Der Urmensch und die Schöne

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Vor 100 Jahren verblüffte der „Piltdown-Schädel“ die Fachwelt. Er blieb nicht die einzige archäologische Sensation, die später als Betrug entlarvt wurde.

Das Rätsel ist spannend, die Suche langwierig, der Erfolg eine Weltsensation: Jahrzehnte lang forschen Wissenschaftler in aller Welt nach dem „Missing link“, dem fehlenden Bindeglied der Evolution zwischen Affe und Mensch. Vor 100 Jahren aber, am 18.Dezember 1912, präsentiert der englische Rechtsanwalt und Hobby-Archäologe Charles Dawson auf einem Treffen der Geological Society in London Teile eines menschlichen Schädels mit dazugehörigem Kieferknochen, geschätzte 500.000 Jahre alt.

Als Fundort nennt Dawson das Dörfchen Piltdown in der Grafschaft Sussex. Das Fossil kombiniert einen menschlichen Schädel mit vergleichsweise großem Gehirnvolumen und die Kieferknochen eines großen Affen. Erst 1953 finden Spezialisten heraus: Nicht etwa die Evolution, sondern ein Betrug stand Pate für das wundersame Fossil. Der Schädel ist höchstens 1000 Jahre alt, die Kiefer stammen von einem Orang-Utan.

Die Täter bleiben bis heute unbekannt, wahrscheinlich geriet damals ein Scherz unter Wissenschaftlern außer Kontrolle. Doch der Piltdown-Schädel ist längst nicht das einzige Beispiel für ein gelungenes archäologisches Falsifikat.

Als prominentester Fälscher gilt Michelangelo. Nach einem längeren Streit mit ihm um den Wert aktueller Gegenwartskunst will sein großer Konkurrent Bramante an einer soeben auf dem Kapitol entdeckten Statue die grenzenlose Überlegenheit der antiken Bildhauer beweisen. Er lässt Michelangelo als fachkundigen Meister hinzuziehen und hofft, ihn bei dieser Gelegenheit als minder talentierten Epigonen beschämen zu können. Doch als er die Figur gerade in den höchsten Tönen lobt, unterbricht der Bildhauer ihn und gesteht lächelnd einen schlauen Schwindel: In Wirklichkeit stammt die Statue von ihm selbst.

„Ich hab‘ sie gemacht, und ließ sie vergraben bei dunkler Nacht“, sagt er bei Friedrich Hebbel, der dem bedeutungsvollen Betrug drei Jahrhunderte später ein kurzes Drama widmet. Das Renaissance-Genie will mit der List der übersteigerten Antikenverehrung seiner Zeit einen Dämpfer versetzen. Andere Fälscher handeln aus weniger edlen Motiven: Oft geht es um Ruhm, manchmal um Rechthaberei, meistens um Geld.

1892 gräbt der geschichtsbegeisterte schwedische Bauer Olof Ohmann in seinem Garten im US-Staat Minnesota den „Runenstein von Kensington“ aus. Die Inschrift soll beweisen, dass Wikinger schon 1352 ins Herz Nordamerikas vorstießen. Als Forscher die plumpe Fälschung entlarven, mauert der enttäuschte „Entdecker“ den Stein in seine Hauswand ein.

2000 finden Polizisten nach einer anonymen Anzeige bei einem Kamelzüchter im westpakistanischen Quetta eine angeblich 2600 Jahre alte persische Mumie, die als Tochter des persischen Großkönigs Xerxes für 20 Millionen Dollar auf dem archäologischen Schwarzmarkt verkauft werden soll. Der Iran erhebt Ansprüche und droht, die UNESCO einzuschalten, bis Experten herausfinden, dass die Tote erst 1996 ums Leben gekommen war. Der Leichnam wird bestattet, der Kamelzüchter unter Mordverdacht verhaftet.

2007 präsentiert „Titanic“-Regisseur James Cameron in New York eine bereits 1980 in Jerusalem entdeckte steinerne Knochenkiste als „Grab Jesu“ und „größte archäologische Sensation des Jahrhunderts“. Eine Untersuchung der israelischen Altertumsbehörde beweist den Betrug: der Gebeinbehälter des Gottessohns ist eine Fälschung, die Inschriften von „Jesus, Sohn des Josef“ und „Maria Magdalena“ sind erst in jüngster Zeit in den alten Stein geritzt. Die Polizei ermittelt wegen Betrugs, kann aber bisher keinen Täter überführen: Spuren verwehen schnell, auch wenn die Sensation aus dunkle Vorzeit nur ein Werk archäologischer Dunkelmänner ist.

Sogar die ebenfalls vor 100 Jahren entdeckte Büste der Nofretete in Berlin geriet in den Verdacht, ihre Entstehung einem Betrug zu verdanken: Nach Ansicht des Genfer Kunsthistoriker Henri Stierlin sei das weltberühmte Werk nicht 3400, sondern erst 97 Jahre alt. Der königliche Kopf, so der Experte, sei 1912 auf Anweisung des deutschen Ägyptologen Ludwig Borchardt angefertigt worden, der eine von ihm gefundene Halskette aus der Pharaonenzeit um den stilgerechten Nacken legen wollte. Als ein fürstlicher Besucher die nachgebaute Schönheit für echt hält und sich mit der Büste fotografieren lässt, hat der Forscher nicht den Nerv, auf den Irrtum hinzuweisen und den teuren Gast damit lächerlich zu machen. Sagt Stierlin. Ob’s stimmt, bleibt wohl auf ewig unbewiesen: Das Material, Gips und Farbe, ist tatsächlich alt, stand aber an der Ausgrabungsstätte stets reichlich zur Verfügung.



Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt