„Der Mensch stinkt vom Herzen her“

Montag, 10. Dezember 2012

Chargaff, "Das Feuer des Heraklit": "Je mehr wir wissen, desto weniger wissen wir." - "Ärzte machen Kranke." - "Unsere Zeit ist eher schwachsinnig. Man vergleiche etwa das Dekameron oder das Heptameron mit einem unserer gegenwärtigen Bestseller; oder auch, wenn man will, Jean Paul - diese herrliche Alternative zur deutschen Klassik - mit einem unserer preisgekrönten Literaturgrößen. Die Fähigkeit, hart zu lesen, ist verschwunden; jetzt kann nur mehr die wichtigste Literatur aufgenommen werden." - "Der Ausruf 'Zurück zur Natur!' würde unsere gegenwärtigen Naturforscher mit Recht überraschen, denn dort waren sie nie gewesen." - "Wir leben in einer Welt, in der Reime unmöglich geworden sind, und der Sinn hat sich zum Trübsinn bekehrt. Ist es wirklich ein Zufall, dass es unsere Zeit gewesen ist, und fast gleichzeitig, dass Reim und Vers aus der Dichtung verschwanden, die Melodie aus der Musik, und die erkennbare Form aus der Malerei und der Skulptur?" - "Je schlaffer ein Dichter, desto leichter kann er in andere Sprachen übersetzt werden." - "Die verlorenen Tragödien des Äschylos oder Sophokles; Heinrich Schütz' einzige Oper 'Dafne' oder Monteverdis 'Arianna', Kleists 'Die Geschichte meiner Seele', dieses nach dem Selbstmord verschollene Manuskript; die Fresken des Giorgione in Venedig oder die verlorengegangenen Bücher des Livius; die unzähligen Gebäude, Gemälde, Skulpturen, Schrift- und Musikwerke, die unrettbar untergegangen sind - sie mögen für uns verloren sein, aber in einem höheren Sinne sind sie nicht verloren: sie sind in das 'corpus mysticum' eingegangen, darin alles enthalten ist, jeder Atemhauch, der je geatmet wurde, jede Tat, die je getan wurde. In diesem Sinne ist keine Sache jemals verloren, keine Schlacht jemals gewonnen." - "Wenn, wie gesagt wird, ein Fisch von seinem Kopfe aus zu stinken anfängt, könnte man sagen, daß der Mensch von seinem Herzen aus zu stinken beginnt." - "Als ich jung war, wurde ich dazu angehalten, vor dem Alter auf die Knie zu fallen. Jetzt da ich alt bin, werde ich aufgefordert, die Jugend zu verehren und mich zu schämen, weil ich ihr nicht schon längst Platz gemacht habe." - "Ich bin jeden Tag ein anderer Mensch, trage aber immer denselben Wintermantel."

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Viele Nachtgedanken fliehen vor dem Tag und bleiben dennoch wahr.

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Beethovens 4.Sinfonie in der Aufzeichnung eines Konzerts mit  Carlos Kleiber aus dem Jahr 1983: Es sind in ihrer Leichtigkeit tröstliche, ermutigende Töne, sie lassen an schöne, ruhige, friedliche Zeiten denken - suchende Schritte spielender Kinder in einem Garten, leises Lachen Verliebter im Schutz einer Laube, beschwingter Spazierstock eines rüstig ausschreitenden Alten, Lebensmelodie voll Lust und Wärme. Beethoven schrieb sie nach der Eroica und schob sie vor die Arbeit an der 5.Sinfonie, um nach großer Anstrengung nicht gleich wieder ein heroisch ambitioniertes Werk anzugehen. Manche bringen die Entstehung mit seiner Beziehung zu Therese und Josephine Brunsvik in Verbindung. Schumann nannte die Sinfonie eine "griechisch schlanke Maid zwischen zwei Nordlandriesen": Sie tanzt im Sternenschein auf Blumen ungemähter Wiesen.

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Fest der Liebe: Vor einem weihnachtlich geschmückten Supermarkt sitzt ein alter Bettler in der Eiseskälte auf den Gehwegplatten. Ein gutgekleideter Herr jüngeren Alters tritt an ihm vorbei in den Laden. Er trägt eine Plastiktüte mit Pfandflaschen. Der Automat nimmt das Leergut jedoch nicht an: Sie stammen aus einem anderen Supermarkt. Der Enttäuschte packt sie wieder in die Tüte und wirft sie draußen dem Bettler vor die Füße: „Da! Die kannst du haben!“

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Gellert in "Das Füllen" über die Eitelkeit des jungen Pferdes, das in begeisterter Nachahmung der älteren nach dem Zaumzeug strebt:

  "Was wünscht man sich bei jungen Tagen?

  Ein Glück, das in die Augen fällt;

  Das Glück, ein prächtig Amt zu tragen,

  Das keiner doch zu spät erhält.

  Man eilt vergnügt, es zu erreichen,

  Und, seiner Freiheit ungetreu,

  Eilt man nach stolzen Ehrenzeichen,

  Und desto tiefrer Sklaverei."



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