Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Winterwald

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Kein alter Schnee: Im Dezember kommt uns die Natur auf die kalte Tour. Die eine Hälfte der Tierwelt pennt, die andere rutscht die Buckel runter: Saison für Skihasen und Pistensäue! Die Tiere sind gefrostet, wissen sich aber zu helfen: mit Heizdecken, Heiratsannoncen und einem dicken Hals. Eine Entdeckungsreise in die Eis-Zeit                                                                                           

 

Karnickel heizen durch den Tiefschnee, dass es nur so staubt. Wildschweine rodeln qiekend die Steilhänge runter - wollen doch mal zeigen, was eine echte Pistensau ist! Der Pistenfuchs wedelt als eleganter Slalom-Artist lautlos durch den Stangenwald, aber die Skihasen haben ihn trotzdem längst bemerkt und brettern durch die Büsche davon. Im Wald steht jetzt Wintersport auf dem Programm - übrigens auch schon dann, wenn es noch überhaupt nicht geschneit hat: Die Natur hat ihr festes Programm, da kann das Wetter machen, was es will!
Die Hälfte der Belegschaft hat sowieso Pause: Igel, Hamster & Co. pennen einfach bis zum Frühjahr durch. Die Haselmäuse haben es sich in ihrer warmen WG unter den Baumwurzeln gemütlich gemacht und zehren von der Fettschicht, die sie sich im Sommer angefressen haben - Winter ist für sie die beste Diät! Der Dachs hat sogar eine Heizdecke, denn er trägt jeden Herbst grüne Blätter in seinen Bau - im Winter fangen sie an zu gären und setzen dadurch Wärme frei. Frosch, Schlange und Schmetterling bleiben nach dem plattdeutschen Motto "Hol di stief!" mit stark heruntergefahrener Motorleistung in ihren Garagen (Laubhaufen, loses Rindenstück). Besonders hart ist der Zitronenfalter: Erüberwintert sogar bei 30 Grad minus im Freien. Sein Trick: Sobald die Temperatur unter Null sinkt, bildet sein Blut das Frostschutzmittel Glyzerin. Stocksteif, die Füßchen fest in die Rinde gekrallt, wartet er auf bessere Zeiten. Auf keinen Fall anfassen! Zwischen den Fingern zerspringen die zarten Flügel wie sprödes Glas.
Die Schnecken haben sich in den Boden verdrückt und ihr Häuschen mit einer Kalk-Tür verrammelt. Der Rest der Waldbevölkerung macht den großen Kältetest, mit Eisbein und klammen Pfoten. Schnee ist dabei eine wahre Wohltat für die gefrosteten Tiere, denn die weiße Decke wärmt wie Wolle. Das kommt, weil sie so locker und flockig ist - luftiger als der duftigste Pelz und leichter als das feinste Daunengefieder, funktioniert sie wie eine Fußbodenheizung. Allerdings: Vor allem bei Neuschnee müssen die Tiere spuren, und ihre Fußschrift liest sich für Fuchs und Luchs wie eine Speisekarte: Hier winkt eine Rehkeule, dort wäre ein Dessert zu mausen... Aber denkste! Denn der Wintersport ist für die Tiere des Waldes nicht bloß Spaß - sie trainieren vor allem, um solche Spielverderber abzuhängen. Oder gar nicht erst von ihnen aufs Korn genommen zu werden: Die Feld-, Wald- und Wiesenmäuse z.B. buddeln sich ein ganzes Labyrinth von Gängen unter den Schnee - unmöglich, herauszufinden, wo sie sich gerade verstecken!
Die Eichhörnchen sind putzmuntere Pausenclowns, aber wenn weiße Flocken den Wald wie in Watte packen, schnarcht auch die flinke Baumgenossenschaft am liebsten faul auf den weichen Moospölsterchen im heimischen Koben. Nur wenn der Magen knurrt, heißt es: Alle Mann raustreten! Dann wird abgeentert und abgeerntet, im Kühlschrank unter dem Schnee, wo gefriergetrocknete Haselnüsse wie in einer Vakuumpackung warten.
Die Vögel treffen sich inzwischen zum Staffelrennen auf Rinde 1: Biathlon! Startläufer ist der Buntspecht, denn der hat den stärksten Schnabel und hackt treffsicher die dickste Borke durch. Sein Trommelwirbel: 14 Schläge pro Sekunde - Waldrekord! Aber danach hat er nicht mehr viel Geduld, mit seiner langen Zunge die Larven aus ihren Löchern zu angeln, und fliegt schon bald zum nächsten Einsatz weiter. Deshalb flattert immer ein ganzer Schwarm von Goldhähnchen, Zaunkönigen und Kleibern hinter ihm her: Sie finden auf dem verlassenen Holzteller noch Krabbel-Food satt. Die Mini-Flieger können zwar Kälte ganz gut ab, doch Hunger ist tödlich für sie, und ihre Schnäbelchen sind für vereiste Borken viel zu klein. Kinder, Kinder, was ein Winter!
