Im Land der Leopardenmänner

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Vor sechs Jahren flogen Bundeswehrsoldaten zum Schutz demokratischer Wahlen in den Kongo. Bis heute kommt das größte Land Afrikas nicht zur Ruhe. Zuletzt eroberten Rebellen die Millionenstadt Goma in der besonders unruhigen Ostprovinz Nord-Kivu.

 

Die erste Kunde vom Kongo kommt wohl schon in der Steinzeit mit geflügelten Kurieren nach Deutschland: Immer wieder einmal schaffen es Störche und andere große Zugvögel, afrikanischen Bogenschützen trotz eines Treffers zu entkommen und mit dem Projektil im Hals zurückzukehren. Die Wissenschaft prägt für sie den Begriff „Pfeilstörche“. Der älteste von 25 bekannt gewordenen Wund- und Wunderfliegern, ein 1822 auf Schloß Bothmer bei Klütz erlegter Weißstorch, steht ausgestopft in der Universität Rostock.

Die Phantasie spinnt um das Phänomen die Mär vom Krieg der Kraniche gegen die Pygmäen, die schon Homer kennt: Jeden Herbst, so die Sage, fliegen Europas größte Vögel an den Rand der bewohnten Welt und liefern sich mit zwergwüchsigen Höhlenbewohnern Kämpfe auf Leben und Tod. Seither ist das schwarze Herz Afrikas Quell zahlloser Mythen in nahezu allen klassischen und modernen Variationen. Zum historisch-literarischen Inventar zählen bislang: ein hunderttausendjähriges Urvolk, ein biblischer Diamantenschatz, ein sensationslustiger Nilforscher, ein belgischer König mit einem mörderischen Gummigeschäft, ein berühmter Schauerroman, das letzte auf Erden entdeckte Großtier, ein schwarzer Ché Guevara, ein ermordeter UN-Generalsekretär, der berühmteste Boxer aller Zeiten und immer wieder mal ein paar vergessener Dinosaurier – kein anderer Teil der Welt bietet einen solchen Fundus an Entdeckungen und Erfindungen, Legenden und Lügen.

Die ersten Zweibeiner durchziehen das tropische Regenwaldland wohl schon, als die Evolution den Homo sapiens entwickelt: Die Pygmäen vom Stamm der Mbuti aus dem Ituri-Wald im Osten gelten Anthropologen sogar als die letzten Überlebenden jenes Urvolks, aus dem in 100 000 Jahren auf vielerlei Umwegen alle heute lebenden Menschen hervorgingen. Eine verringerte Produktion des Wachstumsfaktors IGF begrenzt die Körpergröße der Männer auf 152, der Frauen auf 147 Zentimeter. Pygmäen leben in monogamen Kleinfamilien von zwanzig Personen im Urwald, gelten noch dem 17.Jahrhundert als Tiere oder Teufel und zählen heute rund 150.000 Köpfe.

Das erste Großreich gründet der Bantu-König Ntinu Wene um 1370 bei Boma am Mittellauf des 4374 Kilometer langen Kongostroms. Das Imperium seiner Nachfolger schließt auch Teile Angolas ein und wird das führende Staatswesen Zentralafrikas. Seine Herrscher, die „Mani Kongo“, sitzen auf einem Elfenbeinthron, ihr Zepter ist ein Zebraschweif, ihre Münzen sind Muscheln, die Woche dauert vier Tage, und dem Untertan, der den König verbotswidrig beim Essen und Trinken beobachtet, droht die Todesstrafe. Doch Kriege sind selten, die Landwirtschaft blüht, und die Sklaven können wie bei den antiken Griechen oder Römern ihre Freiheit zurückgewinnen.

Die ersten Europäer sind Portugiesen. Sie kommen als Freunde, Verbündete und Missionare. 1482 nimmt Diogo Cão die Kongomündung in Besitz. 1489 stehen Portugals Gesandte vor König Nzinga. Der „Mani Kongo“ sendet Diplomaten nach Lissabon und nennt sich nach der Taufe João I. Sein Erbe Mwemba baut als Alfonso I. in 37 Jahren einen christlichen Staat auf: Junge Kongolesen studieren in Europa, europäische Akademiker und Handwerker kommen an den afrikanischen Königshof.

