Idealbild eines selbstbewussten Bürgertums

Montag, 17. Dezember 2012

In der Adventszeit dreht sich alles um Jesus, Maria und Josef. Wer aber sind die Großeltern?

Die Familie ist klein: gerade mal drei Personen. Und sie ist ungewöhnlich. Sehr ungewöhnlich sogar: Die Mutter erst 14, ihr Mann schon über 60 – und das Kind ist Gottes Sohn!

Doch nach dem Wunder von Bethlehem, nach den Engeln am Himmel und den drei Königen aus dem Morgenland wächst auch Jesus in der damals üblichen Großfamilie auf: mit Brüdern, Schwestern, Onkeln, Tanten – und auch Großeltern.

In der Bibel heißen sie Anna und Joachim. Die Evangelien erzählen wenig über sie, die Legende weiß umso mehr. Denn Anna, die Mutter Marias, gehört zu den beliebtesten Heiligen der Christenheit. Ihr Leben ist ein Hohelied der Hoffnung.

Es ist die Geschichte einer Frau, die verzweifelt um ihr Lebensglück kämpft, nie aufgibt und am Ende doch auch loslassen kann.

Bis heute steht Anna auf jeder Hitliste der populärsten Personennamen. In der ganzen Welt sind Kirchen, Kapellen, Wallfahrtsorte, Berge, Brunnen und Quellen nach ihr benannt. Luther nennt sie „mein Abgott“ und fleht sie in Todesnot um Rettung an. Spaniens Staatschef Francisco Franco schützt sich mit einem vergoldeten Arm der Heiligen vor den Granaten des Bürgerkrieges.

Die große Zeit der Heiligen aber ist Weihnachten. Wer sind diese Menschen mit der besonderen Nähe zu Gott? Und was haben sie heute für uns zu bedeuten, in einer ganz anderen Welt, Zeit und Gesellschaft? Wie lebten sie, was genau verbindet sie mit Weihnachten, und wie können sie uns heute helfen?

„Jede Selig- und Heiligsprechung macht den Christen Mut“, sagt Papst Benedikt XVI. „Wenn die Kirche einen Heiligen verehrt, verkündet sie die Wirksamkeit des Evangeliums und entdeckt mit Freude, dass die Anwesenheit Christi in der Welt dazu fähig ist, das Leben der Menschen zu verwandeln und Früchte der Rettung für die ganze Menschheit hervorzubringen.“

In Bethlehem ist Gott Mensch geworden, damit sein Reich – das heißt: er selbst – uns nahe kommen konnte. Damit wir seine Botschaft verstehen können. Damit sich in unserem Leben etwas ändern kann. Damit die Angst niemals größer wird als die Hoffnung.

Die Heiligen bezeugen diese Botschaft durch die Zeiten bis zum heutigen Tag. Sie leben aus einer Kraft, die größer ist als sie selbst. Sie sind Gewährsleute der Liebe Gottes und Vorbilder für alle, die sich für den Frieden, für die Freiheit und für die Natur einsetzen.

Und sie stehen für jene Spiritualität, die immer mehr Menschen in unserer rationalisierten, zweckbetonten Gegenwart vermissen.

Nach der Legende ist schon die Geburt Marias ein Mirakel. Denn ihre Mutter Anna ist längst über das Alter hinaus, in dem Frauen Kinder bekommen. Sie stammt aus Bethlehem sieben Kilometer südlich von Jerusalem, ein Bergnest, klein, aber hochberühmt: Dort ist König David geboren, der einst ein Großreich von Ägypten bis zum Euphrat schuf. 

Tausend Jahre nach dieser glorreichen Zeit liegt das Landstädtchen abseits der Karawanenstraßen wie in einem Dornröschenschlaf. Anna ist schon als junges Mädchen weggezogen. Sie hat eine gute Partie gemacht: Ihr Ehemann Joachim, Großgrundbesitzer und Viehzüchter aus Nazareth in der Nordprovinz Galiläa, ist reich, fromm und mildtätig. Ein Drittel der Gewinne gibt er dem Tempel, ein weiteres den Armen.

Doch die Ehe steht unter keinem guten Stern: Nach zwanzig Jahren haben die beiden noch immer weder Sohn noch Tochter.

