„Man hat uns nicht befohlen, reicher zu leben“

Freitag, 14. Dezember 2012

Zwei Erzählungen von Alexander Solschenizyn. "Ektow, der Philanthrop" schildert das Schicksal eines braven Mannes, den die erbarmungslose Ausbeutung durch die Bolschewisten zum Freiheitskämpfer macht und, nach seiner Gefangennahme, die perfide Verhörmethode der Kommissare in der Lubjankja zum Verräter. Auf wenigen Seiten breitet die Erzählung die ganze Grausamkeit und Gemeinheit der kommunistischen Massenmörder um Lenin aus. "Welcher ordentliche Mushik läßt seine Arbeit im Stich, um in irgendein Amt gewählt zu werden? Nach Ämtern drängten sich Leute, die zwar der Geburt nach, nicht aber der Arbeit nach Bauern waren, nämlich die Schlingel, Leichtfittiche, Faulpelze, Hungerleider. Manche hatten sich von Jugend an in Städten und auf Baustellen herumgetrieben; dort hatten sie revolutionäre Losungen aufgeschnappt. Und dann waren da auch noch die Frontdeserteure aus dem siebzehner Jahr, die es so eilig mit dem Plündern gehabt hatten. Alle diese Leute waren Dorfkommunisten, Aktivisten, Obrigkeit geworden" - ein Haufen Lumpen, die das Land aussaugten.

"Ein Heldenleben" schildert die Karriere Marschall Schukows als eines immer wieder von Stalin und dessen Nachfolgern hinters Licht geführten Edelkommunisten. "Der Generalissimus kannte die aufrichtige Soldatenseele seines Schukow nicht. Woher hätte er sie auch kennen sollen? Während des ganzen Krieges war er kein einziges Mal an der Front gewesen. Nie hatte er auch nur mit einem einzigen Soldaten gesprochen." Väterchen Stalin, ein brutaler, hinterhältiger, feiger und verlogener Massenmörder; unbegreiflich die Sympathien so vieler westlicher Intellektueller für diesen Verbrecher. Über den Marschall schreibt der Dichter: "Er reiste ins Gebiet Kaluga, in sein Heimatdorf, das er vor einem halben Jahrhundert verlassen hatte. Es zog ihn hin. Und es betrübte ihn, als er die Mädchen wiedersah, mit denen er einst in seiner Jugend getanzt hatte. Alte Frauen waren sie geworden, manche bettelarm, und das ganze Dorf war irgendwie heruntergekommen. 'Warum lebt ihr so armselig?' 'Man hat uns nicht befohlen, reicher zu leben...'“ Und heute? Armes Russland.

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In den Erinnyen verbirgt sich eine dunkle Erinnerung an die Gerichtsbarkeit des Matriarchats.

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In 1. Satz Allegro der „Sinfonietta" Leos Janáceks höre ich fröhliche Grüße von einer böhmischen Burg; sie gelten einer bunt gemischten Reisegesellschaft von Rittern, Bauern und Gauklern, wobei das bäuerlich folkloristische Element überwiegt. Der Sohn eines mährischen Dorfschullehrers, der vom Vater mit der Musikalität auch ein cholerisches Temperament erbte, nannte als Ursprünge seiner Kunst die heimatliche Landschaft mit ihren jäh und gewältig hereinbrechenden Wetterumschwüngen, die Menschen der Region, ihre kraftvoll-direkte, aber gutmütige Wesensart, ihre Sprache: "Meine letzte schöpferische Periode ist so ein neuer Ausbruch einer Seele, die mit der übrigen Welt fertig ist ist und dem einfachen tschechischen Menschen so nahe wie nur möglich sein will." Janácek sammelte auf ausgedehnten Wanderungen zahllose Volkslieder und -tänze; was würde ein Komponist noch vorfinden, der sich heute auf eine ähnliche Wanderung durch Deutschland machte? Der Komponist erforschte auch den Tonfall der menschlichen Rede und sammelte überall die alltäglichen "Sprechmelodien". Seine wichtigsten Orchesterwerke erschienen zum Teil erst nach seinem 60. Geburtstag. "Der Akkord ist für mich ein belebtes Wesen … Ich weiß, daß mein Herz sich zusammenkrampft, wenn ich ihn niederschreibe; daß er stöhnt, wimmert, schwer niederfällt, zermalmt, im Nebel zersplittert, zu Granit erhärtet. Was kümmert mich das geborgte Beiwort schön, unschön." In einem anderen Leben, in einer anderen Dimension ist der Mensch vielleicht auch von solchen Wesen umgeben, die in unsere Welt nur als Begriffe auftauchen, im Jenseits aber wie im Märchen personifiziert sind: Glück, Abendrot oder auch Kadenz.

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Im Bus rutscht einem Fahrgast beim Bezahlen das Kleingeld aus der Hand. Die Münzen kollern über den Boden, und der Unglückliche hat seine liebe Not, sie wieder zusammenzuklauben.  Der Fahrer hält Trost parat: „Gut, dass Geld immer nach unten fällt, sonst müsste man hinterherfliegen."

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Joseph Kühnel (1886 – 1966): "Die Pflanze braucht den Ablauf des Wetters: Hitze, Kälte, Dürre, Tag, Nacht, um zu ihrem Vollgehalt zu gelangen. Der Mensch ohne Spannungen bleibt eng und unreif und schwach."

 

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