Die zehn Sprossen der mystischen Leiter

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Das Wort zum Freitag

Sie kommt blind zur Welt, doch als das Taufwasser ihre Augen nässt, kann sie plötzlich sehen: Diesen Donnerstag feiert die katholische Christenheit das Gedenken der hl. Odilia. Sie wird um das Jahr 660 als Tochter des elsässischen Herzogs Attich geboren und wächst im Kloster Baumes-les-Dames auf. Um 690 gründet sie zusammen mit ihrem Vater auf der Hohenburg bei Barr das später nach ihr genannte Augustiner-Chorfrauenstift Odilienberg und wird erste Äbtissin. Nach dem Jahr 700 folgt am Fuß des Berges die Frauenabtei Niedermünster, zu der auch ein Hospiz gehört. Schon bald nach ihrem Tod um 720 wird ihr Grab auf dem Odilienberg ein vielbesuchtes Pilgerziel, die Verehrung der Äbtissin breitet sich vor allem in die Schweiz und nach Süddeutschland aus. Gläubige bauen Odilienkapellen auf Bergen und vor allem an Quellen, deren Wasser so wie das der Odilienquelle auf der Hohenburg als heilkräftig bei Augenleiden gilt. Darstellungen zeigen sie im weißen Ordenskleid mit Äbtissinnenstab und Buch. Eine Legende aus dem 10. Jahrhundert macht die Vita noch spannender: Herzog Attich habe sie wegen ihrer Behinderung töten lassen wollen, doch ihre Mutter Bersinda rettete das Kind, indem sie es in das Kloster gibt. Mit zwölf Jahren von dem Wanderbischof Erhard von Regensburg getauft, kann Odilia plötzlich sehen und kehrte zu ihren Eltern zurück. Der überraschte Vater wird wütend, und die Tochter versteckt sich in einer Höhle in Arlesheim bei Basel oder im Musbachtal bei Freiburg im Breisgau. Nach der Versöhnung aber schenkt der Vater ihr ein Besitztum auf der Hohenburg, auf dem sie ihr Kloster errichtet. Alles geschehen noch vor der Zeit, als der hl. Bonifatius zum „Apostel der Deutschen“ wurde.

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Ernst Jünger: "Gerade in der Reliquienwelt verwirrt eine Doppel- und Vieldeutigkeit, doch auch ein Zauber, dem sich keiner entzieht.“ Das gilt nicht nur für fromme Gemüter. Goethe schrieb bei der Betrachtung von Schillers Schädel ("Schillers Reliquien", 1826):

  "Und niemand kann die dürre Schale lieben,

  Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte,

  Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben,

  Die heilgem Sinn nicht jedem offenbarte...

  Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte!

  Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!

  Ein Blick, der mich an jenes Meer entrückte,

  Das flutend strömt gesteigerte Gestalten.

  Geheim Gefäß, Orakelsprüche spendend,

  Wie bin ich wert, die in der Hand zu halten.“

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In „Schöne neue Welt“ läßt Huxley sagen, „daß das religiöse Gefühl sich immer mehr entwickelt, je älter wir werden, und zwar, weil die Leidenschaften sich beruhigen, weil Phantasie und Sinne weniger erregt und erregbar sind und dadurch unser Verstand weniger verworren arbeitet, von Phantasiebildern, Wünschen und Zerstreuungen, in denen er sich früher verlor, weniger verdunkelt wird. Und dann tritt Gott wie hinter einer Wolke hervor. Unsere Seele sieht und fühlt den Urquell alles Lichts und wendet sich ihm zu, aus natürlichem Trieb und unvermeidlich, denn nun, da alles, was der Sinnenwelt Leben und Zauber verlieh, uns entgleitet, nun, da unser Dasein in der Welt der Erscheinungen nicht länger durch innere oder äußere Eindrücke gestützt ist, fühlen wir das Bedürfnis, uns an etwas Bleibendes zu lehnen, das uns niemals betrügt - an eine Wirklichkeit, eine unbedingte, unvergängliche Wahrheit. Ja, unvermeidlich wenden wir uns zu Gott, denn das religiöse Gefühl ist seinem ganzen Wesen nach so rein, so köstlich für die Seele, die es erlebt, daß es uns für alle anderen Verluste entschädigt."

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Im Himmel heißt das Glück nicht mehr Fortuna, sondern Felicitas.

