„Die Astrologie ist eine prallbusige Maitresse“

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Zum Jahreswechsel schauen Sterngläubige besonders gespannt auf ihre Horoskope. Der erste wissenschaftlichen Beweis für den Einfluss der Tierkreiszeichen auf das menschlichen Verhalten enthüllt geheimnisvolle Zusammenhänge in allen Lebensbereichen: Liebe, Beruf, Alltag.

Den gutaussehenden Deutschen, der nach einem Besuch in Ernest Hemingways "Colonial House" durch Key West bummelt, kennt die ganze Welt: Er ist Milliardär, war mit Brigitte Bardot verheiratet, organisiert die originellsten Partys und fotografiert die aufregendsten Frauen der Welt. Doch im Schaufenster der kleinen Buchhandlung fängt nicht ein Bildband über weibliche Schönheit, sondern eine Reihe über Astrologie seinen Blick: Für jedes Sternzeichen ein Buch. Und wie ein Blitz fährt die faszinierende Frage in seine Gedanken: Werden von jedem Band gleich viele Exemplare verkauft?

Denn falls nicht, so Gunther Sachs (1932-2011), "dann würde das darauf hindeuten, dass Angehörige des einen oder anderen Sternzeichens sich mehr oder weniger für Astrologie interessieren als die Angehörigen anderer Sternzeichen." Damit aber "wäre die Vermutung erhärtet, dass die Sternzeichen sich unterschiedlich verhalten – eines der Fundamente der Astrologie."

Sachs ist nicht der nur am Partyleben interessierte Playboy, als den ihn die Boulevardpresse seit Jahrzehnten ihrem Publikum präsentiert: Er sammelt moderne Kunst, leitet ein Münchner Museum, dreht preisgekrönte Dokumentarfilme, berät das Max-Planck-Institut und forscht im "Club of Rome" über die Zukunft der Menschheit. Er hat Wirtschaft und Mathematik studiert und kennt sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung, Normalverteilung oder Standardabweichung genauso gut aus wie mit Aktienkursen.

Und er ist neugierig – so neugierig, dass er der Sache gleich mal auf den Grund geht: "Früh am nächsten Morgen machte ich mit Herzklopfen zwei Anrufe nach München und Wiesbaden", erinnert er sich. Der Verleger der Astro-Bücher faxt ihm die Verlaufszahlen, das Statistische Bundesamt die Geburtenziffern der deutschen Bevölkerung seit 1950. Dann, so Sachs, "begann die lange Nacht der Zahlen."

Am Ende stand fest: Es gab tatsächlich Unterschiede, und sie waren signifikant. Skorpione kauften ihr Sternzeichen-Buch überdurchschnittlich oft, Zwillinge unterdurchschnittlich selten, und auch bei den anderen zeigten sich deutliche Unterschiede.

Es war die Initialzündung für ein außergewöhnliches Forschungsprogramm: Sachs gründet ein "Institut zur empirischen und mathematischen Untersuchung des Wahrheitsgehaltes der Astrologie in bezug auf das Verhalten von Menschen und deren Anlagen“ (IMWA), dessen Computer riesige Datensätze verarbeitet. Die vielen Millionen Zahlen stammen von den Statistischen Bundesämtern Deutschlands und der Schweiz, dem britischen Autoversicherer „Accident and Insurance Management Company“ (VELO) und dem Meinungsforschungsinstitut Allensbach. Fachkundige Hilfe lieferten Statistiker der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

Zwei Jahre später fasst das Sachs-Buch „Die Akte Astrologie“ die Resultate zusammen. Jetzt ist es ein wissenschaftliches Standardwerk und so etwas wie ein Vermächtnis des Verfassers, der im Mai vergangenen Jahres durch Freitod aus dem Leben schied: „Am Ende unserer Arbeit, nach der Computer-Auswertung von Millionen Daten, steht der statistische Nachweis, dass Sternzeichen in allen von uns untersuchten Bereichen einen gewissen Einfluss auf das Verhalten von uns Menschen ausüben“, schreibt Sachs. „Insgesamt überprüften wir zehn Lebensbereiche, und jede dieser zehn Untersuchungen ergab signifikante Abweichungen.“

Am augenfälligsten wirken sie bei einem Thema, bei dem es traditionell mehr um Gefühle als um Gewissheiten geht: bei der Liebe. Aus den jeweils zwölf Sternzeichen von Frauen und Männern errechnen sich 144 mögliche Kombinationen. Das Sachs-Institut untersuchte die Daten von 717.526 Eheschließungen. Ergebnis: 25 Kombinationen zeigen erhebliche Abweichungen von der Norm. 13 davon kamen überdurchschnittlich häufig, zwölf unterdurchschnittlich selten vor. Und unter den häufigen 13 finden sich acht, bei denen die Ehepartner demselben Sternzeichen angehörten.

Gleich und Gleich gesellt sich gern: Widder-Männer heiraten besonders gern Widder-Frauen, und umgekehrt. Dasselbe gilt für Stiere, Zwillinge, Jungfrauen, Waagen, Schützen, Steinböcke und Wassermänner. Außerdem bevorzugen einander Stier-Mann und Waage-Frau, Löwe und Widder-Frau, Skorpion und Fische-Frau, Schütze und Widder-Frau sowie Fische-Mann und Skorpionin: Diese beiden letzten Sternzeichen funken also in beide Richtungen, von Mann zu Frau und umgekehrt.

Und wo funktioniert es nicht so gut? Widder und Skorpionin schließen deutlich seltener die Ehe, ebenso Stier und Zwillinge- oder Löwen-Frau, Krebs und Widder-Frau, Löwe und Wassermännin, Skorpion und Zwillinge-Frau, Schütze und Fische- oder Steinbock-Frau, Wassermann und Skorpionin oder Stier-Frau sowie Fische-Mann und Jung- oder Waage-Frau. Hier hat Amor öfter Pech.

Besonders verblüffend: Nach den Gesetzen der Astrologie gibt es Feuer-, Luft-, Erd- und Wasserzeichen, harmonieren Sternzeichen vom gleichen Element besonders gut. Nach der Sachs-Studie aber gehören nicht weniger als zwölf der 13 häufigen Ehe-Kombinationen in die gleiche Kategorie - ein Ergebnis, bei dem Zufall mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:7.700.000 auszuschließen ist.

Liegt das etwa daran, dass sich manche Prophezeiung selbst erfüllt, suchen Heiratswillige ihre Zukünftigen etwa in den Sternen? Keineswegs: In 2174 Allensbach-Interview sagten zwar 93 Prozent, dass sie ihr Sternzeichen kennen, aber nur für 0,6 Prozent, dass es bei der Partnerfindung eine Rolle spielte.

Doch die Sterne lotsen nicht nur in den Ehehafen, sie steuern auch in Stürme: Der Scheidungsquotient liegt immer dann deutlich über dem Durchschnitt, wenn ein Widder mit einer Löwe-Frau, ein Zwilling mit einer Steinböckin, ein Waage-Mann mit einer Widder-Frau und ein Skorpion oder ein Schütze mit einer Zwillingsfrau verheiratet ist. Bei letzterer ist das Risiko, das es schiefgeht, besonders groß, und das wusste auch schon der unwissenschaftliche Sternenglaube. "Die astrologische Literatur attestierte Frauen dieses Sternzeichens im allgemeinen Unstetigkeit und Lust an Veränderung“, schreibt Sachs und steuert Persönliches bei: Er hatte 1969 das schwedische Top-Model Mirja Larsson geheiratet. Sein Sternzeichen: Skorpion. Ihr Sternzeichen: Zwillinge. Er war damals zum zweiten Mal, sie zum ersten Mal geschieden, doch die Ehe hielt 42 Jahre bis zu seinem Tod.

Bestätigen Ausnahmen die astrologische Regel? Auch das Single-Leben steht offenbar in den Sternen: Fische-Männer sind statistisch häufiger bereit, zum Standesamt zu gehen, Schützen und Steinböcke bleiben lieber als andere solo. Bei den Frauen sind Krebse, Skorpione und Löwinnen eher heiratswillig, Stiere und Schützen eher nicht. Als Single leben besonders viele Skorpion- und Schütze-Männer, aber vergleichsweise wenige Steinbock- und Wassermann-Frauen.

Als zweitwichtigste Lebensentscheidung gilt die Berufswahl, und hier spielt das Sternzeichen ebenfalls eine höchst bedeutsame Rolle. Eine detaillierte Analyse künftiger Hochschüler förderte interessante Belege zutage: Besonders gern studieren die Sternzeichen Waage, Krebs, Schütze und Stier, eher ungern Zwillinge, Steinbock und Widder. Volkszählungen, die nach den Berufen fragen, zeigen: Löwen sind überdurchschnittlich oft Führungskräfte, Steinböcke häufiger Arbeiter und kleine Angestellte. Die schöpferischen Stiere werden oft Architekten, die kunstliebenden Waagen gern Inneneinrichter, und die einfühlsamen Fische interessieren sich für soziale Berufe.

In der Landwirtschaft arbeiten überdurchschnittlich viele Wassermänner, Fische und Widder, als Gärtner sind Steinböcke und Schützen am grünen Werk. Skorpione und Waagen werden öfter Bäcker und Schneider als andere Sternzeichen, Steinböcke und Fische sind besonders häufig Zimmermann. Waage, Steinbock und Skorpion werden Maurer, Waage und Löwe Maler, Jungfrauen Schlosser, aber auch Versicherungskaufleute und Buchhalter. Im Maschinenbau sind Fische und Steinböcke deutlich überrepräsentiert, im Bankgeschäft Krebse und Waagen. Löwen werden besonders gern Unternehmer, Zwillinge Informatiker und Skorpione Programmierer.

Journalist, Pfarrer und Hochschullehrer scheinen Berufe besonders für Zwillinge zu sein, Friseur ist eher für Skorpion und Waage attraktiv, Arzt für Zwilling und Stier. Krankenschwestern sind überdurchschnittlich häufig Fische, Sozialarbeiter und Erzieher vor allem Krebse oder Wassermänner. An Grundschulen unterrichten Widder und Stier, in der Oberschule Zwillinge. Kindergärtnerinnen sind oft Stiere, Chemiker Widder.

Zu den zehn Lebensbereichen, die Sachs untersuchen ließ, zählt auch der Tod: Wer stirbt woran? Schweizer Statistiken zeigen, dass Widder vergleichsweise häufig an Leberzirrhose oder Dickdarmerkrankung, Löwen und Jungfrauen an Erkrankungen der Hirngefäße, Waagen an Grippe, Wassermänner an Bronchitis und Fische an Brustkrebs sterben. Unter den Sternzeichen Stier, Krebs und Fische kam es zu signifikant mehr, unter den Waagen und Schützen zu weniger Selbstmorden als nach dem statistischen Mittelwert zu erwarten war. Tatsächlich sagt die Astro-Literatur den Fischen eine depressive Veranlagung und den Krebsen eine Neigung zur Flucht in die Depression nach. Der Stier soll sogar unter einer „seelischen Komplexneigung mit depressiver Tendenz“ leiden. Den Waage- und Schütze-Geborenen dagegen schreibt die Astrologie ein besonders optimistisches Weltbild, eine "leichte Seite" und eine Abneigung gegenüber jeder Form von Gewalt zu. Doch: "Nicht in allen Fällen deckt sich unser Ergebnis mit dem Bild in der Literatur", schreibt Sachs. "So fällt der Skorpion, den man oft als Spitzenreiter unter den Selbstmordgefährdeten sieht, in unserer Studie nicht durch eine erhöhte Suizidrate auf. Er liegt sogar im negativen Bereich."

Als das Buch erscheint, denkt niemand auch nur im Traum daran, dass der Autor und Skorpion später selbst den Freitod wählen wird. Sogar die Art der Selbstmorde lässt Sachs untersuchen. "Fische scheiden auffallend oft durch Einnahme von Schlafmitteln aus dem Leben“, stellt er fest. „Stiere begehen auffallend häufig Selbstmord durch Einatmen von Auspuffgasen oder durch Erschießen. Diese Untersuchungen sind deswegen von besonderem Interesse, weil die Todesursache Suizid besonders eng mit dem Wesenskern einer Persönlichkeit verknüpft ist.“

Für eine Analyse der Zusammenhänge von Sternzeichen und Straftaten nutzte das Sachs-Institut die schweizerische Kriminalstatistik. Ergebnis: Stiere werden besonders häufig wegen Veruntreuung verurteilt, Zwillinge nach Betrug und Urkundenfälschung. Waagen und Skorpione büßen für Diebstahl und Drogenkonsum. Schützen klauen überdurchschnittlich oft Autos, Steinböcke dealen, Fische fahren ohne Führerschein und machen auch noch Fahrerflucht.

Zu besonders verblüffenden Erkenntnissen kommen die Astro-Forscher durch die Datensätze der britischen Autoversicherer von VELO: Stier und Jungfrau bauen vergleichsweise sehr viel mehr, Löwe und Skorpion sehr viel weniger Unfälle als andere. Jungfrauen verursachen die höchsten, Fische die geringsten Schäden. Skorpione sind besonders oft Vielfahrer mit mehr als 20.000 Kilometern im Jahr, Schützen sind eher wenig unterwegs. Steinböcke wollen möglichst viele PS unter der Haube, Jungfrauen sind am seltensten Auto-Experten und Wassermänner nehmen den Umweltschutz nicht recht ernst. Sogar beim Autokauf reden die Sterne mit: Schützen sind unter den Mercedes-Fahrern überrepräsentiert, Waagen unter den BMW-Fahrern, Skorpione bei Ford, Löwen bei Audi, Fische bei VW und Opel. Löwen sind bei den Pkw-Fahrern am wenigsten vertreten, sitzen aber dafür überdurchschnittlich oft im Brummi.

"Je länger und genauer wir die Astrologie durch die Lupe der Wissenschaft betrachteten, umso mehr hat mich die Aufgabe fasziniert", schließt Sachs sein revolutionäres Buch, dessen Wirkung auf Sterngläubige seither stetig wächst. "Nach den zwei Jahren, in denen ich das IMWA-Institut statistisch begleitet habe, sehe auch ich heute den nächtlichen Himmel mit anderen Augen an. Die Astrologie ist eine feuerrothaarige, prallbusige Maitresse, die man begehrt und mit der man verkehrt, doch die man vor der kleinen oder großen Welt versteckt. Playboys haben es da leichter. Für mich war die Astrologie eine geheimnisvolle Gefährtin, die es zu ergründen galt. Jetzt werde ich zurückkehren zu den Sternen meiner Photographie, deren Kurven unendlich reizvoller sind als die der kühnsten Statistik."

 

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt