Golubovci, Milsami und Aqtöbe

Montag, 6. August 2012

Wie selten wär ein deutscher Sieg, gäb es nicht die Euro-League!

Jetzt geht es wieder los, wegen Olympia erst mal nur in der Nachrichtenübersicht und im Kleingedruckten, aber immerhin: Auch 2012/13 gibt es wieder eine Quali für die UEFA Euro League. Dabei wollten ein paar Sportfunktionäre den UEFA-Cup vor elf Jahren einfach mal so abschaffen. Dabei ist dieser Wettbewerb, und das zeigt sich auch heute wieder, extrem wichtig, und zwar nicht nur aus sportlichen Gründen. Hier die wichtigsten Argumente für ein langes Leben dieser schönen Veranstaltung:

  1. Der UEFA-Cup fördert die Allgemeinbildung. Wie sonst können wir erfahren, wo Gomel oder Džepčište, Jyväskylä, Marijampolė, Golubovci, Milsami und Aqtöbe liegen? Wie sich derlei Namen in kyrillischer Schrift ausnehmen? Und welche Idiome man in Dagestan und Bessarabien spricht? Merke: Eine UEFA-Cup-Saison entspricht zwei beinharten Geographie-Semestern auf der Volkshochschule!
  2. Der UEFA-Cup leistet Sozialerziehung. Alltagsentwöhnten Elitekickern, aber auch den abgebrühten Spesenrittern aus der Sportreporterzunft hängt in den Schicki-Tempeln von Milano, London, Paris oder Monte Carlo leicht mal das Weltbild schief. In Osteuropas Holzklasse-Herbergen wird es nachdrücklich wieder geradegerückt, dank Doppelstock-Kasernenbett, Kantinen-Kaffee Marke Bohnen-Diesel und Massenklo auf unbeleuchtbarem Flur. Merke: Ein Bus-Trip durch die Walachei, und der Kopf ist wieder frei!
  3. Der UEFA-CUP härtet ab. Östlich der Oder zählen zur Stadion-Grundausstattung z.B. Umkleidekabinen wie Big-Brother-Container, die Massagebänke sind so weich wie das Streckbett in der Folterkammer, und statt einlullender Wärme im Entmüdungsbecken lauert die Eiseskälte eines klirrenden Quellwasserstrahls aus der Kameradschaftsdusche, Modell Kneipp brutal. Heißwasser nur im Hochsommer. Klassisches Thermometer-Prinzip: Sinkt es unter zehn Grad plus, ist beim Boiler sofort Schluss!
  4. Der UEFA-Cup dämpft Überheblichkeit. Mit der leider häufigen Hybris des typischen kapitalistischen Kurzhosen-Cracks ist es immer schnell vorbei, wenn er erst einmal in einem Kalmücken-Strafraum getunnelt oder von wolhynischen Viertelprofis als Slalomstange zweckentfremdet wird. Grundsatz: Heute noch auf stolzen Rossen, morgen Bude voll- oder gar per Elfer rausgeschossen, in memoriam Mainz 05, vor Jahresfrist Dracula-Opfer in Medias.
  5. Der UEFA-Cup stärkt die Leidensfähigkeit, denn jenseits der Karawanken werden Fouls erst ab Kopfstoß oder Knochenbruch geahndet. Tritte sind Alltag, Fausthiebe gehen als maskuline Zärtlichkeiten durch, und wer als Westler in einem südserbischen Strafraum aus den Socken gehauen wird und nicht gleich wieder aufspringt, steht automatisch unter Schwalbenverdacht. Lehrsatz: Willst du heil nach Hause streben, mußt du flink die Füßchen heben!
  6. Der UEFA-Cup beschleunigt die europäische Integration: In ein paar Jahren brauchen unsere Balltreter gar nicht mehr nach Osten fahren, um sich an podolischen oder bukowinischen Berufskollegen zu messen – die spielen dann alle hier!
  7. Der UEFA-Cup liefert prima Ausreden: Platzverhältnisse, lautes Quartier, Magen-Darm-Probleme. Auswärtsspiele sind ja so weit weg, da gibt es keine Zeugen ... Wenn bloß diese Verräter von Fernsehen und Presse nicht wären!
  8. Der UEFA-Cup stärkt das Prestige von ARD und ZDF. Wer transkaukasische Bild- und Tonqualitäten kennt, verzeiht dem West-TV selbst noch das ödeste Kommentatoren-Gequatsche.
  9. Im UEFA-Cup hat die UEFA noch was zu sagen. Mega-Clubs wie ManU, Madrid oder München lassen sich von den Euro-Funktionären schon lange nicht mehr reinsabbeln, aber bei den Zwergen hinter den sieben Bergen können die Kicker-Kommissare noch mal auf kräftig die Hupe drücken.
  10. Der UEFA-Cup ist eine nationale Aufgabe, denn die Champions League gewinnen wir sowieso nie. Wie selten wär ein deutscher Sieg, gäb es nicht die UEFA-League!

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