Im Brutkasten der Seele

Montag, 10. Dezember 2012

Das Wort vom Sonntag

Philippe Ariès schreibt in "Geschichte des Todes": "Man konnte die Fürbitte der Lebenden für die Toten nur gutheißen und ihr vertrauen, wenn die Verstorbenen nicht unverzüglich den Höllenqualen ausgesetzt wurden. Also räumt man ein - und Gregor der Große scheint an der Entwicklung dieses Gedankens maßgeblich beteiligt gewesen zu sein -, daß die non valde mali, die nicht ganz Bösen, und die non valde boni, die nicht vollkommen Guten, nach dem Tode einem Feuer überantwortet würden, das nicht das der ewigen Marter, sondern das der purgatio war; daher die Vorstellung und das Wort purgatorium. Man muß sich jedoch hüten, dieser Vorstellung zur Zeit Gregors des Großen und Isidors von Sevilla dieselbe genaue Bedeutung zu unterlegen wie zur Zeit der Theologen des 13. und 14. Jahrhunderts und Dantes. Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts werden in den Präambeln der Testamente nur das Himmelreich und die Hölle aufgeführt. Bis zur nach-tridentinischen Katechisierung - und mehreren Jahrhunderten theologischen Denkens zum Trotz - blieb man also der alten Alternative von Himmel und Hölle verhaftet."

Der aktuelle Katechismus der katholischen Kirche beschreibt das Purgatorium in drei Absätzen als "Die abschließende Läuterung":

1030: "Wer in der Gnade und Freundschaft Gottes stirbt, aber noch nicht vollkommen geläutert ist, ist zwar seines ewigen Heiles sicher, macht aber nach dem Tod eine Läuterung durch, um die Heiligkeit zu erlangen, die notwendig ist, in die Freude des Himmels eingehen zu können."

1031: "Die Kirche nennt diese abschließende Läuterung der Auserwählten, die von der Bestrafung der Verdammten völlig verschieden ist, Purgatorium (Fegefeuer). Sie hat die Glaubenslehre in Bezug auf das Purgatorium vor allem auf den Konzilien von Florenz und Trient formuliert. Am Anschluß an gewisse Schrifttexte spricht die Überlieferung der Kirche von einem Läuterungsfeuer. Man muß glauben, daß es vor dem Gericht für gewisse leichte Sünden ein Reinigungsfeuer gibt, weil die ewige Wahrheit sagt, daß, wenn jemand wider den Heiligen Geist lästert, ihm 'weder in dieser noch in der zukünftigen Welt' vergeben wird (Mt 12,32). Aus diesem Ausspruch geht hervor, daß einige Sünden in dieser, andere in jener Welt nachgelassen werden können (Gregor d.Gr., dial. 4,39).

1032: "Diese Lehre stützt sich vor allem auch auf die Praxis, für die Verstorbenen zu beten, die aus der Heiligen Schrift, aber z.B. auch von der hl. Monika, der Mutter des Augustinus, bezeugt ist.“

Johannes vom Kreuz, dessen Gedenktag am Freitag gefeiert wird, zitiert zur Erklärung des Fegefeuers Ezechiel 24,10-11: "Legt die Knochen zuhauf, ich will sie im Feuer verbrennen, das Fleisch soll verzehrt, das ganze Gebilde zerkocht werden und das Gebein zergehen. Setzt sie auch nackt auf glühende Kohlen, daß ihr Erz sich erhitze und verflüssige, dass ihre innere Unlauterkeit wegschmelze und ihr Rost verzehrt werde."

Erstaunlich, dass die meisten Menschen, auch die meisten Gläubigen, so wenig über den Ort wissen, an den nach Lage der Dinge die allermeisten eines Tages zu gehen haben werden, denn die allermeisten Menschen sind wohl weder ganz gut noch ganz schlecht. Als Phase der Läuterung vor der endgültigen Vereinigung mit Gott gehört das Fegefeuer offenbar ebenso in die Entwicklung des Menschen wie der Embryonalzustand, Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Greisenalter. In jeder dieser Phase soll er sich verändern, Fortschritte machen, sich weiterentwickeln. Wenn der Tod nach dem christlichen Glauben die Geburt in ein nächstes Leben ist, entspricht das Purgatorium wohl ehesten einem Brutkasten: In ihm holt der Mensch, wie nach der Frühgeburt die körperliche, nach dem Tod die seelische Reifung nach.

