„Den Lebensstandard von Millionen Europäern heben“

Dienstag, 7. August 2012

„Einen freien kontinentalen Markt mit einer stabilen Währung“ forderte der große Paneuropäer Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi auf dem Den Haager Europakongress vom 7. Mai 1948. Jetzt scheint dieses Ziel in Gefahr. Dabei ist die Einigung Europas im Alltag längst unwiderruflich vollendet.

 

Morgens Croissants mit Café au lait, mittags ein Pilsener zur Krakauer, abends Spaghetti und Pinot Grigio: „Europa“, sagte Oskar Kokoschka, „ist kein geographischer, sondern ein kultureller Weltteil“, und wie die Liebe geht auch die Kultur durch den Magen. Über 80 Prozent der Deutschen essen gern europäisch, 52 Prozent am liebsten Pizza und Pasta. Tischgespräche über europäische Identität entfalten sich wahlweise bei spanischen Chorizos, griechischem Retsina oder den Knoblauchgranaten vom Balkangrill, die sich schon seit den ersten Schaschlikbuden der Goldenen Gastarbeiterjahre 1958 ff. nahtlos in die deutsche Nahrungskette integrierten.

Küche, Keller und Kleiderschrank zeigen es am klarsten: Weit weniger dramatisch und ungleich wirklichkeitsnäher als viele Politikerreden durchdringt der Europagedanke den Konsumentenalltag bereits seit Dekaden: „Der deutsche Mann misstraut allem Fremden, es sei denn, es lässt sich trinken“, lehrt der listige TV-Philosoph Jürgen von der Lippe. Erst Prosecco, dann Espresso, und zum Grappa à la casa kauft der Kavalier seiner Herzdame die Blume der Liebe aus holländischer Zucht, wenn auch nicht ganz europaecht aus der Hand eines indischen Rosenverkäufers.

Englands Boy Groups, Frankreichs Fußballer oder Hollands Fernsehnuschler machen an Deutschlands Grenze ebenso wenig Halt wie Tiefausläufer aus Schottland oder Grippeviren aus Polen. Der Kanzler trägt auch als Ex noch immer Brioni, der Wähler schraubt unverdrossen IKEA, und bei ALDI sind nicht nur die Waren, sondern auch die Kunden multikulti. Die letzte große EU-Erweiterung um zehn zumeist mittelosteuropäische Staaten hinkte schon damals der Realität von Wirtschaft und Handel um zehn Jahre hinterher: Schon seit der Eiserne Vorhang zerbröselte, füllen slowenische Waschmaschinen, Kühlschränke oder Dunstabzugshauben den „Quelle“-Katalog. Jedes zweite importierte Möbel kommt aus Polen, und Tschechien liefert gleich das ganze Fertighaus drum herum, inzwischen bereits für 3000 deutsche Familien.

 Selbst der traditionelle Stolz aufs deutsche Blech wich in vielen Autofahrerherzen zunehmend der Freude am fremdländischen Fahrexperiment mit französischem, italienischen und für Abenteuerlustige sogar mit englischem Material: Schon jedes dritte deutsche Nummernschild, östlich der Elbe sogar jedes zweite, legitimiert ein ausländisches Fabrikat. Und wenn auf der Kühlerhaube oder am Heck nicht auffälligerweise „Skoda“, sondern harmlos „Audi“ steht, hatten vermutlich Ungarn die Hand im Spiel, im Audi-Werk Györ.

Weniger augenfällig blieben die geistigen Importe, und nicht nur die literarischen aus Harry Potters Hexenküche oder die stimmlichen aus Luciano Pavarottis Pasta-Kehle. Doch auch so etwa Grundsolides wie unser Lebensmittelgesetz kommt keineswegs aus Berlin, sondern aus Brüssel. Dort arbeiten Spezialisten seit Jahrzehnten an dem so ehrgeizigen wie effektiven Versuch, selbst die deutsche Bürokratie durch ein noch facettenreicheres Verwaltungssystem zu übertreffen. Doch weiß Deutschland auch seinen Ruf als Exportnation zu behaupten, vor allem durch die massenweise Ausfuhr von Reisenden: Zwölf Prozent sonnen sich in Spanien, neun Prozent in Italien, siebeneinhalb Prozent ziehen Österreich vor, fast fünf Prozent die Türkei – und, auch das ein Zeichen des Zusammenwachsens sogar solcher Länder, die noch gar nicht ganz zu Europa gehören: Schnitzel mit Kartoffelsalat gibt es längst nicht mehr nur in Palma, sondern auch in Pammukkale, wo es charmant „Schinitzel“ heißt.

Vielleicht kommt bald sogar der Maghreb dazu, Marokko hat seinen Aufnahmeantrag ja schon vor langer Zeit gestellt und konzentriert sich zunächst ebenfalls auf kulinarische Kanäle, wenn auch extrem unauffällig: Die Nordseekrabben, die Sommerfrischler an der Wattenküste bestellen, sind zwar vor der Haustür gefangen – aus der Schale gepult aber wurden die Krustentiere nach 70 Stunden transeuropäischer Kühllasterfahrt von flinken, fleißigen Araberdamen in Tanger. Das ist billiger, doch die Konkurrenz schläft nicht: Nach weiteren 70 Stunden kopf- und schwanzlos wieder in der Heimat, kämpfen die Delikatessen aus der Deutschen Bucht um ihren Anteil auf dem deutschen Teller inzwischen gegen Tigergarnelen aus Indonesien, Riesengarnelen aus Bangladesh oder Flusskrebse aus China. Das ist noch weiter als der Hindukusch, an dem nicht nur Peter Struck deutsche Interessen verteidigen möchte.

 „Wir wollen Europa einigen, um durch einen freien kontinentalen Markt mit einer stabilen Währung den Lebensstandard von Millionen Europäern zu heben“, sagte der große Paneuropäer Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi auf dem Den Haager Europakongress vom 7. Mai 1948. Jetzt scheint dieses Ziel in Gefahr. Griechen bangen ums tägliche Brot, Spanier um ihre Häuser, Deutsche um ihre Spareinlagen. Doch ganz gleich, was die Medien Übles über Schuldenkrisen, drohende Staatspleiten und allgemeine Europa-Unlust verbreiten: Auf Urlaubsbuchungen und Kaufverträgen, Supermarktquittungen und Speisekarten ist und bleibt das große Einigungswerk weitsichtiger Staatsmänner längst unwiderruflich vollendet.

 

 

 

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