„Von Gott bestimmt, den Magen zu belehren“

Freitag, 7. Dezember 2012

Das Wort zum Freitag

Eine geradezu fanatische Vergötzung des Automobils erlebte ich zuerst auf Ceylon, wo ein Fahrzeug, dessen Lenker nicht pausenlos hupt, als nicht existent betrachtet wird, und später in Malaysia, als ich mit meinem Bruder an einem moslemischen Feiertag von den Straights of Malakka zurück nach Kuala Lumpur fuhr. Die zweispurige Straße war von Autos verstopft, die in vier Reihen auf Blechfühlung nebeneinander und daneben noch durch die angrenzenden Reisfelder rollten. Es war der 26. September 1976; wir benötigten für die rund hundert Kilometer vier Stunden. Am nächsten Tag fuhren wir nordwärts nach Penang, "Auf den Spuren von Karl May": So hieß die Serie in der Illustrierten, für die wir berichteten. In seinem Spätwerk "Und Friede auf Erden" hatte sich der brave Sachse der Utopie eines Landes hingegeben, in dem Menschen aller Rassen und Religionen friedlich miteinander leben. Wir hofften natürlich nicht im Ernst, auch nur Spuren eines solchen Shangri-La zu finden. Die Insel ist immerhin ein wenn auch touristisch geprägtes Refugium relativer Ruhe. Karl May schreibt: "Dem mit dem Dampfer nach dem Osten kommenden Reisenden treten hier in Penang zum ersten Mal chinesische Gestalten, Formen und Gebräuche in der Weise entgegen, daß sein Auge von ihm gefesselt wird. Er findet das, was er sieht, so überaus fremdartig, seinem gewohnten Fühlen und Denken so fernliegend, daß er sich unwillkürlich fragt, ob es ihm möglich sein werde, unter diesen neuen Eindrücken der Alte zu bleiben." Ernst Jünger urteilt über Penang: "Die harmonische Durchdringung von asiatischer und europäischer Lebensart scheint optimal geglückt. Ein Platz zum Genießen, zum Akklimatisieren, zum Ausruhen." Er war 1965 dort, mit dem Schiff. Einen besonders interessanten Eindruck asiatischer Religiosität verschaffte mir ein Besuch im Tempel des Liegenden Buddha zu Ipoh: Nicht nur er, sondern auch seine Anhänger sind aus Holz geschnitzt; so bleibt die Kirche immer voll. Es ist das Prinzip der tibetanischen Gebetsmühlen: die Gottheit wird unter geringer Anstrengung, dafür aber ohne Pause verehrt.

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Der Glaube ist ein innerliches Kind, das nur erwachsen werden kann, wenn es genährt und gepflegt wird. Viele vergessen das. Dann verkümmert ihr Seelenkind, und die fleischliche Hülle bleibt hohl.

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Heute feiert die Katholische Christenheit den Gedenktag des hl. Ambrosius (um 339-397), eines der vier großen lateinischen Kirchenväter. Der Sohn eines römischen Präfekten kommt in Trier zur Welt, damals eine der vier Hauptstädte des Imperiums, folgt seinem Vater in den Staatsdienst und bringt es zum Konsul. In Mailand wird er gebeten, nach dem Tod des Bischofs einen Streit unter Christen zu schlichten. Er erfüllt diese Aufgabe so geschickt, dass ihn die Versöhnten zum neuen Bischof wählen, obwohl er noch gar nicht getauft ist. Er nimmt das Amt an und bringt den Glauben ein großes Stück vorwärts, als tüchtiger Seelsorger, hochgebildeter Theologe und kluger Berater dreier Kaiser. Der hl. Augustinus wird sein Taufkind und erfolgreichster Schüler. Aus dem „Lexikon der Namen und Heiligen“ von Otto Wimmer und Hartmann Melzer: „Ambrosius … ist Mitschöpfer der mittelalterlich-christlichen Kultur, ein blendender Kanzelredner, der ‚Vater des Kirchengesangs‘, Hymnendichter, Komponist, theologischer Schriftsteller und Förderer des jungfräulichen Lebens“ als christliches Ideal. Ambrosius gebraucht als erster das Wort „Messe“ (missa) als Bezeichnung für die Eucharistiefeier und führt die Hymnen in die Liturgie ein, um das Volk durch den Wechselgesang stärker einzubeziehen. In "Über die Flucht aus der Welt" schreibt er: "Wo der Schatz des Menschen ist, da ist auch sein Herz. Der Herr pflegt seine guten Gaben nicht zu verweigern, wenn einer um sie bittet. Da Gott also gut ist, vor allem denen, die auf ihn harren, wollen wir ihm anhangen, bei ihm sein mit ganzem Herzen und ganzer Seele und mit unserer ganzen Kraft, damit wir in seinem Licht leben, seine Herrlichkeit schauen und die Gnade seiner überirdischen Freude genießen. Laßt uns also das Herz erheben zu diesem Gut!" Und in einer seiner Predigten heißt es: "Wir sollen die Not nicht etwa betrübt, mit Murren oder Traurigkeit ertragen, nein, mit Geduld und Heiterkeit: 'in jeder Lage immer mit Dank'."

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Solveigs Lied aus Griegs 2.Peer-Gynt-Suite ist ein Gebet der Menschenliebe, schlicht und wirksam wie ein Gotteswort aus dem Evangelium. Liebe ohne die Erwartung oder gar Forderung einer Erwiderung zählt zu den stärksten Auftriebskräften, die den Menschen über das Tier erheben.

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Romano Guardini in "Vorschule des Betens": "Die alte Zeit hat gewußt, daß Haltung und Gebärde nichts Äußerliches sind. Sie können dazu werden, dann sind sie aber bereits verdorben. In Wahrheit reicht eine Gebärde von der Hand bis ins Herz zurück, und die Haltung des Körpers wurzelt im Innersten der Gesinnung. Haltung und Gebärde drücken aus, was im Innern lebt, was das Herz fühlt, und der Sinn meint - sie wirken aber auch in dieses Innere hinein, geben ihm Halt, formen und erziehen es."

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Am Donnerstag feiert die katholische Christenheit den Gedenktag der hl. Lucia (286-303), der Lichtbringerin. Ein weißgekleidetes Mädchen, ein grüner Kranz mit brennenden Kerzen auf dem Haar: In Schweden ist es immer die jüngste Tochter, die in der Nacht zum 13. Dezember als Lucia durch die Zimmer geht, Eltern und Geschwister weckt und ihnen die ersten Weihnachtsplätzchen bringt. Lucia von Syrakus auf Sizilien ist eine Heilige mit einem besonders schrecklichen Schicksal. Ihr Vater stirbt früh, ihre Mutter wird nach schwerer Krankheit Christin. Die Tochter lässt sich ebenfalls taufen und verschenkt ihre Mitgift an die Armen. Zur Zeit der Christenverfolgung bringt Lucia ihren Glaubensgenossen nachts Lebensmittel. Um mit beiden Händen tragen zu können, steckt sie sich Lichter auf den Kopf. Von ihrem Ex-Verlobten denunziert, wird sie mit Feuer und heißem Öl gefoltert. „Gott urteilt nach dem Gewissen“, sagt sie und betet noch, als schon das Schwert des Henkers in ihrem Hals steckt. Im Mittelalter fällt ihr Gedenktag auf die Wintersonnenwende mit der längsten Nacht des Jahres. Gläubige gehen mit Weihrauch durch ihre Wohnung, lassen auf feuchten Tellern die Körner des „Lucienweizens“ sprießen und stecken ihren Kindern Geschenke in die Strümpfe. Seit 1860 ruht Lucia in der Kirche Sante Geremia e Lucia in Venedig. 1935 lässt der spätere Papst Johannes XXIII. das Antlitz der Heiligen mit einer Silbermaske verhüllen. 1994 sagt Papst Johannes Paul II. in Syrakus: „Ihr Gedenktag im Advent bewirkt eine neue Blüte des religiösen Eifers und des sozialen Engagements zur Überwindung aller Probleme und Gefahren unserer Zeit.“ 

Lucias Patronate sind Syrakus, Venedig, Arme, Blinde, kranke Kinder, reuige Prostituierte, Bauern, Glaser, Weber, Schneider, Sattler, Polsterer, Schmiede, Messerschmiede, Elektriker, Kutscher, Näherinnen, Notare, Rechtsanwälte, Schriftsteller, Schreiber, Türhüter. Ihre Attribute: Ein durch den Hals gestoßenes Schwert, Doppelkreuz, Krone oder Palmzweig, Augen auf einem Teller, Öllampe, Fackel oder Kerze.

Nach dem Volksglauben hilft Lucia bei Augenleiden, Halsschmerzen, Infektionen, Blutungen und Ruhr.

Wetterregel: „Geht die Gans zu Luzia im Dreck, geht sie am Christtag auf Eis.“

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Victor Hugo läßt in "Die Elenden" den Studenten Tholomyès über den Witz sagen: "Die ehrwürdigsten, die erhabensten und die reizvollsten Menschen, ja vielleicht sogar überirdische Mächte, haben sich Witze geleistet. Jesus Christus hat ein Wortspiel auf den heiligen Petrus gemacht, Moses eines auf Isaak, Äschylos eines auf Polynike, Kleopatra eines auf Oktavian." Und: "Gula züchtigt Gulax. Die Magenstörung ist von Gott dazu bestimmt worden, den Magen zu belehren."

 

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