne mit einem tiefen Seufzer.

Der Ramses-Tempel von Medinet Habu. Der Totentempel Ramses III. (1221-1156) schildert wie ein Comicstrip die Heldentaten des Pharaos: In gewaltigen Schlachten besiegt er die „Seevölker“ aus dem Norden mit ihren Drachenschiffen und Hörnerhelmen.

Die Mumie Ramses II. (1303-1213). Der am gründlichsten untersuchte Leichnam aus dem alten Ägypten wird 1881 entdeckt, 1886 ausgewickelt und 1976 in Paris durch Kobalt-Bestrahlung von Pilzen gerettet. Heute ruht der große Pharao im Ägyptischen Museum in Kairo.

Die Stufenpyramide von Sakkara. Sie zeigt, wie die ersten Pyramiden aussehen: genauso wie die zeitgleichen Tempeltürme in Mesopotamien. Die glatte Verkleidung kommt erst bei späteren Pyramiden dazu. Erbauer des 121 Meter hohen Prototyps ist Pharao Djoser (2720-2700).

Der Hatschepsut-Tempel in Deir-el-Bahari. Die Witwe ihres Bruders Thutmosis II. bindet sich nach dem Tod des Pharao einen Bart um und herrschte als erste Königin Ägyptens von 1479 bis 1458 v. Chr. An ihrem Totentempel bei Theben lässt ihr verbitterter Stiefsohn Thutmosis III. aus Rache systematisch ihren Namen auskratzen.  


 

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