Die ersten Kolonialisten lassen 1512 die Maske fallen: „Obgleich es unser oberster Wunsch ist, Gott zu dienen und den Mani-Kongo zu erfreuen“, mahnt Portugals König Manuel seinen Botschafter, „solltet Ihr nichtsdestoweniger ihm in unserem Namen deutlich machen, was er zu tun habe, um die Schiffe zu füllen, sei es mit Sklaven, Kupfer oder Elfenbein.“ Der König wirft die Fremden hinaus, doch sein Nachfolger holt sie gegen eine Invasion der Jaga aus dem heutigen Tansania zu Hilfe. Die portugiesische Armee schlägt die Eindringlinge zurück, besetzt aber das Kongo-Reich – die planmäßige Ausbeutung beginnt, Ende des 17.Jahrhunderts liegt das Land völlig am Boden.

Als erster Entdeckungsreisender folgt Henry Morton Stanley dem größten Strom Afrikas 1874-77 von der Quelle bis zur Mündung. Der Waliser ist der Skrupelloseste einer Forschergeneration, die von fantastischen Vorstellungen beflügelt wird: Wie andere sucht er die Quellen des Nil, liest er von den legendären Diamantenminen des Königs Salomo, träumt er von Goldschätzen in vom Urwald überwucherten Götzentempeln, von Fabeltieren und versunkenen Königreichen. Im Gedächtnis der Menschheit haftet bis heute seine berühmte Frage an seinen vermisst gemeldeten schottischen Kollegen am Tanganjikasee: „Doctor Livingstone, I presume?“ Stanleys geldgierige Umtriebe dagegen sind wenig bekannt: Der Forscher verdingt sich an Leopold II. von Belgien und verschafft ihm die Verträge, mit denen der Monarch das Riesenland zum Privatbesitz macht.

Der erste Imperialist ist auch gleich einer der schlimmsten: Der belgische König lässt durch seinen britischen Kundschafter 450 Häuptlinge unterschreiben, daß nicht nur ihre Länder, sondern auch ihre Bürger einen neuen Herrn haben. Söldner überfallen die Dörfer und befehlen den Bewohnern, Gummi zu zapfen. Wer sich weigert oder nicht genug liefert, wird erschossen. Um den sachgerechten Gebrauch der Kugeln nachzuweisen, hacken die Mörder den Toten die rechte Hand ab – wird zu oft vorbeigeschossen, auch den Lebenden. Zwischen 1880 und 1920 wird die Bevölkerung zur Hälfte ausgerottet, Experten berechnen die Zahl der Opfer auf zehn Millionen.     

Der erste Zeuge ist der britische Seemann und Schriftsteller Joseph Conrad. 1890 heuert er als Kapitän eines Flussdampfers auf dem Kongo an. Als er sieht, wie Soldaten Körbe voller verwesender Hände zum Zählen auf ihre Stützpunkten schaffen, kehrt er nach England zurück und schreibt seinen wohl berühmtesten Roman: „Das Herz der Finsternis“. Das Buch erscheint 1902 und schildert das schreckliche Regiment des belgischen Elfenbeinhändlers Kurtz auf einem einsamen Handelsposten im Dschungel. 1979 verlegt US-Regisseur Francis Ford Coppola die Handlung für seinen Kriegsklassiker „Apocalypse Now“ nach Vietnam und machte Kurtz zum wahnsinnigen US-Colonel.

Für die meisten Europäer bleibt der Kongo auch im 20 Jahrhundert Inbegriff des „schwarzen Kontinents“, des „dunklen Afrikas“ mit Geheimnissen und Mysterien, Leopardenmännern und verschollenen Expeditionen. Die erste zoologische Sensation schicken Forscher 1900 in Form einiger Fellstücke an die Zoologische Gesellschaft in London. Wissenschaftler rechnen das Rätseltier als „Equus johnstoni“ zu den Pferden, doch schon 1901 bezeugen zwei Schädel die Ähnlichkeit mit eiszeitlichen Kurzhalsgiraffen, und der Paarhufer wird unter seinem einheimischen Namen „Okapi“ das letzte bisher entdeckte Großtier des Planeten. Erst 1909 läßt sich ein Exemplar fangen, heute leben noch 10 000 bis 20 000 Okapis in Freiheit – und nur 45 in Zoos.

