„Wir alle schulden dem Tod ein Leben“

Sonntag, 9. Dezember 2012

Gottfried Keller in „Der grüne Heinrich": "Der freie Erwerb ist eine Sache, für welche manchen Menschen der Sinn sehr spät, manchen gar nie aufgeht. Viele Menschen des Staates, welche zeitlebens tüchtige Angestellte waren, haben keinen Begriff vom Erwerbe." - "Meine Mutter … konnte keine Schuld treffen, als diejenige aller Frauen, welche aus Sorge für ihre Angehörigen engherzig und rücksichtslos gegen alle Welt werden." - "Ich war noch nicht über die Jugendidee hinaus, dass eine solche Selbstbestimmung im zartesten Alter das Rühmlichste sei, was es geben könne; allein es begann mir jetzt doch unerwartet die Einsicht aufzugehen, das Ringen mit einem streng bedächtigen Vater, der über die Schwelle seines Hauses hinauszublicken vermag, sei ein besseres Stahlbad für die jugendliche Werdekraft als unbewehrte Mutterliebe." Danach die Stelle, die schildert, wie der tote Vater der Mutter im Traum erscheint: "Er war sonntäglich fein gekleidet, trug aber ein schweres Felleisen auf dem Rücken; in der Nähe angelangt, stand er still, nahm den Hut vom Kopfe und wischte den Schweiß von der Stirne; dann winkte er liebevoll gegen die Mutter und sagte mit wohltönender Stimme: 'Es ist weit, weit zu gehen!', worauf er an seinem Stabe rüstig weiter wanderte, bis er ihren Augen entschwand. Dieses Gesicht, welches ihr statt eines Ausruhenden einen mit belastetem Rücken in unendliche Fernen Dahinziehenden gezeigt, hatte die Mutter beim näheren Nachdenken traurig gemacht, da sie ohne Aberglauben und Traumdeuterei doch die Empfindung oder Vorstellung von großer Mühsal erlitt, in welcher sich der Abgeschiedene bewegte."

*

Ein großer Fehler unserer Politiker ist, dass sie sich im Fernsehen auf Diskussionen mit Journalisten einlassen, als besäßen diese ein Mandat dazu. Politiker sollten sich Fragen stellen lassen und diese beantworten, sich aber Kommentare während der Sendung verbitten. Ein großer Teil der Verwirrung und der wachsenden Politikverdrossenheit wird von voreingenommenen Journalisten verursacht, die nicht an Informationen interessiert sind, sondern ihre persönliche Meinung verbreiten oder ganz ungeniert Propaganda für ihre Lieblingspartei machen.

*

Max Bruchs 1.Violinkonzert g-Moll ist nicht anzuhören, wie hart es erarbeitet wurde: In drei Jahren hat der Komponist es "gewiss ein halbes dutzendmal umgeworfen", andere Geiger zu Rate gezogen und "eine Arbeit, der ich nicht gewachsen bin" beklagt. Völlige Konzentration und Hingabe bis an die Grenze des Scheiterns. Dass "die Geige die Melodie besser singt als das Klavier", wie Bruch sagte, zeigt vor allem das Adagio; es wärmt das Herz wie alter Rioja. Der Vorzug des einsamen Trinkens besteht darin, dass man in sich abtauchen kann, ohne das im Inneren Vorgefundene anderen offenbaren zu müssen oder in die Gefahr zu geraten, dies freiwillig oder sogar ungefragt zu tun. Wein ist ein vorzüglicher Treibstoff für Reisen ins Innere, allerdings mit der bedenklichen Nebenwirkung, dass er die Wahrnehmung verzerrt. Er hilft auf angenehme Weise, in Regionen vorzustoßen, die man sonst nur mit großer Mühe erreichen könnte. Unsere Seele gleicht der Tiefsee, in die kein weltlicher Sonnenstrahl dringt. Hier leuchtet ein anderes Licht. Es ist nicht mit den Augen, sondern nur mit den Gefühlen zu sehen; der Alkohol hilft ihnen, sich freier als sonst zu entfalten. Auch in der seelischen Tiefsee gibt es tödlichen Druck und groteske Ungeheuer, ebenso aber heiße Quellen, die in Geist und Verstand strömen können, wenn Skepsis oder Unglaube nicht allzu hohe Dämme errichtet haben. Das Bewusstsein fühlt die Wärme, weiß aber oft nicht, woher sie stammt. Der Wein schärft den Blick auf dieser Tauchfahrt, erzeugt aber gleichzeitig Trugbilder. Die Welt um den Betrunkenen schrumpft, als bestünde sie nur in seiner Vorstellung und müsse vergehen, wenn er nicht mehr an sie denke. Stattdessen tut sich in seinem Inneren eine neue Welt auf, die ungleich faszinierender wirkt, bis sich zum Schluss die Frage stellt, welche Welt echter, welche wichtiger sei. Nicht nur in der Kunst, auch in Glaube, Liebe, Hoffnung ist die Phantasie wahrer als unsere irdische Wirklichkeit, blickt sie in die Realität einer anderen, höheren, nur der Seele zugänglichen Dimension.

*

Weihnachtsbäume werden nicht mehr geschmückt, sondern gestylt. Aus dem Christbaumschmuck-Angebot dieses Jahres: Absinth-Flasche, Disco-Frosch, Elefant mit rosa Röckchen, Fotoapparat, Froschdame mit Diamantring und Heiratsantrag, Giraffe als Ballerina, Handy, Heißluftballon „mit leonischen Drähten „,„Hippie Plateau Pumps“, „Hippie Sonnenbrille“ Kasperlefiguren, Krokodil im Frack, Lippenstift, Mops mit Zylinder, „Muskelmann Sexy Santa“, Nashorn mit Blumenkette, Papagei mit Weihnachtsmütze, Pinguin auf Skateboard, „Sexy Nixe“, Tortenstück, „Tussis Nagellack“, Wickelkinder, Zauberwürfel. Am Weihnachtsbaume die Lichter prangen…

*

Salman Rushdie, "Mitternachtskinder": "Wir alle schulden dem Tod ein Leben."

 

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt