„Ärger ist bloß eine andere Form von Scheiße“

Donnerstag, 6. Dezember 2012

In Karl Marlantes‘ Vietnamroman „Matterhorn“ sagt der Regimentskommandeur Colonel Mulvaney zu einem seiner Bataillonskommandeure: „Amerika benutzt uns wie Huren, Simpson. Wenn es einen guten Fick will, lässt es einen Haufen Geld springen, und wir schaffen ihm einen Moment des Ruhmes. Und wenn der vorbei ist, schleicht sich Amerika zur Hintertür raus und tut so, als ob es uns nicht kennt. Ja, wir sind Huren. Ich gebe es zu. Aber wir sind gute Huren. Wir verstehen uns aufs Ficken. Wir mögen unsere Arbeit. Also schämt sich der Kunde hinterher. Deswegen hatte man es in dem Beruf schon immer mit Heuchelei zu tun.“ Der Autor diente in Vietnam, brachte es bei den Marines zum Lieutenant, wurde mit dem Navy Cross und zweimal mit dem Purple Heart ausgezeichnet. Sebastian Junger in „The New York Times“: „Einer der tiefgründigsten und erschütterndsten Romane nicht nur über den Vietnamkrieg, sondern über jeden Krieg.“ Aus einem Verlagstext: „1969. Während im Westen Abertausende für ein Ende der Gewalt in Vietnam demonstrierten, mussten sich am anderen Ende der Welt junge Männer in einem Krieg behaupten, dessen Gründe ihnen niemand erklären konnte.“ Ob diese „Abertausende“ wohl ahnten, was über die Menschen in Südostasien hereinbrechen würde, sobald die Amerikaner abgezogen waren? Weitere Zitate aus dem brillanten Buch: „Im Krieg kam es darauf an, was man tat, nicht, welche Gründe man dafür hatte.“ - „Das Einzige, was an einem Tadel wehtut, ist die Wahrheit.“ - „Du weißt genauso gut wie ich, dass es die Planer sind, die vorwärtskommen, nicht die Kämpfer.“ - „Wenn man alt genug ist, einen Menschen zu töten, ist man auch alt genug zum Trinken.“ - „Was ist Ärger? Bloß eine andere Form von Scheiße.“ - „Pack sie bei den Eiern, und ihr Herz und ihr Verstand werden folgen. Wer auch immer das gesagt hatte, der Mann hatte Ahnung.“ - „Reporter waren auf große Storys und Pulitzerpreise aus, und Schlachten mit nur geringen Verlusten brachten weder das eine noch das andere ein. Schwere Verluste ergaben große Storys und unterstützten eine antimilitaristische Politik. Mit der Zeit entmutigen schlechte Nachrichten jede Zivilbevölkerung, und die Amerikaner hatten, was schlechte Nachrichten anging, absolut null Toleranz.“

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Die Geselligkeit dient dem Gespräch, die Einsamkeit den Gedanken. Von beiden genug: Glück.

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Mozarts Klavierkonzert A-Dur lehrt Aufgaben des Lebens zu erkennen: Ziele stecken, das Erreichte verteidigen. Die Schwermut bereitet selbst den Boden zu ihrer Überwindung, denn sie führt in die Tiefen des Selbst, in dem die stärksten Kräfte schlummern. Resignation ist Zurückweisung der göttlichen Barmherzigkeit.

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Der Drang zur Selbstdarstellung macht auch vor Verlobungs-und Eheringen nicht Halt: Immer mehr Paare wünschen zusätzlich noch eine Außengravur. Besonders populär: Fingerabdrücke, Hochzeitsdatum als Strichcode und GPS-Koordinaten vom Ort des Heiratsantrages. Text-Vorschläge aus dem Internet: „AMOR VINCIT OMNIA“, „I will follow“, „Bis zum Mond und wieder zurück“, „Nur Du“, „Nur Mut!“

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Jean Paul: "An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht 'ich bin ein Ich' wie ein Blitzstrahl vom Himmel fuhr und seitdem leuchtend stehenblieb." Mit diesem Moment setzen wohl die bewussten Erinnerungen ein. Meine beginnen in der Flüchtlingszeit im Fichtelgebirge und haben mit Tieren zu tun: Erst sitze ich am Dorfweiher zwischen schnatternden, zuweilen auch angriffslustig zischenden Gänsen, und dann schaue ich zu, wie ein Kalb geschlachtet wird. Es hängt kopfunter an einem Scheunentor und blutet durch das kleine Mäulchen und die Nüstern in einen Blecheimer aus. Der Anblick weckte in mir weder Angst noch Abscheu vor dem Metzger, der mich freundlich ermuntert, dem Vorgang zuzuschauen, der zum Alltag gehört.

 

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