Laufen macht schlau, Sitzen doof

Dienstag, 18. Dezember 2012

Der US-Forscher Gerald Crabtree behauptet, schon seit der Steinzeit würden die Menschen immer dümmer. Hat das womöglich auch etwas mit unserer bequemen Art der Fortbewegung zu tun?

Friedrich Nietzsche riet, „keinem Gedanken Glauben zu schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung“; das „Sitzfleisch“ nannte der Philosoph „die eigentliche Sünde wider den Heiligen Geist.“ Johann Gottfried Seume, der zu Fuß von Sachsen nach Syrakus wanderte, meinte, „dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge“ und stellte fest: „Wer zu viel im Wagen sitzt, mit dem kann es nicht ordentlich gehen.“ Michel de Montaigne bekannte: „Meine Gedanken schlafen ein, wenn ich sitze. Mein Geist geht nicht voran, wenn ich nicht meine Beine in Bewegung setze.“

Seit der Mensch über Wege und Ziele nachdenkt, vermutet er enge Zusammenhänge zwischen körperlicher und geistiger Fortbewegung. Vor fünf Jahren wandelte der Neurologe Prof. Dr. med. Gerd Kempermann, 46, vom DFG-Forschungszentrum und Exzellenzcluster für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) diese Ahnung in wissenschaftliche Erkenntnis um. Seine Formel: Gehen fördert das Denken – nicht, weil Sauerstoff den Geist erfrischt oder Umweltreize die Wahrnehmung kitzeln, sondern aufgrund besonderer Eigenschaften einer Region im ältesten Teil des Denkorgans.

Jetzt fügen sich Kempermanns Erkenntnisse verblüffend in eine brandneue, weltweit Aufsehen erregende These des Entwicklungsbiologen Gerald Crabtree von der kalifornischen Stanford-Universität: Im Fachblatt „Trends in Genetics“ behauptet der US-Forscher, dass die durchschnittliche Intelligenz der Menschheit allmählich schwinde, und nicht erst jetzt, sondern bereits seit Beginn dessen, was wir „Hochkultur“ nennen.

Denn, so Crabtree: In der Steinzeit habe der Mensch die höchste Form seiner Intelligenz erreicht, weil er sonst als Jäger in der Wildnis nicht hätte überleben können. Seit Beginn der Sesshaftigkeit aber mit Ackerbau und Viehzucht komme er auch mit weniger Hirnschmalz gut zurecht. Und die sparsame Evolution baut stets ab, was zum Überleben nicht unbedingt notwendig ist – in diesem Fall zusammen mit einem Teil der Muskulatur auch ein Teil der Denkleistung.

Zu den auffälligsten Unterschieden zwischen steinzeitlicher und moderner Lebensweise zählt die Art der Fortbewegung: Der Urmensch war praktisch ständig auf dem Beinen, der Jetztmensch sitzt in Auto, Bus und Bahn – und beraubt sich damit einer wichtigen Stütze seiner Denkfähigkeit. Kurz gesagt: Laufen macht schlau, Sitzen doof.

Die Gehirnregion, in der Prof. Kempermann den Beweis für seine These sucht, heißt Hippocampus, da sie den Flossen dieses mythologischen Meeresungeheuers ähnelt. Sie ist kaum größer als ein Hemdenknopf, aber sie gibt dem Menschen das Gestern und hebt ihn so über das nur in der Gegenwart denkende Tier. Denn der Hippocampus, der im ältesten Teil unseres Denkorgans sitzt, überführt Erinnerungen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis: So wie aus den rasch verfassten Berichten einer Tageszeitung erst durch sorgfältige Bearbeitung ein dauerhaftes Nachschlagewerk wird, konsolidieren sich in dieser Gehirnregion vielfältige Eindrücke zu genau katalogisierten Erinnerungen, etwa zum Personen- und Ortsgedächtnis.

Wie alle Nervenzellen leisten auch die Neuronen im Hippocampus ihre Arbeit stets im auffälligen Gleichtakt ihrer elektromagnetischen Impulse. Und Kempermann fand heraus, dass dieser Gleichtakt, der Wahrnehmung, Erinnerung und damit Denken überhaupt erst möglich macht, durch den Rhythmus des Gehens stimuliert wird.

Den Beweis dafür lieferten Experimente mit Mäusen. Kempermann teilte sie in Lerner, Schwimmer und Läufer auf. Die Lerner wurden in einem Wasserlabyrinth darauf trainiert, eine Fluchtplattform zu finden, die sie vor dem Ertrinken rettete. Die Schwimmer wurden gezwungen, sich ebenso lange wie die Lerner durch Schwimmbewegungen über Wasser zu halten. Die Läufer aber wurden zu gar nichts gezwungen – in ihren Käfigen stand lediglich ein Laufrad bereit.

Der Forscher wollte wissen, ob „körperliche Aktivität in freiwilliger oder unfreiwilliger Form“ die Bildung neuer Nervenzellen bei erwachsenen Säugetieren steigert und wie lange die so gewonnenen Nervenzellen auch tatsächlich aktiv bleiben. Denn Hirnleistungen lassen vor allem deshalb nach, weil Zellen mit der Zeit absterben, ohne in ausreichender Zahl durch Neurogenese, durch Neubildung also, ersetzt zu werden.

Wie viele Neurologen sucht deshalb auch Kempermann, der sich 2001 an der Berliner Charité mit einer Schrift über „Aktivitätsabhängige Regulation von Neurogenese im erwachsenen Hippocampus“ habilitierte, hauptsächlich nach einem Mittel gegen die am meisten gefürchtete Alterserscheinung unserer Zeit: die Alzheimerkrankheit.

Rettung vor dieser Geißel der Hochzivilisation verspricht bisher lediglich der Versuch, das Gehirn vor allem älterer Menschen zu ständiger Selbsterneuerung anzuspornen. Wie das funktionieren könnte, lässt sich am Hippocampus besonders gut studieren: Muss er etwa wegen eines Tumors entfernt werden, können Menschen sich nichts mehr merken und verlieren den Orientierungssinn.

Kempermanns Testergebnisse sind eindeutig: In den Mäusen, die ihr natürlicher Bewegungsdrang zu freiwilligen 10 000 bis 20 000 Umdrehungen pro Tag ins Laufrad trieb, überlebten doppelt so viele neu gebildete Nervenzellen wie bei den Lernern und Schwimmern, denen doch immerhin das Ertrinken drohte – ein Resultat, das höchstwahrscheinlich auch auf den Laufrhythmus zurückzuführen ist.

Auch andere Rhythmen, so der Professor, der selbst jedes Jahr beim Berlin-Marathon mitläuft, wirken sich positiv auf die Denkleistung aus. Deshalb lernen viele Menschen mit Musik besser oder nehmen gern Bücher auf Spaziergänge mit: Der Renaissance-Poet Francesco Petrarca bestieg den südfranzösischen Mont Ventoux mit den „Confessiones“ des Kirchenvaters Augustinus in der Hand. Goethe ließ seinen Romanhelden Werther mit Homer und
Ossian auf Wanderschaft gehen, der Sprachphilosoph Karl Philipp Moritz wiederum nahm den „Werther“ mit.

Dass Laufen klüger macht, glaubten schon die Peripathetiker („Umherschlenderer“) im alten Griechenland: Sie dachten grundsätzlich nur im Gehen nach. Die antike Rhetorik-Lehre „ars memorativa“ schlägt Schülern vor, die Gliederung eines Vortrages gedanklich mit einem imaginären Weg. In die Sprachen der Welt spiegelt sich der Zusammenhang zwischen körperlicher und geistiger Fort-Schritt längst vielfältig wieder: „Wir kommen mit dem Schreiben in Gang, wir schweifen ab, fassen ab Kapitel III festen Fuß“, sagt die Bochumer Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Marianne Kersting, „es gibt den Gedankengang, man geht sicher in einer Behauptung, oder ich gehe zu weit mit meiner Argumentation.“

Der große Sprachforscher Jacob Grimm urteilte: „Überhaupt geht der Begriff der Bewegung so mannigfach aus dem Sinnlichen oder Sichtbaren ins Gedachte, Unsinnliche, nur Empfundene über, dass es unmöglich ist, die Fälle zu erschöpfen.“ Im Grimmschen Wörterbuch nimmt das Wortfeld „Gehen“ 99 eng gedruckte Spalten ein. „Es ist erstaunlich, was alles geht“, sagt Prof. Kersting, „es geht die Uhr, das Mühlrad, die Ware, wenn sie sich verkauft. Ein Böller geht los, sogar etwas so unbewegliches wie ein Zaun geht bis an die Grenze, Vorräte gehen zur Neige. Es kommt etwas in Gang. Es geht gut oder schlecht. Es gibt den Lebens-, den Müßig- und sogar den Bildungsgang. Und damit sind wir beim Verb des Denkens. Ich kann mit einem Gedanken schwanger gehen, Gedankenschritte machen. Und schließlich kann etwas durch meine Seele gehen.“

Womöglich findet sich im Zusammenklang der Rhythmen von Gehen und Denken sogar der Hauptgrund für den Aufstieg des Menschen zum Spitzenprodukt der Evolution: Auf den Bäumen entwickelte sich das Gehirn unserer spitzmausähnlichen Urahnen durch die besondere Fähigkeit des Greifens mit den Händen nach schnell fliegenden Insekten. Aus Klimaänderungen die Wälder verschwinden ließen und die Kerbtierfresser gezwungen waren, auf den Boden neuer Tatsachen herabzusteigen, mussten sie auch eine neue Art der Fortbewegung lernen, aus dem Klettern wurde das Laufen, wiederum mit starken Impulsen auf die Entwicklung des Denkorgans, denn nun wären Fähigkeiten zur Orientierung wie etwa das Ortsgedächtnis viel stärker gefragt.

Die explosionsartige Entwicklung der Großhirnrinde behielt das System des Gleichklanges bei, der Rhythmus des Gehens stabilisiert den Rhythmus des Denkens. Wer nach langen Jahren des bequemen Autofahrens plötzlich sehr viel läuft, darf bereits nach vier bis fünf Monaten eine deutliche Vergrößerung des Hippocampus erwarten, wie es britische Neurologen bereits bei Londoner Taxifahrern zeigten. Damit wäre bewiesen, was Praktiker längst nutzen: Der verstorbene Fußballlehrer Jupp Derwall etwa pflegte geistig träge gewordenen Nationalkickern vom Spielfeldrand aus zuzurufen: „Jungs, ihr müsst mehr unterwegs sein!“ Indes, auch das gehört zu dem verblüffende Ergebnis: Der denkfördernde Effekt tritt nur dann ein, wenn sich die Beine freiwillig bewegen. Das selbst verordnete Genusswandern schenkt dem Spaziergänger, was der erzwungene Dauermarsch dem Soldaten verweigert.

Gehen und Schreiben

Viele Dichter sind gegangen und haben sich auch als Gehende porträtiert. Dante schweifte viel in Italien und Südfrankreich umher und beschrieb sich später als Wandernden durch Fegefeuer, Himmel und Hölle. Rousseau legte sehr weite Strecken zu Fuß zurück und berichtete: „Auf Spaziergängen, mitten zwischen Felsen und Wäldern, schreibe ich in mein Hirn.“ Goethe besang in „Wanderers Sturmlied“ die göttliche Inspiration, die ihn beim Wandern befiel. Kafka schildert einen nächtlichen Spaziergang auf dem Prager Laurenziberg als Kampf zwischen Umwelt und Imagination: „Weil ich als Fußgänger die Anstrengung der bergigen Straße fürchtete, ließ ich den Weg immer flacher werden und sich in der Entfernung endlich zu einem Tale senken.“ Dickens und Dostojewski beschreiben sich als Flaneurs, die ihre Anregungen auf den Straßen der Großstadt finden. Und Thomas Bernhard erkante: „Wenn wir einen Gehenden beobachten, wissen wir auch, wie er denkt.“

Sport und Intelligenz

Besonders deutlich werden Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und geistiger Leistungsfähigkeit bei Sportlern. Tests mit Mäusen zeigen: Nachkommen besonders sportlicher Mütter haben zwar ein geringeres Geburtsgewicht und zunächst einen kleineren Hippocampus. Aber bereits einige Tage nach der Geburt beginnt sich die Nervenbildung im Gehirn rasant zu beschleunigen. Zuletzt weisen die Sportlerkinder rund 40 Prozent mehr Nervenzellen im Hippocampus auf als andere Mäusekinder. Auch ihr Körpergewicht passt sich bald an. Kempermann schließt daraus, dass körperliche Aktitivät die Hirnleistung genauso fördert wie die geistige Übungen, und fragt: „Müssen nun Schüler während des Unterrichts rennen und toben?“

 

 

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