„Ich bin voller Läuse geworden“

Samstag, 8. Dezember 2012

In „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“ schreibt der Doxograph Diogenes Laertius im 3.Jh.n.Chr. über den Mythographen und Kosmologen Pherekydes von Syros (*584/581 v.Chr.), er habe einen Schiffsuntergang, ein Erdbeben, die Eroberung Messeniens und den Sieger in einem Krieg zwischen Ephesiern und Magnesiern vorausgesagt. Das bevorstehende Beben erkannte er bei einem Blick in einen Brunnen. Auch soll er den Lakedaimoniern abgeraten haben, Gegenstände aus Gold und Silber zu benutzen. Und: Er sei an der Läusekrankheit gestorben. Als ihn sein berühmter Schüler Pythagoras besucht und fragt, wie es ihm geht, steckt er den Finger durch den Türspalt und sagt: „An der Haut magst du's erkennen." Unsere hygienischen Zeiten können sich die früheren Zustände kaum vorstellen. Eine der erschütterndsten Szenen in Scholochows "Der Stille Don" schildert, wie Grigori Melechow auf dem Antlitz des toten Vaters wabernde Klumpen von Läusen entdeckt. Und geradezu fürchterlich wütet das Ungeziefer in Theodor Pliviers großem "Stalingrad"-Roman: "Die Kragen der Feldblusen waren wie von Rauhreif überzogen, das waren Läuse, die sich auf den Nähten auf und ab bewegten" - sie fraßen die Schwerverletzten bei lebendigem Leibe. „Herders Conversations-Lexikon“, Freiburg im Breisgau 1855, Band 3, S. 688 schreibt nach dem Wissen der damaligen Zeit: „Läusekrankheit, phthyriasis, die immer tödtliche Krankheit, wo Läufe im menschlichen Körper in einer solchen Masse sich entwickeln u. an ihm zehren, daß dieselben zu Millionen nicht nur aus allen natürlichen Oeffnungen des menschlichen Körpers hervorkriechen, sondern auch unter der Haut im Zellgewebe sich anhäufen und endlich durch secundäre Hautgeschwüre an die Oberfläche kriechen. Die Krankheit in diesem höchsten Grade ist in neuester Zeit nicht beobachtet worden, daher fehlt die genaue Würdigung vom zoologischen und medicinischen Standpunkt. Historisch berühmt sind 4 Fälle: der Tod des Sulla, des Herodes. Antiochus IV. und Philipps II. von Spanien.“ Nach neueren Erkenntnissen starben die Herrscher aber wohl eher an Milben, die sich aus unter die Haut gelegten Eiern entwickelt hatten. In neuerer Zeit ist kein solcher Fall beglaubigt. Heute wird die massenhafte Ansammlung von Kopf- und Kleiderläusen, die zu ausgedehnten Hautausschlägen führt, mit Insektiziden behandelt. Werden die Läuse zerquetscht, können sie Rückfallfieber verursachen. Nach Diogenes Laertius schreibt der unglückliche Pherekydes dem berühmten Thales von Milet: "Eine Krankheit hat mich befallen, seitdem ich deinen Brief erhalten habe. Ich bin voller Läuse geworden und habe leichtes Fieber. Ich habe daher meinen Hausleuten befohlen, wenn sie mich begraben haben, dir meine Schriften zu überbringen.“ Er ist nicht der einzige Mann von Geist, der an dem gefährlichen Ungeziefer zugrunde geht: An der gleichen „Läusesucht“ sterben der berühmte Lyriker Alkman (ca. 660 v. Chr.), Platos Neffe Speusippos (334 v.Chr.) und der Geschichtsschreiber Kallisthenes von Olynth, Neffe des Aristoteles.

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Der Atheismus bringt keinen Michelangelo hervor.

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Mozarts 41.Sinfonie C-Dur erfüllt Leere mit Majestät. Hektik will Zeitlosigkeit, Verzagtheit findet Mut. Zugleich ein Triumph der Schönheit.

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Eine Ehepaar kauft für sein Haus einen Rollladen. Nach einigen Jahren fährt der Motor den Einbruchschutz nicht mehr richtig hoch. Die Rollladenfirma sichert zu, innerhalb der nächsten fünf Tage einen Mechaniker vorbeizuschicken. Nach sieben Tagen meldet er sich, um mitzuteilen, dass er frühestens in drei Wochen kommen könne. Als er endlich erscheint, begrüßt er die Hausfrau mit den launigen Worten: „Wenn ich komme, wird’s teuer.” An dieses Versprechen hält er sich auch: Die Prüfung ist kurz (10 Sekunden), die Diagnose ebenfalls (8 Worte): „Der Motor ist kaputt, das kostet 400 Euro”. Die Hausfrau verzichtet auf die Dienste des Mechanikers. Zwei Wochen später erhält sie trotzdem eine Rechnung für den Blitzbesuch: 85,86 Euro für Anfahrt und Überprüfung. Ein zweiter Mechaniker stellt fest: Der Motor ist völlig in Ordnung, nur ein Kondensator durchgebrannt. Kosten des Ersatzteils: 2 Euro. Schon Diderot warnt (1774 in „Rameaus Neffe“): „Selten wird ein Handwerk rechtlich betrieben, oder wenig rechtliche Leute sind bei ihrem Handwerk.“

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Goethe in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“: "Es ist gut, dass der Mensch, der erst in die Welt tritt, viel von sich halte, dass er sich viele Vorzüge zu erwerben denke, dass er alles Mögliche zu machen suche; aber wenn seine Bildung auf einem gewissen Grade steht, dann ist es vorteilhaft, wenn er sich in einer größern Masse verlieren lernt, wenn er lernt, um anderer willen zu leben und seiner selbst in einer pflichtmäßigen Tätigkeit zu vergessen. Da lernt er erst sich selbst kennen; denn das Handeln eigentlich vergleicht uns mit andern."

 

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