Kinderlosigkeit ist in jener Zeit der Makel des Mannes und der Fluch der Frau. Gynäkologie ist unbekannt, künstliche Befruchtung erst viel späteren Zeiten vorbehalten.

Anna bleibt nur das Gebet. Jede Nacht weint und fleht sie zu Gott. In ihrer Not legen die Eheleute schließlich ein Gelübde ab: Sollten sie doch noch Nachwuchs bekommen, werden sie das Kind Gott weihen und zum Dienst im Tempel bestimmen.

Sie ahnen nicht, dass sie an einem himmlischen Plan mitwirken: Schon Jahrhunderte zuvor haben Propheten verkündet, einst werde eine Jungfrau den Sohn Gottes zur Welt bringen. Welches Mädchen aber kann reiner, geweihter, gesegneter sein als eine Dienerin des großen Tempels in Jerusalem?

Die jüdische Religion ist unter dem Druck der römischen Besatzungsmacht noch strenger geworden. Das bekommt auch Joachim zu spüren, als er wieder einmal drei Tage weit zum zentralen Heiligtum Judäas zieht, um sein Opfer darzubringen. Denn diesmal weisen ihn die Priester barsch zurück: Es gezieme sich nicht, dass der Unfruchtbare, der das Volk Gottes nicht gemehrt habe, unter den Fruchtbaren stehe.   

Der Schock sitzt tief. „Da Joachim sah, wie er erniedrigt worden war, wollte er aus Scham nicht nach Hause zurückkehren, um nicht von Seiten seiner Stammesgenossen, die all das mit angehört hatten, die gleiche Schmach erleben zu müssen“, berichtet die „Legenda aurea“, die „Goldene Legende“ des Dominikaners Jacobus de Voragine (um 1230–1298) mitfühlend. Verstört flieht der Gedemütigte zu seinen Hirten ins Gebirge. Er fastet vierzig Tage lang, dann erscheint ihm ein Engel und verkündet: „Deine Gebete sind erhört worden. Deine Frau wird eine Tochter gebären, und du sollst ihr den Namen Maria geben.“

Auch seine Frau sieht den Engel und hört die frohe Botschaft: „Du wirst ein Kind empfangen, das auf der ganzen Erde verherrlicht werden wird.“ Anna heißt auf Hebräisch „Erbarmen“, Joachim „Gott wird aufrichten“, Maria „geliebt“. Als die so lange ersehnte Tochter mit drei Jahren entwöhnt ist, bringen die Eltern sie zum Tempel. Dort wird das Mädchen aufwachsen, bis sich auch ihre Prophezeiung erfüllt - und es zum ersten Mal Weihnachten wird.

Joachim ist bald gestorben, Anna aber heiratet noch zwei Mal und wiegt den kleinen Jesus wie später wohl auch seine Brüder und Schwestern auf den Knien.

Das Mittelalter schmückt ihre Legende weiter aus. Bilder zeigen Anna als Oberhaupt der „Heiligen Sippe“ mit drei Ehemännern, drei Töchtern, die alle Maria heißen, drei Schwiegersöhnen und Enkelkindern, darunter den Aposteln Johannes und Jakobus dem Jüngeren: die Mutter der Mütterlichkeit inmitten ihrer heiligen Großfamilie.

Kreuzfahrer importieren Annas Kult aus dem Orient nach Europa. Kaiser bauen der Heiligen Kirchen, Mönche nennen Bruder- und Schwesternschaften nach ihr, Wallfahrer pilgern zu ihr. Ihr Image als starke, tüchtige Frau macht sie zum Idealbild eines neuen, selbstbewussten Bürgertums. Kinderlose tragen Zettel mit ihrem Namen am Leib. Bauern bitten sie um Regen, Bergleute um Schätze, Arme um Almosen, Blinde um Heilung und Mädchen um Schutz vor Schande, aber auch um einen Mann.

1501 stiehlt ein Steinmetz das Haupt der Heiligen aus dem Mainzer St. Stephansstift und schmuggelt es nach Düren, das prompt ein vielbesuchtes Pilgerziel wird. Nach dem Ersten Weltkrieg beschießen sich Deutsche und Polen auf dem St. Annaberg in Oberschlesien. 1996 besucht Papst Johannes Paul das große Fest der Heiligen im bretonischen Wallfahrtsort Ste. Anne d'Auray.

Heute wartet hinter dem Weihrauch der Legende ein Frauenbild auf seine Wiederentdeckung, das gut in unsere Zeit passt. Der Benediktinermönch Odilo Lechner widmet ihr ein besonderes Gebet: „Gott, lass alle Großeltern treue Freunde ihrer Enkel sein.“

Anna und ihre Zeit

Anna und Joachim sind etwa 70 v.Chr. geboren. Ihr Leben fällt in eine Zeit großer Unruhen.

63 v.Chr. Nach einem langen Bürgerkrieg marschiert Roms Feldherr Pompejus in Jerusalem ein, Judäa wird römische Provinz.

40 v.Chr. Die Parther aus dem heutigen Iran fallen raubend und plündernd in Palästina ein.

37 v.Chr. Herodes wird Roms Marionettenkönig, herrscht mit tyrannischer Strenge. Das Volk stöhnt unter immer größeren Steuerlasten. Immer wieder schlagen die Römer Aufstände nieder.

4 v.Chr. Nach dem Tod des Herodes wird sein Reich dreigeteilt. Die Unruhen und der Widerstand gegen die Römer dauern an, bis Jerusalem im Jahr 70 n.Chr. völlig zerstört wird.

 

So lebten sie

Die Häuser sind aus Feldstein und Ziegel, die wenigen Fenster im Winter mit Wolldecken zugehängt. Das Licht kommt aus Öllämpchen, der Rauch der Feuerstelle zieht durch ein Loch in der Decke ab. Alle schlafen auf Strohmatten oder Teppichen und decken sich mit Ziegenfellen zu. Die Lebensmittel hängen an Deckenbalken. Morgens gibt es Fladenbrot mit Oliven, abends Suppe, Bohnen, Erbsen, Linsen, Lauch, Datteln und Feigen, selten Fleisch. Alles ist stark gesalzen, den Zucker ersetzt Honig. Das Wasser kommt aus Brunnen oder Zisternen. Kinder helfen schon früh bei der Arbeit, Schulen gibt es nicht. Arbeiter tragen nur einen Lendenschurz, Hirten einen wasserdichten Mantel aus Ziegenhaar. Die Wollkleider sind weiß, beige oder braun.

Ehe und Feuerwehr

Anna ist Patronin von Florenz, Innsbruck, Neapel, der Bretagne, für glückliche Heirat, Ehe, Kindersegen, glückliche Geburt, Mütter, Witwen, Arme, Arbeiterinnen, Hausfrauen, Hausangestellte, Müller, Knechte, Krämer, Kunsttischler, Drechsler, Weber, Schneider, Strumpfwirker, Spitzenklöpplerinnen, Schiffer, Seiler, Goldschmiede, Bergleute und die Feuerwehr. Joachim ist Patron der Eheleute, Schreiner und Leinenhändler.

Heilige Heilerin

Nach dem Volksglauben hilft Anna gegen Kopf-, Brust- und Bauchschmerzen, Augenkrankheiten, Besessenheit, Gicht und die Pest, bei Gewitter und beim Suchen nach verlorenen Sachen, zu Regen, Schwangerschaften und glücklichen Geburten. Der Dienstag wird als ihr Geburts- und Todestag zum bevorzugten Hochzeitstag.

Namenstag

Anna und Joachims Namenstag ist der 26. Juli Andere Namensformen sind Aenne, Ana, Anaïs, Ann, Anikó, Anita, Anja, Anke, Anne, Annina, Anouk, Antje, Hanka, Hanna, Hannah sowie

Achim, Aćim, Aki, Akim, Giacchino, Giuachin, Ioakeím, Jachi, Jáchym, Jo, Joakim, Joaquím, Joaquín, Jochem, Jochen, Joggum, Jochum, Jock, Jocke, Jockel, Jockum, Kim, Kimi, Kimo, Ximo.

Wetterregel

„Sankt Anna klar und rein, wird das Korn bald geborgen sein.“

 

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