Die größte Show zieht jetzt der Eichelhäher ab, denn weil die meisten Singvögel in den warmen Süden verluftet sind, hat der schwarzweiße Buschpilot kaum Konkurrenz auf der Freilichtbühne und krächzt aus voller Kehle sein "Rätsch! Rätsch!" Im Hauptberuf ist er Parkwächter, und an ihm kommt keiner vorbei - auch Sie und Ihre Kinder nicht! Nebenbei hilft der flippige Flattermann aber auch beim Aufforsten, denn längst nicht alle Eicheln und Bucheckern, die er im Herbst vergraben hat, landen später auch wirklich in seinem Schnabel, und aus den vergessenen Speisekammern keimen im Frühling Mini-Eichen und -Buchen hervor. Wenn allerdings der Fichtenkreuzschnabel loslegt, ist der Tag für den Eichelhäher erst mal gelaufen, denn der kleine Zapfenzieher fliegt im Winter auf Brautschau und funkt von den höchsten Wipfeln pausenlos Heiratsannoncen durch den Wald: Junggeselle in hoher Position sucht Gleichgesinnte zwecks baldiger Eheschließung. Eigenheim vorhanden, Eier erwünscht! Ein paar Wochen später füttern der Piep-Pavarotti und seine Partnerin drei bis vier junge Hüpfer durch.
Die schönsten Spuren macht Reineke Fuchs - man kann genau erkennen, was Sache war: Wenn er sich angeschlichen hat, liegen die Abdrücke seiner Füße in zwei Reihen dicht hintereinander. Ist er nur gelangweilt nach Hause getrottet, bleiben alle Abstände gleich. War er aber hinter einem Hasen her, zeigt sich im Schnee ein Morse-Muster: Punkt, Doppelpunkt, Punkt.
Kratzspuren am Baum verraten: Hier wohnen Eichhörnchen in der Mansarde. Große Löcher im Stamm sind die Ein-Zimmer-Appartements des Buntspechts. Allerdings nicht immer, denn sein kleiner Vetter, der Kleiber, hat sich eine irre Nummer ausgedacht, die Wohnungsnot zu beheben. Weil sein Schnabel zu schwach ist, sich selber was zu bauen, setzt er auf Schockwirkung und lehrt den großen Verwandten das Gruseln: Er schleicht sich über den Eingang, plustert sich ordentlich auf und windet sich laut zischend zu den erschrockenen Wohnungseigentümern hinunter. Die denken: Oh Gott, eine Schlange, und machen den Abflug - leer ist die Immobilie, und Familie Kleiber zieht ein. Federn verraten nicht nur, wer sie gelassen hat: Sind sie sauber herausgezogen und nur an den Schäften geknickt, so war hier ein Habicht am Werk. Sind dagegen die Kiele abgebissen, war ein Fuchs der Übeltäter.
Die Wildschweine sind die Rambos des Waldes und treten immer gleich in Rotten auf. Papa Keiler fürchtet sich vor niemandem, Mutter Bache erst recht nicht, und die Frischlinge wissen überhaupt nicht, was Angst ist. Also Vorsicht! Zum Glück für Spaziergänger kommt die harte Horde nur frühmorgens oder abends aus dem Unterholz. Dann fräst sich der wilde Haufen wie eine Kolonne Schneepflüge durch die weiße Pracht, die Schnauze immer schön tiefer gelegt, denn Eicheln schmecken auch als Sorbet! Jetzt ist, was Jäger "Rauschzeit" nennen: Die Borsten-Bosse sind hinter den Schwarten-Schönen her und haben deshalb einen dicken Hals: Zwischen Kopf und Brust ist ihnen ein Schild aus dichtem Bindegewebe gewachsen, damit es nicht gleich böse endet, wenn sie die Sau rauslassen und sich mit ihren scharfen Hauern um die Bräute prügeln. Außerdem reiben sie ihre Hälse auch noch an harzigen Bäumen, bis sie ganz bescheuert sind, denn dann brauchen sie keine Angst mehr zu haben, dass ihnen jemand etwas vor den Latz knallt: die verfilzten und verklebten Borsten sind schussfest wie eine kugelsichere Weste (kein Jägerlatein!).
Auch der Mensch stellt sich auf den Winter ein: Der Dezember ist der lichtärmste Monat des Jahres. Weil die Sonne nicht mehr so lange scheint wie im Sommer, produziert die walnussgroße Zirbeldrüse im Gehirn mehr Schlaf-Hormon (Melatonin) als sonst, und wir schlaffen ab. Da die meisten von uns keinen Winterschlaf halten dürfen, hilft nur eins: Möglichst jeden Tag eine Stunde lang raus aus dem Bau und an der frischen Luft herumspazieren - am besten bei einer kleinen Wanderung nach dem Motto. Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Winterwald!

 

Wussten Sie...                                                                                                              

...dass Wildschwein-Mütter beim Säugen eine Tischordnung haben? Jeder Frischling bekommt eine eigene Zitze zugewiesen und darf an keiner anderen nuckeln.

...dass junge Eichhörnchen 15 Minuten brauchen, um eine Haselnuss zu knacken? Erwachsene Tiere schaffen das in 4 Minuten.

...dass ein einziger Eichelhäher fast 10 000 Eicheln, Bucheckern und Haselnüsse sammeln und im Boden verstecken muss, wenn er im Winter nicht verhungern will?

...dass ein Fuchs 200 Millionen Riechzellen besitzt? Damit kann er 130mal besser riechen als ein Mensch.

...dass Rothirsche manchmal bis zu 20 Weibchen haben? Die Kämpfe mit den grossen Geweihen dauern manchmal über eine Stunde lang.                                                                                                               

 

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