Die erste Demokratie gründet 1960 nach dem hastigen Rückzug der belgischen Kolonialherren der Postangestellte Patrice Lumumba. Ein afrikanischer Vorläufer Ché Guevaras, muss er bei Null anfangen: Im ganzen Land gibt es drei schwarze Chefs und dreißig schwarze Akademiker. Als der Sozialist die reichen Bergbau- und Plantagengesellschaften verstaatlichen will, reagiert der Kapitalismus mit den typischen geheimen und gewalttätigen Machenschaften der frühen sechziger Jahre. Zudem wird das unglückliche Land zum Zankapfel zwischen Ost und West. Lumumba muss fliehen und wird 1961 grausam ermordet. Im gleichen Jahr fällt der Schwede Dag Hammarskjöld wohl dem ersten Attentat auf einen UN-Generalbevollmächtigten zum Opfer: Sein Flugzeug stürzt über der abtrünnigen Kongo-Provinz Katanga ab, als Ursache vermuten Experten Beschuss durch Söldner oder Rebellen.

Zum ersten Diktator schwingt sich Lumumbas Ex-Armeechef Joseph-Desirée Mobutu auf. Sein größer Prestigeerfolg wird Afrikas erste Weltmeisterschaft im Schwergewichtsboxen: 1974 schlägt Muhammed Ali im legendären „Rumble of the Jungle“ den hochfavorisierten George Foreman k.o. Unter Mobutos hemmungsloser Kleptokratie geht der Kongo in Konkurs, doch so regelmäßig wie die Nachrichten über Hunger und Armut kommen auch immer noch Meldungen über riesige Dinosaurier, die angeblich in unzugänglichen Dschungelsümpfen überlebten. Erst seit Satelliten die letzten weißen Flecken auf der Landkarte tilgten, können Wundergeschichten das Weltinteresse nicht mehr so leicht von den politischen und sozialen Verhältnissen ablenken. Die Kongo-Kriege nach Mobutos Tod 1997 mit ihren bisher vier Millionen Toten erschüttern die Menschen in aller Welt, und sie machen den Politikern Dampf. Noch immer hofft das Land der Mythen auf einen dauerhaften Frieden.

Die Demokratische Republik Kongo

Das frühere Zaire ist mit 2.345 Millionen Quadratkilometern sechseinhalb Mal so groß wie Deutschland und zählt 60 Millionen Menschen. Die Hauptstadt Kinshasa ist mit 7,8 Millionen Einwohnern mehr als doppelt so groß wie Berlin. Die Amtssprache ist Französisch. Lingala verstehen 50 Prozent, Kikongo 30 Prozent, außerdem gibt es über 200 weitere Sprachen. Die zwölf Hauptethnien der Bevölkerung teilen sich in 240 kleinere Gruppen. 80 Prozent der Einwohner gehören Bantu-, fünfzehn Prozent Sudanvölkern an. 91 Prozent der Einwohner sind Christen, drei Prozent Muslime. Männer haben eine Lebenserwartung von 49 Jahren, Frauen von 52 Jahren. Zwei Drittel arbeiten in der Landwirtschaft, Haupterzeugnisse sind Maniok, Obst, Melonen, Kochbananen, Zuckerrohr, Erdnüsse, Bananen und Süßkartoffeln. Währung ist der Kongo-Franc. Wichtigste Exportgüter sind Diamanten, Rohöl, Kobalt und Kaffee, wichtigste Handelspartner China, Belgien, Südafrika, Chile, USA, Deutschland und Indien. Mit nur 100 Dollar Pro-Kopf-Einkommen im Jahr zählt Kongo zu den ärmsten Länden der Welt.      

 

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