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In „Das Wort zum Sonntag“ (ARD) sagt der katholische Hochschulseelsorger Wolfgang Beck, dass „es auch eine Frage der Fairness gegenüber den eigenen Angehörigen ist, rechtzeitig wichtige Fragen zu Krankheit und Lebensende miteinander zu besprechen: Wie soll das bei uns aussehen, wenn Pflege nötig ist oder bestimmte medizinische Entscheidungen gefällt werden müssen? Wenn Sie jetzt in der Zeit vor dem Weihnachtsfest viele Dinge planen und organisieren, könnte das vielleicht auch dazu gehören.“ Weihnachten, so ein Anonymus, „war ein Fest der Besinnung und Stille, bis jemand auf die Idee kam, dass Geschenke sein müssen.“

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Jedes Gebet ist ein Trittstein auf dem von den Wassern der Welt überspülten, nur mit den Augen des Glaubens sichtbaren Weg zu Gott.

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Diesen Dienstag, den 11.Dezember, feiert die katholische Christenheit das Andenken des hl. Damasus. Der Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Bändiger, Bezwinger“. Aus einer spanischen Familie in Rom geboren, arbeitet er als junger Mann in den Archiven des Vatikans, wo er besonders die Akten der Märtyrer erforscht. Später dient er dem Papst Liberius als Diakon. Er folgt ihm in die Verbannung nach dem syrischen Beröa und unterstützt ihn nach ihrer Rückkehr bei der Verwaltung. Im Jahr 366 wird er zum neuen Papst gewählt. Die Partei der Arianer macht Ursinus zum Gegenpapst, und die Anhänger der beiden Gewählten liefern sich deftige Prügeleien. Die Damasianer sammeln vor allem Fuhrleute und Arbeiter aus den Katakomben um sich, die der neue Papst wieder instand setzen lässt, und siegen in blutigen Straßenschlachten. Der heidnische Stadtpräfekten Vettius Agorius Praetextatus hält es mit den Stärkeren und verbannt Ursinus nach Gallien. Mit Damasus beginnt ein besonders erfolgreiches Kapitel in der Geschichte des Christentums. In seiner Amtszeit wirken sechs große Kirchenlehrer und Heilige: Basilius d.Gr., Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa, Ambrosius, Hilarius von Poitiers - den sechsten, Hieronymus, macht der Papst zu seinem Geheimsekretär, betraut ihn mit der Revision der alten Bibeltexte und beauftragt ihn mit der Übersetzung aus dem Griechischen und Aramäischen ins Lateinische. Die so entstandene „Vulgata“ bleibt bis heute aktuell. Damasus festigt endgültig die Lehre von der Trinität, gibt dem Glaubensbekenntnis seine bis heute gültige Form und bestimmt auf der Synode von 382 in Rom den Kanon der biblischen Bücher. „Dieser heiligmäßige Papst, der Aufwand und Repräsentation pflegte, um damit den Herrn zu verherrlichen, legte für die Vorrangstellung des alten Rom im Gegensatz … zu Konstantinopel das Fundament“, schreiben Erna und Hans Melchers in „Das Große Buch der Heiligen“. „Unter ihm gewann die päpstliche Hofhaltung zum ersten Mal ganz bewußt ihren ‚fürstlichen Zuschnitt‘. Er war der erste große Papst-Herrscher der Spätantike, der erste, der den Titel ‚Pontifex maximus‘ von den römischen Kaisern auf die Päpste übertrug. Und wenn er die Statue der Victoria aus dem Senat in Rom entfernen ließ, so symbolisierte er damit den Untergang des heidnischen Rom. De von ihm geprägte, aus der Geschichte bewiesene, bis heute gültige Begriff des Apostolischen Stuhles schuf klare Rechtsverhältnisse.“ Nach seinem Tod am 10. Dezember 384 wird Damasus neben der Domitilla-Katakombe beigesetzt. Seine Reliquien in der Kirche San Lorenzo di Damaso gelten als heilkräftig gegen Fieber.

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Bettina von Arnim: "Wer nichts erleidet, wie kann der sagen, daß er überwindet?"

 

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