Mit der NASA auf der Suche nach Gott

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Mit US-Hightech will die israelische Antikenbehörde die geheimnisvollen Schriftrollen von Qumran via Internet der weltweiten Forschung zugänglich machen.

Entwickelt wurde das hochempfindliche Aufnahmegerät, um die Rätsel der Schöpfung zu entschlüsseln. Jetzt enthüllt die modernste Spezialkamera der NASA womöglich den Schöpfer selbst: Innerhalb von fünf Jahren wollte die israelische Antikenbehörde mit amerikanischem Hightech die geheimnisvollen Schriftrollen von Qumran via Internet der weltweiten Forschung zugänglich machen. Anfang nächsten Jahres könnte es nun endlich so weit sein. Schon jetzt gibt es eine virtuelle Besichtigungstour durch die Ausgrabungen. Auch Google zeigt sich interessiert.

Die Archäologen der Antikenbehörde erwarten eine neue Welle von Erkenntnissen und Deutungen, Thesen und Theorien über den Ursprung von Gott, Mensch und Welt. Denn wie kein anderes Dokument führen die 15.000 Schriftstücke aus den drei letzten Jahrhunderten vor Christus, die ein arabischer Ziegenhirte vor 61 Jahren mit einem Steinwurf in eine Höhle am Toten Meer entdeckte, ins geheimnisvolle Zentrum jüdischer wie christlicher Gottesverehrung: Den einen sind sie unschätzbar wertvolle Zeugnisse des im Namen Jahwes geführten Freiheitskampfes der Juden gegen Griechen und Römer, den anderen ein ebenso kostbares Bindeglied zwischen Altem und Neuem Testament.

Im Mittelpunkt seriöser Untersuchungen und abenteuerlicher Spekulationen steht die jüdische Sekte der Essener, in der viele Forscher eine Vorläuferin der frühchristlichen Religion vermuten: Zu den Texten zählen – zumindest in Bruchstücken - der größte Teil des Tanach bzw. des Alten Testaments der Christen, verschiedene apokryphe, aus verschiedenen Gründen nicht in die Bibel aufgenommene Gottesberichte jener Jahrhunderte sowie liturgische Schriften und Inventarlisten.

Die Essener, die sich nach dem Wort chasya in der damals im Heiligen Land gebräuchlichen aramäischen Sprache „die Heiligen“ nannten, zählten mit Pharisäern, Sadduzäern und Zeloten zu den wichtigsten religiösen und politischen Gruppierungen im Judentum der jüngsten vorchristlichen Zeit. Als der Seleukidenherrscher Antiochos IV. Jerusalems Tempel entweiht, trennen sie sich von den übrigen Juden und ziehen sich in die Wüste zurück, um nicht unter den in ihren Augen verderblichen Einfluss des lebens- und sinnenfrohen Hellenismus zu geraten.

Wie später viele christliche Sekten, etwa die Amish in Pennsylvania, leben sie in äußerster Schlicht- und Kargheit in einer Art Mönchsdemokratie, die ihre Aufgabe in der Erhaltung und Bewahrung der reinen Lehre sieht. Unbestritten bieten die Rollen von Qumran eine wichtige Grundlage für die Entwicklung des späten Judentums wie für die Entstehung des frühen Christentums. Und wie Abraham einst zum Urvater vom Juden, Christen und Moslems geworden ist, steht im Umkreis der Essener die Gestalt des letzten Propheten Johannes am Übergang vom jüdischen Messias zum christlichen Erlöser.

Johannes ist es, der Jesus im Jordan tauft, worauf Gott den Zimmermann aus Nazareth vom Himmel her seinen geliebten Sohn nennt. Johannes ist es auch, der über den Getauften sagt, er sei es nicht wert, ihm die Schuhe zu binden. Jesus wiederum nennt den  Täufer den größten aller Menschen. Dass Johannes nach Ansicht vieler Forscher ein Essener war, macht das Thema auch für eine literarische Verschwörungsthesenproduktion interessant: In immer neuen Variationen kochen Unberufene ein pseudotheologisches Giftsüppchen gegen den Vatikan. Der britische Linguist John Marco Allegro etwa identifiziert die Essener zum Entzücken der Hippie-Bewegung als Mitglieder einer psychedelischen Kultgemeinschaft, die sich bei ihrer Gottsuche auf halluzinogene Zauberpilze verlassen hätten. Und in „Verschlusssache Jesus“ schildern die britischen Bibelverdreher Michael Baigent und Richard Leigh später angebliche Versuche des Vatikans, der katholischen Lehre widersprechende Erkenntnisse aus den Schriftrollen über die Existenz und Lehre Jesu zu unterdrücken.

Die Initiative der Israelis will auch solchen esoterischen Phantastereien entgegenwirken. Zwar sind die Qumran-Schriften bereits seit 2001 in 38 Bänden veröffentlicht, doch da die Herausgeber nicht zu allen der hochgradig lichtempfindlichen Dokumente Zugang hatte, mussten sie teilweise auf alte Schwarzweißfotos zurückgreifen, die modernen Anforderungen an die Forschung nicht mehr genügen.

Die NASA-Kamera, die einst Weltraumobjekte fotografierte, wird jetzt von jedem einzelnen der 900 Schriftstücke und Tausende winziger Schnipsel aus Papyrus, Schaf- oder Ziegenfell 35 Aufnahmen im Infrarotfrequenzbereich zwischen 600 und 1000 Nanometern machen. Das sichtbare Licht hat reicht etwa von 400 bis 750 Nano- oder Milliardstel Meter. „Auf diese Weise können wir erkennen, was Tinte ist, wo das eigentliche Pergament vorhanden ist und was Verschmutzung oder Schimmel ist“, erklärt der ehemalige NASA-Mitarbeiter Greg Berman – unschätzbar wichtig bei Schriftstücken, in denen oft minimale Irrtümer gewaltige Auswirkungen auf die Interpretation der Texte haben: Das bekannteste Beispiel betrifft einen späteren Abschreibfehler, der aus dem Jesuswort „Eher geht ein Tau durch ein Nadelöhr“ das viel einprägsamere „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr“ machte – das Schiffstau heißt griechisch „kamilos“.

Die Hoffnungen sind berechtigt: Nach Angaben der Antikenbehörde hat die NASA-Kamera schon auf den ersten Fotos Buchstaben wieder zum Vorschein gebracht, die zuvor nicht erkannt werden konnten. „Ich bin zwar ein archäologischer Idiot“, sagt der Experte, der einst im Jet Propulsion Laboratory der NASA arbeitete, „aber unsere Technik, mit der wir Planeten studierten, funktioniert auch hier perfekt.“ Auch früher schon wurden Qumran-Rollen infrarot fotografiert, doch die damalige Technik brachte keine entscheidenden Resultate.

Das Projekt kam kaum zu früh, denn einige der unersetzlichen Dokumente beginnen bereits zu verblassen, obwohl sie in fensterlosen Labors mit geregelter Temperatur und Luftfeuchtigkeit untergebracht sind. Dank der Digitalisierung sind die mehr als 2000 Jahre alten Schätze nun „auch für die nächsten zweitausend Jahre sicher“, sagt Pnina Shor von der israelischen Antikenbehörde. Noch wichtiger aber sei, dass die Schriftrollen für jedermann „nur noch einen Mausklick entfernt sind.“

Das drei Millionen Dollar teure Unternehmen gibt Forschern aller Disziplinen weltweit die Möglichkeit, der Überlieferung der Bibel, den Erkenntnissen der Jesuszeit und damit vielleicht auch dem Wesen Gottes besser als bisher auf die Spur zu kommen: Immer wieder gibt der Schöpfer seinem Volk Hinweise durch prophetische Offenbarung, vielleicht lasst er nun auch auf moderne Weise einen Zipfel seines Mantels ergreifen. Wahrscheinlicher ist allerdings eine neue Konjunktur für Zweifel und Zwielicht: Schneller als jeder seriöse Wissenschaftler ist allemal der gefinkelte Bestsellerautor mit einer neuen Verschwörungstheorie.

 

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