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Morgen feiert die katholische Kirche den Gedenktag des hl. Johannes vom Kreuz (1543-1591), ihres wohl größten Mystikers. Er heißt ursprünglich Juan de Yepes und kommt im westspanischen Fontiveros zur Welt. Sein Vater Consalvus ist ein verarmter adeliger Seidenweber und stirbt früh. Der Sohn wächst im Waisenhaus auf, dient im Kirchen-und Spitaldienst und sammelt Almosen für die Kranken. Seine Erzieher erkennen seine großen geistigen Fähigkeiten und schicken den 17-jährigen auf die Jesuitenschule. 1563 tritt er in den Karmeliterorden ein und erhält seinen Ordensnamen. Er studiert an der berühmten Universität von Salamanca Philosophie und Theologie, wird 1568 zum Priester geweiht und lässt sich von Teresa von Avila für die Reformation des Ordens gewinnen, dessen Laxheit die beiden stört. Dabei macht sich Johannes unter den Mönchen viele Feinde. Er wird gefangen genommen und mit verbundenen Augen in strengste Haft nach Toledo geführt. „Die nun folgende Leidenszeit“, schreiben Erna und Hans Melchers in „Das Große Buch der Heiligen“, „ist nur aus der fanatischen Einstellung des spanischen Katholizismus des 16. Jahrhunderts zu begreifen“ – der alte Orden sieht den Neuling als Verräter an. „Die Zelle ist dunkel und heiß, er wird bei Wasser und Brot gehalten und darf die Wäsche monatelang nicht wechseln; er hat nichts zu schreiben, wird peinlichen Verhören unterzogen, oft grausam gegeißelt.“ Der zarte Mann ist dem Tode nahe. Doch als ein mitleidiger Bruder ihm Papier und Tinte verschafft, schreibt er wundervolle Gedichte. Es ist eine wichtige Vorstufe zum großen Werk des Mystikers: „Durch die ‚Dunkle Nacht‘, in der der Mensch, entblößt von allem, allein ist mit Gott, geht er den ‚Aufstieg zum Berg Karmel‘, bis sich in ihm die ‚lebendige Liebesflamme‘ entzündet, die der vollkommen geläuterten Seele die Vereinigung mit Gott schon hier auf Erden schenkt.“ Eineinhalb Jahre lang schmachtet Johannes im Gefängnis, dann zeigt ihm eine Eingebung der Gottesmutter einen Fluchtweg, und er entkommt auf abenteuerliche Weise. Aber auch später wird er von seinen Feinden verfolgt und immer wieder gequält. Als er am 14. Dezember stirbt, verbreitet sich in seiner Zelle köstlicher Rosenduft. Erst in diesem Augenblick erkennt der Prior des Klosters, sein schlimmster Feind, dass vor seinen Augen ein Heiliger gestorben ist. „Der Leib des hl. Johannes vom Kreuz wurde in Segovia beigesetzt und ist bis heute unverwest.“ Die wichtigste Visionen des Mystikers schildert seine "Erklärung der zehn Sprossen der mystischen Leiter der Gottesliebe nach Bernhard und Thomas":

„Die erste läßt die Seele zu ihrem Vorteil erkranken.

Auf der zweiten Sprosse sucht die Seele Gott ohne Unterlaß.

Die dritte Sprosse der Liebesleiter versetzt die Seele in Tätigkeit und verleiht ihr einen unermüdlichen Eifer.

Die vierte Sprosse verursacht in der Seele ein ständiges Leiden um des Geliebten willen.

Die fünfte Sprosse veranlaßt die Seele, Gott mit Ungeduld zu erstreben.

Die sechste Stufe läßt die Seele Gott leichten Fußes entgegeneilen und oftmalige Berührungen von ihm enthalten.

Die siebte Sprosse dieser Leiter verleiht der Seele einen stürmischen Wagemut.

Die achte Sprosse läßt die Seele ergreifen und umfangen, ohne loszulassen, wie die Braut es mit den Worten erklärt: "Ich habe ihn gefunden, den meine Seele liebhat, ich halte ihn fest und werde ihn nie wieder freigeben."

Auf der neunten Stufe entflammt die Seele in sanfter Wonne.

Die zehnte und letzte Sprosse der verborgenen Leiter der Liebe gleicht die Seele Gott vollkommen an aufgrund der klaren Anschauung Gottes, in deren Besitz sie unmittelbar gelangt, wenn sie hienieden die neunte Stufe erreicht hat und den Leib verläßt. Diese Seelen, deren Zahl gering ist, bleiben vom Fegefeuer verschont, da sie durch die Liebe schon vollkommen gereinigt sind."

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Tieck, "Der Runenberg": "Wer keine Blume mehr liebt, dem ist alle Liebe und Gottesfurcht verloren."

 

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